Filmtipp #611 bis #613: Jean Sebergs 1960

Heute würde Jean Seberg ihren 80. Geburtstag feiern. Nachdem ich unlängst bereits Romy Schneider und Nieves Navarro mit Filmtipps zu ihren runden Ehrentagen gratuliert habe, möchte ich heute dasselbe für Seberg tun. Ausgesucht habe ich mir die drei Filme, die zwischen Februar und November 1960 mit ihr in Paris entstanden waren. Nach dem Sensationserfolg von »À bout de souffle« (Regie: Jean-Luc Godard) hatte die junge Schauspielerin jede sich ihr bietende Chance genutzt, um Geld zu verdienen. Dabei kamen leider nicht immer nur gute Filme heraus, meist jedoch ganz interessante. »Let No Man Write My Epitaph« (Regie: Philip Leacock) war in Hollywood entstanden, wo Seberg noch bei der Columbia unter Vertrag stand. Sie selbst hat den Film, in dem Shelley Winters, Burl Ives und Ella Fitzgerald mitspielten, nie gesehen und sprach eher abfällig über diese Erfahrung. (Er war entstanden, als »À bout de souffle« zwar schon abgedreht, aber noch nicht gestartet war.) In ihrer Wahlheimat Frankreich bot man ihr größere und abwechslungsreichere Rollen an, allerdings nicht die exorbitanten Gagen, die in den Vereinigten Staaten Usus waren. Alle drei 1960 gedrehten Streifen liefen im Februar 1961 in Frankreich an. Der erste war ein altbacken-harmloser Unterhaltungsfilm, den sie ihrem (Noch-)Ehemann zuliebe gemacht hatte, während der zweite ein liebevoll ausgearbeitetes Drama mit viel Charme, Esprit und Maurice Ronet wurde. Beim dritten Film handelte es sich um eine kokette Komödie unter der Regie von Philippe de Broca, die Seberg später selber für eine ihrer besten Arbeiten hielt. De Brocas Film ist auch bei uns (synchronisiert) auf DVD erschienen, die anderen beiden Filme müsstet Ihr Euch in Frankreich bestellen.

#611: Brennende Haut

Originaltitel: La récréation; Regie: Fabien Collin, François Moreuil; Drehbuch: François Moreuil, Daniel Boulanger; Kamera: Jean Penzer; Musik: Georges Delerue; Darsteller: Jean Seberg, Christian Marquand, Françoise Prévost, Evelyne Ker, Simone France. Frankreich 1961.

La récréation

La récréation

In ihrem kurzen Leben ging Jean Seberg dreimal den Bund der Ehe ein, und mit jedem ihrer Ehemänner drehte sie (mindestens) einen Film. Kurioserweise war dies immer eine schlechte Entscheidung, die Werke waren ausnahmslos künstlerisch oder kommerziell misslungen — meist beides. François Moreuil war von 1958 bis 1960 Sebergs Angetrauter. Mit dem Filmgeschäft hatte er nur marginal etwas zu tun, er war eigentlich Anwalt. Er unterstützte Godard publizistisch bei »À bout de souffle« (1960) und war William Wylers Produktionsassistent bei How to Steal a Million. »La récréation«, im Frühjahr 1960 gedreht, wurde sein erster und einziger Spielfilm fürs Kino. (Er inszenierte später noch einige TV-Beiträge und produzierte drei Dokumentarfilme.) Unterstützung erfuhr er von dem wesentlich erfahreneren Regieassistenten Fabien Collin, der ab 1950 für Henri Decoin, Henri Verneuil, Victor Vicas und Julien Duvivier tätig gewesen war. Moreuil und Collin nutzten für ihr konventionelles Melodram die ungeheure Popularität, welche Jean Seberg dank ihrer Arbeit mit Godard zuteil geworden war, und schnitten den Film ganz auf sie zu. Es half sicherlich auch, dass die Autorin der Vorlage ebenfalls ein junger Star war: Françoise Sagan, die mit ihrem Skandal-Bestseller Bonjour Tristesse schon einmal die Story zu einem Seberg-Film geliefert hatte.

Was erzählt »La récréation«? Im Kern geht es um ein moralisch-ethisches Dilemma einer jungen Frau. Kate (Seberg) ist Amerikanerin und Schülerin eines prestigeträchtigen Pariser Internats. Von ihrem Fenster aus beobachtet sie einen Bildhauer (Marquand), der sie fasziniert. Ein stürmischer Flirt entbrennt. Doch eines frühen Morgens wird Kate Zeugin, wie ein junger Soldat von einem offensichtlich Betrunkenen angefahren und getötet wird. Der Fahrer ist — natürlich! — Kates leichtlebiger Bildhauer. Er begeht Fahrerflucht. Mit der Frage, was Kate jetzt tun wird, beschäftigt sich der gut gemachte, aber insgesamt doch artig-belanglose Film, den Jean Seberg ihr »Abschiedsgeschenk« an Moreuil nannte. Das Paar lebte während der spannungsreichen Dreharbeiten bereits in Trennung. (Seberg hatte eine Affäre mit Romain Gary, den sie zwei Jahre später heiratete.) Die Scheidung war am 21. September 1960 durch, und »La récréation« kam im Februar 1961 in die französischen Kinos — praktisch zeitgleich mit den beiden anderen (und besseren) Filmen, die Seberg im Anschluss gedreht hatte. Die Besprechungen in der Presse waren lausig, aber seine Kosten spielte »La récréation« mühelos ein, da bereits Deals mit Verleihern in den USA und der BRD ausgehandelt worden waren, wo Jean Seberg durch ihre Arbeiten mit Preminger und Godard schwer angesagt war.

#612: Die Erwachsenen

Originaltitel: Les grandes personnes; Regie: Jean Valère; Drehbuch: Roger Nimier, Jean Valère; Kamera: Raoul Coutard; Musik: Germaine Tailleferre; Darsteller: Jean Seberg, Maurice Ronet, Micheline Presle, Annibale Ninchi, Françoise Prévost. Frankreich 1961.

Les grandes personnes

Les grandes personnes

»Les grandes personnes« führte Jean Seberg zum ersten Mal mit Maurice Ronet zusammen, mit dem sie sich vortrefflich verstand. Vor der Kamera hatten die beiden eine gute Chemie, so dass bis 1968 noch drei weitere gemeinsame Filme folgten. Seberg mochte »Les grandes personnes« nicht sonderlich. Sie habe den Film »aus kommerziellen Gründen« gemacht. Für den Regisseur Jean Valère, ehemals Assistent von Max Ophüls und Marcel Carné, war es der erst zweite Spielfilm. Zur Blütezeit der nouvelle vague mit jungen Talenten wie Truffaut und Chabrol war Valère ein Filmemacher der altmodischen Art, der routiniert zu inszenieren vermochte, aber für die Zartheit der Liebesgeschichte zu intellektuell an die Sache heranging. Anlässlich des bundesdeutschen Kinostarts am 10. März 1961 schimpfte der »Spiegel«: »In dieser faden Liebesgeschichte […] erweist sich Raoul Coutard […] als sein eigener Epigone. Die Kamera fängt nur eine pathetische Öde ein, welche die redseligen Beteuerungen der Dialoge noch aufdringlicher macht.« — In der Tat, die Story ist banal, aber durch Coutards suggestive Kamerasprache gelingt hier ein melancholisch-schönes Portrait des (damals) modernen Großstadtlebens. Raoul Coutards größte Stärke war das Einfangen des Alltäglichen ohne Kunstlicht. Dadurch gelangen ihm Bilder von erlesener, damals nur selten gesehener Authentizität und Schönheit. Bei »Les grandes personnes« ist alles ein wenig dunkel, es schwebt eine spielerische Zwielichtigkeit über den Protagonisten. Micheline Presle spielt Michèle, eine Pariser Modedesignerin mit einem Atelier in der Galerie Lafayette und einer schmucken Stadtwohnung in der Rue Rivoli, die versucht, sich das Leben zu nehmen, nachdem ihr Lover (Ronet) sie abserviert hat. Seberg spielt eine 19jährige Amerikanerin, die ihren reichen Onkel nach einem Herzinfarkt pflegt. Presle und Seberg lernen sich kennen, freunden sich an. Seberg lernt die »wichtigen Leute« (so der Originaltitel) von Paris kennen — cool, etwas zynisch, aber mit Stil. Der Glamour färbt auf das kleine Mädchen aus Nebraska ab, sie trägt Maßgeschneidertes aus den großen Modehäusern, kriegt den modischen Seberg-Haarschnitt verpasst und mausert sich zur waschechten Französin mit schwerem amerikanischen Akzent. Es kommt, wie es kommen muss: Seberg lernt den reichen, narzisstischen Liebhaber von Michèle kennen — und verliebt sich unsterblich. Dumm nur, dass er nicht loyal, nicht treu und nicht gerade freundlich ist. Der junge Autofabrikant liebt letztlich nur sich selbst, und jede Frau, die ihm zu nahe kommt (Françoise Prévost ist ein weiteres Opfer), hat einigen Schmerz zu ertragen… — Fazit: Ein interessantes Zeitdokument, das über die letzten 57 Jahre einiges an Mehrwert gewonnen hat!

#613: Liebhaber für fünf Tage

Originaltitel: L’amant de cinq jours; Regie: Philippe de Broca; Drehbuch: Daniel Boulanger, Philippe de Broca; Kamera: Jean Penzer; Musik: Georges Delerue; Darsteller: Jean Seberg, Micheline Presle, Jean-Pierre Cassel, François Périer, Carlo Croccolo. Frankreich/Italien 1961.

L'amant de cinq jours

L’amant de cinq jours

Philippe de Broca hatte schon mit seinen ersten Filmen »Les jeux de l’amour« (1960) und »Le farceur« (1960) sein Händchen für die leichtgewichtige, spritzige Komödie mit melancholischem Touch unter Beweis gestellt und in Jean-Pierre Cassel den idealen Protagonisten gefunden. (De Broca und Cassel drehten insgesamt sechs Filme miteinander.) Ab Oktober 1960 entstand in Paris und Umgebung der dritte Film der beiden. De Broca selbst mochte »L’amant de cinq jours« nicht sonderlich, viele Kritiker jedoch hielten das Werk für sein bis dato bestes. Die Balance zwischen vordergründiger Leichtigkeit und Schwermut wird hier perfekt gemeistert. Kameramann Jean Penzer kreierte Paris-Bilder in Schwarzweiß, die zu den schönsten der Filmgeschichte gehören dürften. Postkartenmotive, unterlegt mit einer zarten Walzermelodie von Georges Delerue, die in ein von flirrenden Streichern getragenes Arrangement eingebettet wurde und eine frühherbstliche Stimmung aufflammen lässt. De Broca lässt es in »L’amant de cinq jours« oft regnen. Nasses Kopfsteinpflaster und Tropfen, die an großen Altbaufenstern herunterrinnen. »L’amant de cinq jours« ist einer dieser Filme, die man immer wieder schauen möchte, weil sie einen in ihre eigene Welt ziehen, in der alles den Stempel der Schönheit trägt. Da wäre natürlich Jean Seberg, die mit ihrer dunklen Perücke einfach entzückend ist. Das Muttermal auf ihrer Wange, der lange, schlanke Hals, die vollen Lippen — eine umwerfend erotische Frau, damals gerade 22 Jahre jung. Es war nach »The Mouse That Roared« (Regie: Jack Arnold) ihr erster Ausflug ins komödiantische Fach, und ihre allererste typisch französische Komödie. Sie spielt Claire, eine Engländerin, die mit dem Langweiler Georges (Périer) verheiratet ist, zwei kleine Kinder hat und sich mit gelegentlichen Affären in Traumschlösser flüchtet. Bei der Modenschau ihrer Freundin Madeleine (Presle) lernt sie Antoine kennen — hervorragend von Cassel gespielt —, einen charmanten Luftikus, der sich von Madeleine aushalten lässt. Claire und Antoine beginnen ein Techtelmechtel. Sie treffen sich unterhalb der Woche, während Georges und Madeleine arbeiten. An den Wochenenden gehört Claire ihrer Familie, während Antoine seinen »Pflichten« Madeleine gegenüber nachkommt. Dieses Arrangement geht solange gut, bis sich Antoine ernstlich in Claire verliebt und eine Zukunft mit ihr planen will. Darüber hinaus kommt Madeleine hinter das Verhältnis und sinnt auf köstliche Rache…

De Brocas kleiner, feiner Film galt anno 1961 als frivol und unmoralisch. In den USA, wo er ab Dezember 1961 mit großem Erfolg in ausgewählten Arthaus-Kinos lief, war man schockiert über so viel Leichtfertigkeit. Bei der Berlinale war er für einen Goldenen Bären nominiert, war aber kein großer Publikumsmagnet. Philippe de Broca wandte sich bald darauf kommerzielleren Stoffen zu. Cassel wurde durch Jean-Paul Belmondo ersetzt und war darüber so erbost, dass er über 20 Jahren nicht mehr mit de Broca sprach, bis sie 1988 ein letztes Mal miteinander filmten. Auf der ansprechend aufgemachten deutschen DVD finden sich zwei interessante Dokumentationen, darunter auch eine, in der Vincent Cassel über die Filme seines berühmten Vaters spricht.

André Schneider

Noch mehr Filme mit Jean Seberg:
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Filmtipp #550: Maske des Grauens
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Filmtipp #303: Dead of Summer
Filmtipp #302: Plaisirs d’amour
Filmtipp #285: Die Straße von Korinth
Filmtipp #284: Bonjour Tristesse
Filmtipp #280: Les hautes solitudes

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Filmtipp #609 & #610: Der Tod küsst dich um Mitternacht & Die eiserne Hand des Todes

Wenn man an die großen Göttinnen des Giallo denkt, fallen einem vermutlich zuerst Edwige Fenech, Anita Strindberg oder Suzy Kendall ein. Ihre spanische Kollegin Nieves Navarro, besser bekannt unter dem anglophonen Pseudonym Susan Scott, vergisst man gerne mal, obschon sie in einigen sehenswerten Vertretern des Genres in Erscheinung trat. Tutti i colori del buio und Passi di danza su una lama di rasoio kommen einem da spontan in den Sinn. Zwischen 1965 und 1977 drehte sie insgesamt zehn Filme für den italienischen Produzenten und Regisseur Luciano Ercoli, mit dem sie ab 1972 auch verheiratet war. Bei fünf Filmen, von denen »Le foto proibite di una signora per bene« (1970) der erste war, führe Ercoli auch Regie. Anlässlich Navarros heutigem 80. Geburtstag möchte ich Euch die beiden »berühmtesten« Filme des Paares vorstellen — die bei Giallo-Fans äußerst beliebten »Death Walks«-Filme.
Schon im Februar 2016 sollten die »Death Walks«-Filme in Deutschland auf DVD erscheinen, doch der Veröffentlichungstermin verschob sich immer wieder aufs Neue; bis heute sind die Filme hierzulande nur als Import erhältlich. In England kamen sie als Doppelpack in einem schicken Schuber auf den Markt, der zahllose Extras enthält, unter anderem ein 60 Seiten starkes Booklet, spannende Audio-Kommentare von Tim Lucas sowie Interviews mit Ercoli, Navarro, Ernesto Gastaldi und Stelvio Cipriani. Die Edition kam 2016 auf den Markt und war streng limitiert, so dass er inzwischen für rund 200 Euro angeboten wird.

Der Tod küsst dich um Mitternacht

Originaltitel: La morte cammina con i tacchi alti; Regie: Luciano Ercoli; Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Mahnahén Velasco [May Velasco]; Kamera: Fernando Arribas; Musik: Stelvio Cipriani; Darsteller: Nieves Navarro [Susan Scott], Simón Andreu [Simon Andreu], Frank Wolff, Carlo Gentili, George Rigaud. Italien/Spanien 1971.

tacchi-alti

Eingedeutscht hieße der verspielt-hypnotische Streifen »Der Tod kommt auf hohen Stöckeln«. Das Skript von Ernesto Gastaldi schlägt hier originelle Richtungen ein. Es beginnt in einem Zug. Ein Juwelendieb wird ermordet. Der Täter stellt fest, dass der Dieb die Beute nicht bei sich trägt. Nun gerät die Tochter des Diebes ins Visier des Killers. Besagte Tochter heißt Nicole, wird von Nieves Navarro äußerst lustvoll gespielt und arbeitet in Paris als Tänzerin. Nachdem sie eine Attacke überlebt hat, verzieht sie sich nach England. Hier kommt es zu einem Handlungs-Twist: aus dem Thriller wird eine Romanze, aus der dann wieder ein Thriller wird. Nicole ist in England nicht allein. Ein Dr. Robert Matthews (Wolff) ist bei ihr. Die beiden verlieben sich ineinander, was nicht unproblematisch ist, denn Matthews ist verheiratet, und Nicole hat ihren Tunichtgut von einem Freund (Andreu) in Paris zurückgelassen. (Sie verdächtigte ihn, der maskierte Angreifer gewesen zu sein.) Eine Unbekannte versucht, Matthews zu erschießen. Nicole verschwindet spurlos. Ein engagierter Inspektor (Gentili) übernimmt die Ermittlungen — und der maskierte Mörder mordet weiter…

Ercoli versteht es gekonnt, uns in bester Psycho-Manier in die Irre zu führen. Dabei werden die Genres nach Gusto gemischt. Mit Carlo Gentilis Auftauchen schlägt der Film sogar den Bogen zur Komödie. Er verleiht seinem englischen Inspektor einen schrullig-trockenen Humor erster Güte. Luciano Rossis Auftritt als Dr. Matthews’ undurchsichtiger Hausverwalter ist ein schauspielerisches Glanzstück, das ein wenig an Klaus Kinski erinnert. Zu Nieves Navarro alias Nicole sei zu sagen, dass sie nur vorgeblich die Hauptrolle spielt, aber das tut sie mit Wonne und komödiantischer Manie.
Viele Passagen des 108 Minuten langen Streifens erinnern in ihrer Gestaltung an ein Musikvideo, Ercoli widmet sich ausgiebig den schönen Aufnahmen seines Kameramannes Fernando Arribas, die er Stelvio Cipriani mit einer seiner berühmtesten Kompositionen unterlegen ließ. Da wären beispielsweise die ausufernden Szenen zu Beginn des Films, in denen Navarro als Burlesque-Tänzerin zu sehen ist. Oder auch die Sequenzen an der englischen Küste, die keinen weiteren Zweck erfüllen als den der Schönheit. Hier entwickelt »La morte cammina con i tacchi alti« jenen verklärenden Sog, den wir von Sergio Martino kennen. Die Dreharbeiten führten das Team von Spanien über Italien und Paris bis nach London und Kent. Das traumhaft hübsche Landhaus, das eine zentrale Rolle spielt, befand sich allerdings nicht in Großbritannien, sondern an der Costa Brava.

Die eiserne Hand des Todes

Originaltitel: La morte accarezza a mezzanotte; Regie: Luciano Ercoli; Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Mahnahén Velasco [May Velasco]; Kamera: Fernando Arribas; Musik: Gianni Ferrio; Darsteller: Nieves Navarro [Susan Scott], Simón Andreu [Simon Andreu], Pietro Martellanza [Peter Martell], Carlo Gentili, Claudie Lange. Italien/Spanien 1972.

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Mailand. Die Welt der Mode. Valentina (Navarro) ist ein erfolgreiches Fotomodell. Für einen Freund, den Reporter Gio Baldi (Andreu), lässt sie sich auf ein schräges Experiment ein: Sie lässt sich das neuartige Halluzinogen HDS spritzen und ihren Drogenrausch fotografisch begleiten. Gio möchte die Drogen-Story an ein Klatschblatt verkaufen. Anfänglich ist der Trip noch ganz lustig. Valentina redet wirres Zeug, während sich das Gesicht Gios für sie in eine Affenfratze verwandelt. Doch dann wendet sich das Blatt, denn der Trip gerät außer Kontrolle und das Model wähnt sich in einem Alptraum: Sie beobachtet völlig benebelt, wie gegenüber eine Frau von einem Mann mit einem mit Nägeln bespickten Eisenhandschuh bestialisch ermordet wird. Der Täter trägt eine riesige Sonnenbrille. Valentina ist der Hysterie nahe. Erst, als sie wieder nüchtern ist, schildert sie ihrem Freund Stefano (Martellanza), was sie gesehen hat. Weder Gio noch Stefano nehmen sie sonderlich ernst, und der von ihr konsultierte Inspektor Serino (Gentili) stempelt sie sogar als sensationsgeile Drogensüchtige ab. Allerdings verkauft Gio die Story von Valentinas psychedelischen Killer-Trip an ein auflagenstarkes Blatt, das dummerweise auch von dem behandschuhten Mörder gelesen wird, der nun die Mission hat, eine lästige Zeugin aus dem Weg räumen zu müssen. Was in den folgenden Tagen passiert, ist so abenteuerlich, dass es Valentina den Boden und der Füßen wegreißt…

»La morte accarezza a mezzanotte« entstand ein Jahr nach »La morte cammina con i tacchi alti«. Cast, Crew und Titel der beiden Streifen sind praktisch identisch, aber ansonsten haben sie nichts miteinander zu tun. Der Vorgänger war unterm Strich nicht viel mehr als ein kokett mit Wendungen jonglierender Whodunit. »La morte accarezza a mezzanotte« ist vergleichsweise stringent konstruiert und in seinen Strukturen sehr klar — was in starkem Kontrast zur Handlung steht, in der eine psychotrope Substanz im Zentrum steht. Im Gegensatz zu »La morte cammina con i tacchi alti« ist hier die Identität des Killers kein großes Geheimnis und wird bereits früh im Film offengelegt. Der Thriller-Handlung übergeordnet ist ein verschlungener Verschwörungs-Plot, welcher »La morte accarezza a mezzanotte« ganz klar als ein Kind seiner Zeit brandmarkt. Wir befinden uns im Jahre 1972, die erste LSD-Mode ist bereits abgeklungen, aber die Schickeria ist immer und wieder auf der Suche nach neuen Kicks. Bewusstseinserweiterung ist en vogue, neue Reize müssen her. Dementsprechend erlesen, farbenfroh und glanzvoll sind auch die Bilder des Films. Ausstattung, Kostüme, Frisuren werden hier, vor allem in Verbindung mit Gianni Ferrios Musik, Teil des Rausches. Gleich in einer der ersten Einstellungen — der Titelvorspann ist noch nicht vorbei — reckt sich eine zeittypische Wohnzimmerlampe, die freudig ihre Farben wechselt, prominent ins Bild, während die miniberockte Nieves Navarro im Hintergrund durch die Wohnung wuselt. Konsequenterweise sind Navarros ständig wechselnden Outfits hier Dreh- und Angelpunkte der Filmgestaltung. »La morte accarezza a mezzanotte« verzichtet auf die obligatorische Liebesgeschichte ebenso wie auf Humor. Wir bleiben von Anfang bis Ende in den schwarzen Gewässern des Thrillers.

Eine stattliche Erbschaft bewog Ercoli 1977 dazu, das Filmgeschäft hinter sich zu lassen. Seine Frau folgte ihm 1989 ins Privatleben. Das Paar lebte zurückgezogen und glücklich in Barcelona. Die Ehe hielt 43 Jahre, bis Luciano Ercoli 2015 im hohen Alter von 85 Jahren verstarb.
Happy Birthday, Susan Scott! Thank you for the movies!

André Schneider

6. November 2018

Ein Altweibersommer bis in den späten Oktober. Noch am 14., es war ein Sonntag, ging ich ohne Jacke spazieren und sammelte Laub zum Basteln. Ein leichter Windstoß auf der Puschkinallee ließ einen goldenen Herbstregen aus Blättern weich auf die Erde prasseln. Ich fand Ahornblätter mit feuerrotem Rand, knallgelbes Laub von der Eberesche und tiefrote Eichenblätter. Ein kleines Blatt schwebte in der Luft, es hing an den Fäden eines zerfledderten Spinnennetzes und genoss den Tanz im Wind. Noch am späten Nachmittag hatten wir 24 Grad, in der Eisdiele im Vorderhaus herrschte Hochbetrieb, als Chelito und ich nach Hause kamen. Alles in allem denkbar schöne Momente in einer Zeit, die mir keine Luft ließ, sie zu genießen. Ich hangelte mich von Termin zu Termin, im Kopf meist schon beim nächsten, und war vor allem darauf bedacht, nichts zu vergessen. Arbeiten, lernen, Psychoanalyse, Vorbereitungen für ein Kinderfest, Fortbildung, Schulaufgaben, Projektarbeit, wieder lernen für die Klausuren im November. Dazwischen das langersehnte Wiedersehen mit Antony anlässlich der »Frig«-Vorführungen im Moviemento, das Konzert von Christine and the Queens, Drehtermine für Ians Film, lästige Hausarbeit und Einkäufe an den Wochenenden sowie das Flüstern der inneren Stimme: »Gesund bleiben! Gesund bleiben!« wird als Dauerschleife im Kopf abgespielt wie ein Mantra. Immer wieder schlich sich ein »Lasst mich doch alle in Ruhe!«-Gedanke ein. Von nicht enden wollenden Kopfschmerzen gequält, sagte ich das Uranium Film Festival ab.

Anfang Oktober lud mich Dieter Rita Scholl via Facebook ins Bundesplatz-Kino ein. Es wurde »Bruma« (Regie: Max Zunino) gezeigt, eine mexikanisch-deutsche Co-Produktion, in der sie eine der Hauptrollen spielte. Spätabends schrieb ich ihr folgende Nachricht: »Hab nochmals vielen herzlichen Dank für dieses noch immer nachwirkende Filmerlebnis. Du bzw. Ihr könnt sehr stolz sein. Ein lebensfroher, ›atmender‹ Film, der einen voll und ganz einnimmt und viel, viel Güte und Wärme ausstrahlt. Das hat auch viel mit Dir zu tun. Du bist Dein eigenes Werk geworden, you ooze warmth and dignity and wisdom. Da ist etwas (im beinahe esoterischen Sinne) Ganzheitliches, ein im-Reinen-Sein, das Du mit vor die Kamera bringst. Das hat Bruma sehr reich gemacht. Un film lumineux, wie die Franzosen sagen würden. Die anderen Schauspieler waren ebenfalls superb. Ich hoffe, hoffe, hoffe, dass Bruma sein Publikum auch hier finden wird.« — Die Vorführung hat mich noch einige Tage beschäftigt. Es ist eine Schande, dass der Film in Europa keinen Verleih findet. »Bruma« ist so vital und dynamisch — einer der schönsten Berlin-Filme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Die heimischen Produktionen scheinen der schroffen Schönheit gegenüber blind oder, schlimmer noch, gleichgültig geworden zu sein. Unsere Berlin-Filme vibrieren nicht mehr. Da ist gerade der Hype um »Babylon Berlin«, gewiss, aber das ist letztlich ein historischer Stoff. Ich mag Volker Bruch, Liv Lisa Fries, Lars Eidinger und Tom Tykwer, und der Song »Zu Asche, zu Staub« ist ein ständiger Begleiter geworden, wenn ich mit Chelito unterwegs bin, aber ich bin noch nicht bereit für die Serie. Aber ich spüre, was unser Kino anbelangt, ohnehin eine bittere Desillusion. So erzählte Wolfgang M. Schmitt im März einem Interviewer: »Die deutsche Filmkomödie hat zwei Hauptprobleme, die mit 1933 zu tun haben. Die guten Komödienregisseure, wenn sie nicht schon vorher gegangen waren und wenn es ihnen später noch gelang, emigrierten — meist nach Hollywood. Die intelligente Komödie wanderte also aus und ließ ihre missratene kleine Schwester, die Blödelkomödie, in Deutschland zurück. Denken wir nur an die grässliche Feuerzangenbowle mit Heinz Rühmann. Gibt es etwas Spießigeres? Im Prinzip sind alle Filme von Til Schweiger und Matthias Schweighöfer bloß Variationen dieses geistlosen Humors.« — Wenn man darüber nachdenkt, ist das nicht von der Hand zu weisen. Die künstlerische Filmförderung, die unter anderem Fassbinder und Rudolf Thome das Arbeiten ermöglichte, gibt es seit bald 20 Jahren nicht mehr. Geblieben ist die kommerzielle Filmförderung, und das ist pure Vetternwirtschaft. Gefördert wird nur, wer bereits im Fördertopf ist. Der Nachwuchs hat es schwer. Wer Neues ausprobieren möchte — »Der Nachtmahr« (Regie: AKIZ) ist ein gutes Beispiel —, ist auf sich allein gestellt. Unser Kino ist unterm Strich sicher nicht schlechter als beispielsweise das US-amerikanische, aber insgesamt ist es es, wie Schmitt sagt, »handwerklich einwandfreier und deshalb langweiliger Durchschnitt«. Peter Greenaway meinte bereits in den späten 1990ern, dass das Kino tot sei. David Lynch dreht praktisch gar nicht mehr fürs Kino, John Waters und Hal Hartley auch nicht, der Rest (Tim Burton, Jim Jarmusch, die Coens etc.) hat sich dem Mainstream so sehr angepasst, dass die eigene Handschrift komplett verschwunden oder zum puren Spektakel verkommen ist. Dennoch: Es war, ist und wird immer meine große Liebe bleiben, meine tiefste Leidenschaft, diese schöne, schreckliche Scheinwelt. Schließlich und endlich finde ich immer wieder kleine und große Schätze. Die Hoffnung bleibt immer. Manchmal muss man suchen: »Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist«, schrieb Heinrich von Kleist.
Nächste Woche läuft Les Fantômes in Rumänien. Pierre dreht gerade Film auf Film. 2018 allein kamen sechs Filme mit ihm raus. Um Carol Reed zu zitieren: »Selbst wenn alle gut wären, ist es zu viel.« Kaum ein Verleih macht sich überhaupt die Mühe, uns zu antworten. Wir überlegen, den Film nach seinem festival run selbst auf DVD herauszubringen. Abgesehen davon möchte ich Les Fantômes und Bd. Voltaire Anfang 2019 in Berlin vorführen. Habe mich bereits mit dem Bundesplatz-Kino in Verbindung gesetzt. Vanessa und Alexandre würden dafür auch nach Berlin kommen. Es wäre ein prima Anlass, sich mal wieder zu sehen. 2018 war ich nämlich überhaupt nicht in Paris. Ein Gedanke, der durchaus schmerzt, denn Paris, das ist auch Zuhause, ist Heimat, warme Höhle, Schutzpanzer, Glücksblase, Freunde, ma langue de coeur. (Gut, ich mag nicht undankbar sein. Die Zeit im Burgund war traumhaft, und 2019 ist schließlich auch nicht mehr weit.)

Anabel Schunke hat einen hochinteressanten Artikel mit dem Titel »Kampf gegen die Schönheit« geschrieben, aus dem ich hier eigentlich zitieren wollte, weil ihr ein paar denkwürdige Sätze gelangen. Ich musste an diesen Artikel denken, als ich mit Ian in der Columbiahalle war, um Christine and the Queens zu sehen. Das Konzert war geil. Chris hat mit dem Publikum geflirtet, die Choreographien waren flawless, die sechs Tänzerinnen und Tänzer unglaublich sexy in ihren Bewegungen. Es war eine gute Show. Ich liebe »5 Dollars«, »Tilted«, »Chaleur humaine« und »Paradis perdus«, und sie sang sie alle. Der Kurzhaarschnitt, das Outfit und ihre Macho-Posen haben was. Ich finde ihr neues Image verführerisch, richtig heiß. Dummerweise waren da zwei fürchterliche Frauen im Publikum, die uns und einigen anderen Zuschauern den Abend verdarben. Sie schubsten und traten die Leute, um zur Bühne zu kommen, und wenn sie irgendwer ansprach und um Rücksicht bat, brüllten sie Beleidigungen. Zwei aggressive lesbische Amerikanerinnen, eine davon schwarz, beide recht klein und ohne jede Sozialkompetenz. Die Zugabe kam, Chris sang sie mitten im Publikum, als eine der beiden mich im Vorbeigehen so schubste, dass ich stolperte und gegen den jungen Mann neben mir stürzte. Was dann geschah, war beinahe surreal. Ich rief: »Hey!«, und sie brüllte: »Did you asshole just kick me?« — »No, I didn’t. You pushed me!« — »Oh, that’s so boring! Shut up, you fucking German Nazi!« Was soll man da sagen? Ihre Freundin kam hinzu, schubste mich noch ein weiteres Mal und wiederholte immerzu: »Tranquillo! Tranquillo!« Ich war diplomatisch genug, um zu sagen, dass die Musik da vorne spielte, wir seien schließlich da, um das Konzert zu genießen. Sie boxten sich daraufhin ihren Weg nach vorne zur Künstlerin, und wir hatten unsere Ruhe. Traurig war nur, dass ich beim Verlassen der Halle zu Ian sagten musste: »Das Konzert war klasse, aber leider werden wir immer, wenn wir uns daran erinnern, an diese grässlichen Weiber denken müssen.« Tatsächlich ärgerte ich mich noch Tage später, vor allem auch, weil mir nachträglich noch die Beschimpfungen auf der Zunge lagen, die ich mir in der Situation verkniffen hatte.

Am 24. Oktober saß ich im ausverkauften Moviemento und schaute mir »Frig« an. Was Biño in diesen Film auf sich nimmt, ist schier unglaublich. Es ist kein magenfreundliches Werk, das Antony hier geschaffen hat. Es gab ein paar Momente, in denen ich wegschauen musste: beim Abschneiden der Zunge und der Finger sowie bei der Defäkation in Großaufnahme. Es gibt aber auch Bilder von einprägsamer Schönheit, einen Heilungsprozess im Epilog, einen goldenen Schimmer, so möchte man sagen. Es ist ein organisch gewachsenes Werk, das sich praktisch selbst kreiert hat und im wahrsten Sinne des Wortes »geboren« wurde. Da ist ein politischer Subtext, eine Tiefe, die sich der Zuschauer selbst erschließen muss. Thomas Laroppe, der eine größere Rolle spielt, ist umwerfend schön. »Frig« ist ein guter Film, und ich bin froh, kurz mit dabei gewesen zu sein. (Ich bin etwa anderthalb Minuten zu sehen.) Die Verbindung, die Antony und ich haben, ist brüderlich. Die kurzen Gespräche, die wir in den Tagen nach dem screening in Berlin hatten, waren profund und intensiv wie eh und je. Sie gaben mir Kraft; ihm hoffentlich auch. Er ist, das merke ich immer wieder, genial, und ein Problem, vor dem Genies wie er immer wieder stehen, ist dieses verflixte Hamsterrad im Kopf, auf welchem die Möglichkeiten des Scheiterns kreisen und kreisen und sich nie ganz wegdiskutieren lassen.

Ich wünsche Euch für den November ein wundervolles Herbstlicht, das in Euren Haaren Fangen spielt.

Heute ist der 16. Tag, den ich ohne Pause durcharbeite. Der nächste freie Tag wird (hoffentlich) der 10. November sein. Ehrlich, ich fühle mich zu alt für so ein Pensum. Der zweite Drehblock von »Ein Liebhaber für drei« ist abgehakt. Wir haben einen neuen Kameramann, Michael Terhorst, ein ganz zauberhafter Zeitgenosse. Jérôme Pradon war nebst Gatten aus Paris angereist, um seine Szenen zu drehen. Ian war aufgeregt und stolz, mit einem seiner Idole arbeiten zu dürfen. Einen ganzen Sonntag lang filmten wir im Le Flo, was sich ein bisschen wie eine Heimkehr anfühlte. — Die Probleme mit den Gasleitungen schleppten sich vom August über den September bis in die letzte Oktoberwoche, die zuständigen Handwerker kündigten sich mehrfach an, um dann kurzfristig abzusagen. Irgendwann war dann alles wie von Geisterhand erledigt. Dafür gab es eine mittelschwere Störung bei der Telekom, und ich war drei volle Tage ohne Telefon und Internet. An und für sich keine große Sache, aber zu dem Zeitpunkt gab es viel zu organisieren — Schulkram —, was ohne Telefon ein strapaziöses Unterfangen war.
Glücklicherweise blieb ich von der Grippewelle verschont. Vor einigen Tagen streckte mich dafür eine abscheuliche Migräne nieder. Ich dachte, mein Schädel birst. Ein paar Stunden lang wollte ich sterben. Kalter Schweiß, Übelkeit, das volle Programm. Zum Glück ist die Migräne ein seltener Gast. Als sie mich zum ersten Mal heimsuchte, war ich 32. Das Horrorjahr 2010. Fünf freie Tage in insgesamt 30 Wochen, und an manchen Tagen schuftete ich 19 Stunden. Das laugte mich nicht aus, das schlug mich k.o. Mitten in die Fresse. Von Vaters Bypässen, Mutters Krebs, ihrer Insolvenz, dem Verlust meiner Wohnung sowie dem Wulst aus Mobbing, Intrigen und privatem Hickhack möchte ich gar nicht erst anfangen.

Mirko, Nico, Jérôme, Martin, Ian … und ich mit einem echt blöden Gesichtsausdruck.

»Halloween« (Regie: David Gordon Green) war schlecht. Zu viele interessante Möglichkeiten, die zugunsten eines unausgegorenen Finales verschenkt wurden. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich auf »Suspiria« (Regie: Luca Guadagnino) freuen soll. Die Besetzung ist mehr als vielversprechend: Ingrid Caven, Renée Soutendijk, Angela Winkler, Sylvie Testud, Jessica Harper — alle dabei! Tilda Swinton spielt sogar als Mann verkleidet mit und wird im Vorspann als Lutz Ebersdorf (Ebersdorf = Swinton) genannt. Der Trailer verspricht viel. Aber das kann sehr nach hinten losgehen, wenn ich an »The Snowman« (Regie: Tomas Alfredson) und »Girl on the Train« (Regie: Tate Taylor) erinnern dürfte. Kann man einen Argento neu oder sogar besser (!) interpretieren? Nur wenige Remakes haben einen künstlerischen Mehrwert. Nun, im Zweifelsfall kann man auch aus schlechten Filmen immer etwas lernen. Und lernen, das ist meine Lebensaufgabe. Die schönste, die ich mir vorstellen kann. — Das Zeughauskino zeigte am Samstag »Venusberg« (Regie: Rolf Thiele), einen der wenigen Filme Marisa Mells, die ich während meiner siebenjährigen Arbeit an Die Feuerblume nicht auftreiben konnte. Zum ersten Mal sah ich die Mell auf der großen Leinwand! Der Film begann mit herrlich komponierten Großaufnahmen ihres Gesichts in Schwarzweiß. Wie so oft labte sich das Objektiv der Kamera förmlich an ihren beinahe obszön makellosen Zügen. Leider war ihre Rolle insgesamt wenig ergiebig, sie tauchte nur sporadisch auf. Sie hatte zwei nette Monologe — es war eine Wohltat, ihre dunkle, weiche Stimme im Original zu hören! —, zwei kurze Nacktszenen und einen lesbischen Kuss mit Claudia Marus. Ein ästhetisch steiles Werk, das von der originellen Kameraarbeit (Wolf Wirth) lebte. Ein verschrobener Frauenfilm — offenbar schwebte Thiele eine reduzierte Version von The Women vor — voll unfreiwilliger Komik, irgendwo zwischen Arthaus und Trash. Das Spiel war oft campy, die Dialoge atmeten den Mief der letzten Adenauer-Jahre. In Sachen Erotik war Thiele seiner Zeit um einige Jährchen voraus, was sich im April 1963 in vernichtenden Kritiken niederschlug. Über die Jahrzehnte geriet »Venusberg« in Vergessenheit. Ich denke, es ist ein unterschätzter und interessanter Film, dem ein DVD-Release gut täte.
Diesen Monat werde ich noch fleißig bloggen, bevor ich ab Dezember eine längere Pause einlegen werde. (Lediglich die Termine werden immer aktualisiert werden.) Hoffentlich werde ich nach meiner Rückkehr noch ein paar Leserinnen und Leser haben… Wir werden sehen. Danke, dass Ihr Euch heute für diesen langen Beitrag Zeit genommen habt. Ich werde mich heute auf den Weg nach Hohenschönhausen machen, um dort mit meinen Kommilitonen ein Kita-Fest zum Thema »Herbst« auf die Beine zu stellen. Und Euch wünsche ich einen herrlichen Dienstag! Herzlichst,

André