Filmtipp #106: Die 27. Etage

Die 27. Etage

Originaltitel: Mirage; Regie: Edward Dmytryk; Drehbuch: Peter Stone; Kamera: Joseph MacDonald; Musik: Quincy Jones; Darsteller: Gregory Peck, Diane Baker, Walter Matthau, Kevin McCarthy, Jack Weston. USA 1965.

mirage

Bei einem Stromausfall in New York City beobachtet der Atomwissenschaftler David Stillwell (Peck) zufällig, wie ein Mann aus dem 27. Stockwerk eines Hochhauses stürzt; durch den Schock verliert er sein Erinnerungsvermögen. Das an sich wäre schon Katastrophe genug, doch er gerät völlig aus dem Konzept, als er unversehens von einem geheimnisvollen Gangstertrupp durch die Metropole gejagt wird. Die Polizei schenkt ihm (natürlich!) ebenso wenig Glauben wie der Psychiater Dr. Broden (Robert H. Harris). Am Ende seiner Weisheit angelangt, engagiert er einen Privatdetektiv (Matthau), der das Geheimnis seiner Identität lüften soll. Doch auch dieser fällt kurz darauf einem Mordkomplott zum Opfer. Und dann ist da noch die mysteriöse Shela (Baker), die Davids Weg immer wieder kreuzt…

Edward Dmytryk, ein Zeit seines Lebens verkannter Regisseur, kreierte hier einen düsteren, komplett an Originalschauplätzen in New York gedrehten Psychothriller, der sein Publikum seinerzeit beträchtlich verunsicherte und es Szene für Szene mehr in Verwirrung stürzte. Was bei den meisten Filmen dieser Art ein Ärgernis ist, gereicht »Mirage« zum Vorteil: Der Streifen überträgt die Ungewissheit und Verlorenheit des Protagonisten über den Verlust der eigenen Identität geschickt auf den Zuschauer. Als einer der ersten Regisseure Hollywoods verzichtete Dmytryk darauf, die zahllosen Rückblenden des Films durch wabernd-verschwommene Übergänge deutlich zu machen, sondern setzte scharfe Schnitte. Der Look des Films erinnert stark an die Frühwerke von Louis Malle (Ascenseur pour l’échafaud), Alain Cavalier (Le combat dans l’île) und natürlich Godard (»À bout de souffle«), und Quincy Jones’ elektrisierender Soundtrack untermalt stimmungsvoll das ungeschminkte Großstadtgesicht.
     Gregory Peck (Cape Fear) gibt als leidender Held eine bravouröse Vorstellung, die zu den interessantesten seiner späten Karrierejahre gehören dürfte. Ihm zur Seite stellte Produzent Harry Keller die ewig unterschätzte Diane Baker (Marnie) — sie sprang für die von Dmytryk favorisierte Tippi Hedren ein, die damals noch bei Alfred Hitchcock unter Vertrag stand und von ihm nicht für die Werke anderer Regisseure freigegeben wurde —, und George Kennedy, Walter Abel und Leif Erickson sind in prägnanten Nebenrollen zu bewundern.
     Nur drei Jahre nach der Uraufführung entstand unter der Regie von James Goldstone ein ähnlich gestricktes Remake mit Bradford Dillman (Piranha), das »Mirage« jedoch nicht das Wasser reichen konnte. Dmytryk inszenierte eine brillante, leider recht selten gezeigte und bei uns erst seit einem Monat auf DVD erhältliche Thrillerperle, die das Zeug zum Klassiker hätte.

André Schneider

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