21. November 2017

16. September, 23. Oktober, 21. November — immer reichlich Zeit dazwischen, stets prall gefüllt mit Ereignissen, Begegnungen und nahrhaftem Gedankensalat. Morgen fangen wir mit Symptômes an, meine Nerven liegen ziemlich blank, ich murmle Textzeilen vor mich hin, probiere wieder und wieder die Kostüme an und versuche, meine eigenen Ängste in die von mir zu kreierende Figur zu pressen. Er heißt Nicolas und ist praktisch von seiner Angst gelähmt, ein Bündel von Neurosen. Er ist misstrauisch, sieht die Welt als feindselig beschatteten Ort und wittert überall das Grauen, die Kälte, den Verrat, bis sich diese dunkle Weltsicht schließlich personifiziert, manifestiert und sich gegen ihn richtet. Ich kannte Menschen wir Nicolas, kannte sie gut, habe sie ausgiebig beobachtet, ihr Verhalten studiert, ihre Codes entziffert und bin erleichtert, sie heute nicht mehr in meinem Leben zu haben. (Ich weiß, ich habe das Buch schon einmal empfohlen, aber Ihr solltet unbedingt »Die Macht der Kränkung« von Reinhard Haller lesen. Es ist schlüssig geschrieben und eine inspirierende Studie über das unglückselige Phänomen der Verbitterung.) Während des Drehs werde ich mich — so weit es mir möglich ist — isolieren und auch das Internet meiden. Ein paar Filmtipps und Rezepte für den Dezember habe ich bereits vorbereitet, so dass mein Blog nicht verwaist und Ihr »versorgt« seid.

Graphic © Florian von Bornstädt

Vor einigen Wochen berichtete ein Online-Magazin über einen ehemaligen Pornostar, der heute an einer Universität in Rom als Mathematik-Professor doziert. Dr. Ruggero Freddi ist mit sich und seinem Leben vollkommen im Reinen und stolz auf seine beiden Karrieren. Dass sich die Medien damit befassen — okay, geschenkt; die Vergesslichkeit der »Öffentlichkeit« ist schließlich ebenso schnell und konsequent wie ihr Interesse. Sprich: Eigentlich wäre der Artikel nicht der Rede wert gewesen. Wenn sich da nicht ein kleiner Internet-Troll unter die Kommentatoren geschlichen hätte, ein armes Würstchen aus Freiburg, ein kleiner Asiate, den ich hier »Klaus-Dieter« nennen werde. (Seinen richtigen Online-Namen findet Ihr in der VIP Lounge. Wer Lust und Spaß hat, kann besagten Herrn gerne mal via Google suchen. Bei den Fotos werdet Ihr ins Staunen geraten!) Dieser Troll kommentierte, dass das ja mal gar nicht ginge, dass »die intimsten Geheimnisse« eines Menschen dergestalt ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden. Er sprach von »Verletzung des Persönlichkeitsrechts«, von Stalking, Mobbing, Rufmord und so weiter. Große Worte, deren Bedeutung er offensichtlich nicht kennt. Als ich auf seinen Kommentar antwortete, dass man a) hier nicht von einem »Geheimnis« sprechen könne, da Dr. Freddi als Pornodarsteller schließlich einen öffentlichen Beruf ausgeübt hatte, und dass b) er, seine Studenten und sein Arbeitgeber das Ganze mit angemessener Lockerheit betrachten, war es, als hätte ich in ein Wespennest gestochen. »Klaus-Dieter« zeterte, schimpfte, jammerte, beleidigte und schien sich in eine wahre Hysterie hineinzusteigern. Ehe ich mich versah, war ich der Stalker, der Mobber, der ihn »systematisch zerstören« wollte. (Wie alle anderen auch, wie ich später erfuhr.) Er schickte mir private Nachrichten auf Facebook, schrieb vereinzelt Personen aus meiner Freundesliste an, veröffentlichte (zum Teil gefälschte) Beiträge von mir in diversen Foren. Das ging tagelang so weiter. Spaßeshalber sahen wir uns dann mal auf dem Facebook-Profil von »Klaus-Dieter« um: Sein Leben besteht hauptsächlich daraus, mit unterschiedlichsten Namen und Profilen auf Dating-Plattformen à la Gayromeo und Grindr herumzulungern, Leute zu beschimpfen, sie zu bedrängen und schließlich die Chat-Verläufe als screenshots auf seinem Blog, bei Facebook und andernorts zu veröffentlichen — und sich dabei zum eigentlichen Opfer zu stilisieren. Und er »spiegelt« gern, das heißt: er wirft anderen Leuten eben das vor, was er selbst tut. Die folgende Nachricht, die er am 6. November an meine Freunde schickte, spricht Bände: »Hallo. Ich hab gerade leider gesehen, dass André Marc Schneider seit ca. einer Woche meine Posts teilt und sich mit euch über mich lustig macht. Ich finde es, ehrlich gesagt, nicht in Ordnung, dass man mit Absicht ständig auf Profile anderer Leute geht, ihre Sachen teilt und sich über andere Menschen lustig und sie fertig macht. Ihr seid Psychopathen! Ihr seid Stalker! Ihr wollt mich alle fertig machen. Und das nur, weil ich in einem Post auf Queer.de eine andere Meinung als André Marc Schneider hatte und er dort mit einem Freund anfing, mich blöd anzumachen und seitdem ständig meine Posts teilt, um mich fertig zu machen. Das ist doch krank! Ich weiß ja nicht, ob ihr euch mein Profil angeschaut habt, aber ich denke, manche von euch schon. Und eigentlich sollte man das sofort merken, dass ich psychisch krank bin. Und das finde ich nochmal extrem falsch und gemein, dass man sich selbst noch über kranke Menschen lustig macht und sich da nicht zurückhält. Aber ich möchte mich jetzt auch nicht als Opfer darstellen, weil ich psychisch krank bin, obwohl ich natürlich ein Opfer von euch bin. Es ist völlig egal, ob jemand krank ist oder nicht. Man macht sich nicht über andere Menschen lustig oder sie fertig. Was soll das? Hab ich euch was getan? Und ich weiß ja nicht, ob es stimmt, das André und mit kranken Menschen gearbeitet hat. Aber wenn ja, dann sollte er erst recht nicht so mit Menschen umgehen, die krank sind und sie dafür fertig machen und verurteilen, sondern eher versuchen, ihnen zu helfen und Mitleid haben. Ich jedenfalls war ihm immer nett und ehrlich gegenüber und ich finde es nicht okay, dass er dann das gegen mich nutzt, was ich ihm im Vertrauen gesagt hatte. Zum Beispiel, dass ich keine Arbeit habe. Dabei bin ich seit 2014 bis 2018 krank geschrieben und war schon davor krank, nur hab ich mir erst 2014 Hilfe geholt, weshalb ich erst seit 2014 krank geschrieben bin und professionelle Hilfe bekomme. Lasst es doch einfach, über Menschen zu urteilen, die ihr nicht kennt und daher nicht wisst oder versteht, wieso sie so sind. Ich darf so etwas, weil ich krank bin. Ihr seid einfach nur dumm und oberflächlich. Ich könnte jetzt auch erzählen, was ich für Probleme habe und warum ich so bin. Aber das wäre nochmal zu viel Text. André hatte sich darüber beschwert, das ich Chats mit anderen veröffentliche und mich über sie lustig machen würde. Dabei mache ich das, weil ich über diese Leute verärgert bin und damit ich mich wieder beruhige. Also ist das okay. André macht sich aber über mich lustig und fertig, weil er gemein und dumm und böse ist. Das ist ein großer Unterschied. Ihr solltet mal darüber nachdenken, ob das in Ordnung ist, was ihr macht. Ich hoffe nur, dass André bald stirbt und niemanden mehr ärgern kann.« [Anm.: Ich habe die Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler korrigiert.] — Nein, »Klaus-Dieter« ist nicht krank. Faulheit und Narzissmus sind keine Krankheiten. Sich als Märtyrer in Szene zu setzen ist keine Krankheit. Der junge Mann — nach eigenen Angaben 26 Jahre alt — schützt lediglich ein Kranksein vor, um keine Verantwortung für sein Handeln übernehmen zu müssen. Er ist schlicht und ergreifend ein Arschloch. Damit habe ich kein Mitleid. (Das Motto »Kein Mitleid für Dummheit!« gilt immer noch.) Er fällt in eben jene Kategorie von Versagern ohne Sozialkompetenz, Interessen und Fähigkeiten, die steif und fest glauben, die Welt schulde ihnen etwas und erkenne bloß ihre wahre Größe nicht. Hass und Bitterkeit triefen aus seinen Nachrichten, viele seiner Posts sind menschenverachtend und rassistisch. Das muss man nicht pathologisieren oder verklären. Er ist sicher kein Psychopath. Er hat schlicht und ergreifend nur Spaß am Hass und an der Aufmerksamkeit. Ein Arschloch halt. Er reiht sich nahtlos ein in die lange Linie von Menschen, die glauben, Aufmerksamkeit über die selbst gewählte Opferrolle zu erhaschen. Nein. Es ist nicht interessant, ein Opfer zu sein und auch noch in der Haltung zu erstarren. Es ist interessant, verletzlich zu sein. Das ist ein himmelweiter Unterschied. An und für sich wäre das nicht weiter tragisch und ohne großes Tamtam und mit etwas Humor zu ertragen, aber wie C. so schön treffend schrieb: »Das Beängstigende ist ja, dass solche Menschen auch wählen, Auto fahren und Kinder kriegen dürfen.« Die allgemeinen Forderungen nach höheren Instanzen, welche die vermeintlichen Opfer beschützen sollen, der Schrei nach Redeverboten, Zensur, safe spaces und so weiter wird in naher Zukunft zu einer kolossalen gesellschaftlichen Verblödung und im schlimmsten Fall zum Totalitarismus führen. In den Vereinigten Staaten haben Begriffe wie rape culture und microaggression bereits ein perfides Weltbild etabliert. Mittlerweile habe ich zu viele Texte von Christina Hoff Sommers, Camille Paglia und Brendan O’Neill gelesen, um zu wissen, dass Viktimisierung, Infantilismus und Protektionismus das genaue Gegenteil von Emanzipation und Freiheit sind. Die Kategorien sind mittlerweile nicht mehr LINKS oder RECHTS, sondern FREIHEITLICH oder NICHT-FREIHEITLICH. (Die Auswüchse des Weinstein-Falles bestätigen dies. Verbale Entgleisungen und ungewollte Berührungen werden mit handfesten Vergewaltigungen gleichgesetzt. Kevin Spacey, gegen den bis heute nicht offiziell Anklage erhoben wurde, wurde zum Bauernopfer der Kampagne. Seine Karriere war binnen weniger Tage geschreddert: bereits fertige Filme mit ihm werden entweder nicht in den Verleih kommen oder teilweise neu gedreht. Zudem steht die absurde Forderung, er solle seine Oscars zurückgeben, im Raum. Andere große Namen bleiben (vorerst) unangetastet.)

But on to happier subjects. Papas Geburtstag feierten wir mit 40 Gästen hoch oben auf dem Sonnenberg bei Bad Salzdetfurth. Eine schöne Feier. Viele Verwandte sah ich nach Jahren zum ersten Mal wieder. Angenehme Gespräche. Vor fünf Jahren, als Papa 65 wurde, hatte ich mit meiner ehemaligen Lieblingstante gebrochen — hier schrieb ich darüber —, jetzt haben wir uns vertragen und zum Abschied umarmt. Weihnachten werde ich dieses Jahr mal wieder mit der Familie in Bockhorn verbringen. — Helena brabbelt in einer Tour, liebt Eulen und Hunde, tobt gerne durch die Betten meiner Eltern und hält alle ganz schön auf Trab. Sie nennt mich »Heia«, weil ich manchmal noch um 7:30 Uhr im Bett liege. In Ordnung, dann bin ich wohl ihr Onkel Heia.
Es gab noch eine zweite Versöhnung im November. Im Sommer 2013 hatten T. und ich unseren Kontakt nach einem wirklich überflüssig-albernen Streit abgebrochen. Via Facebook haben wir uns am 6. November wieder vertragen, und ein paar Tage später trafen wir uns. Wir nahmen uns lange in den Arm, frühstückten in einem adretten Café neben dem Georg-Kolbe-Museum in der Sensburger Allee und führten fabelhaft konstruktive Gespräche. Mit T. in Berlin unterwegs zu sein, das ist immer ein Erlebnis. Das war es damals schon, vor 21 Jahren, als ich ihn kennen lernte und so wild-kindlich in ihn verliebt war. Diesmal zeigte er mir das Corbusierhaus, von dessen Existenz ich bis dato noch nicht einmal etwas gewusst hatte. Wir fuhren mit dem Fahrstuhl bis unters Dach und genossen die Aussicht. Anschließend ging’s weiter zum Heldenmarkt am Gleisdreieck, wo Ian mit Engelsgeduld die Menschenmassen unterhielt und einmal mehr für seine Firma das Beste gab. Ich kaufte ein — Müsli, Algenpastete von Algamar, Austernpilz-Brotaufstrich, Sanddornmarmelade —, dann flohen wir vor dem Lärm und den quadratischen Schultern. An dem Abend schlief ich besonders schnell, gut und fest ein und wachte zum ersten Mal seit Wochen erholt auf.
Vorgestern haben Ian und ich uns die Bühnenfassung von Les garçons et Guillaume, à table! angesehen. Das O-TonArt Theater ist und bleibt meine liebste Hinterhofbühne. Die Atmosphäre ist nach wie vor unverwechselbar, man ist gerne dort, fühlt sich heimelig-geborgen. Lange hatte ich das Theater nicht mehr besucht; das Ende der O-Tonpiraten schmerzt immer noch ein wenig. Ein »weicher« Schmerz, wenn man so will, ein nostalgischer, der die Gedanken in bessere und leider vergangene Zeiten schickt. »Liebe ist…« habe ich seinerzeit noch in der Schalotte gesehen, wieder und wieder — sicher eine meiner schönsten Berlin-Erinnerungen, ein herrliches Stück. Es tauchte immer mal wieder auf einem Spielplan auf, ich durfte es oft genießen. Die Dernière fand im September 2011 statt, vor über sechs Jahren also. Da waren die O-Tonpiraten schon längst im O-TonArt. »Auf großer Fahrt« und »Roemisch Fuenf« hatten mir auch gefallen, aber »Liebe ist…« habe ich mit jeder Faser geliebt. Was würde ich geben, es nur noch ein einziges Mal sehen zu dürfen! — Zur Inszenierung von »Maman und ich« und insbesondere zum »Spiel« von André Fischer kann ich leider nichts Positives sagen, daher schreibe ich lieber gar nichts. Unsäglich!
Kino? »Fack ju Göhte 3« (Regie: Bora Dagtekin) war in Ordnung, mehr nicht. Das Rezept hat sich ausgelaufen, aber Katja Riemann, Jella Haase und Sandra Hüller waren toll. Nicht mehr lange, dann läuft die Fortsetzung von Paddington. Oh, und Rossy de Palma hat eine romantische Komödie mit Harvey Keitel und Toni Collette gedreht, auf die ich große Lust habe. Karin Dor, Della Reese, Brad Harris und Ray Lovelock sind tot. Lovelock wurde nur 67. Krebs. Zeit, mal wieder Plagio zu gucken. Diesmal vielleicht mit dem lieben Gérard?

Charles Manson hat am Sonntag nach langem Siechtum endlich den Löffel abgegeben, und in der Nacht auf Montag erfuhren wir, dass sich die Großfamilie CDU, CSU, FDP und Grüne überraschenderweise nicht auf ein Programm für die Familienfeier einigen konnte.

Was Job- und Lebensperspektive angeht, so lichtet sich das Dickicht ein wenig. Nach einer Maßnahme von der Agentur für Arbeit und einigen Bewerbungen und Vorstellungsterminen beginne ich am 6. Dezember mein Praktikum, aus dem 2018 schließlich eine Ausbildung werden soll. Ich bin sehr gespannt und freue mich auf diesen neuen Abschnitt. — Zuweilen möchte ich noch einmal zurückschauen. Es gibt eine Menge Vergangenheit, die ersten 40 Jahre waren reich … abwechslungsreich. Und doch ist die Vergangenheit ziemlich schnell vergangen. (So oder so ähnlich hatte Marisa Mell im Alter von 53 Jahren ihr kurzes Leben resümiert. Ich verstehe sie heute besser als vor vier Jahren, als meine Mell-Biographie Die Feuerblume erschien. Das Buch wird gerade mal wieder sehr oft bestellt; vermutlich, weil Arte vor ein paar Wochen Danger: Diabolik ausstrahlte.) Die lauten Kränkungen des Ex-Chefs aus der Kanzlei liegen noch immer auf der Seele und quetschen sie ein. Die leisen Kränkungen von meinem letzten Arbeitsplatz wiegen ebenso schwer, weil sie nicht zu durchschauen waren und sich erst nachträglich offenbarten. Da war kein falscher Ton, kein böses Wort — und trotzdem spürte ich die Animositäten und die Verachtung tagtäglich. Antipathien, die subtil mitschwingen, sind toxisch. Im Nachhinein bin ich froh, dass beide Jobs hinter mir liegen und ich mit einem kargen Rest Restwürde meinen Mantel nehmen durfte.
Wohlan, 2018 wird aufregend. Neu. Anders. Strukturen lösen sich auf. Jetzt konzentriere ich mich auf Symptômes, alles andere kommt später. Bleibt mir gewogen und habt einen schönen Herbst.

André

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