Filmtipp #512 & #513: Die Büchse der Pandora & Tagebuch einer Verlorenen

Louise Brooks, 1929, fotografiert von Eugene Robert Richee: "Pearls".

Louise Brooks, 1929, fotografiert von Eugene Robert Richee: “Pearls”.

Liebeserklärung an Louise Brooks

Was wäre die Filmgeschichte nur ohne dieses Gesicht? — Eine beunruhigende Frage. Garbo wäre ohne Louise Brooks nicht denkbar gewesen. Dietrich auch nicht. Und somit auch nicht die Monroe, die Hepburn, Madonna. Louise Brooks war pop culture.
»We didn’t need dialogue. We had faces!«, sagte Norma Desmond alias Gloria Swanson in Billy Wilders »Sunset Blvd.« (1950). Wenn ich mir heute die beiden Brooks-Filme von Georg Wilhelm Pabst anschaue, beide im Deutschland der späten 1920er entstanden und später unter Hitler verboten, finde ich, dass das in ihrem Fall zutrifft: Louise Brooks brauchte keine Worte. Alles, was von Belang war, transportierte sie durch ihre Blicke, ihr Lächeln. Eine klare Stirn, feine Haut, der freche Pagen-Haarschnitt, den sie berühmt machte, die eruptive erotische Kraft: star appeal. Und hinter ihrem Lächeln etwas Mysteriöses, eine tiefe Traurigkeit und Schwere. Ein Gesicht, das entdeckt werden wollte und dennoch unergründlich und fern blieb. Schauspielerisch setzte sie den großen theatralischen Gesten, dem gängigen Expressionismus des Filmschauspiels eine frappierende Natürlichkeit gegenüber und kontrastierte dadurch merklich. — Ihre Karriere war kurz. Zwar schaffte sie den Sprung vom Stumm- zum Tonfilm, aber ihre aufmüpfige Art war in Hollywood ungern gesehen. Zu oft lehnte sie Rollen ab, weil ihr die Drehbücher nicht passten. 1938, Louise war gerade 32 Jahre alt, war Schluss, sie bekam keine Arbeit mehr und fing notgedrungen an, für 40 Dollar die Woche als Verkäuferin zu arbeiten. Sie geriet schnell in Vergessenheit. Ihre Filme wurde nicht mehr gespielt. Unter falschem Namen versuchte sie vergebens, wieder Fuß zu fassen. Erst in den Fünfzigern, als sie einige Essays und ihre erste Autobiographie »Naked on My Goat« veröffentlicht hatte, erinnerte man sich wieder — wenn auch nur kurzfristig. Später, in den 1970ern, wurde sie — zum Glück noch rechtzeitig — ein drittes Mal entdeckt und endlich auch als Schauspielerin und Künstlerin wertgeschätzt. Louise Brooks erlebte dies mit einer gewissen Genugtuung und genoss ihren späten Triumph.

Louise-Postkarten (die mit den Perlenschnüren) sind heute noch (oder wieder) populär. Neil Gaiman bedachte sie in seinem Roman »American Gods« (seine Figur Czernobog nennt sie die »greatest American actress of all time«), und 1991 schrieb die englische Band OMD den Song »Pandora’s Box« für und über sie. Der Text ist an sie adressiert, wie ein posthumer Liebesbrief. Das Video ist eine einzige Hommage an ihr Gesicht, gespickt mit Bildern und Clips aus ihrem ersten Pabst-Film.

Born in Kansas on an ordinary plain
Ran to New York but ran away from fame
Only seventeen when all your dreams came true
But all you wanted was someone to undress you
And all the stars you kissed could never ease the pain
And if the face has changed the grace remains
And you’re still the same

And it’s a long long way from where you want to be
And it’s a long long road, but you’re too blind to see

Frame of silence of an innocent divine
Is a dangerous creation when you fail the test of time
And all the photographs of ghosts of long ago
Still they hurt you so, won’t let you go
And you still don’t know

And it’s a long long way from where you want to be
And it’s a long long road, but you’re too blind to see

When you look around yourself now, do you recognize the girl
The one, who broke a thousand hearts, terrified the world

And all the stars you kissed could never ease the pain
And if the face has changed the grace remains
And you’re still the same

And it’s a long long way from where you want to be
And it’s a long long road, but you’re too blind to see

Der Ton des Songs, seine schafswollweiche Melancholie und schwungvolle Grandezza treffen Louise Brooks’ Wesen genau. — Sie lebte übrigens seit 1938 allein. Sie starb am 8. August 1985 im Alter von 78 Jahren.
Unbedingt kaufen: Die beiden Pabst-Filme sowie das von Peter Cowie geschriebene Buch »Lulu Forever« — ich garantiere Euch, Ihr werdet Euch verlieben! Ebenfalls sehenswert: »Looking for Lulu«, ein Dokumentarfilm über Louise, der von keiner Geringeren als Shirley MacLaine erzählt wird.

Die Büchse der Pandora

Originaltitel: Die Büchse der Pandora; Regie: Georg Wilhelm Pabst; Drehbuch: Ladislaus Vajda, Georg Wilhelm Pabst, Joseph Fleisler; Kamera: Günther Krampf; Musik: Timothy Brock; Darsteller: Louise Brooks, Fritz Kortner, Franz Lederer, Gustav Diesel, Carl Goetz. Deutschland 1929.

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Am 17. Oktober 1928, also vor bald 90 Jahren, fiel in dem Berliner Nero-Film Studio die erste Klappe für diese Wedekind-Verfilmung (frei nach den Dramen »Erdgeist« und »Die Büchse der Pandora«), die sowohl für Louise Brooks als auch für ihren Regisseur G. W. Pabst der wichtigste Film werden sollte — und ein Welterfolg. Die Dreharbeiten dauerten bis zum 23. November desselben Jahres. Brooks verkörperte in diesem Streifen einen völlig neuen Frauentyp: die dangerous creation einer innocent divine, leidenschaftlich, unschuldig, berechnend und vor allem: selbstbestimmt. Eine Frau mit eigenständiger, emanzipierter Sexualität. Das war anno 1928 (zumindest im Film) ein Novum. — Brooks’ Wedekind’sche Lulu ist eine Tänzerin, die reihenweise Herzen bricht. Männer wie Frauen liegen ihr zu Füßen. So auch Dr. Schön (Kortner), ein einflussreicher, wohlhabender Verleger, der sich mit der Schönen zwar amüsieren, sie aber aus gesellschaftlichen Gründen nicht ehelichen möchte. Ein von Lulu initiierter Skandal verhindert Dr. Schöns Hochzeit mit einer anderen Frau. Eher aus Resignation geht er schließlich den Bund der Ehe mit Lulu ein, doch schon in der Hochzeitsnacht kommt Dr. Schön ums Leben, als sich in einem Handgemenge mit seiner frisch Angetrauten ein Schuss löst. Das Gericht spricht die Tänzerin des Totschlags schuldig, doch Lulu gelingt die Flucht. Sie beginnt eine stürmische Affäre mit Dr. Schöns Sohn Alwa (Lederer), der mit ihr bis nach London flieht. Doch dort fällt die Unglückselige dem Serienkiller Jack the Ripper (Diesel) in die Hände…

G. W. Pabst musste einige Zeit warten, ehe Paramount Louise Brooks für ihr Deutschland-Debüt freigab. In der Zwischenzeit saß schon die Zweitbesetzung in seinem Büro bereit, um den Vertrag zu unterschreiben: Marlene Dietrich, damals noch eine unbekannte Varieté-Aktrice. Schließlich gab das Studio grünes Licht und ließ Brooks nach Berlin reisen. Fritz Kortner hasste seine Partnerin, die er für eine Amateurin hielt, und konnte es bis an sein Lebensende nicht verwinden, von Brooks an die Wand gespielt worden zu sein.
Am 30. Januar 1929 erteilte die Filmprüfstelle Berlin dem Film ein striktes Jugendverbot, am 9. April 1934 wurde »Die Büchse der Pandora« auf Antrag des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda gänzlich verboten. Der 132minütige Streifen ist erst seit wenigen Jahren wieder ungekürzt und dank des Filmmuseums München mit neuem Vorspann und neuen Zwischentiteln zu genießen. Alice Roberts als Lulus Gespielin Gräfin Geschwitz war übrigens die erste offen lesbische Figur der Filmgeschichte.

Tagebuch einer Verlorenen

Originaltitel: Tagebuch einer Verlorenen; Regie: Georg Wilhelm Pabst; Drehbuch: Rudolf Leonhardt; Kamera: Sepp Allgeier, Fritz Arno Wagner; Musik: Otto Stenzeel; Darsteller: Louise Brooks, Fritz Rasp, Valeska Gert, Sybille Schmitz, André Roanne. Deutschland 1929.

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Pabsts zweiter Film mit Louise Brooks — im Juni 1929 gedreht — bot wirklich alles, was die sogenannten »Sittenfilme« der 1920er ausmachte. Die Story liest sich mit ihren verschlungenen, schicksalhaften Wendungen wie ein drittklassiger Groschenroman, wurde von Pabst jedoch geschickt in Szene gesetzt und beinhaltet vor allem jene Kritik an den bürgerlichen Moralvorstellungen, die mit Hitlers Machtergreifung vier Jahre später über Nacht wieder eingefroren wurde. Von Margarete Böhmes Roman wurden hierbei nur einige Grundzüge übernommen, der Film ist als eigenständiges Werk zu begreifen. In »Tagebuch einer Verlorenen« verkehrt sich die Welt auf erschreckende Weise: Das bürgerliche Zuhause, sonst Hort der Harmonie, des Anstands und der Sicherheit, erweist sich als trügerische Brutstätte für Intrigen und Gewalt, und die Besserungsanstalt, die den gefallenen Mädchen wieder die Insignien der Keuschheit ins Bewusstsein rufen soll, gleicht angesichts ihrer sadistischen Leiter eine präfaschistischen Erziehungslager. Als Zufluchtsort dient hier ausgerechnet ein Bordell; der einzige Ort, an dem die beiden verschreckten Mädchen so etwas wie Geborgenheit und Wärme erfahren.

Das Mädchen Thymian (Brooks), Tochter des Apothekers (Josef Rovensky), muss am Tag ihrer Konfirmation mitansehen, wie die Haushälterin ihres Vaters des Hauses verwiesen wird und Selbstmord begeht. In derselben Nacht wird sie, während sie bewusstlos ist, von Meinert (Rasp), einem Angestellten ihres Vaters, vergewaltigt und geschwängert. Nachdem sie das uneheliche Kind — welch eine Schande! — zur Welt gebracht hat, soll Thymian in eine Erziehungsanstalt gesteckt werden, wo sie unter der strengen Fuchtel des Anstaltsleiters (Andrews Engelmann) und dessen Frau (Gert) anständig und rein werden soll. Während ihr Kind bei einer Ziehmutter aufwächst, leidet Thymian in der einem Gefängnis nicht unähnlichen Anstalt so sehr, dass sie eines Tages ausbricht. Sie eilt zu ihrem Kind — nur um feststellen zu müssen, dass es bereits tot ist. Ihr Vater hat zwischenzeitlich auch noch seine nichtsnutzige Haushälterin Meta (Franziska Kinz) geheiratet. Thymian folgt ihrer Freundin Erika (Edith Meinhardt) in ein Bordell, wo sie als Prostituierte jobbt. Als der alte Apotheker stirbt und Thymian dessen gesamten Besitz erbt, scheint sich das Blatt für sie endlich zum Guten zu wenden…
In einer Nebenrolle ist Kurt Gerron zu sehen, der 1944 von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde. Er spielte bis 1932 in weit über 70 Filmen mit und sang seinerzeit als Allererster die »Moritat von Mackie Messer«.

André Schneider

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Filmtipp #511: Die Frauen

Die Frauen

Originaltitel: The Women; Regie: George Cukor; Drehbuch: Anita Loos, Jane Murfin; Kamera: Oliver T. Marsh, Joseph Ruttenberg; Musik: David Snell, Edward Ward; Darsteller: Norma Shearer, Joan Crawford, Rosalind Russell, Mary Boland, Paulette Goddard. USA 1939.

The Women

135 hysterische Frauen und kein einziger Mann toben in einem ständigen Hin und Her über die Leinwand, tratschen, tuscheln, lassen sich die Haare ondulieren, führen groteske Hüte aus und sind stets bemüht, das traute Glück der anderen — und sei es das der besten Freundin — durch Indiskretionen und Intrigen schadenfreudig zu ruinieren: »›The Women‹ zu drehen war, wie der Zirkusdirektor von einem Zirkus mit drei Manegen zu sein«, umschrieb Regisseur George Cukor die Dreharbeiten zu seinem Geniestreich.
Im Zentrum des Geschehens steht Mary Haines (Shearer), glücklich mit Stephen verheiratet und Mitglied der gehobenen Gesellschaft, die zum Opfer ihrer Freundinnen wird: kultivierte Damen, die sich in eleganter Garderobe zu schicken Plauderstündchen auf Long Island treffen, um sich die Langeweile ihres Ehefrauen-Daseins zu vertreiben. Sie alle wissen durch gemeinsames Konsultieren derselben plappermäuligen Maniküre (Dennie Moore), dass der gute Stephen seine Gattin betrügt — nur Mary ist ahnungslos, bis auch sie bei einem Termin bei der Kosmetikerin mit der abscheulichen Wahrheit konfrontiert wird: die ordinäre Parfüm-Verkäuferin Crystal Allen (brillant boshaft: Crawford) hat sich den Familienvater gekrallt und hofft, durch die Affäre in die besseren Kreise aufzusteigen. Mary denkt nicht im Traum daran, sich geschlagen zu geben und sinnt auf bittersüße Rache. Der geneigte Zuschauer wird in der Folge nun Zeuge, wie messerscharfe verbale Kriegsführung funktioniert. Über spitzzüngige Wortgefechte, gesellschaftliche Demütigungen, viele vergossene Tränen, Affären, Scheidungen und hysterische Ausbrüche hinweg gelingt es Mary Haines, sich ihren Gatten zurückzuerobern und die emporgekommene Verkäuferin wieder an ihren Ladentisch zurückzukomplimentieren.

Das rasante Lustspiel von Clare Booth Luce hatte es in der Saison 1936/1937 auf sage und schreibe 666 Vorstellungen am Broadway gebracht, als es als potentielles Vehikel für Claudette Colbert gekauft wurde. Ende 1938 gingen die Rechte an MGM, die den Stoff mit Norma Shearer und Ilka Chase verfilmen wollte. Zunächst sollte Clarence Brown die Regie übernehmen. Die erste Drehbuchfassung, die Clare Booth Luce gemeinsam mit Jane Murfin verfasst hatte, war den Zensurbehörden nicht »sauber« genug. Man beanstandete die zu frivolen und sexuell zweideutigen Dialoge, so dass die Bühnenautorin gefeuert wurde. Am Ende holte man Anna Loos mit ins Boot, die schließlich die Endfassung schrieb. Clarence Brown wurde durch Cukor ersetzt, der sein Engagement als Genugtuung empfand, war er doch gerade von David O. Selznick als Regisseur von »Gone With the Wind« (Regie: Victor Fleming) entfernt worden.
Die Besetzung der insgesamt 135 Sprechrollen erwies sich als nicht ganz einfach. Am Ende spielte praktisch jede Schauspielerin auf MGMs Gehaltsliste mit — Greta Garbo und Myrna Loy waren die einzigen Ausnahmen. Dass Joan Crawford sich bereit erklärte, ausgerechnet neben ihrer Erzrivalin Norma Shearer die vergleichsweise kleine Rolle der Crystal zu übernehmen, sorgte für allgemeine Verwunderung. Die letzten Filme der Shearer hatten Verluste in Millionenhöhe für das Studio bedeutet. Dank ererbter Firmenanteile — ihr Ehemann Irving Thalberg war 1936 im Alter von nur 37 Jahren verstorben — galt sie immer noch als mächtiger Star, aber es stand einiges für sie auf dem Spiel. Sie und Crawford stritten während des Drehs lautstark um jede Dialogzeile und jede Großaufnahme. Siegerin des Zwistes war am Ende Rosalind Russell, die den beiden Diven vor der Kamera die Schau stahl. Ebenfalls glänzend: Joan Fontaine, Paulette Goddard, Butterfly McQueen, Lucile Watson, Marjorie Main, Virginia Grey, Hedda Hopper und Phyllis Povah. (Übrigens: selbst die Hunde im Film sind ausnahmslos weiblich.) — Die Kostüme des MGM-Designers Adrian sind natürlich eine Wucht. Um das Sammelsurium schrillster Roben und Röcke adäquat in Szene zu setzen, wurden die extravaganten Kreationen in einer mehrminütigen Farbsequenz als Modenschau in den Film »eingeschoben«.

Die Kosten des Films lagen 1939 deutlich über dem üblichen MGM-Budget, und obwohl »The Women« sich zu einer der erfolgreichsten Produktionen des Jahres mauserte, musste das Studio aufgrund der hohen Investitionen einen Verlust von über 200.000 Dollar verzeichnen. In Deutschland lief »The Women« erst 1991 in den Kinos. — 1956 entstand eine Art Remake in Musical-Form, in welchem June Allyson, Joan Collins und Ann Sheridan die Hauptrollen spielten. Ein weiteres (unsägliches) Remake kam 2008 mit Meg Ryan, Annette Bening, Bette Midler, Carrie Fisher und Jada Pinkett Smith in die Kinos.

André Schneider

Filmtipp #502 bis #510: Vergessene Perlen (Britisches Kino)

Das englische Label Network hat in seiner Reihe The British Film seit 2013 weit über 400 Titel — zwischen fünf und zehn Filme monatlich — auf den Markt gebracht. Seltene Filme wie French Dressing, Nothing But the Best oder Don’t Bother to Knock! werden in liebevoller Aufmachung und erstklassigem Transfer in Bild und Ton (wirklich unglaublich gut!) einem neuen Publikum zugänglich gemacht. Darüber hinaus sind diese DVDs angenehm preiswert (immer unter zehn Euro) und nehmen durch ihr slim case wenig Platz im Regal ein. Auf fast jeder DVD sind Plakate, Filmfotos oder sogar ein Presseheft als PDF-Datei sowie der Original-Trailer enthalten. 2015 und 2016 habe ich mir auch einige dieser raren englischen Produktionen bestellt. Ich stelle sie mal in aller Kürze vor.

Your Witness

Your Witness

#502: Die unbekannte Zeugin
Your Witness (1950)
Regie: Robert Montgomery, mit Leslie Banks, Felix Aylmer, Patricia Wayne u. a.

Als sein Freund Sam Baxter (Michael Ripper) des Mordes beschuldigt wird, reist der erfolgreiche US-amerikanische Anwalt Adam Heywood (Montgomery) nach England, um dessen Verteidigung zu übernehmen. Fest von Sams Unschuld überzeugt, macht sich Heywood auf die Suche nach der einzigen Zeugin, die seinen Freund entlasten kann. Ein Gedichtband ist der einzige Hinweis, der sie auf ihre Spur zu bringen vermag…

Robert Montgomery, umjubelter Star der 1930er und 1940er, gab mit diesem packend inszenierten Krimi seine Abschiedsvorstellung als Kinostar. Auch Leslie Banks trat in »Your Witness« (US-Titel: »Eye Witness«) zum letzten Mal vor die Kamera. Weitere Nebenrollen gingen an Stanley Baker, Harcourt Williams sowie James Hayter. Hinter der Kamera waren Talente wie Ken Adam (Art Director), Malcolm Arnold (Musik) und Hitchcock-Mitarbeiterin Joan Harrison (Produktion) versammelt, was deutlich für die Qualität dieses komplett in Großbritannien entstandenen, erfrischend humorigen film noir spricht. Die 2014 erschienene DVD zeigt eine um ca. vier Minuten gekürzte Fassung.

Noose for a Lady

Noose for a Lady

#503: Noose for a Lady (1953)
Regie: Wolf Rilla, mit Dennis Price, Rona Anderson, Ronald Howard u. a.

Wolf Rilla (1920-2005), der Sohn des (jüdischen) Schauspielers Walter Rilla, war auf der Flucht vor den Nazis schon als Kind nach England gekommen. Während seine Eltern nach Kriegsende nach Deutschland zurückkehrten, blieb Wolf in London, weil er sich mehr als Engländer fühlte. Zunächst arbeitete er für die BBC, um dann später zum Fernsehen und schließlich zum Film zu wechseln. 1953 gab er mit der Komödie »Glad Tidings« sein Kinodebüt. Bis 1960 folgten rund 15 weitere Filme; die bekanntesten dürften »Bachelor of Hearts« (1958, mit Hardy Krüger) und der Horrorklassiker »Village of the Damned« (1960, mit George Sanders) geworden sein.

»Noose for a Lady« ist ein kleines, spannendes B-Movie von der Stange, das sich als film noir klassifizieren ließe und mit einer Lauflänge von gerade mal 70 Minuten verhältnismäßig kurz geraten ist: Simon Gale (Price) erfährt nach seiner Rückkehr aus Uganda, dass seine Cousine Margaret (Pamela Alan) zum Tode durch den Strang verurteilt wurde. Sie soll kaltblütig ihren Mann mittels Gift ins Jenseits befördert haben. Er glaubt an Margarets Unschuld und begibt sich mit deren Stieftochter Jill (Anderson) auf die gefährliche Suche nach dem wahren Killer.

Bang! You're Dead

Bang! You’re Dead

#504: Bang! You’re Dead (1954)
Regie: Lance Comfort, mit Jack Warner, Veronica Hurst, Michael Medwin u. a.

Zwei spielende Knaben finden zufällig einen Revolver im Wald. Da sie keinen Unterschied zwischen ihren Spielzeugpistolen und der echten Waffe erkennen können, spielen sie ganz sorglos Verkehrspolizei — und erschießen dabei versehentlich einen Radfahrer. Der Unfall hat tragische Konsequenzen für Bob Carter (Medwin), der kurz vorher noch mit dem Opfer einen handfesten Streit gehabt und dabei böse Drohungen ausgesprochen hatte…

In den USA lief dieser feine Krimi unter dem Titel »Game of Danger«. In einer Nebenrolle ist der spätere Regisseur Philip Saville (The Fruit Machine) zu sehen.

Portrait of Alison, a.k.a. Postmark of Danger

Portrait of Alison, a.k.a. Postmark for Danger

#505: Portrait of Alison (1955)
Regie: Guy Green, mit Terry Moore, Richard Beatty, William Sylvester u. a.

Ein Wagen rast über eine Klippe. Die beiden Insassen, der Zeitungsmann Lewis Forrester und die Schauspielerin Alison Ford (Moore) werden tot aus dem Wrack geborgen. Forrester hinterlässt zwei Brüder, den Portraitmaler Tim (Beatty) und Dave (Sylvester), einen Piloten. Scotland Yard findet alsbald heraus, dass Lewis’ Tod von einer Schmugglerbande initiiert wurde. Alisons Vater (Henry Oscar) beauftragt Tim, ein Portrait seiner Tochter anzufertigen. Plötzlich steht die vermeintlich Tote in Tims Atelier — Erinnerungen an Premingers Laura werden wach —, flieht aber, als sie die Leiche einer Frau (Josephine Griffin) findet. Der schneidige Inspektor Colby (Geoffrey Keen) steht vor einem kniffligen Rätsel…

Die spannende Kurzgeschichte von Francis Durbridge war bereits schon einmal fürs Fernsehen verfilmt worden, bevor Ken Hughes und Guy Green sie noch einmal für die große Leinwand adaptierten. Green war ein vorzüglicher Kameramann gewesen (Oscar für David Leans »Great Expectations«, 1946), bevor er 1954 als Regisseur debütierte. Der von Wilkie Cooper hervorragend fotografierte film noir, dem für den US-Verleih der reißerische Titel »Postmark for Danger« verpasst wurde, ist ganz auf die aparte Hauptdarstellerin Terry Moore (»Come Back, Little Sheba« (Regie: Daniel Mann)) zugeschnitten, die hier eine glanzvoll-mysteriöse Vorstellung gibt.

These Dangerous Years

These Dangerous Years

#506: Es begann, als sie nein sagte
These Dangerous Years (1957)
Regie: Herbert Wilcox, mit George Baker, Frankie Vaughan, Carole Lesley u. a.

Jack Trevor Story (The Trouble with Harry) schrieb das Drehbuch zu dieser unterhaltsamen Mischung aus Drama, Krimi und Musical, das dem jungen Star Frankie Vaughan, eine Art englischer Elvis Presley, als Vehikel dienen sollte, um seine schauspielerischen und gesanglichen Talente zur Schau zu stellen. Der in Liverpool gedrehte Streifen, in den Vereinigten Staaten als »Dangerous Youth« bekannt, war anno 1957 auch ein respektabler Erfolg beschieden; er lief 1959 sogar in der Bundesrepublik. Die ehemalige Schauspielerin Anna Neagle produzierte den Film, ihr Ehemann Herbert Wilcox (»Odette«, 1950) übernahm die Regie.

Frankie spielt den gang-leader und angehenden Rock’n’Roll-Star Dave, der in die Armee berufen wird, wo sich seine rebellische Jugend zur Überraschung aller bezahlt macht. Allerdings wird er von einem fiesen Möpp dazu gebracht, ein Minenfeld zu überqueren, wobei sein bester Freund sein Leben verliert…
John Le Mesurier, Kenneth Cope, Thora Hird, John Breslin und die blutjunge Jocelyn Lane sind in Nebenrollen mit von der Partie in diesem ungewöhnlichen Stück Kino. Frankie Vaughan singt neben dem Titelsong auch noch seine Hits »Isn’t This a Lovely Evening?« und »Cold Cold Shower«.

Cat Girl

Cat Girl

#507: Die Nächte der Würgerin
Cat Girl (1957)
Regie: Alfred Shaughnessy, mit Barbara Shelley, Robert Ayres, Kay Callard u. a.

Ein ebenso überflüssiges wie sehenswertes Remake von Cat People ist dieser fast unbekannte Streifen mit der hübschen Barbara Shelley, die seinerzeit in zahllosen Streifen ähnlicher Couleur eingesetzt wurde. »Cat Girl« wurde angenehm atmosphärisch in Szene gesetzt, das alte Herrenhaus und das Sanatorium schaffen die passenden, stimmungsvollen Kulissen. Die Tierangriffe wurden eher unspektakulär ausgearbeitet und wirken wenig bedrohlich.

Der Grusel spielt sich in einem abgelegenden Landhaus ab. Der alte Edmund Brandt (Ernest Milton) erzählt seiner Nichte Cathy (Paddy Webster) von einem 700 Jahre alten Fluch, der auf ihrer Familie lastet: Sie können sich in der Seele eines Leoparden einnisten und Kontrolle über das Tier ausüben. Leonora (Shelley) will ihm keinen Glauben schenken, doch als Onkel Edmund kurz darauf von einem Leoparden getötet wird, geht der Fluch auf sie über. Leonoras alte Jugendliebe, der Arzt Dr. Brian Marlowe (Ayres), will ihr helfen, geht allerdings von Geisteskrankheit aus. Niemand schenkt der jungen Frau Glauben — auch nicht, als weitere Menschen sterben. Erst, als die Gattin des Arztes (Callard) von einem Leoparden eingekreist wird, wendet sich das Blatt…

This is My Street

This is my Street

#508: This is my Street (1963)
Regie: Sidney Hayers, mit Ian Hendry, June Ritchie, Avice Landon u. a.

Bevor Sidney Hayers sich fast ausschließlich dem Fernsehen zuwandte, inszenierte er ein paar knackige Spielfilme wie zum Beispiel diesen hier, dessen Story in Battersea angesiedelt ist. In der trostlosen Gegend um Jubilee Close, einer verschlissenen Straße mit zerfallenden Häusern, träumt die hübsche, ehrgeizige Margery (Ritchie) davon, aus ihrer erzwungenen Ehe auszubrechen. Ihr fauler, bäuerlicher Mann und ihre kleine Tochter machen ihr das Leben zur Hölle. Gleich nebenan wohnt ihre Mutter, die sich einen smarten Untermieter namens Harry (Hendry) ins Haus geholt hat, um finanziell einigermaßen über die Runden zu kommen. Margery und Harry kommen sich langsam näher und beginnen eine Affäre. Margery blendet aus, dass der charmant-selbstsüchtige Harry keine ernsthaften Absichten hat. Als es kommt, wie es kommen muss, und er sie fallenlässt, treibt sie dies zu einer Verzweiflungstat…

Ein deprimierender, ernsthafter Streifen, der seinem Anspruch leider nicht ganz gerecht wird, aufgrund seiner beiden Hauptdarsteller jedoch sehenswert ist. In Nebenrollen sind außerdem John Hurt, Patrick Cargill und Margaret Boyd mit von der Partie.

Catacombs

Catacombs

#509: Catacombs (1964)
Regie: Gordon Hessler, mit Gary Merrill, Jane Merrow, Georgina Cookson u. a.

Gordon Hessler, 1925 in Berlin als Sohn einer Dänin und eines Engländers geboren, gab mit »Catacombs« (US-Titel: »The Woman Who Wouldn’t Die«) seinen Einstand als Regisseur. Bis in die frühen 1970er hinein drehte er eine Serie thematisch und atmosphärisch ähnlich gelagerter Horrorfilme, bevor er sich wieder mehr dem Fernsehen zuwandte.

»Catacombs« ist eine Melange aus Ehedrama und Gruselfilm, in dessen Zentrum Gary Merrills eindimensionale Darstellung eines notgeilen Tunichtguts steht, der sich seiner wohlhabenden Gattin (Cookson) entledigen möchte, um deren sexy Nichte (Merrow) ungebremst mit seinem Penis beglücken zu können, ohne durch langwierige und kostspielige Scheidungsverfahren unnötig Geld zu verlieren. Die attraktive, intelligente und loyale Ehefrau entpuppt sich dabei als äußerst zäher Knochen…

Rotten to the Core

Rotten to the Core

#510: Rotten to the Core (1965)
Regie: John Boulting, mit Anton Rodgers, Ian Bannen, Charlotte Rampling u. a.

Am 11. Januar 1965 fiel die erste Klappe zu dieser altbacken-charmanten Krimikomödie der Boulting-Brüder, die 1966 sogar auf der BAFTA-Nominierungsliste stand, darüber hinaus allerdings kein allzu großer Erfolg wurde. Die Boultings hatten etwas Pech mit der Besetzung: Peter Sellers fiel kurz vor Drehbeginn aus und musste durch Anton Rodgers ersetzt werden. Charlotte Rampling, hier in ihrer ersten größeren Rolle zu sehen, wurde komplett nachsynchronisiert. Wer aufmerksam ist, kann Peter Vaughan, Ian Wilson und Eric Sykes in Nebenrollen erblicken.

Die Knastbrüder Jelly Knight (Dudley Sutton), Scapa Flood (James Beckett) und Lennie the Dip (Kenneth Griffith) erwarten bei ihrer Entlassung eigentlich, dass ihr Boss The Duke (Rodgers) sie abholt und ihnen ihren Anteil am letzten Raubzug auszahlt. Stattdessen teilt ihnen dessen Freundin Sara (Rampling) mit, dass The Duke tot ist und die ganze Kohle für dessen Krankenpflege aufgewendet werden musste und nun futsch ist. Die Gangster sind baff, als sie entdecken müssen, dass ihr Boss quicklebendig ist und bereits das nächste Ding dreht…

André Schneider