28. November 2018

Jahres-Rückblick 2018

Vor zehn Jahren habe ich diesen Fragen-Katalog schon einmal ausgefüllt. Scheint mir fast, als war das ein anderes Leben. Wie damals steht auch jetzt eine längere Blog-Pause im Raum, so dass ich bereits Ende November auf das Jahr zurückblicke. Unterm Strich war 2018 ein fleißiges, turbulentes Jahr voller Umbrüche — neue Ausbildung, neuer Job, Therapie —, das ich positiv bewerten möchte.

Beste CD 2018: Federico Albanese: »By the Deep Sea«.
Schlechteste CD 2018: Habe dieses Jahr wenig Geld für CDs ausgegeben. Somit war bei meinen Käufen auch nichts Enttäuschendes dabei.
Bester Film 2018: Am meisten bezauberte mich El ojo del huracán. Es war aber auch eine prima Kinosaison.
Schlechtester Film 2018: Im Kino: »The Meg« (Regie: Jon Turteltaub) und »L’amant double« (Regie: François Ozon), aber selbst die waren unterhaltsam.
Schönste Begegnung 2018: Das war eine Wiederbegegnung mit einer wunderschönen Frau, die ich seit 1998 nicht mehr gesehen hatte.
Schlimmste Begegnung 2018: Gab es nicht. Vermutlich eine Art Entschädigung des Schicksals für die grässlichen Begegnungen der Jahre 2016 und 2017.
Das größte Herzklopfen 2018: Als ich Ende Januar die Zusage für meinen Job bekam. Und bei jeder Klausur, die ich schrieb.
Schönster Job 2018: Der, den ich jetzt ausübe.
Blödester Job 2018: Gab es nicht. Endlich!
Coolste Anschaffung 2018: Es war keine Anschaffung im eigentlichen Sinne, sondern ein Geburtstagsgeschenk von Connie: Ein Notizbuch, dessen Papier zu 80% aus Stein besteht. (Guckt mal hier: On The Rocks.) Das ist wirklich eine richtig coole Sache!
Überflüssigste Anschaffung 2018: Diese kleine Klimaanlage, die so rein gar nichts brachte.
Beste Entscheidung 2018: Mein Leben zu ändern, noch einmal zu studieren und künftig mit Kindern zu arbeiten.
Blödeste Entscheidung 2018: Da fällt mir (auch nach längerem Nachdenken) glücklicher- und erstaunlicherweise keine ein.
Wichtigste Gedanken 2018: Oh, das waren und sind viel zu viele. Es war ein gedankenreiches Jahr mit reichlich Arbeit an und in mir. (Stichwort: Psychoanalyse.)
Größter Schreck 2018: Das war vermutlich Ians Herzinfarkt.
Schönster Ausflug 2018: Spreewald, Brüssel, Donzy.
Größter Traum 2018: Eher ein Plan-Traum, der noch ein Weilchen auf seine Erfüllung warten muss und aus Gründen des Aberglaubens hier nicht verraten werden darf.
Lieblingsbuch 2018: Alice Miller: »Am Anfang war Erziehung«, André Aciman: »Call Me by Your Name«, Jordan B. Peterson: »12 Rules for Life«, Greg Sestero und Tom Bissell: »The Disaster Artist«, Katey Sagal: »Grace Notes«, Brendan O’Neill: »A Duty to Offend«. Viel mehr schaffte ich dieses Jahr auch nicht.
Schönster Moment 2018: Das Klassentreffen.
Schlimmster Moment 2018: Die Trennung.

»Wir wollen in unseren Zimmern liegen / und knutschen, bis wir müde sind«, singt der Tocotronic-Sänger. Die Zeilen des Songs (»Die Erwachsenen«) sind in so anschmiegsame Arrangements gepackt, dass ich sie tagelang vor mich hinsumme, auf ihnen durch die Straßen schwebe und mich in sexy Knutsch-Träume hineinsteigere; liebliche Inseln des Eskapismus in einem tobenden Meer aus Stress und Terminen. Filmküsse. Erinnert Ihr Euch an diesen ersten Kuss in Rear Window, wenn Grace Kelly sich zur Kamera herunterbeugt und quasi uns, den Zuschauer, küsst? Dieser Kuss ist physisch spürbar, so elektrisierend hat ihn Hitchcock eingefangen. Oder der Großaufnahmen-Kuss in Marnie, der betörend schöne Hals von Jennifer Ehle in Bedrooms & Hallways oder der Zungenkuss in De vierde man. — Während die letzten Ausläufer des Krankseins sich in beschaulichen Hustenanfällen entladen, darf ich Tag für Tag eine Kleinigkeit abhaken. Meine Hausarbeit ist abgegeben, die Klausur über Arbeitsrecht nachgeschrieben, und gestern war die Hospitation in der Bücherwurm-Grundschule in Hönow. Jetzt stehen nur noch mein Keuchhusten-Referat und die Abgabe meiner Kunstmappe aus. Am 24. und 25. haben wir gedreht. Zehn Stunden pro Tag, seitenlange Szenen mit Schnellschuss-Dialogen und -zig Kostümwechsel. Aber es hat Spaß gemacht, Edelgard und Karoline sind prima Kolleginnen. Um mich selbst für die Strapazen zu belohnen, habe ich mir für fünf Euro eine Bacharach-CD gekauft: Elvis Presley, Isaac Hayes, Petula Clark, Dusty Springfield, Aretha Franklin, Scott Walker, Dionne Warwick, Neil Diamond, Etta James, Barbra Streisand und andere singen insgesamt 40 Bacharach-Songs. 2018 fing ja mit einer ausgiebigen Bacharach-Phase an; ich find’s konsequent, es dementsprechend zu beenden. Wenn schon Ohrwürmer, dann bitte gute!

Dies soll für wenigstens ein Jahr der letzte Beitrag auf diesen Seiten sein. Wer Sehnsucht nach meinen Filmtipps hat, kann sie sich hier anschauen. Selbiges gilt für die Rezepte, die hier zu finden sind. Selbstverständlich werde ich die Termine immer auf den aktuellsten Stand bringen, und sollte es ganz wichtige Neuigkeiten geben — vielleicht erscheint Les Fantômes 2019 doch auf DVD? —, dann werde ich die Blog-Pause dafür auch unterbrechen.
Das Schreiben, so wie ich es tun möchte, braucht vor allem Luft. Es will atmen. Dazu muss ich ihm Zeit lassen, und Zeit habe ich, wie die letzten Monate mir zeigten, augenblicklich zu wenig, um meinem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Und das »neue Leben«, das ich mir gerade schaffe, ist mir auch zu wichtig, um es zu beschneiden. 2019, das wird (auch) eine Reevaluation des Bekannten. Im Sommer steht das ersehnte Praktikum in Frankreich an, ab Herbst werde ich 200 Stunden in einer Grundschule arbeiten müssen. Währenddessen marschiert das Studium weiter, und das tut es mit ausufernd großen und wieselschnellen Schritten. Die Monate bis zum Schreiben der Facharbeit werden nur so fliegen. Sicher werde ich zwischendurch auch mal durchatmen können, dann würde ich aber gerne für mich schreiben und schauen, ob ich einen guten Anfang für »Ein Löwe im Goldfischglas« finde…
Kommt gut durch den vorweihnachtlichen Trubel, rutscht gut hinüber und habt ein glorreiches 2019. Ich hoffe, wir lesen uns Anfang 2020 wieder — ich freue mich weiterhin über jede Zeile von Euch!

André

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23. November 2018

Vor sieben Jahren (November 2011)…

Als die Spätvorstellung von »Suspiria« (Regie: Luca Guadagnino) in der Nacht zum 17. November endlich vorbei war, verließen Ian und ich schweigend das Kino und empfanden wohl dasselbe: tiefe Ratlosigkeit. Der Film war per se nicht schlecht — dafür war allein schon die Einzelleistung von Tilda Swinton in drei unterschiedlichen Rollen (!) zu eindrucksvoll —, aber es blieb ein schaler Geschmack zurück. Auf dem Nachhauseweg spürte ich schon, dass mit mir etwas nicht stimmte, und keine acht Stunden später trieben Schüttelfrost und Fieberschub ein abwechslungsreiches Spiel mit mir. Am Montag schrieb mich eine Ärztin hier im Kiez krank. (Die Klausur, die am Dienstag geschrieben wurde, darf ich kommende Woche nachschreiben.) Als ich gestern wieder zur Arbeit erschien, schickte man mich nach zwei Stunden und dem dritten Hustenanfall wieder nach Hause. Fast eine ganze Woche Bettruhe. Dazu Tee und heiße Zitrone im Wechsel. Keine feste Nahrung. (Der behutsame Versuch, am Dienstag trotz anhaltender Appetitlosigkeit etwas zu mir zu nehmen, hatte sich kurz darauf gerächt.) Ich bin ein furchtbarer Kranker: genervt, wehleidig, unleidlich, sozial unverträglich und zuweilen auch paranoid: »Ich glaube, ich sterbe!« — Wenn mein Kalender mich nicht belügt, war ich 2018 insgesamt 24 Tage krank. Hier mal ein Migräne-Tag, dort mal ein Wochenende mit einem kurzen Grippe-Anflug, und zweimal mussten Antibiotika ran. Besonders unangenehm war die Mittelohrentzündung im Mai. »Hast du in letzter Zeit viel Stress?« fragte mich mein Hausarzt beim letzten Routine-Check. »Sie sind urlaubsreif«, diagnostizierte Frau A. vor zwei Wochen. »Du siehst nicht gut aus«, konstatierte meine Nachbarin, das Frauchen von Milow.
Objektiv gesehen ist es eigentlich nicht viel. Eine ganz normale 40-Stunden-Woche. Plus hier und da eine Hausaufgabe, ein Referat, eine Klausur. Gut, zwei Analyse-Termine die Woche, das schlaucht schon, aber die sind auch wichtig für meine Gesundheit, und die Stunden auf dem Fahrrad sind praktisch mein Cardiotraining. Trotzdem ertappe ich mich zuweilen bei der Frage, wie meine Kommilitonen das machen? Da ist kaum jemand, der nicht (mindestens) ein Kind hat! Okay, bis auf eine Ausnahme haben sie auch alle eine/n Partner/in, mit dem/der sie sich die Arbeit teilen. Aber trotzdem… — 2019, wenn Ians Film als zusätzlicher Stresslieferant abgehakt ist, werde ich mich mehr um meine Gesundheit kümmern, die Wochenenden als solche nutzen und meine Ernährung überdenken: mehr frisches Obst, weniger Milchprodukte.
Meine kurze Zwischenmeldung heute ist einer meiner letzten Beiträge vor der längeren Blog-Pause, und ich möchte sie gerne mit etwas Positivem beenden. Das Kranksein hat zwei schöne Aspekte. Erstens kommt der kleine Hund mal wieder zu seinen Kuscheleinheiten, zweitens kann man bettlägrig mal wieder ein Hörspiel hören (»Der Schwarm« von Frank Schätzing) und das Kopfkino anschmeißen.
Heute geht’s endlich wieder zur Arbeit! Euch allen schon einmal einen gesunden Start ins Wochenende!

André

17. November 2018

Félix Maritaud wurde verdientermaßen für einen César nominiert, und meine Freude darüber ist groß. Einen Schauspieler zu sehen, der in seinem Tun so aufgeht, leidenschaftlich und intensiv, ist ein beinahe ekstatisches Erlebnis für mich. Diesen Monat wird »Sauvage« (Regie: Camille Vidal-Naquet) auch endlich bei uns ins Kino kommen.
Im Renaissance-Theater läuft noch bis zum 18. — also morgen — »Der nackte Wahnsinn« von Michael Frayn, seit jeher eines meiner absoluten Lieblingsstücke. Das Publikum war außer sich vor Lachen, Ian und mir taten hinterher richtig die Bäuche weh. Eine klassische Türenklapp-Komödie, gespickt mit Insider-Wissen über das täglich Brot des Schauspielers, welche die Pointen mit Maschinengewehr-Geschwindigkeit herausschleudert. Es ist der Wahnsinn. Es gibt eine kongeniale Bogdanovich-Verfilmung des Stücks mit Michael Caine und Carol Burnett, im Renaissance-Theater stehen unter anderem Boris Aljinović, Katharina Thalbach, Ralph Morgenstern und Petra Zieser auf der Bühne. Die Thalbach als Dotty zu sehen, das dürfte eines meiner eindrucksvollsten Theater-Erlebnisse gewesen sein. Die Inszenierungen des Renaissance-Theaters haben mich bislang noch nie enttäuscht. Barbara spielte ja seinerzeit mit Aljinović in »Mondlicht und Magnolien« und mit Judy Winter in »8 Frauen«, zwei ebenfalls ganz ausgezeichnete Inszenierungen — leider, leider Ausnahmen in einer Berliner Theaterlandschaft, die mich über die Jahre zunehmend desillusionierte und mir nach und nach das Feuer für dieses Metier nahm. Aber gut, ich schweife ab und möchte mit meinem Gemecker nicht langweilen. Ich möchte den Berliner Lesern lediglich nahelegen, sich heute oder morgen noch einmal ins Renaissance-Theater zu bequemen. Die Inszenierung hat es wirklich verdient und wird vermutlich in absehbarer Zeit nicht wieder zu sehen sein.

Viel gibt es nicht zu erzählen. Das Kita-Fest lief trotz einiger Fallstricke sehr gut, und das zwei Tage später stattfindende Deeskalationsseminar mit Herrn Braatz hätte ruhig noch ein paar Stunden länger dauern können, so interessant und lehrreich war es. Am Montag machten wir eine Wanderung von Grünau nach Friedrichshagen und besuchten die Waldschule am Teufelssee. All dies sind aber Alltagsgeschichten, die vielleicht nicht so spannend für Euch sind. Bliebe zu berichten, dass sich ein (französischer) Verleih bei uns gemeldet hat. Offenbar hat Les Fantômes deren Interesse geweckt. Alexandre hat ihnen den screener geschickt. Warten wir ab, ob, wann und wie wir wieder von ihnen lesen.

Szenenfoto © by Michael Terhorst

Ende des Monats habe ich zwei Drehtage mit Edelgard Hansen und Karoline Schürer für Ians Film, Anfang Dezember dann noch zwei mit Hans Berlin. Das Projekt stückelt sich ganz schön, aber die Familien-Atmosphäre, die einer Filmarbeit so gespenstisch zu eigen ist, hat sich mittlerweile wohlig eingestellt, und alle, die dabei sind, glauben an den Film. Dafür, dass Ian nie zuvor ein Drehbuch geschrieben hat, ist ihm eine gute, runde Geschichte mit viel Charme und schrägen Charakteren gelungen.
Und damit, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich Euch ein angenehmes November-Wochenende. Herzlichst, Euer

André