7. Januar 2014

In ihren formidabel geschriebenen Memoiren »Wach auf und träume« schreibt Hanna Schygulla: »Die Männer, die mich gehabt haben, haben mich nie ganz gehabt. So, wie auch ich sie nie ganz haben wollte. Sich ganz gehören — ja — für Stunden, für Augenblicke. Dann muss wieder Einsamkeit sein, loslassen, sich fremd werden, und dann kann das Ganze wieder von vorne losgehen — das Abenteuer der Begegnung. Zusammensein, das ist für mich die Unterbrechung im Alleinsein.« — Sätze, die genauso gut von mir hätten sein können. Gut, Markus war eine Ausnahme, ich glaube, er hatte mich ganz und hätte mich gewiss noch heute. Am 4. Januar wäre er 44 Jahre alt geworden und ist nun seit beinahe zehn Jahren nicht mehr bei mir. Ein tiefrotes Grablicht brennt seit Samstag in meinem Fenster; es ist wieder die Zeit des Jahres, in der ich viel an ihn — an uns — denke: Weihnachten — Silvester — sein Geburtstag — mein Geburtstag — sein Todestag. Im Sommer wären wir nun 14 Jahre zusammen. Er tut nicht mehr weh, der Gedanke, da ist nur ein leiser, gleichmäßiger Schmerz, ein immer seltener gefragtes »Was wäre, wenn…?«, eine sporadische, beinahe dezente Sehnsucht und die Bewusstmachung der verrinnenden Zeit — zehn Jahre nach seinem Tod bringe ich etwa 20 Kilo mehr auf die Waage, die Schläfen werden allmählich grau, die Augenringe tiefer, ich ähnele immer mehr meinem Vater.
     Um noch einmal kurz auf die Schygulla zurückzukommen: Es gibt Menschen — Künstler —, die unantastbar über allem thronen, gegen die man nichts sagen kann, die man gut finden muss — und für die ich mich einfach nicht richtig erwärmen kann. Woody Allen zum Beispiel — ganz schlimm! —, Luchino Visconti, Salvador Dalí, Catherine Deneuve, Edith Piaf, Isabelle Huppert, Michael Haneke oder Rainer Werner Fassbinder. Da ich Fassbinders Filme bis auf zwei, drei Ausnahmen nie sonderlich mochte, konnte ich auch mit Hanna Schygulla nichts anfangen. Ihre CD damals, 1997, mit Texten von Jean-Claude Carrière und Fassbinder, gefiel mir, ihre schauspielerischen Qualitäten erschlossen sich mir jedoch erst mit »Auf der anderen Seite« (Regie: Fatih Akin). Und nun diese virtuos geschriebene Autobiographie voll simpler Poesie, die im Buchladen ganz folgerichtig nicht etwa unter »Biographien«, sondern unter »Literatur« einsortiert war! Mein erstes Buch in diesem Jahr, ein sehr kluges, sprachlich ausgereiftes Werk. Mir imponiert ihre Art, Dinge zu »verdauen«. Als Carrière sie wegen einer Jüngeren verlässt, schickt sie ihm Postkarten: »Die Postkarte mit dem großen Auge, aus dem Wasser quillt, kaufe ich mehrmals und schicke sie ihm in Abständen ohne Kommentar. Vielleicht erinnert es ihn auch an jenes bayerische Rinnsal mit dem Namen Ur, den Anfang eines mächtigen Baches, dem ich barfuss mit gesenktem Kopf eine Weile folgte, während er hinter mir das Gefühl hatte, ›etwas Heiligem nahe zu sein, sehr einfach und alltäglich und ohne Rauschen, das die Wohltaten, die es verbreitet, verbirgt‹. Als letzte Karte bekommt er das Auge mit der Kunstträne von Man Ray.«

Bedröhnt und angepisst: Chelitos fünfter Tag mit Halskrause.

Bedröhnt und angepisst: Chelitos fünfter Tag mit Halskrause.

Silvester war ganz entspannt: Liquidrom, Paella, »Five Dances« (Regie: Alan Brown) auf DVD, ab Mitternacht Chelito im Arm gehalten und getröstet. Für ihn begann 2014 nicht so schön, gleich am 2. Januar musste er zum Tierarzt. Eine kleine Wunde, blutend und eiternd, juckend und schmerzhaft, musste verarztet werden. Antibiotika, Schmerzmittel, Halskrause. Besonders die nervt ihn, er liegt die meiste Zeit bedröhnt und angepisst auf seinem Sofa. Wenn er Männchen macht, sieht er mit seinem Trichter aus wie eine Stehlampe. Noch drei, vier Tage, dann hat er es überstanden.
     Neujahrswäsche, Papierkram, Treffen mit Tilly zum Kuchenessen und mit Sebastian B., um mir die Karten legen zu lassen. (Sieht ganz gut aus.) Am Samstagabend war ich zum ersten Mal seit April mal wieder aus, »Meschugge! The Jewishest Party in Town« im Kaffee Burger, angenehm durchmischtes Publikum, unangenehm durchmischte Musik, schnuckelige Räumlichkeiten. Während ich tanzte, strahlten mich aus der Menschenmenge zwei fast schwarze, freche Samtaugen an; ein starkes Gefühl.
     Meine Filmtipps kommen fortan — bis auf vereinzelte Ausnahmen — jeden Sonntag. Ich wollte mal ein bisschen Regelmäßigkeit schaffen. Kommt gut durch diese Woche, seid gegrüßt.

André

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6 thoughts on “7. Januar 2014

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