Filmtipp #598: Lady in a Cage

Lady in a Cage

Originaltitel: Lady in a Cage; Regie: Walter Grauman; Drehbuch: Luther Davis; Kamera: Lee Garmes; Musik: Paul Glass; Darsteller: Olivia de Havilland, James Caan, Jennifer Billingsley, Jeff Corey, Ann Sothern. USA 1964.

In einer unbekannten Stadt lebt die reiche Witwe Cornelia Hilyard (de Havilland) mit ihrem schwulen Sohn Malcolm (William Swan), der stramm auf die 30 zugeht und von seiner Mutter in geradezu ungesunder Weise vereinnahmt wird. Cornelia hat sich vor einigen Monaten die Hüfte gebrochen und ist auf Krücken angewiesen. Damit sie sich zwischen den Etagen ihres Hauses bewegen kann, wurde ein käfigartiger Fahrstuhl eingebaut. Ausgerechnet als ihr Sohnemann übers Wochenende verreist, kommt es durch einen insignifikanten Unfall auf einer benachbarten Baustelle zu einem Stromausfall, der Mrs. Hilyard zum Verhängnis wird: sie bleibt im Fahrstuhl stecken. Sie betätigt besonnen den Notfallknopf und hofft, so die Aufmerksamkeit von etwaigen Passanten vor ihrem Haus zu gewinnen. Doch leider kommt keine Hilfe — lediglich ein versoffener Obdachloser (Corey) hört den Alarm. Doch anstatt der Witwe zu helfen, plündert er einige kleinere Habseligkeiten, um sie dann in einem Pfandhaus zu verscherbeln. Gemeinsam mit Sade (Sothern), einer abgehalfterten Prostituierten, die sich freundschaftlich um ihn kümmert, will der Trinker zurück ins Haus, um noch etwas mehr mitgehen zu lassen. Die beiden werden allerdings von drei gefährlicheren Kriminellen bemerkt, die ihnen folgen. Und ihr soziopathischer Anführer Randall (Caan) hat Pläne, die weit über einen einfachen Diebstahl hinaus gehen…

Ganz ehrlich: Ich hatte nicht erwartet, einen so gewalttätigen Thriller zu sehen. Was Olivia de Havilland hier durchzustehen hat, lässt einem selbst heute noch die Haare zu Berge stehen. Als »Lady in a Cage« am 10. Juni 1964 in den US-amerikanischen Lichtspielhäusern startete, waren die Kritiken vernichtend. Giftspritze Hedda Hopper forderte sogar die Verbrennung des Negativs und fragte ihre Leser: »Why did Olivia do it?« Nun, ich denke, die 300.000 Dollar Gage, die sie für zwei Wochen Arbeit bekam — »Lady in a Cage« wurde in 14 Tagen abgedreht —, dürften Motivation genug gewesen sein. De Havilland, die unlängst ihren 102. Geburtstag feierte und nach wie vor Böses tut, bezeichnete die Arbeit an diesem Streifen als »wundervolle Erfahrung« und lobte vor allem das Talent des damals noch fast unbekannten TV-Schauspielers James Caan, der als Bösewicht hier seine erste große Rolle hatte. Caan lehnte seine Darstellung an Marlon Brando in A Streetcar Named Desire an. Randall ist nicht nur ausgekocht und ungehobelt; animalische Triebhaftigkeit scheint aus jeder Pore zu triefen. Er ist unverhohlen sexuell und brutal. Dass das anno 1964 Anstoß fand, verwundert nicht. In Großbritannien war der Film aufgrund seiner »ziellosen Brutalität« (Abe H. Weiler, »New York Times«) bis 1967 verboten.
Die Dreharbeiten fanden im Februar 1963 in Kalifornien statt. Olivia de Havilland war in letzter Sekunde für Joan Crawford eingesprungen, die eigentlich als Star vorgesehen war. (Kurz darauf ersetzte de Havilland die Crawford noch ein zweites Mal, nachdem diese während der ersten Drehtage zu »Hush… Hush, Sweet Charlotte« (Regie: Robert Aldrich) mit Bette Davis erkrankt war.) Autor und Produzent Luther Davis hatte sich bei der Entwicklung des Stoffes von wirklichen Ereignissen inspirieren lassen. Während des New Yorker Stromausfalls am 17. August 1959 blieb in der Upper East Side eine Frau in ihrem privaten Fahrstuhl stecken. Sie rief um Hilfe und wurde von zwei Männern, die sie gehört hatten, vergewaltigt. Als Davis für sein Drehbuch recherchierte, stellte er fest, dass alle Fahrstühle in New York mit einem Telefon ausgestattet sein müssen, was das Konzept seiner Geschichte zunichte gemacht hätte. Daher entschied er, »Lady in a Cage« in einer namenlosen Stadt anzusiedeln. Der schlechten Kritiken zum Trotz wurde der Thriller für die Paramount zu einem profitablen Geschäft. Leider ist er über die Jahre ein wenig in Vergessenheit geraten, konnte aber eine treue Fangemeinde generieren. Ich denke, heute würden auch die Rezensenten Gefallen an diesem gut gemachten Stück Spannungskino finden.

André Schneider

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Filmtipp #597: Wie klaut man eine Million?

Wie klaut man eine Million?

Originaltitel: How to Steal a Million; Regie: William Wyler; Drehbuch: Harry Kurnitz; Kamera: Charles Lang; Musik: John Williams [Johnny Williams]; Darsteller: Audrey Hepburn, Peter O’Toole, Eli Wallach, Hugh Griffith, Charles Boyer. USA 1966.

Audrey Hepburn liebte es, in Paris zu drehen — wer will ihr das verdenken? —, und gerade in den 1960ern boten ihr die Produzenten massenhaft Stoffe an, die in der Stadt der Liebe spielten. Nach »Charade« (Regie: Stanley Donen) und dem etwas verunglückten »Paris When It Sizzles« (Regie: Richard Quine) holte sie William Wyler im Juli 1965 an die Seine, wo sie an der Seite von Peter O’Toole in einer flott geschriebenen Krimikomödie brillieren sollte. Nach »Roman Holiday« (1953, mit Gregory Peck) und »The Children’s Hour« (1961, mit Shirley MacLaine) sollte dies ihre dritte und letzte Zusammenarbeit mit Wyler werden, der seiner Arbeit inzwischen überdrüssig geworden war und sich nach zwei weiteren Filmen 1970 zur Ruhe setzte. Hubert de Givenchy schneiderte Miss Hepburn einige seiner apartesten Kreationen auf den Leib, der damals noch junge Komponist John Williams war für die Musik engagiert worden und der Komödien-Veteran Harry Kurnitz hatte das Skript verfasst. Die Stimmung während der Dreharbeiten war entspannt und ausgelassen. Der als autoritär und humorlos bekannte Wyler war nicht erfreut: Hepburn und O’Toole alberten vor und hinter der Kamera so rücksichtslos herum, dass einige Szenen wegen Hepburns unkontrollierbaren Lachanfällen bis zu 20 Mal wiederholt werden mussten.

Der in meinen Augen furchtbare und hier vollkommen fehlbesetzte Hugh Griffith spielt Hepburns Vater, einen Pariser Kunstsammler namens Bonnet, der Gefahr läuft, dass seine kriminellen Machenschaften auffliegen. Denn keines seiner ausgestellten Kunstwerke, die er auf Auktionen teuer an den Sammler bringt, ist echt, sondern wurde von ihm persönlich gefälscht. Ein Experte kündigt sich an, Bonnets Ausstellungsstücke auf ihre Echtheit zu prüfen. Besonderes Augenmerk soll der Venus-Statuette von Cellini gelten, die Bonnet für einen Wucherpreis einem ausländisches Museum leihen will. Um ihrem Vater den Arsch zu retten, bedient sich Töchterchen Nicole eines Tricks: Sie will gemeinsam mit dem attraktiven Kunstdieb Simon Demott (O’Toole) die Statuette rechtzeitig vor dem Eintreffen des Prüfers aus der eigenen Galerie stehlen. Dass Nicole und Simon sich dabei verlieben, versteht sich natürlich von selbst.

Dank der einfallsreichen Regie, den amüsanten Ideen und seiner Eleganz ist »How to Steal a Million« auch 52 Jahre nach seiner Premiere im Sommer 1966 ein gelungener Film, dessen Tempo vielleicht hier und da etwas ins Stocken kommt. Als der Film seinerzeit startete, hatte er eine Lauflänge von über zwei Stunden; das DVD-Release von 2004 ist um etwa sechs Minuten gekürzt, was dem Streifen überraschenderweise ganz gut tut. Eli Wallach ersetzte übrigens George C. Scott, der von Wyler wegen Alkoholgenusses vor der Arbeit und notorischer Unpünktlichkeit gefeuert worden war. Wyler dachte, er hätte mit zwei starken Trinkern am Set — Griffith und O’Toole — bereits genug Ärger am Hals. Hepburn drehte im Anschluss an »How to Steal a Million« in rascher Folge zwei weitere Filme — Two for the Road und Wait Until Dark —, bevor sie sich für einige Jahre nach Rom ins Privatleben zurückzog.

André Schneider

25. August 2018

Ein paar Zeilen von Rilke, die mir aus aktuellem Anlass sehr nahe sind. Mehr möchte ich heute eigentlich nicht schreiben. Lasst die Zeilen auf Euch wirken. Schöner kann Sprache kaum sein. Seid freundschaftlich umarmt,

André

Ich ließ meinen Engel lange nicht los

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, –
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt…

Rainer Maria Rilke, 22.02.1898, Berlin-Wilmersdorf