29. November 2009

1. Advent

Der Feinschnitt ist (soweit) beendet, in zwei Wochen sollte Alex und der Löwe — ein wenig verspätet — fertig sein. Moritz Capellmann (genialer Name für einen Tonmann, oder?) mischt den Ton und Michael Epp komponiert eine frühlingsleichte Musik. Die letzten Wochen waren sehr aufreibend, Klaus, Yuri und ich haben erbittert diskutiert, Szenen wurden gerafft, gekürzt oder auch ganz entfernt, es wurde probiert, ob man einige Szenen nicht umstellen könnte… Während langsam die Wehen einsetzen und unser Baby sich durch den Geburtskanal kämpft, stelle ich den Abspann zusammen, hoffend, niemanden zu vergessen. Unglaublich, wie viele liebe Menschen uns während des Drehs unter die Arme gegriffen haben! Angefangen bei Tina Jokisch (Stattcafé), Bogo Vatovec (Karvana), Martin Birnbaum (Birnbaum) und Claud Trittmacher und Jörg Lützenkirchen (Grand Hostel) bis hin zu den hundekuchenguten Menschen, die uns vertrauensvoll ihre Privatwohnungen für die Drehs überließen, Freunde, die uns finanziell und mit guten Ratschlägen unterstützten, und Fremde, die am Set mit beiden Händen anpackten. Da waren Begegnungen mit Mirko di Wallenberg, Harald Pignatelli, Pierre Sanoussi-Bliss und Byrt Mohr, die hilfsbereiten Mitarbeiter von Timm und so, so viele mehr.
Rückblickend und durch die lange Namensliste gehend stelle ich fest, was für ein umfangreiches Projekt uns in so kurzer Zeit geglückt ist. (Im Vergleich: Deed Poll dauerte drei, Der Mann im Keller und Half Past Ten jeweils fünf Jahre, und keiner dieser Filme hatte 17 Sprechrollen, zehn Drehorte und über eine Stunde Laufzeit.) Und all das im Alleingang, ohne Filmförderung und ohne die Rückendeckung einer Produktionsfirma. Ja, wenn man an sich glaubt und seine Kräfte polarisiert, ist einiges zu schaffen, und man kann hinterher mit Recht stolz auf sich sein.
Bald ist es also soweit! Eine gute Gelegenheit, noch einmal unseren Teaser mit Hans Hendrik Trost, Udo Lutz und Sascia Haj zu zeigen:

Am Donnerstag fand in Berlin ein berechtigter Protestmarsch gegen einen geplanten Auftritt des jamaikanischen Raggae-Stars Sizzla Kalonji statt, der in seinen Texten offen zum Mord an Homosexuellen aufruft. Die Aktion war insofern erfolgreich, dass die Kulturbrauerei das Konzert prompt absagte. In München, Wuppertal und Stuttgart allerdings wird Sizzla auftreten.
Homophobie und Rassismus sind ein- und dasselbe. Unsere Hautfarbe und unsere Sexualität sind die Dinge, die unseren Ursprung beseelen, den Kern unserer Existenz bilden und die wir nicht ändern können. (Über alles andere lässt sich diskutieren oder meinethalben auch streiten. Wenn mir jemand sagt, ich sei dumm, fett, unkomisch etc., kann ich argumentieren oder mich gegebenenfalls distanzieren.) Rassismus ist nicht nur ein Zeichen von Unmenschlichkeit, er zelebriert ignorante Dummheit und Arroganz in ihrer widerlichsten Form.
Die alltägliche Homophobie begleitet mich seit zwanzig Jahren. Als »auffälliger« Jugendlicher in Hildesheim glich mein täglicher Schulweg einem Spießrutenlauf. (Dabei war ich noch meilenweit vom Coming Out entfernt und hatte selbst nur eine vage Ahnung von meiner Sexualität.) Die Scherze und Beschimpfungen, mit denen mich meine Mitschüler malträtierten, prägten mich und veranlassten mich, so früh als möglich das Weite zu suchen, und ich wählte mir schon zu Schulzeiten eine Bastion, die für mich Weltoffenheit und Freiheit verkörperte: Theater, Literatur, Film und Musik. Dass Menschen wie Sizzla diese Medien, für mich seit Kindertagen »Festungen der Liebe«, als Sprachrohr für ihren Hass missbrauchen und beschmutzen, tut mir persönlich sehr, sehr weh. Ebenso wie die dreist-verlogene Art, mit der sich die Unmenschen auf »das Wort Gottes« berufen. Wer einen solchen Hass in die Welt hinaus trägt, hat nicht die geringste Ahnung von Gott.

Dass die Bühne ein Ort der Liebe sein kann, erfuhr ich gestern Abend im Grünen Salon, wo Boris Steinberg ein traumwandlerisch schönes Adventskonzert mit dem passenden Titel »Komm näher« gab. Dort fand ein Austausch statt, wie er im Theater sein soll. Boris erlaubt dem Zuhörer, seine ganze Atmung, alle Sinne für die Lieder zu öffnen. Seine deutsche Fassung des Lizz-Wright-Songs »Speak Your Heart« rührte mich so sehr, dass Tränen aufstiegen und ich eine Gänsehaut bekam. Und er sang auf Italienisch jene Zeilen, die ich vor gut einem Jahr ganz vorne in meinen 2009er Kalender notierte: »…werde mich hinknien, ganz nah am Ort der Liebe, aber noch nicht zu nah bei Dir.«
Ein wahrhaftiger, schöner Theaterabend, dem ein kurzer Abstecher zu der Geburtstagsfeier einer lieben Freundin folgte. Unglücklicherweise durfte es nicht allzu spät werden, da ich heute wieder arbeiten muss — die Siebentagewochen reißen nicht ab.

Adventszeit. Zeit, sich zu besinnen. Zeit, sich zu verwöhnen. Wie? Zum Beispiel mal wieder ein gutes Hörbuch — »Erinnerung an meine traurigen Huren« von Gabriel García Márquez, einfühlsam vorgelesen von Hanns Zischler — einlegen, dazu warmen Kakao mit Honig genießen, Räucherstäbchen, Kerzen, frische Mandarinen und einen schnarchenden Hund neben sich. Auf diese Weise kommt man gut und behütet durch die dunkle Jahreszeit.

André

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19. November 2009

In Sachen Internet war ich ein »später Junge«, erst mit 24 legte ich mir eine E-Mail-Adresse zu. Auch die Sache mit dem Mobiltelefon war mir lange nicht geheuer gewesen, erst nach langem Zögern hatte ich mir im Jahr 2000 eines besorgt.  Bis heute allerdings habe ich in meiner Wohnung keinen Fernsehanschluss, kein Telefon und keinen Internetzugang: »Ich lasse das Böse gern vor der Tür«, scherze ich immer, wenn man mich darauf anspricht.
Nach meinen ersten — wirklich schlimmen — Erfahrungen mit dem Internet zog ich mich Ende 2003 für zweieinhalb Jahre völlig aus diesem Medium zurück, bis mir mein Kollege Kay Ramczyk die Wichtigkeit eines eigenen Forums aufzeigte und mir riet, den Verleumdungen eines Bloggers mit einem eigenen Weblog entgegenzutreten. Mehr als zwei Jahre bloggte ich, doch leider gelang es mir nicht, virtuos auf dem Grad zwischen persönlich (das sollte mein Blog sein) und privat (das sollte er nicht sein) zu balancieren. Es ist eine delikate Angelegenheit, und die scheinbare Anonymität dieses Mediums verführt leicht dazu, Privates ungefiltert zu veröffentlichen. Sich unter seinem richtigen Namen — also nicht durch ein Pseudonym geschützt — dergestalt zu veräußern, ist nicht immer klug, macht angreifbar und kann mitunter sogar gefährlich werden. Vor allem: Macht man sein Privatleben öffentlich, ist es nicht mehr privat. Ende 2008, das Leben hatte mir gerade eine Reihe äußerst bitterer Streiche gespielt, verklebte ich also dieses virtuelle Fenster zu meiner Seele und fasste den Entschluss, meine Herzensangelegenheiten nur mit Menschen zu teilen, die ich persönlich kenne. (Ganz abgesehen davon ist meine Arbeit eh das Persönlichste, das ich geben kann.)
»Wir twittern und facebooken uns noch den letzten Funken Intimität weg«, schimpfte erst kürzlich meine Freundin Donna, als ich sie fragte, warum sie kein Facebook-Profil hat, und  der liebe Boris Steinberg sagte schon vor weit über einem Jahr zu mir, dass es völlig ausreiche, eine gute Website zu haben, man bräuchte MySpace, Facebook, Twitter und Co. nicht. Eigentlich gebe ich beiden Recht. In Zeiten, in denen es eine Pressemeldung wert ist, dass Britney Spears gerade eine Nachricht über ihr neues iPhone gesendet hat (!), ist es vermutlich eine weise und rücksichtsvolle Entscheidung, sich der Maschinerie ein wenig zu entziehen.
Augenblicklich fehlt mir die Zeit, meine ganzen accounts adäquat zu pflegen, ich bräuchte wirklich eine Sekretärin. Ich weiß wohl, meine MySpace- und Twitter-Profile scheinen verwaist. (Über Facebook aber bin ich momentan noch ganz gut erreichbar.)

Alex und der Löwe

Dieser Tage sind Klaus, Yuri und ich täglich im Schneideraum, damit Alex und der Löwe fristgerecht fertig gestellt wird. Am Montag werden einige Szenen nachsynchronisiert, und bis zum 3. Dezember muss die Farbkorrektur fertig sein, damit unser Film mit kinotauglichen Bildern auftrumpfen kann. Ütz arbeitet an einer Animation für den Titelvorspann, ein Löwe soll über unsere Namen hinweg tollen. Alles ist im Fluss und entwickelt sich prima. Dass wir im kommenden Jahr Tobi und der Knuddelmann drehen werden, ist mittlerweile längst beschlossene Sache. Wie und wovon, das muss noch geklärt werden. Viele Ideen schweben im Raum, Pläne für andere Projekte — zum Beispiel das seit 1997 geplante Chansonprogramm mit Texten von Friedhelm Kändler — ebenfalls, aber: Was nicht spruchreif ist, wird hier und jetzt auch nicht spruchreif gemacht. Warten wir’s ab, ich werde Euch auf dem Laufenden halten. Genießt die letzten Novembertage, noch sind sie mild.

André

9. November 2009

Alex und der Löwe

Wie immer mussten viele Hürden genommen werden, und diesmal waren einige besonders hohe dabei. Alex und der Löwe, mein erstes eigenes Filmprojekt seit dreieinhalb Jahren, genießt gerade seinen Feinschliff — in vier Wochen muss, soll und wird er fertig sein! Der Rohschnitt versprach viel, ich kann meine Aufregung, Freude und Verwunderung kaum in Worte gießen.
     Immer noch spüre ich die Anspannung und die Anstrengungen dieses Sommers in den Gliedern: Siebentagewochen (nur drei freie Tage in vier Monaten), manchmal 19 Stunden Arbeit am Tag, finanziell angeschlagen und in Sachen Motivation oft kein gutes Beispiel für die anderen. Am letzten Drehtag fiel plötzlich alles von mir ab, ich sank bei der Abschlußfeier im Karvana selig und erschöpft zusammen, meine Arme um Chelitos Bäuchlein bildeten einen Äquator des Glücks.

Das Interesse an unserem Film war schon während der Dreharbeiten ungewöhnlich groß, Alex und der Löwe stand — und das spürten wir alle! — trotz zum Teil grotesker Produktionsbedingungen unter einem guten Stern. Es war das richtige Projekt zur richtigen Zeit mit den richtigen Menschen. Die Widrigkeiten wurden durch den Spaß, den wir einander bereiteten, beiseite gewischt, und wenn sich ein Problem auftat, so kam die Lösung wie ein kleines Wunder immer rechtzeitig (und aus meist unerwarteter Richtung). Wir hatten so viel Freude, dass wir uns bereits vor Drehende fest für die Fortsetzung im kommenden Jahr verabredeten. (Wir freuen uns jetzt schon wie bekloppt darauf!)

Aber noch ist Alex und der Löwe nicht fertig, und es gibt viel zu tun. Neben Feinschnitt, Synchronisation und Vertonung, Tonabmischung, Farbkorrektur und so weiter werden jetzt die Anmeldungen für die Festivals ausgefüllt — Yuri und ich haben weltweit insgesamt 22 ins Visier genommen —, das Plakat entworfen, die Pressemappe erstellt, die englischen und spanischen Untertitel gemacht. Der Trailer wurde schon weit über 2.000 Mal gesehen, die beiden Teaser jeweils rund 350 Mal, und unser Musikvideo für den Titel »Promis« von Emmanuel Moire, den wir erst vor 24 Stunden online gestellt haben, hatte bis jetzt fast 200 Klicks. Diesen Clip, den Ütz und ich uns  in mühevoller Schnetzelarbeit am gestrigen Sonntag erarbeiteten, mag ich ganz besonders, weil er die luftig-leichte, warme Atmosphäre dieses Hochsommerdrehtages wiedergibt:

2009 war ein ergiebiges Jahr, auf das ich gern zurückblicke. Aus der Umarmung des Wassers erschien im Februar und verkaufte sich gar nicht so übel, wenn man den peinlich hohen Ladenpreis bedenkt. Dieses Baby liegt mir von all meinen schriftstellerischen Arbeiten am meisten am Herzen, es verschlang besonders viel Zeit und Kraft. Die Freude, als es endlich zur Welt kam, war immens!
     Auch gesundheitlich ging es mir (abgesehen von einigen Wochen im April und Mai) das ganze Jahr über blendend. Lange schon fühlte ich mich nicht mehr dermaßen kräftig und kreativ. Ich begegnete interessanten Menschen, Freundschaften entstanden oder wurden wieder belebt, und ich kam einige Male »meiner Mitte« wieder richtig nahe. (Zitat: »Meine ›Mitte‹ finden? Kein Problem! Ich rase häufig an ihr vorbei, auf meinem Weg von einem Extrem ins andere.« Ulla Meinecke)
     Abschiede gab’s zwei: Am 5. Februar starb meine Oma einen beneidenswert schönen Tod im Alter von immerhin 80 Jahren, und im Juli endete eine »Freundschaft«, die 2006 begann und in der ich der gebende und der andere der nehmende Part gewesen war.

Mit »Avril« (Regie: Gérald Hustache-Mathieu), »Le premier jour du reste de ta vie« (Regie: Rémi Bezançon) und »Le fils de l’épicier« (Regie: Eric Guirado) sah ich 2009 drei der schönsten Filme meines Lebens, ich las tief bewegt »Das Zimmer« von Helen Garner, schmunzelte über Royce Buckinghams »Dämliche Dämonen«, und Cassandra Wilson, Róisín Murphy, Chairlift, Ben Taylor und viele, viele andere lieferten den Soundtrack dazu.
     2009 jährte sich mein Umzug nach Berlin zum zehnten Mal, am 1. Oktober 1999 begann für mich das Abenteuer Leben in der Großstadt. (Wie alt war ich doch gleich?)

Der 9. November. Vor zwanzig Jahren fiel die Mauer, man fügte zusammen, was zusammen gehört. Vor 71 Jahren, ebenfalls am 9. November, brannten über 1.400 Synagogen in der Reichspogromnacht. Über 400 Juden wurden ermordet, etwa 30.000 inhaftiert und in Konzentrationslager verschleppt. Friedhöfe und Geschäfte wurden zerstört. Die Novemberpogrome bildeten den Auftakt zur systematischen Verfolgung und Vernichtung der Juden. Der Holocaust begann.
     Paul Celan bemühte sich, das Unfassbare in Worte zu kleiden: »Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.«

Ein gedankenvoller, regennasser Abend, und nach fast einem Jahr Blog-Pause schreibe ich nun wieder öffentlich. Noch fühlt es sich ein wenig fremd an. Ich bitte um Geduld.

André