Filmtipp #268: Die schreckliche Wahrheit (Screwball-Frühling II)

Die schreckliche Wahrheit

Originaltitel: The Awful Truth; Regie: Leo McCarey; Drehbuch: Viña Delmar; Kamera: Joseph Walker; Musik: Morris Stoloff; Darsteller: Irene Dunne, Cary Grant, Ralph Bellamy, Alexander D’Arcy, Cecil Cunningham. USA 1937.

the awful truth

»Schau dir bloß diesen Regen an!« — »Wieso? Tut er noch was anderes außer fallen?«

Von allen mir bekannten screwball comedies, ein von mir bevorzugtes Genre, ist mir »The Awful Truth« vermutlich die liebste. Ein Film, der streckenweise wie abfotografiertes Theater wirkt, eine letztlich mediokre Story hat — und trotzdem zur Championsleague in der Kombination von Text und Darstellung gehört. Die Meisterleistung der Dramaturgie fußt nicht auf der Allerweltsgeschichte der austauschbaren Handlung, sondern entfaltet sich über die hohe Qualität des gesprochenen Wortes, das den Film wie eine musikalische Komposition trägt: ein Lehrbeispiel für Dialogführung, ein pikant-spitzzüngiges Verbalkräftemessen zwischen Mann und Frau.

Eine Verkettung von albernen Missverständnissen führt dazu, dass sich die Eheleute Lucy und Jerry Warriner gegenseitig der Untreue verdächtigen und um Scheidung ersuchen. Die offizielle Trennung wird durch die Auseinandersetzung um das Sorgerecht für den gemeinsamen Hund Mr. Smith (der von dem talentierten Terrier Asta gespielt wird, der aus The Thin Man bekannt ist) beeinträchtigt. Die Entscheidung des Richters lautet: Das Tier kommt in die Obhut von Lucy, während dem Noch-Gatten lediglich ein Besuchsrecht eingeräumt wird. Von dem macht Jerry dann auch reichlich Gebrauch, um den Lebenswandel seiner Gattin zu beobachten, die von einem entsetzlich naiven Landei (hervorragend: Ralph Bellamy) umgarnt wird. Den Warriners bleiben 90 Tage, bis die Scheidung rechtskräftig wird; Zeit genug, sich wieder zu versöhnen, denn obschon auch Jerry zwischenzeitlich Damenbekanntschaften macht, lieben er und Judy einander immer noch.

Nach einer Stummfilmversion (1925) und einer etwas zu zahmen Fassung mit Henry Daniell und Ina Claire (1929) war »The Awful Truth« bereits die dritte Verfilmung von Arthur Richmans Bühnenstück gewesen — und ein riesiger Publikumserfolg. Besonders die Darsteller — »The Awful Truth« ist bis in die kleinsten Nebenrollen hervorragend besetzt! — wurden mit Lobeshymnen bedacht. Dabei hatte Cary Grant sich während der Dreharbeiten äußerst unwohl gefühlt und sich sogar aus seinem Vertrag rauskaufen wollen. Er und Irene Dunne, die für ihr locker-spaßiges Spiel sogar für einen Oscar vorgeschlagen wurde, arbeiteten in der Folgezeit noch zwei weitere Male in ähnlich gelagerten Filmen zusammen. Weitere Nominierungen gab es für Ralph Bellamy, den Schnitt, das Drehbuch und in der Sparte Bester Film, doch lediglich Leo McCarey konnte die Statuette als Bester Regisseur in Empfang nehmen. 1953 gab es noch ein Remake mit Jane Wyman und Ray Milland, das weder den Charme noch den Witz der McCarey-Verfilmung erreichen konnte. Dieser Film gehört wirklich in jede Sammlung!

André Schneider

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Filmtipp #267: Es geschah in einer Nacht (Screwball-Frühling I)

Es geschah in einer Nacht

Originaltitel: It Happened One Night; Regie: Frank Capra; Drehbuch: Robert Riskin; Kamera: Joseph Walker; Musik: Howard Jackson; Darsteller: Clark Gable, Claudette Colbert, Walter Connolly, Roscoe Karns, Alan Hale. USA 1934.

it happened one night

»Guten Morgen! Erinnern Sie sich? Ich bin der Mann, mit dem Sie letzte Nacht geschlafen haben.« — »Ich glaube, dafür habe ich mich schon bei Ihnen bedankt.«

Eigentlich ist es eine traurige Geschichte, die Frank Capra hier erzählt: Verzweiflung, Hungerstreik, Flucht, Verfolgung und ein unglückliches Ende. Eine junge Frau aus reichem Hause, die alles hat und haben kann, damit jedoch nicht die Leere ihres Luxuslebens ausfüllen kann, stiehlt sich aus Protest gegen ihren Vater von dessen Yacht und macht sich auf eigene Faust auf die Reise von Miami nach New York. Begleitet wird sie von einem windigen Reporter, der sie erkannt hat und eine gute Story wittert. Während ihrer abenteuerlichen Reise regen sich bei beiden natürlich Gefühle, die jedoch keiner zugeben möchte…

Die typischen Merkmale einer screwball comedy — der Kampf der Geschlechter, schnippische Dialoge, Klassenunterschiede und die Probleme der Reichen, alles mit respektlosem Humor behandelt — sind in Capras Klassiker vollendet zusammengeführt und wiesen die Richtung für die weitere Entwicklung des Genres in den 1930ern. Die Entstehungsgeschichte von »It Happened One Night« ist angesichts seines enormen Erfolgs umso verwunderlicher: Louis B. Mayer hatte die Vorlage als Filmstoff abgelehnt, und so war sie bei dem kleineren Studio Columbia gelandet, wo man gleichfalls nicht sonderlich angetan war. Myrna Loy, Margaret Sullavan, Miriam Hopkins, Carole Lombard und Constance Bennett lehnten es ab, die weibliche Hauptrolle zu übernehmen, und dem männlichen Part ging es kaum besser: Clark Gable wurde von MGM dazu verdonnert, den Film zu machen, weil dieser das Studio mit seinen überhöhten Gagenforderungen verärgert hatte. Ihm zur Seite stellte man die als widerspenstig geltende Claudette Colbert, die alles andere als begeistert war, in einem Film spielen zu müssen, in dem sie gerade mal zwei Kleider tragen durfte. Mit viel Verhandlungsgeschick schaffte sie es, dass ihre Gage auf 50.000 Dollar verdoppelt (!) und ihre Drehzeit auf vier Wochen komprimiert wurde, damit sie im Anschluss mit Freunden in den Skiurlaub aufbrechen konnte. Sie und Gable waren am Ende erstaunt, wie locker, komisch und improvisationsbereit Regisseur Capra den Film durchzog. Dennoch wurde er von der Kritik kaum beachtet und war auch an der Kasse zunächst nicht besonders erfolgreich. Erst bei seinem Zweitstart erwies sich »It Happened One Night« als überwältigender Erfolg und heimste als erster und bis 1975 einziger Film die fünf wichtigsten Oscars ein: Bester Film, Regie, Drehbuch, Hauptdarstellerin und Hauptdarsteller. 1945 und 1956 entstanden zwei äußerst schwache Remakes.

André Schneider