Filmtipp #464: Der Fänger

Der Fänger

Originaltitel: The Collector; Regie: William Wyler; Drehbuch: John Kohn, Stanley Mann; Kamera: Robert Krasker, Robert Surtees; Musik: Maurice Jarre; Darsteller: Terence Stamp, Samantha Eggar, Mona Washbourne, Maurice Dallimore. USA/GB 1965.

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Freddie Clegg (Stamp) ist ein sonderbarer Einzelgänger ohne Freunde. Ein unscheinbarer, kleiner Bankangestellter, der in seiner Freizeit Schmetterlinge sammelt. Ein Lottogewinn verschafft ihm unerwartet die Möglichkeit, ein abgelegenes Landhaus mit einem geräumigen Keller zu kaufen. Liebevoll richtet er diesen wohnlich ein und sorgt dafür, dass er schalldicht wird, denn dies soll der Wohnraum für Miranda (Eggar) werden, eine hübsche, kluge, lebendige Kunststudentin, auf die Freddie schon seit langem ein Auge geworfen hat. In einem großen Transporter heftet er sich mit einer Flasche Chloroform an ihre Fersen, um sie zu entführen…

Im Prinzip ist die Story um einen jungen, psychisch labilen Mann, der seine Angebetete zum Zwecke besseren Kennenlernens gefangennimmt, bestens aus Almodóvars Atame! bekannt. Bereits 25 Jahre zuvor hatte Hollywood-Altmeister William Wyler aus dem thematisch ähnlich gelagerten Stoff einen eiskalten psychologischen Thriller geschustert, der von Almodóvars bonbonfarbener Leichtigkeit und schief sitzender Romantik nichts, aber auch gar nichts hat. Das Drehbuch von John Kohn und Stanley Mann orientiert sich ziemlich genau an John Fowles’ Bestseller, dessen deutsche Übersetzung unter dem Titel »Der Sammler« erst gut und gerne 40 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung erschien. Lediglich eine Szene — die, in welcher ein Nachbar überraschend in Freddies Haus auftaucht — kam im Buch nicht vor, und auch das Ende lässt Freddie in einem positiveren Licht dastehen als in der literarischen Vorlage. Obwohl es sich bei »The Collector« im Wesentlichen um ein Zwei-Personen-Stück handelt und Stamp kein einziges Mal wirklich Hand an sein Opfer legt, gelingt es dem Regie-Veteranen Wyler, die Spannung kontinuierlich zu steigern und eine wahrlich beklemmende Atmosphäre der Bedrohung und latenten Gewalt zu schaffen. Die Kameraarbeit ist exquisit; allein die hervorragend durchkomponierte Eröffnungssequenz, die sehr geschickt den »Helden« als akribischen Sammler von Schmetterlingen vorstellt, ist schon ein Erlebnis. Hinzu kommt das fulminante Spiel der beiden Newcomer Stamp und Eggar, die mit diesem Film zu Stars wurden. Stamp hatte bereits wenige Jahre zuvor mit »Billy Budd« (Regie: Peter Ustinov) und »Term of Trial« (Regie: Peter Glenville) für Furore gesorgt, während Samantha Eggar neben vier unbedeutenden Filmchen hauptsächlich im TV zu sehen gewesen war. Beide Schauspieler wurden 1965 in Cannes für ihre erstaunlichen Leistungen geehrt. Eggar erhielt zudem noch einen Golden Globe und stand auf der Nominierungsliste für den Oscar, hatte bei der Verleihung allerdings gegenüber Julie Christie das Nachsehen. Ebenfalls nominiert wurden Wyler und das Autoren-Duo. Viel zu bekritteln gibt es an »The Collector« nicht. Terence Stamp ist vielleicht ein wenig zu attraktiv für die Rolle, und die Musik von Maurice Jarre ist nicht besonders gut gealtert. Wyler selbst hielt diesen Film für seinen besten und war bestürzt darüber, dass die Columbia ihm Kürzungen von über einer Stunde aufoktroyiert hatte; so fiel Kenneth Mores Part komplett der Schere zum Opfer: »Some of the finest footage I ever shot wound up on the cutting room floor«, monierte der Regisseur später. Traurige Berühmtheit erlangte »The Collector« — der ursprünglich übrigens in Schwarzweiß gedreht werden sollte, was man sich angesichts der üppigen, satten Farben des Streifens kaum mehr vorstellen kann —, als der Serienkiller Bob Berdella Jahre später angab, von diesem Film zu seinen schaurigen Taten inspiriert worden zu sein. Der Film wird heute wohl auch deshalb selten gezeigt und ist nur über vertrackte Umwege auf DVD beschaffbar.

André Schneider

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2 thoughts on “Filmtipp #464: Der Fänger

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