Filmtipp #197: Endstation Sehnsucht

Endstation Sehnsucht

Originaltitel: A Streetcar Named Desire; Regie: Elia Kazan; Drehbuch: Oscar Saul, Tennessee Williams; Kamera: Harry Stradling; Musik: Alex North; Darsteller: Vivien Leigh, Marlon Brando, Kim Hunter, Karl Malden, Rudy Bond. USA 1951.

a streetcar named desire

Wie ein Gespenst taucht aus dem Nebel einer Dampflock im abgewrackten Bahnhof von New Orleans eine Frau auf und spricht einen jungen Matrosen an: »They told me to take a streetcar named ›Desire‹, then transfer to one called ›Cemeteries‹, ride six blocks and get off at ›Elysian Fields‹…« — Die Frau heißt Blanche Dubois (Vivien Leigh) und ahnt nicht, dass ihre Worte prophetischen Charakter haben und ihr eigenes Schicksal vorwegnehmen. Die Tram, in die sie steigt, führt sie nicht in elysische Gefilde, sondern in den Abgrund. Blanche will ihre Schwester Stella (Kim Hunter) besuchen, die vor Jahren aus der klaustrophobischen Enge des provinziellen Ariol floh, um in den quirligen Gassen von New Orleans ein neues Leben zu beginnen. Vom losen Treiben im French Quarter zeigt Blanche sich zunächst schockiert — genauso wie vom brachialen Charme ihres polnischen Schwagers Stanley Kowalski (Marlon Brando in seiner zweiten Filmrolle). Zwischen den beiden entbrennt vom ersten Moment ihrer Begegnung ein eigenartiger Konflikt: Blanche fühlt sich von Kowalskis unmittelbarer Körperlichkeit und sexueller Ausstrahlung gleichermaßen angezogen, wie sie seine Grobheit und Unkultur verachtet. Ihr eigenes distinguiertes Getue indes erweist sich jedoch schnell als Attitüde, als eine von vielen Fassaden, hinter denen einen tief verletztes Tier schlummert…
     Das manierierte Spiel Vivien Leighs, die eine klassische Schauspielausbildung genoss, vergrößert den Kontrast zur Primitivität der Figur Stanley Kowalskis — von Brando ganz im Sinne des Strasberg’schen method acting gespielt.
     Wie so viele Melodramen von Tennessee Williams handelt »A Streetcar Named Desire« von den Nöten des weiblichen Alterns. Bitter wird sich Blanche der eigenen Vergänglichkeit bewusst, die sie nicht akzeptieren kann. Ständiges Getupfe und Gezupfe, unentwegte Blicke in den Spiegel und eloquentes Lavieren offenbaren eine krankhafte Verzweiflung. »I don’t want realism; I want magic«, lautet Blanches Credo. All ihr Handeln ist auf männliches Interesse gerichtet, das zu wecken ihr immer schwerer fällt. Als sie Mitch (Karl Malden, I Confess), einen gutherzigen Poker-Freund von Kowalski, kennen lernt, scheint das Schicksal sich zu wenden. Doch Kowalski, der es auf ihr vermeintliches Vermögen abgesehen hat, lässt die ehemalige Lehrerin ausspionieren und erfährt von einer ruhmlosen Vergangenheit: Blanche ist eine nymphomane Alkoholikerin, die von der Schulbehörde suspendiert wurde, nachdem sie einen ihrer Schüler verführt hatte.

Dem im September 1951 uraufgeführten Film — ein riesiger Publikumserfolg, der Vivien Leigh, Kim Hunter und Karl Malden je einen Oscar einbrachte — ging eine glorreiche Broadway-Inszenierung (ebenfalls von Elia Kazan inszeniert) im Jahr 1947 voraus. Leighs Rolle war damals von Jessica Tandy gespielt worden; Brando, Hunter und Malden durften ihre Bühnenrollen auch vor der Kamera wiederholen. 855 Vorstellungen wurden gespielt, das Stück gewann einen Tony (für Jessica Tandy) und den Pulitzer-Preis. Die damals rigoros operierende Zensurbehörde der Filmindustrie und die ultrakonservative »Legion of Decency« sorgten dafür, dass für die Verfilmung unzählige Änderungen am Skript vorgenommen werden mussten. Zwei zentrale Szenen ergehen sich in der Filmversion derart in symbolischen Anspielungen, dass ein Gespür für die Brisanz des Stoffes aufzubringen heute — 63 Jahre später — wirklich etwas schwer fällt.
     Also: Blanche musste nach zahllosen Männerbekanntschaften in einer billigen Absteige irgendwann ihren Hut nehmen und ihre Heimat verlassen. Als Mitch sie deshalb zur Rede stellt, erklärt sie ihm, wie sie sich am Selbstmord ihrer einstigen Jugendliebe schuldig gemacht hat und seitdem nur Trost bei Fremden findet. Dass ihr Liebhaber, der »Poesie schreibt« und als »zart« beschrieben wird, schwul war, ist dem Film nicht zu entnehmen. Auch das letzte Aufeinandertreffen zwischen Kowalski und Blanche, welches in eine lediglich durch einen berstenden Spiegel angedeutete Vergewaltigung mündet, verliert sich im Ungefähren — als Folge des wirklich mächtigen production code unter Joseph Breen. Die literarische Vorlage und die Theaterinszenierung konnten sich diesbezüglich größere Freiheiten erlauben. Ein director’s cut mit der vollständigen Filmversion von »A Streetcar Named Desire« erschien erst 1994.
     Trotzdem ist Kazans Meisterwerk nicht nur der Grundstein für Brandos Schauspielkarriere — dies war sein zweiter Film nach »The Men« (Regie: Fred Zinnemann) —, sondern auch ein frühes und interessantes Beispiel für die Objektivierung des männlichen Körpers. Der Streifen lädt ein zum voyeuristischen Blick. Zwar hatte es Tennessee Williams allemal verstanden, sich in die Kalamität seiner Heldin hineinzufinden, die sorgsame Inszenierung des Körpers von Brando geht auf das Konto des Schauspielers selbst. Seine Kleidung und Posen in diesem Film haben sich als ikonografisch prägend für Außenseiterfiguren in den fünfziger Jahren erwiesen: Muskelgestählt im engen, verschwitzen T-Shirt oder im fleckigen, zerrissenen Unterhemd mit sorgsam eingeöltem Oberkörper, bietet Brando ein Paradebeispiel für die »Pin-up«-Kategorie des männlichen beefcake.
     Insbesondere in der rohen Gewalttätigkeit und erotischen Ungeschliffenheit, die Brando in seine Figur legte, offenbart sich ein Rollenspiel, eine männliche Maskerade. Diese widersprach den gängigen Maskulinitätstypen jener Tage. Dem Breen-Office war interessanterweise nicht Brandos körperliche Zurschaustellung ein Dorn im Auge gewesen, sondern Stellas lüsterne Reaktion darauf. Eine Frau, die Lust zeigt und fordert, ging den Zensoren zu weit. Trotz Umschnitt konnte nicht verhindert werden, dass die Quelle dieser Lust zu erkennen ist: ein Marlon Brando auf der Höhe seiner Virilität und mit ausgeprägtem Gespür für die Wirkung und Bedeutung seines wohlgestalteten Körpers. Gepaart mit einer damals völlig neuen femininen Verletzlichkeit, die wenig später von Montgomery Clift und James Dean noch deutlicher betont wurde, entwarf der damals 25jährige ein zeitlos aufregendes Männerbild. Am 3. April wäre er 90 Jahre alt geworden. Herzlichen Glückwunsch!

André Schneider

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