Filmtipp #478: Familiengrab

Familiengrab

Originaltitel: Family Plot; Regie: Alfred Hitchcock; Drehbuch: Ernest Lehman; Kamera: Leonard J. South; Musik: John Williams; Darsteller: Karen Black, Bruce Dern, Barbara Harris, William Devane, Cathleen Nesbitt. USA 1976.

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Nach ihrem sensationellen Erfolg mit North by Northwest taten sich Hitchcock und der Autor Ernest Lehman in den siebziger Jahren noch einmal zusammen, um einen ähnlich gestrickten Film aus der Taufe zu heben. Es geht um ein Medium namens Blanche Tyler (Harris), das zwar über keinerlei hellseherische Fähigkeiten verfügt, dafür jedoch von ihrem Taxi fahrenden Freund George (Dern), einem verhinderten Schauspieler, unterstützt wird. Gemeinsam nehmen sie mit ihren kleinen Betrügereien gut betuchte Kunden aus. Eine Klientin ist Julia Rainbird (Nesbitt), eine wohlhabende ältere Dame, die Blanche den Auftrag erteilt, mithilfe ihrer seherischen Fähigkeiten den verloren geglaubten Sohn ihrer Schwester ausfindig zu machen, damit dieser sein Erbe antreten kann. Der gesuchte Sprössling hat allerdings inzwischen seinen Namen geändert und führt ein äußerst zwielichtiges Leben, da er seine Juwelensammlung durch erpresserische Entführungen vergrößert. Blanche und George legen eine bewundernswerte Hartnäckigkeit an den Tag, so dass ihre Suche bald schon gefährliche Dimensionen annimmt, da der unwissende Erbe unter keinen Umständen entdeckt werden möchte…

»Was Hitchcock wirklich an diesem Filmprojekt interessierte, war die Idee von zwei getrennt ablaufenden unterschiedlichen Geschichten, die langsam zueinander finden und letztlich zu einer Geschichte werden. Ich ließ nicht locker, ihn darauf hinzuweisen, dass das Publikum nicht einen Film aufgrund seiner einzigartigen Struktur sehen will — es sei denn, Hitchcock plane, den Film als eine Art Dozent zu begleiten und ihn den Zuschauern zu erklären.« (Ernest Lehman)
In diesem letzten Film, der Krankheit und Müdigkeit, dem Überdruss und dem in Maßlosigkeit gewachsenen Alkoholkonsum abgerungen, versteckte Alfred Hitchcock sein mathematisches Genie nur noch notdürftig in der Draperie einer unterhaltsamen Geschichte. Kleine Gauner treffen auf große Gauner. »Family Plot« wurde eine leichte Krimikomödie, die eigentlich kaum Kinoformat besaß — ein schmuckes TV-Filmchen, das bequem nach der »Tagesschau« genossen werden kann. Aber Hitchcock wäre nicht Hitchcock, wenn es nicht vereinzelte Glanzlichter gäbe. Da wäre beispielsweise die Entführung eines Bischofs mitten aus einer Kathedrale oder die Autofahrt bergab mit versagenden Bremsen. Da ist der Friedhof, der aussieht wie ein Gemälde von Mondrian, auf dem Katherine Helmond einen dramatischen Auftritt hat, und da ist auch die beklemmende Schlussszene, in welcher Blanche in der Falle sitzt. Unerwähnt bleiben dürfen nicht Bruce Dern und Barbara Harris, die zu komödiantischer Höchstform auflaufen. In ihren Szenen sieht man, was Hitch an »Family Plot« so große Freude bereitete. Universal wollte, dass die Harris-Rolle mit Liza Minnelli besetzt wird, aber der Altmeister setzte sich durch. Er war seit den Sechzigern ein Bewunderer der publicityscheuen Broadway-Schauspielerin gewesen und hatte sich lange eine Zusammenarbeit gewünscht. In »Family Plot« bleibt Hitchcock der ironische Moralist der Kinowirklichkeit, wenn Blanche, die kühne Wahrsagerin, die ihr Geld mit der PSI-Gläubigkeit ihrer Mitmenschen verdient, am Ende Opfer ihres Berufes geworden zu sein scheint. Denn sie bleibt, somnambul sicher, an der Stelle der Treppe, die wir schon kennen, stehen, wo Adamson (Devane) alias Shoebridge alias Rainbird die durch Kidnapping erpressten Diamanten versteckt hat, zwischen den geschliffenen Glaskugeln des geschmacklosen Kronleuchters, für alle Welt sichtbar, man muss nur genau hinsehen. Und dann setzt sich Blanche auf die Treppe und zwinkert direkt in die Kamera, ein Gruß an das Publikum: Diesmal hat sie nicht nur ihre Kundschaft, sondern auch den Zuschauer zum Narren gehalten. Dieses neckische Zwinkern ist auch ein Abschiedsgruß des großen Meisters an sein Publikum. Zwar arbeitete er noch bis kurz vor seinem Tode an einem Projekt mit dem Titel »The Short Night«, das er mit Catherine Deneuve inszenieren wollte, aber leider machte ihm seine Gesundheit einen Strich durch die Rechnung. Er starb im April 1980 an Nierenversagen.

André Schneider

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2 thoughts on “Filmtipp #478: Familiengrab

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