Filmtipp #139: Misery

Misery 

Originaltitel: Misery; Regie: Rob Reiner; Drehbuch: William Goldman; Kamera: Barry Sonnenfeld; Musik: Marc Shaiman; Darsteller: Kathy Bates, James Caan, Richard Farnsworth, Frances Sternhagen, Lauren Bacall. USA 1990.

misery

Wenn Stephen King verfilmt wird, geht das meist gehörig in die Hose. Vermutlich, weil das Gros der Produzenten das Augenmerk zu stark auf die effekthascherischen Elemente seiner Werke legt und den psychologischen Aspekt vernachlässigt. Seit 1976 entstanden rund 165 Film- und Fernsehproduktionen nach Kings Vorlagen, nur ein gutes Dutzend davon — wie zum Beispiel »The Shining« (Regie: Stanley Kubrick), »The Dark Half« (Regie: George A. Romero) oder »Apt Pupil« (Regie: Bryan Singer) — sind tatsächlich genießbar. »Misery« ist, zusammen mit Brian De Palmas »Carrie«-Verfilmung (1976), die mit Abstand beste King-Adaption.
     Der Star-Autor Paul Sheldon (Caan) pflegt schon seit vielen Jahren, seine Bücher in einem ruhigen Berghotel in Colorado zu beenden. Seine seichten »Misery«-Romane wurden allesamt Bestseller und er wider Willen eine Ikone der Trivialliteratur. Nachdem er sein neuestes Werk — seinen ersten Non-»Misery«-Roman seit Jahren — fertig gestellt und traditionell mit einem Gläschen Champagner und einer Zigarette gefeiert hat, gerät er auf dem Rückweg nach New York in einen Schneesturm, sein Auto überschlägt sich mehrfach, er wird dabei bewusstlos und schwer verletzt. Nach Tagen kommt er in dem abgelegenen Farmhäuschen von Annie Wilkes (Bates) wieder zu sich. Annie, eine frühere Krankenschwester, hatte ihn aus dem Autowrack gezerrt und verarztet. Paul glaubt sich bei der dicklichen und resoluten Frau mit ihrer lebensfrohen Art gut aufgehoben, sie päppelt ihn wieder auf und liest ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Obendrein entpuppt sie sich als inbrünstiger Sheldon-Fan und betet seine »Misery«-Bücher geradezu an. Während Paul sich auf ihrer Farm erholt, erscheint der letzte Band der Reihe, »Misery’s Child«, in dem die Hauptfigur Misery stirbt. Als Annie dies bei der Lektüre herausfindet, flippt sie aus: Sie nötigt Paul, sein neues Manuskript zu verbrennen, fesselt ihn kurzerhand ans Bett und zwingt ihn, einen neuen »Misery«-Roman zu schreiben, diesmal mit einem glücklichen Ende. Und das ist erst der Anfang, denn Annie ist eine Frau mit vielen Überraschungen…

Rob Reiner: »Die meisten Leute sagen, dass Stephen King deshalb so erfolgreich ist, weil die Leute Horror und Blut so gerne mögen. Lassen wir sie das glauben. Ich denke, der Grund für den Erfolg ist, dass King so geschickt menschliche Schicksale verweben kann. Er spinnt ein wunderbares Garn.«
     Reiner, dessen bekanntester Film »When Harry Met Sally« (1989, mit Meg Ryan und Billy Crystal) sein dürfte, hatte 1986 mit »Stand by Me« schon einmal einen King-Roman erfolgreich für die Leinwand adaptiert und genoss dessen volles Vertrauen, als es an die Verfilmung seines persönlichen Lieblingsromans »She« ging. Die Umsetzung geriet — mit Kings Einverständnis — weitaus weniger brutal und blutig als die Romanvorlage; zum Beispiel verzichtete Reiner auf die Szene, in der die gestörte Annie dem wehrlosen Schriftsteller die Beine abschneidet. Gleichwohl, im Wesentlichen bedingt durch Zwischenschnitte, Weitwinkel- und Teleperspektiven, erzeugte er eine inszenatorische Hochspannung von der ersten bis zur letzten Minute, die einen vergessen lässt, wie hanebüchen und konstruiert das Ganze eigentlich ist. »Misery« wurde zu einem psychologischen Drama im Thrillermantel, ein schauspielerisches Glanzstück für James Caan und Kathy Bates, deren brillantes Spiel mit einem Oscar gewürdigt wurde. Um die sich plausibel aufbauende Beziehung zwischen den beiden Hauptdarstellern nicht durch ein Springen zwischen unterschiedlichen Zeiten und Szenen abzuschwächen, wurde »Misery«, was unüblich ist, chronologisch gedreht. Über weite Strecken ist der Film ein Kammerspiel, nur wenige Male verlässt die Kamera Annie Wilkes’ Haus, damit Richard Farnsworth und Frances Sternhagen (als Polizistenehepaar) sowie Lauren Bacall (als Sheldons Agentin) das drastische Geschehen etwas auflockern können.
     Kathy Bates’ dreidimensionale Ausleuchtung ihrer Figur verrät ihren Theaterhintergrund. Annie Wilkes ist nicht einfach »die Böse«, sie hat einen tieftraurigen Kern, der auf (sexuellen) Missbrauch in ihrer Kindheit hindeutet und geprägt ist von Einsamkeit und Depression. Sie schafft es über weite Zeiträume, ihre dunkle Seite im Zaum zu halten, ist fröhlich, albern und liebevoll. Die Szenen, in denen sie mit ihrem Hausschwein Misery vor dem Fernseher liegt, Chips mampft und über Merv Griffin lacht, sind ebenso warm wie bewegend. Ihr haltloses Leben füllte sie mit Projektionen aus Sheldons Romanen, sie gaben ihm Sinn und verscheuchten die Geister für eine Zeit. Dass dieser Halt ihr durch Miserys Tod genommen wird, ist für sie eine existentielle Bedrohung, gegen die sie sich mit allen Mitteln zur Wehr setzt.

André Schneider

Filmtipp #138: Das Schweigen der Lämmer

Das Schweigen der Lämmer

Originaltitel: The Silence of the Lambs; Regie: Jonathan Demme; Drehbuch: Ted Tally; Kamera: Tak Fujimoto; Musik: Howard Shore; Darsteller: Jodie Foster, Anthony Hopkins, Scott Glenn, Ted Levine, Brooke Smith. USA 1990.

the silence of the lambs

»It rubs the lotion on its skin, or else it gets the hose again!«

Das amerikanische Magazin »US« beschrieb »The Silence of the Lambs« seinerzeit mit den drei Schlagworten: »Blood, Sweat, and Fears!« — und traf den Nagel damit auf den Kopf.
     Eigentlich ist es nichtig, über diesen Film zu schreiben. Wer kennt ihn nicht? »The Silence of the Lambs« ist vermutlich der Psychothriller der Neunziger, ein instant classic, verdientermaßen mit fünf Oscars in den wichtigsten Sparten — bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch, beste weibliche und männliche Hauptrolle — gekrönt und ein weltweiter Kassenhit noch dazu. Als ich mit The Night Digger meinen ersten Filmtipp hier veröffentlichte, schrieb ich, dass ich mich vor allem unbekannten und verkannten Filmen widmen möchte, und ich habe mich auch größtenteils daran gehalten. Hier nun also eine rare Ausnahme.

Jonathan Demme gelang eine wohldosierte Komposition aus unerträglicher Spannung und grauenhaften Bildern, untermalt mit Howard Shores nervenzersägender Musik und getragen von den souveränen Leistungen von Foster und Hopkins. Der Thriller spinnt, basierend auf Thomas Harris’ gleichnamigem Bestseller, seine Geschichte um zwei psychopathische Massenmörder. Der erste, der charismatische Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins stieg mit dieser Rolle in den Olymp der Superstars auf), sitzt seit Jahren im Hochsicherheitstrakt eines psychiatrischen Gefängnisses in einer unterirdischen Isolationszelle. Vor seiner Inhaftierung hatte der Psychologe, ein hochintelligenter und kultivierter Analytiker, im Dienste der Justiz gestanden und versucht, die seelischen Abgründe von Massenmördern zu ergründen. Dabei war er selbst zum Killer geworden — und zum Gourmet: Seine Opfer pflegte er mit Bohnen und Rotwein zu verspeisen, was ihm den Spitznamen »Hannibal, der Kannibale« eintrug. Der zweite Killer (Ted Levine) ist noch auf freiem Fuß und hat eine nicht minder ekelhafte Affinität für menschliche Körperteile: Er häutet die Leichen seiner durchweg weiblichen Opfer, um sich aus der Haut eine neue Hülle maßzuschneidern. Als der von den Behörden auf den Namen »Buffalo Bill« getaufte Irre die Tochter (Brooke Smith, Vanya on 42nd Street) einer republikanischen Senatorin (Diane Baker, Mirage) entführt, leitet das FBI eine Großfahndung nach ihm ein. Hier kommt die ambitionierte Clarice Starling (Jodie Foster), frisch von der FBI-Akademie, ins Spiel: Sie wird auf den eingekerkerten Hannibal Lecter angesetzt, um über sein Fachwissen an den zweiten Todesengel heranzukommen. Die Taktik geht am Ende auf, wenn auch mit einem folgenschweren Schönheitsfehler: Clarice kann zwar »Buffalo Bill«, dem sie beinahe selbst zum Opfer fällt, in einem beeindruckend spannenden Alleingang zur Strecke bringen, doch Dr. Lecter gelingt bei einem Verhör außerhalb des Gefängnisses die Flucht und wird bis zum Ende des Films nicht wieder eingefangen…
     Besonders aufregend sind die Szenen, in denen Starling und Lecter aufeinander treffen. Lecter betrachtet die ehrgeizige Clarice als ebenbürtig und bietet seine Informationen in einer Art Tauschgeschäft an: Er gibt ihr Hinweise auf die Identität des Häuters, verlangt dafür allerdings Einblick in das Seelenleben der jungen Agentin — Quid pro quo. Was sich im Laufe der Handlung zwischen den beiden entwickelt, ist eine perfide Mischung aus Psycho-Duell und einer düsteren Romanze des Geistes. Die Dialoge sind besonders in diesen Szenen superb. Das beunruhigende Ende ist das i-Tüpfelchen dieses spannungsgeladenen Schockers, der zu Recht zu besten der Filmgeschichte gezählt wird. Leider folgten noch einige Fortsetzungen, eine blutiger und flacher als die andere, die man sich gerade als Fan des Originals sparen sollte.

André Schneider

Filmtipp #137: Weiblich, ledig, jung sucht…

Weiblich, ledig, jung sucht…

Originaltitel: Single White Female; Regie: Barbet Schroeder; Drehbuch: Don Ross; Kamera: Luciano Tovoli; Musik: Howard Shore; Darsteller: Bridget Fonda, Jennifer Jason Leigh, Steven Weber, Peter Friedman, Stephen Tobolowsky. USA 1992.

Single White Female»Single White Female« gehört zu einer Reihe jener epochalen Thriller — wie beispielsweise »The Hand That Rocks the Cradle« (Regie: Curtis Hanson, mit Rebecca De Mornay), »Fatal Attraction« (Regie: Adrian Lyne, mit Michael Douglas) oder auch »Basic Instinct« (Regie: Paul Verhoeven, wieder mit Michael Douglas) —, über die seinerzeit jeder Erwachsene sprach und die für uns Kinder oder Jugendliche deswegen so maßlos interessant wurden, weil sie ja »verboten« waren. »Der Spiegel« schrieb damals: »›Weiblich, ledig, jung sucht…‹ gehört in die Reihe von Horrorfilmen, die in diesem Herbst erfolgreich auf Psycho-Spuren morden und verwüsten: Jetzt sind die Mörder weiß, schön, jung und weiblich — so will es die momentane Mode.«
     Es ist stets ein wirkungsvoller Ausgangspunkt für einen Thriller, wenn sich der/die Protagonist/in das Unheil quasi selbst ins Haus holt (bzw. der/die Bösewicht/in sich dort einnistet). Hier ist es Bridget Fonda, eine der prominentesten Filmschauspielerinnen der Neunziger, die sich in der Rolle der gutherzig-naiven Allison Scott eine Psychopathin als Mitbewohnerin angelt. Allie ist als Software-Designerin selbständig und auf dem aufstrebenden Ast, sie ist hübsch und jung, aber wenig selbstsicher. Nachdem sie ihren untreuen Verlobten Sam (Steven Weber) rausgeschmissen hat, fürchtet sie sich nun in ihrem Apartment in der Upper West Side vor dem Alleinsein und sucht per Annonce eine Mitbewohnerin. Hedra, genannt Hedi (Jennifer Jason Leigh), eine graumausige Buchhändlerin, fügt sich in die Wohngemeinschaft ein, als sei sie schon immer die fehlende Hälfte gewesen, sie ist verständnisvoll, tröstet und unterstützt Allie und macht sich unentbehrlich. Schnell freunden sich die beiden Frauen an, doch bald schon beginnt der Neuankömmling, sich immer mehr in Allies Leben einzumischen. Sie gleicht sich ihrer Hauptmieterin an, kleidet und frisiert sich wie sie. Als Allie und Sam sich überraschend wieder versöhnen, zeigt Hedi ihr wahres Gesicht: hinter der hilfsbereit-liebenswürdigen Maske lauert eine gefährliche Irre, die den Gedanken, ihren »Zwilling« zu verlieren, nicht ertragen kann und sich anschickt, ihr neues Leben bis aufs Messer zu verteidigen…

»Single White Female« ist ein mit allen Schrecken, Überraschungen, Brutalitäten und Subtilitäten souverän operierender Psychothriller, der einem den Atem verschlägt. Das Finale ist auch heute noch haarsträubend-furios. Schroeder inszenierte ein raffiniertes psychologisches Kammerspiel, das sich in perfides Grauen steigert, weil die Heldin in ihren eigenen vier Wänden schutzlos der Gefahr aus intimster Nähe ausgesetzt ist. Das Setting erinnert nicht zufällig an »Rosemary’s Baby« (Regie: Roman Polanski), der ebenfalls in einem Gebäude an der Upper West Side spielt, wo das Zusammenleben zum Horrortrip wird.
     Regisseur Barbet Schroeder wurde in Teheran als Sohn einer Deutschen und eines Schweizers geboren, wuchs jedoch in Frankreich auf und ist französischer Staatsbürger. Er begann seine Karriere recht jung, startete mit 21 Jahren als Produzent von Eric Rohmer und trat auch gelegentlich als Schauspieler in Erscheinung. Mit »More« (1969, mit Mimsy Farmer) gab er seinen Einstand als Regisseur, mit »Barfly« (1987, mit Mickey Rourke) und »Reversal of Fortune« (1990, mit Glenn Close) etablierte er sich in Hollywood. »Single White Female« bescherte ihm schließlich den internationalen Durchbruch (vor allem auch kommerziell: die Einspielergebnisse betrugen 48 Millionen US-Dollar). Seither pendelt er zwischen Hollywood-Großproduktionen mit Liam Neeson, Michael Keaton, Andy Garcia oder Sandra Bullock und französischem Kunstkino; sein Dokumentarfilm »L’avocat de la terreur« (2007) gewann 2008 einen César.
     »Single White Female« ist vor allem auch ein wunderbares Vehikel für die grandios aufspielenden Hauptdarstellerinnen. Jennifer Jason Leigh war bereits in den Achtzigern mit »The Hitcher« (Regie: Robert Harmon) und als Hure Tralala in »Last Exit to Brooklyn« (Regie: Uli Edel) bekannt geworden und konnte als Hedi ihren Ruf als wandlungsfähige Charakterdarstellerin festigen. Bridget Fonda, Tochter von Peter und Nichte von Jane, gelang mit »Single White Female« der Aufstieg in die oberste Starliga. Mit Filmen wie »Singles« (Regie: Cameron Crowe), »Little Buddha« (Regie: Bernardo Bertolucci), »It Could Happen to You« (Regie: Andrew Bergman), »Jackie Brown« (Regie: Quentin Tarantino) und »A Simple Plan« (Regie: Sam Raimi) blieb sie weiterhin sehr gut im Geschäft, bevor sie sich mit 38 Jahren aus der Filmwelt zurückzog, um Ehefrau — sie heiratete 2003 den Filmkomponisten Danny Elfman — und Mutter zu sein.

André Schneider