Filmtipp #305: Die Perlenstickerinnen

Die Perlenstickerinnen

Originaltitel: Brodeuses; Regie: Éléonore Faucher; Drehbuch: Éléonore Faucher, Gaëlle Macé; Kamera: Pierre Cottereau; Musik: Michael Galasso; Darsteller: Ariane Ascaride, Lola Naymark, Jackie Berroyer [Jacky Berroyer], Thomas Laroppe, Marie Félix. Frankreich 2004.

brodeuses

Claire Moutiers (Naymark), ein 17jähriges Mädchen aus der Provinz, ist im fünften Monat schwanger. Sie will das Kind anonym zur Welt bringen und zur Adoption freigeben. Sie meidet ihre Familie, niemand weiß von ihrer Schwangerschaft. Aus Angst, dass man an ihrem Arbeitsplatz — sie jobbt als Kassiererin in einem Supermarkt — bemerken könnte, dass sie in anderen Umständen ist, lässt sie sich von einer im Nachbardorf praktizierenden Gynäkologin (Marina Tomé) krankschreiben. Sie sensible Ärztin rät Claire, sich mit der Idee, das Kind vielleicht doch zu behalten, einmal auseinanderzusetzen und schreibt ihr das Geschlecht des Babys auf einen Zettel. Claire schreibt ihrer besten Freundin Lucile (Félix) von ihrer Schwangerschaft und wird daraufhin von dieser zu sich eingeladen. Bei Luciles Familie lernt Claire Guillaume (Laroppe) kennen, der nach einem schweren Verkehrsunfall an Depressionen leidet: Sein Beifahrer, ein guter Freund, verlor bei dem Unfall sein Leben, Guillaume selbst konnte gerettet werden und macht sich seither Vorwürfe. Der Tote war das Kind von Madame Mélikian (Ascaride), einer ortsbekannten Stickerin, bei der Claire, die in ihrer Freizeit selbst leidenschaftlich mit Perlen, Pelzen und Knöpfen kleine Kunstwerke stickt, vor einem Jahr vergeblich nach Arbeit gefragt hatte. Nun stellt die trauernde Madame Mélikian das Mädchen probehalber bei sich ein und lässt es bei sich im Hause wohnen. Zwischen der Mutter, die ihr Kind verloren hat, und der werdenden Mutter entwickelt sich eine symbiotische Freundschaft, die Claires Leben von Grund auf verändern wird…

Éléonore Fauchers sanft-poetischer Debütfilm wurde mit ein mit Preisen regelrecht überhäufter Erfolg bei Publikum und Kritik, den die begabte Filmemacherin bis heute leider nicht wiederholen konnte: Ihr zweiter Film, »Gamines« (2009, mit Sylvie Testud) floppte erbärmlich, und »Les déferlantes« (2013, ebenfalls mit Sylvie Testud) entstand fürs französische Fernsehen. »Brodeuses« wurde 2004 in Cannes mit dem Critics Week Grand Prize und dem SACD Screenwriting Award ausgezeichnet. Darüber hinaus gab es drei César-Nominierungen, den Prix Lumière für die phantastische Darbietung Lola Naymarks sowie den Prix du Syndicat Français de la Critique für das beste französische Filmdebüt. Sogar die so mäkelige deutsche Filmkritik lobte Fauchers Arbeit: »Cinema« attestierte, die Zuschauer würden für ihre Geduld mit dem stillen Film mit »traumschönen Bildern reich belohnt« werden und bezeichnete »Brodeuses« als »kleines Kunstwerk, zart wie eine kostbare Stickerei«; der »Spiegel« schwärmte, dass das Werk »bisweilen eine derartige Sinnlichkeit [entwickle], dass der Zuschauer die dargestellte Welt zu fühlen, zu riechen und zu schmecken glaubt«; der ansonsten eher zickige »film-dienst« befand, der Streifen sei subtil entwickelt und inszeniert und »visualisiert seine symbolische Ebene durch eine einfühlsame Bildsprache, wobei die Kamera unaufdringlich und sensibel die Freundschaft zwischen den Generationen beobachtet.« — All das kann ich nur bestätigen, »Brodeuses« ist ein Werk voller Finesse und von edler Schönheit, wie man sie nur selten findet.
Neben den kolossal aufspielenden Hauptdarstellerinnen, die der Dreh- und Angelpunkt dieses Films sind, gab der damals 26jährige Thomas Laroppe hier seinen Einstand als Filmschauspieler. 2013 spielte er meinen Halbbruder in One Deep Breath, voriges Jahr meinen Liebhaber in Sur les traces de ma mère.

André Schneider

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26. Mai 2016

Helena ist eingeschlafen.

Helena ist eingeschlafen.

»Deadpool« (Regie: Tim Miller) war so witzig, dass wir uns zeitweise regelrecht im Kinositz kugelten, während ich von der Dschungelbuch-Neuauflage abraten möchte. Visuell ansprechend, das ja, aber doch schrecklich gruselig, gewalttätig, protzig und mit einem viel zu hohen body count für Kinder. Ein überflüssiger Film. Gefallen hat mir allerdings Scarlett Johanssons Cover von »Trust in Me« im Abspann. Dass eine dergestalt ordinäre Damenimitatorin so sophisticated singen kann! Am 30. bin ich mit Ingo Biermann verabredet und lasse mich gerne überraschen, was wir uns im Kino anschauen werden.
In meinen eigenen vier Wänden sortiere ich wieder DVDs ein und aus. Ich habe mir »Nadie oyó gritar« (Regie: Eloy de la Iglesia) und »Night Without Sleep« (Regie: Roy Ward Baker) zu annehmbar moderaten Preisen bestellt und bin recht gespannt; immerhin sind dies zwei Filme, hinter denen ich schon seit Jahren her bin.

Dies ist, abgesehen von meinem morgigen Filmtipp, mein letzter Beitrag vor der alljährlichen Blog-Sommerpause. Da Sur les traces de ma mère nun unglaublicherweise fertig und in den Händen unseres Verleihs ist, habe ich augenblicklich auch nicht viel zu erzählen. Über Pläne, die noch vage im Raum stehen, mag ich nicht schreiben, und über Privates sollte ich öfter schweigen. Den Sommer über werde ich hoffentlich die Möglichkeit haben, etwas Energie zu tanken. Ian und ich überlegen, uns bei HelloFresh die Veggie Box zu bestellen. Die Rezepte auf deren Website turnen mich ziemlich an. Leider gibt es kein Probe-Abo, so dass ich noch zögere, weil ich mich nicht unbefristet binden möchte. — Am 5. Juni werden wir mit Freunden picknicken (wenn es das Wetter zulassen sollte), und ich möchte im Juli, August endlich mal wieder die Badeseen abklappern. Das neue Fahrrad, ein Geburtstagsgeschenk von Ian, bereitet mir große Freude.

Im November erscheint ein Buch, auf das ich schon gut und gerne 25 Jahre warte: Tippi Hedrens Memoiren. Der Pressetext des Verlags liest sich zartschmelzend-köstlich, und das Cover wird der Lady absolut gerecht:

tippi

Ansonsten bin ich gespannt, ob und welche Filmfestivals Sur les traces de ma mère noch mitnehmen kann; durch die Verzögerungen haben wir schon unter anderem Cannes und Nantes verpasst. Die Wut darüber ist einem leichten Achselzucken gewichen — was soll’s auch?
Schaut doch bitte während meiner Abwesenheit regelmäßig auf meinen Kalender, der wie üblich ständig aktualisiert wird. Morgen werdet Ihr noch einen herrlichen Filmtipp serviert bekommen, und dann freue ich mich auf ein Wiedersehen mit Euch im September.
Habt einen glorreichen Sommer, lasst es krachen,

André

24. Mai 2016

Alexander van der Bellen hat es um Haaresbreite geschafft; nicht einmal ein Prozent trennte ihn von seinem Konkurrenten. Ob einen ein solches Wahlergebnis freuen kann, ist schwer zu sagen. Bestenfalls ist man erleichtert, dass Norbert Hofer es nicht ist. Dennoch zeigt dieses Kopf-an-Kopf-Ergebnis, dass Österreich gespalten ist. In den ländlichen Regionen lag die FPÖ ganz klar vorn, in den Städten waren es die Grünen. Es ist ganz aufschlussreich, sich die Wahlergebnisse unserer Nachbarn anzuschauen, ob Frankreich, Polen, Schweiz oder eben jetzt Österreich. Der Rechtsruck ist da, wobei ich auch nicht mehr ernsthaft in den Kategorien »links« und »rechts« denken mag und kann. Sagen wir, Europa wird kälter, brauner, wie Morast. Wir in Deutschland: mittendrin, glitschig, einsackend. Der Erfolgskurs der AfD zeigt dies in aller Deutlichkeit, und man wartet vergebens darauf, dass die Vernunft — immer ominöser, verschleierter, geduckter — sich der Sache annimmt. Zwischen Aiman Mazyek und Frauke Petry sollte es gestern, wenn auch beiderseitig eher halbherzig, zu einem Dialog kommen, der dann doch nicht zustande kam. Dann, auf YouTube, schaut man sich Clips von Maya Angelou an, in denen sie über Respekt, Mut und Liebe spricht, und merkt beschämt, wie weit die Welt sich davon abgewandt hat.

serenity

Der Bus nach Hannover am Sonntagmorgen war bis zum letzten Platz mit Fußball-Fans aus Dortmund belegt, die ihre Niederlage gegen die Bayern mit reichlich Bier begossen hatten und zum Glück den Großteil der Fahrt schliefen. Abends mit meinen Eltern zum ersten Mal seit langem wieder einen »Tatort« geschaut. Als Krimi steif und vorhersehbar, als Drama jedoch durchaus bewegend und prima gespielt. Gefiel mir. Sommerwetter, Grillen mit der Familie, schöne Gespräche und Helena. Gestern flogen meine Eltern nach Spanien; Nadine, die Kleine und ich brachten sie zum Flughafen. Habe Helena viel herumgetragen, ihr Haar gerochen — dieser Babygeruch, den man nur unzureichend beschreiben kann —, ihr von den Großeltern erzählt und das »Biene Maja«-Lied vorgesungen. Nach dem Aufwachen lachte sie mich an. Sie hat blaue Kulleraugen und etwas Verschmitztes, Keckes. »Sie wird bestimmt mal sehr sportlich«, sagt Nadine in Hinblick auf ihre kräftigen Beine, mit denen sie sich jetzt schon willensstark abzustützen versucht. Helena ist ein ausgeglichenes Baby, alles in allem. Nachts schläft sie ganz gut durch, tagsüber hält sie uns auf Trab. In ihren Gesichtsausdrücken sehe ich zuweilen meine Oma Agnes vorbeihuschen, sie hat viel von Nadine, und manchmal, wenn sie den linken Teil der Oberlippe hochzieht, schimmert ihr Vater durch. Ich liebe es, ihr zuzuschauen, diesem kleinen Menschen mit den klugen Augen, der gerade alles mit großer Neugier entdeckt. Das Mobile, das Tiergeräusche macht, findet sie besonders aufregend.
Bootsmann ist ganz grau geworden, sogar an den Pfötchen. Er ist übergewichtig und die Gelenke ganz steif. Ihn strengt das Baby an, er kann mit ihm nichts anfangen. Odie hingegen beobachtet ganz genau, was im Hause vor sich geht.

Um 10:50 Uhr fährt heute der Bus nach Hause. Hoffentlich kriege ich am Nachmittag meinen Computer aus der PC-Klinik zurück. Sur les traces de ma mère ist fertig und tritt morgen eine Reise gen Paris an. Von Antony gab es schon ein erstes Feedback, auch Alexandre meldete sich. — Was Cannes angeht, da freue ich mich natürlich für Ken Loach, doch Xavier Dolans Rede zu »Juste la fin du monde« (2016) schnitt mir ins Herz. Ohne den Film gesehen zu haben, weiß ich, dass die Kritiker nicht ganz bei Trost gewesen sein können.
Kommt gelassen durch diesen Dienstag,

André