30. September 2010

Nun ist seit gestern mein Facebook-Profil down, wie man auf Neudeutsch sagt. Schade, weil das Profil über fast zwei Jahre gewachsen war, sich interessante neue Kontakte ergeben hatten, ich kostenlos Werbung für meine Projekte machen und alte Texte und Fotos abspeichern konnte. Doch in einer schnelllebigen Zeit wie der unseren ist nichts von Dauer. »Kann man nichts machen«, würde meine Oma sagen. Wer weiß, wozu es gut ist, und wer mich finden möchte, findet mich auch so. Früher ging es schließlich und endlich auch.
     Kampusch, Sarrazin, Westerwelle, Eva Herman, der ärgerliche Beschluss bezüglich der Atomkraftwerke, die neue Hartz IV-Debatte, der Generalstreik in Spanien, Erdrutsch in Mexiko, ein drohend grauer, kalt-nasser, durch und durch deutscher Frühherbst… Ja, momentan ist einiges unappetitlich und verderblich für Laune und Motivation. Aber weder Groll noch Sorge können etwas ändern. Man kann sich eigentlich nur mit einem warmen Kakao in die Badewanne legen, ein gutes Buch lesen und darauf warten, dass die Vorweihnachtszeit die Tristesse zeitig auf ihren Platz verweist.

Nos jours légers DVD

Am 24. November erscheint Nos jours légers in Frankreich. L’amour se mérite steht auf der DVD, »die Liebe siegt«. Ein Slogan, der mir gefällt. (Besser jedenfalls als das Cover mit ein etwas befremdlich anmutenden Stirnfalten in den ansonsten wie gebügelt wirkenden Gesichtern von Marcel und mir.)
     Nach all den Erfahrungen, die ich in den vergangenen Monaten machen durfte, kann ich heute ankündigen, dass ich nach  Tobi und der Knuddelmann, der gerade geschnitten und abgemischt wird, für längere Zeit kein neues Filmprojekt realisieren werde, und auch diese Internetseite wird für wenigstens 31 Tage ruhen. Für beides möchte ich um Verständnis bitten. Dafür dürft Ihr mit Spannung auf den November schauen, wenn ich — hoffentlich — in alter Frische und voll des Tatendrangs wieder hier sein werde.
     Kommt gut durch den Herbst (Stichwort: Badewanne und Kakao), lasst Euch nicht unterkriegen und schreibt mir, wenn Ihr wollt, an die Euch bekannte E-Mail-Adresse. Seid von Herzen gegrüßt!

André

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29. September 2010

Hände

Es liegt in unsren Händen
ob wir uns halten oder nicht
es liegt in unsren Händen
ein Herz zu spalten oder nicht
Es liegt in unsren Händen
wie tief wir uns berühren
es liegt in unsren Händen
wie weit wir uns verführen
Es liegt in unsren Händen
den Himmel zu ergreifen
es liegt in unsren Händen
die Masken abzustreifen

Es liegt in unsren Händen
uns hinzugeben oder nicht
es liegt in unsren Händen
den Stein zu heben oder nicht
Es liegt in unsren Händen
die Türen zu verschließen
es liegt in unsren Händen
das Fremde zu begrüßen

Es liegt in unsren Händen
die Faust zu ballen oder nicht
es liegt in unsren Händen
uns festzukrallen oder nicht
Es liegt in unsren Händen
einander freizulassen
es liegt in unsren Händen
uns liebend zu umfassen

Es liegt in unsren Händen
wie bös wir Wunden schlagen
es liegt in unsren Händen
Verantwortung zu tragen

Es liegt in unsren Händen
das Schicksal dieser Welt
es liegt in unsren Händen
ob unser Stern vom Himmel fällt

André Schneider

(Dieses Gedicht entstand im März 1996 in Hildesheim.)

21. September 2010

Mutters Geburtstag, ihr 60. Der Himmel über Berlin ist an diesem Morgen von einem klaren Blau. Später auf der Autobahn ziehen krummnasige, mehlige und immer dichter werdende Wolken auf. Im Wagen ist es so warm, dass ich meinen Pullover ausziehen muss. Zwischen Brandenburg und Magdeburg viel Grün und verhältnismäßig wenig Verkehr. Gedanken an meine Mama und an ihren 60. Das Schönste ist, dass sie, dass wir ihn mit ihr erleben und feiern dürfen. Die Schrecken der Diagnose und die folgenden 34 Wochen zwischen OPs, Hoffnung, Furcht, Chemo und Bestrahlung mündeten schließlich in einem tiefen, personenübergreifenden Ausatmen.
     In den vergangenen Monaten hätte ich mir mehr Dialog gewünscht. Mit ihr, mit der Familie, aber auch mit mir selber. Das straffe Arbeitspensum ließ dies leider nicht zu. Andererseits hat vielleicht gerade die Abwesenheit des Gesprächs mir wieder vor Augen geführt, dass wir nur über das Du, über die Auseinandersetzung mit dem Anderen, zu uns selbst finden können. Dass man sich nur in der Konfrontation, in der Begegnung, im Angenommenwerden, im Zurückgestoßenwerden erfahren kann. Auch im Verlust, im Geschenk — das ist ja auch eine Zweiheit. Das ganze Leben ist Dualität. Vermutlich haben diese Gedanken mit meinen Jahren als Schauspieler und dem Theater zu tun, wo es um Rede und Antwort geht, aber sicher nicht nur. Letztendlich ist alles, was ich mache, Dialog, es geht um die Suche nach dem Du.

André Schneider

Ein Film ist (fast) abgedreht, eine wichtige Lektion gelernt und verinnerlicht. Alex und der Löwe war bereits ein halsbrecherisches Unterfangen gewesen, Tobi und der Knuddelmann stellte es weit in den Schatten: mehr als ein Dutzend Drehorte, 34 Drehtage, rund 30 Schauspielerinnen und Schauspieler — davon zehn mehr oder weniger gleichwertige Hauptrollen —, ein Team von über 20 Leuten, 18.000 Euro Budget plus Rückstellungsverträge in Höhe von 240.000 Euro, zwei Notarzt-Einsätze, keine Produktionsleitung, keine Buchhaltung, keine Filmförderung. Wenn die letzten Monate mir etwas gebracht haben, dann ist es die Erkenntnis, dass ich nie wieder unter solchen Umständen arbeiten werde. Ein Projekt dieser Größenordnung ohne finanzielle Unterstützung verwirklichen zu wollen, ist selbstmörderisch.
     Wie bei jedem Dreh begleiteten uns auch hier kleine und größere Wunder. So schafften wir es beispielsweise, das Finale (28 Drehbuchseiten!) in nur fünf Tagen abzudrehen und Marcus Lachmann in Tobis fast zwei Meter große Mutter zu verwandeln. Uns allen war wichtig, dass das nicht trutschig, billig oder tuntig aussehen sollte, und unsere Maskenbildnerin Beatrice Mendelin erwies sich allmorgendlich als geduldige Zauberkünstlerin.
     Für einen ersten Eindruck von unserem Film haben wir einen kleinen Appetizer ins Netz gestellt:

Am 21. November läuft Alex und der Löwe in Paris. Ein guter Grund, la ville lumière mal wieder für ein paar Tage zu besuchen. Als ich den Flug buchte, war ich bass erstaunt, dass Hin- und Rückflug zusammen fast 50% günstiger waren als eine einfache Zugfahrt Berlin—München. Paris ist so umwerfend schön, dass der bloße Gedanke an die kurze Reise bereits meine Lebensgeister frohlocken lässt. Gerade jetzt, wo ich mich Hals über Kopf in ein Chanson von Léo Ferré verliebt habe: »La mémoire et la mer«. (Wie singt er? »Mes désirs dès lors ne sont plus qu’un chagrin de ma solitude.« Wie schön, wie melancholisch, wie tröstlich!)

Wie üblich ein kleiner Filmtipp am Rande: Ende des Jahres startet »Shelter« (Regie: Mårlind & Stein) bei uns auf DVD, ein spannender und vielschichtiger psychologischer Horrorfilm mit der umwerfenden Julianne Moore und einem Jonathan Rhys-Meyers, der selten so brillant war wie hier. Schnörkellos und ohne billige Effekthascherei erzählt das Regie-Duo eine Geschichte, die nicht, wie bei Horrorfilmen üblich, auf einer interessanten visuellen Idee, sondern auf den glaubhaft komplex kreierten Charakteren beruht. Mit Jeffrey DeMunn, Frances Conroy und Nate Cordory ist »Shelter« auch in den Nebenrollen superb besetzt. Ein Film, der trotz des konventionellen Schlusses eine verstörende Nachwirkung hat und zu den besten Thrillern des letzten Jahrzehnts zählen dürfte.

Und sonst? Am 1. Oktober ziehe ich um. Von der kleinen Kreuzköllner Bärenhöhle in ein gemütliches Nest in den Wolken. Mein erster Umzug nach elf Jahren, was für ein Aufwand! Nachts liege ich wach und denke an die Renovierung, das Einrichten — und freue mich wie ein Schneeprinzchen auf diese Veränderung.
     Euch allen einen ofenwarmen Start in den Herbst. Ich melde mich wieder, bleibt mir gewogen.

André