1. Juli 2017

Natürlich war ich in Brando verliebt. Im Grunde bin ich es immer noch. Wieso auch nicht? Die Frage, ob man sich in den Mann oder in den Künstler verliebt, ist auch so ein Klischee, das sich nicht abschütteln lässt — oder? An seinem 13. Todestag möchte ich ihm heute ein Portrait widmen. Obwohl ich bestimmt nicht viel Neues beisteuern kann. Immerhin gilt Marlon Brando als einer der größten — wenn nicht gar als der größte — Filmschauspieler des 20. Jahrhunderts: zwei Oscars, sechs weitere Nominierungen, 21 andere Filmpreise (drei BAFTAs, ein Emmy, vier Golden Globes usw.) und 40 Filme beweisen seine legendären Fähigkeiten. Schon zu Lebzeiten rankten sich ungezählte Legenden um den Burschen aus Omaha, der als Tennessee Williams’ Stanley Kowalski Broadway- und später Filmgeschichte schrieb.

Marlon Brando, Foto von Sam Shaw.

Marlon Brando, Foto von Sam Shaw.

Erstmals bewusst mit ihm konfrontiert wurde ich im Alter von 14 Jahren, als ich zum ersten Mal die geniale Verfilmung von Williams’ A Streetcar Named Desire sah. Die Rolle des Stanley Kowalski hatte der damals 26jährige bereits drei Jahre erfolgreich auf der Bühne gespielt. Diese, seine zweite Filmrolle brachte ihm seine erste Oscarnominierung; bis heute ist es eine der beeindruckendsten schauspielerischen Leistungen der Filmgeschichte geblieben. Mit Stanley Kowalski prägte Brando darüber hinaus einen völlig neuen Männertyp fürs Kino: gleichzeitig sehr viril und feminin-verletzlich, mit einer aggressiv lodernden Sexualität, schön und hässlich zugleich. Die Szene, in der er mit nassem, zerfetzten Shirt im Hinterhof nach seiner Frau schreit, geht auch 66 Jahre später noch durch Mark und Bein.

Auf Streetcar folgten bis 1954 noch vier weitere Meisterwerke: »Viva Zapata!« (Regie: Elia Kazan), Julius Caesar, The Wild One und schließlich »On the Waterfront« (Regie: Elia Kazan), der ihm seinen ersten Oscar einbrachte und vielen noch heute als die beste Darstellung seiner Karriere gilt. Regisseur Kazan schrieb in seiner Autobiographie, es sei die beste Leistung, die er je aus einem Schauspieler herausgekitzelt habe. Nach ein paar weiteren Filmen, die zwar kommerziell erfolgreich waren — »Guys and Dolls« (Regie: Joseph L. Mankiewicz) und »Sayonara« (Regie: Joshua Logan) waren die vielleicht besten —, ihn künstlerisch jedoch meist unbefriedigt ließen, folgte bis 1972 Flop auf Flop. Mehr als ein Dutzend schlechte Filme, in denen er zwar meist gut war, die aber ansonsten kaum trugen. Die Tiefpunkte: In »Desirée« (Regie: Henry Koster), einem unfreiwillig komischen Kostümfilm, zu dem ihn das Studio verdonnert hatte, gab Brando Napoleon Bonaparte; in der unlustigen und abstoßend rassistischen Komödie »The Teahouse of the August Moon« (Regie: Daniel Mann) war er als japanischer Dolmetscher (!) schlichtweg fehlbesetzt; sein erster und einziger Film als Regisseur, »One-Eyed Jacks« (1961), geriet künstlerisch und finanziell zum Fiasko — seine Qualitäten wurden erst Jahrzehnte später von Filmwissenschaftlern gewürdigt —; in der lahmen Komödie A Countess From Hong Kong gab er an der Seite von Sophia Loren und Tippi Hedren die mit Abstand schlechteste Performance seiner Karriere. Überragend war er hingegen in John Hustons leider fast vergessenem Reflections in a Golden Eye mit Elizabeth Taylor. Er verkörperte einen ranghohen Offizier, der sich langsam seiner Homosexualität gewahr wird. Brandos Darstellung ist voller Nuancen und Feinheiten, man kann den Film wieder und wieder sehen und immer wieder neue Facetten der Figur erkennen. Reflections ist neben Streetcar und »Waterfront«, den ich eines Tages auch noch ausführlich besprechen werde, einer der ganz großen Brando-Filme. Sehen wollte ihn damals allerdings kaum jemand.

Wie sehr Brando unter diesen vielen schlechten Filmen gelitten haben mag, kann man nur erahnen. Ein hochgradig neurotischer, sensibler Mann, der zeitlebens auf der Suche nach Harmonie und Familie war — und sich dabei selbst im Wege stand. Nicht weniger als zehn Kinder zeugte er im Laufe seines Lebens, offiziell war er drei Male verheiratet, viele Beziehungen und Affären verliefen parallel und teilweise äußerst dramatisch; man denke nur an Anna Kashfi. In seiner Autobiographie schrieb er, dass er mit Hunderten von Frauen zusammen gewesen war, »doch nur wenige Begegnungen dauerten länger als ein paar Minuten.« — Viele Schwule freuen sich immer, wenn Brandos Zitat über seine gleichgeschlechtlichen Erfahrungen gebracht wird (warum eigentlich?): »Wie fast alle Männer habe auch ich homosexuelle Erfahrungen gemacht, und ich schäme mich deshalb nicht.« Aber Nein, schwul war Brando ganz sicher nicht. Allerdings trug seine Freundschaft mit dem Komiker Wally Cox die Züge einer zärtlichen Liebesgeschichte. Brando behielt den Pyjama, in dem Cox starb, bis zu seinem Tode. In seinem Buch schrieb er, dass er Cox seinen Tod nie verzeihen konnte.
Der sich über viele Jahre hinziehende Sorgerechtsstreit um seinen Sohn aus der Ehe mit Anna Kashfi wurde von der betrogenen, verbitterten Ex in aller Öffentlichkeit geführt. Das Kind wurde zeitweise ihm zugesprochen, woraufhin es von Kashfi entführt und über die Grenze nach Mexiko verschleppt wurde. Ihren Zorn auf Brando trug Kashfi, die 2015 schließlich starb, auf dem Rücken ihres Sohnes aus, bis dieser im Alter von 49 Jahren an einer Lungenentzündung starb. — Wie sehr Brando dieses Breittreten seiner Intimsphäre mitnahm, zeigt sein späteres Verhältnis zur Presse bzw. den Medien: Er zog sich förmlich aus der Öffentlichkeit zurück. 1966 erstand er seine eigene Insel im Pazifik, die er Tetiaroa nannte. Er liebte diese Abgeschiedenheit und tauchte phasenweise (von 1980 bis 1989 komplett) ab.

Der Kummer mit seinen Kindern brachte Brando im Alter von 65 Jahren wieder ins Licht der Öffentlichkeit zurück. Der hart umkämpfte älteste Sohn erschoss 1990 den Freund seiner Halbschwester Cheyenne, welche sich 1995 das Leben nahm. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand in beiden Fällen der Vater Brando. Pressefotos aus dieser Zeit zeigen einen gebrochenen Mann, um viele Jahre gealtert und um etliche Kilos schwerer. (Als er nicht mehr regelmäßig vor der Kamera stehen musste, gab sich Brando dem Essen hin. Er liebte Eiscreme.) Der Mann, dessen wunderschöner, athletischer Körper Kinogängerinnen über Jahre den Atem geraubt hatte, hatte sich eben diesen Körper grausam zerstört; vielleicht ein (unbewusstes?) Mittel, den verhassten Stanley Kowalski mit seiner überbordenden, destruktiven Sexualität endgültig zu vernichten? Ja, ich weiß, man soll nicht zu sehr psychologisieren und deuteln, aber die Frage wirft sich nun einmal auf.

Filmisch sorgte »The Godfather« (Regie: Francis Ford Coppola) 1972 für ein glanzvolles Comeback Brandos nach 15 Jahren im Dämmerlicht schauderhafter Filme. Seinen zweiten Oscar lehnte er aus Protest gegen die US-amerikanische Regierung ab — seinerzeit ein Skandal, der ihm mehr Presse einbrachte als eine schnöde Dankesrede es jemals vermocht hätte. Mit Coppola drehte Brando später mit »Apocalypse Now« (1979) einen der schwärzesten, härtesten Filme seiner Laufbahn. Ein kurzer, prägnanter Auftritt. Es war zugleich sein letzter großer Film. In späteren Jahren — ab 1989 — drehte er hauptsächlich durchschnittliche Konfektionsware und gab offen zu, sich mit fürstlichen Gagen ködern zu lassen. Er hatte jeden Idealismus verloren und gönnte sich den Luxus, nicht einmal seinen Text zu lernen. (Ihm wurden die Dialogzeilen über einen Knopf im Ohr von einem Assistenten zugeflüstert.) Zwei dieser Filme schienen ihm jedoch Spaß gemacht zu haben: »The Freshman« (Regie: Andrew Bergman, mit Matthew Broderick) und »Don Juan DeMarco« (Regie: Jeremy Leven, mit Johnny Depp) verblüfften mit einer bis dato unbekannten Leichtigkeit ihres schwergewichtigen Hauptdarstellers, der leider nur selten in einer Komödie zu sehen gewesen war.

Am 1. Juli 2004 starb Marlon Brando im Alter von 80 Jahren in Los Angeles. Seine ältere Schwester Jocelyn war bei ihm. Der Star, der die Filmschauspielerei revolutioniert hatte — Jack Nicholson: »Er gab uns unsere Freiheit!« — war nicht mehr unter uns. — Abschließend möchte ich Euch Brandos Autobiographie »Songs My Mother Taught Me« ans Herz legen. Das Buch enthüllt in aller Diskretion einen faszinierenden Mann, der ein reiches Leben gelebt hat.
Kommt gut in den Juli, lieben Gruß,

André

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5 thoughts on “1. Juli 2017

  1. Schönes Portrait! 👍 Ich möchte noch “Meuterei auf der Bounty” erwähnen. Sein Christian Fletcher hat mich als Jugendlicher sehr beeindruckt 😎

  2. Dankeschön. 🙂
    Die “Bounty” habe ich hier bereits kurz besprochen: https://vivasvanpictures.wordpress.com/2016/06/17/filmtipp-311-bis-410-100-filme-ueber-die-ich-nicht-viel-schreiben-moechte/

    #337: Meuterei auf der Bounty (Lewis Milestone, 1962)
    Marlon Brando meutert in einem epischen Schinken, der so kostspielig wurde, dass er — zusammen mit dem zeitgleich entstandenen »Cleopatra« (Regie: Joseph L. Mankiewicz) — das Ende des klassichen Hollywood-Studiosystems einläutete. Beide Filme verschlissen -zig Regisseure (Carol Reed verließ das »Bounty«-Set nach enervierenden Streitereien mit der Produktion) und konnten trotz guter Einspielergebnisse ihre horrenden Kosten kaum wieder einspielen. Brando sagte später, dass die Arbeit an diesem Film das schrecklichste Erlebnis seines Lebens war. Bei der Oscar-Verleihung ging der Abenteuerfilm trotz sieben Nominierungen übrigens leer aus. Richard Harris, Trevor Howard und Hugh Griffith spielten neben Brando die Hauptrollen.

  3. Pingback: 9. Juli 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  4. Pingback: Filmtipp #560: Your Vice is a Locked Room and Only I Have the Key | Vivàsvan Pictures / André Schneider

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