29. November 2006

Kurz

Montag: Abendessen mit Sten Jacobs. Lange schon konnte ich mich nicht mehr dermaßen gut mit jemandem unterhalten. Ein interessierter, offener Mann mit sexy Silberblick und liebem Kuschelbärgesicht. Er hatte gekocht — köstlich! —, wir sahen einen meiner Filme und unterhielten uns über die Arbeit, seine Zeit in Hollywood, meine Zeit zwischen England und Berlin. Die Arbeit am neuen Drehbuch geht rasch und gut voran. Nach dem Essen dann drei Stunden Autobahn, um drei Uhr in der Frühe war ich am Bestimmungsort, um 6:30 Uhr ging die Arbeit los, sie zog sich bis ca. 23 Uhr hin. Wie ein Toter schlief ich fünf Stunden durch. Jetzt ist es elf, ich habe bereits sechs Stunden gearbeitet. Für heute also fertig. — Es gibt übrigens eine Preview des Musikvideos von Fullbliss, das wir voriges Wochenende gedreht haben. (Regie: Ich und viele andere.) Stefan und Jennifer haben ein Interview mit David Judson Clemmons gemacht. Alles sehr sehens- und hörenswert! Später mehr.

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November 25, 2006

Say it with Sade

You came along when I needed a savior
Someone to pull me through somehow

I’ve been torn apart so many times
I’ve been hurt so many times before
So I’m counting on you now

Somebody already broke my heart
Somebody already broke my heart

Here I am
So don’t leave me stranded
On the end of a line
Hanging on the edge of a lie

I’ve been torn apart so many times
I’ve been hurt so many times before
So be careful and be kind

Somebody already broke my heart
If someone has to lose, I don’t want to play

Somebody already broke my heart
No, no I can’t go there again

(Sade Adu)

Returned late from Hamburg, it was about 3 a.m., and I couldn’t fall asleep for many, many hours. I sat there in exhaustion, tired, sad and somehow lost in my flat which seemed unbearably big and painfully small at the same time. The evening in Hamburg was nice, though. Lovely food, great conversation.
In my car, I listened to Banco de Gaia’s smashing »You Are Here« album, one of his best to date. Jennifer sang a song called »Grey Over Grey«, a heartbreaking, twelve-minute song about love and loss which made me cry over and over again, so I thought I’d change the tunes: Brel. »Ne me quitte pas«. Splendid. Then: Sir Peter Ustinov’s magnificent essays, nicely read by Anke Engelke. A nostalgic and rather sad drive through Germany by night.

Only two days ago, I learned that my new movie, »Glastage«, will be shortened. From 90 to 40 minutes. Ouch! But I assume that’s just the way it goes, right? The kind of things you have to deal with as a writer-actor without any rights. Frankly, it didn’t annoy me again, but it added to this odd feeling of loneliness and sadness which I cannot quite cope with. Plus, I’m unable to find its origins. Where does it come from, I don’t know.
X. called me. Felt insecure and lost again. Anybody tell me why? He’s, like, hundreds of kilometres away. Any harm done. Confusion. Confusion. Experienced quite some times before, but it irritates and hurts like the first time. Just got out my old Sade albums. She somehow manages to find the right expressions anytime … any given moment … any given sorrow.

24. November 2006

Casting-Bekanntschaften, Hamburg und Amputationen

X. und ich trafen uns in Madrid beim Casting zu »Los Cronocrimenes«, und weder er noch ich haben die Rolle bekommen. Was mir besonders weh tat, da ich Flugticket und Unterkunft aus eigener Tasche bezahlen musste und kein Billig-Ticket mehr zu kriegen war. Außerdem hätte ich gern mit Nacho Vigalondo gearbeitet, den ich für einen sehr begabten Regisseur halte. In zehn, zwölf Jahren wird er zur europäischen Filmelite gehören. Meinen Text hatte ich gelernt, und meine Aussprache ist im Spanischen auch recht gut, wenn man bedenkt, dass ich die Sprache noch nicht lange spreche. Ich scheiterte im zweiten Durchlauf, als ich improvisieren musste: »Vergessen Sie den Text und reagieren Sie spontan auf die Situation.« — »Mein Spanisch reicht für eine Improvisation nicht aus.« — Als ich meinen ersten Studentenfilm in Spanien drehte, verschuldete ich einen kollektiven Lachanfall im Team. Ich hatte den angreifenden Mörder abzuwehren und um Hilfe zu schreien, doch ich hatte einen Kloß im Hals, konnte nicht schreien, nur husten. Ich röchelte kurz und entschuldigte mich mit den Worten: »Lo siento mucho pero tengo una rana en mi garganta.« Seither hat sich leider nicht viel getan.
Castings bzw. Vorsprechen sind sowieso ein Bestandteil meines Berufes, den ich verabscheue. Im Kern der Sache ist’s ein Viehmarkt für Kälber mit Profilneurosen. Wenn man keine hat, entwickelt man sie dort. Oder man kriegt den Job nicht. Oft fühlt man sich erniedrigt — mir ging das ganz besonders bei »Herr Lehmann« und »Beyond the Sea« so. Ich will darauf an dieser Stelle gar nicht näher eingehen, aber es war schlimm, und ich werd’s ganz bestimmt niemals vergessen, was da und vor allem wie es ablief! Bei meinen eigenen Produktionen versuche ich daher seit dem ersten Tag, Castings fair und rücksichtsvoll abzuwickeln.
Zurück zum Stück, ich wollte gar nicht abschweifen. Auf jeden Fall hat X. seine Rolle bei Vigalondo auch nicht bekommen. Ihm schien das nichts auszumachen, denn er hatte eine Serie in Aussicht. (Die er inzwischen auch bekam.) Abends lachten wir gemeinsam über unser Scheitern. (Das heißt, zuerst hab ich natürlich geweint.) Nachts lachten wir gemeinsam über unsere rasant wachsende Zuneigung. Morgens weinten wir gemeinsam, weil wir wussten, dass wir uns für längere Zeit nicht wiedersehen würden. — X. schickte mir die DVD seines ersten Films, 1999 entstanden; sie kam Anfang der Woche an. Er im zarten Alter von 25, 26, die Haare noch lang, die Figur jungenhaft, die Tätowierung an der Schulter bereits verblasst. Er hat sie nie nachstechen lassen, bis heute nicht. Schönes Telefonat. Anschließende, von Dodo mehrfach erwähnte Verwirrung und das Wissen, dass der Umzug nach Paris in vielerlei Hinsicht eine Chance bedeutet bzw. bedeuten kann. Wenngleich mir X.s »Ich warte!« auch Angst macht. (Skorpion-Männer gelten als fordernd.)

Gerade bin ich auf dem Weg nach Hamburg, einen Kollegen und Freund treffen, den ich seit 2004 nicht gesehen habe. Das neue Drehbuch schreibt sich praktisch von allein, ich bin hochgradig inspiriert von Sten, den ich für die Hauptrolle gewinnen möchte und mit dem ich daher in regem Kontakt stehe. Dieses Wochenende werd’ ich versuchen, mich zu entspannen, an mich zu denken, die Verwirrung zu besiegen und meine (endlich mal wieder zwanglos sprudelnde) Kreativität zu liebkosen. Denn gut geht’s mir nicht. Das Leben ist kompliziert, und ich habe das Gefühl, man macht’s selbst ungewollt-gewollt noch schlimmer. Dabei gäben zahlreiche Dinge wahrlich Grund zur Freude! Half Past Ten zum Beispiel. Das neue Drehbuch. Der Umzug. Sogar Weihnachten.
Oh, ich muss los, Hamburg ruft!

Kleine Randfrage an die Leserschaft: Meine Drehbücher hab ich des öfteren meine Babys genannt. Stellt Euch folgende Situation vor: Man gibt sein Baby gesund und munter in die Hände eines Babysitters … und bekommt es mit amputierten Armen und Beinen zurück. Was für Gefühle kochen da bei Euch hoch?

P.S.: Altman tot, Noiret tot.

Buch des Tages: Virginia Woolf: »The Waves«.