Filmtipp #626: Das Leichenhaus der lebenden Toten

Das Leichenhaus der lebenden Toten

Originaltitel: No profanar el sueño de los muertos/Non si deve profanare il sonno dei morti; Regie: Jorge Grau; Drehbuch: Sandro Continenza, Marcello Coscia; Kamera: Francisco Sempere; Musik: Giuliano Sorgini; Darsteller: Cristina Galbó [Christine Galbo], Ray Lovelock [Raymond Lovelock], Arthur Kennedy, Aldo Massasso, Giorgio Trestini. Spanien/Italien 1974.

Das dem europäischen Kino stets feindselig gegenüberstehende »Lexikon des internationalen Films« fällte über diesen intelligenten Schocker ein vernichtendes Urteil: »Eine eklige Mischung aus Horrorelementen, Kannibalismus, Kritik an Fortschrittsgläubigkeit und Polizei; inhaltlich wie formal ohne jede Qualität.« Ich bin mir fast sicher, dass der Rezensent das vorliegende Werk nicht gesehen haben kann — oder schlicht und ergreifend keinen Schimmer von Inhalt und Form eines Films hat. Die drastischen Bilder, welche Jorge Grau hier auf den Zuschauer einwirken lässt, sind nie Selbstzweck, haben immer Sinn. Ohnehin war Señor Grau, der im Dezember 2018 im Alter von 88 Jahren das Zeitliche segnete, ein sträflich unterschätzter Regisseur und Autor, der bis 1994 gut drei Dutzend interessante Werke schuf. In der repressiven Franco-Ära schaffte er es gekonnt, gesellschaftskritische Inhalte in publikumsfreundlichen Genre-Filmen einzubetten. Im Falle von »No profanar el sueño de los muertos« warfen ihm die Kritiker anno 1974 vor, dass die Kritik an der Umweltpolitik nur ein Vorwand sei, um die Gewalttätigkeiten zu rechtfertigen, doch Grau versicherte in späteren Jahren, dass das Gegenteil der Fall war. (Ob seine Drehbuchautoren das auch so sahen, bleibt fragwürdig.)

»No profanar el sueño de los muertos« wurde zwischen dem 1. November 1973 und den 29. Januar 1974 an Originalschauplätzen in Manchester, South Yorkshire, Derbyshire und Cheshire gedreht, die Studioaufnahmen fanden nach den Gesetzen der internationalen Co-Produktion in Cinecittà und Madrid statt. Ray Lovelock mimt den Kunsthändler George — langhaarig und mit schickem Vollbart, der ihm vorzüglich steht —, der übers Wochenende in sein kleines Landhaus in Windermere fahren möchte. Hierbei wird er von Cristina Galbó aufgehalten, die in der Rolle der Edna versehentlich an einer Tankstelle sein Motorrad schrottet. Sie selbst möchte ihrer in der Gegend lebenden drogensüchtigen Schwester (Jeannine Mestre) beistehen, die von ihrem Mann (José Lifante) in eine Entzugsklinik gebracht werden soll. Besagtes Motorrad wird an der Tankstelle zurückgelassen, George steigt zu Edna ins Auto. Auf dem Weg in Richtung Windermere geschehen gruselige Dinge: George trifft auf einem Acker ein paar Wissenschaftler, die im Rahmen eines Agrarprojektes mittels radioaktiver Strahlung Insekten ausmerzen wollen. Die Strahlung macht die Viecher so aggressiv, dass sie übereinander herfallen und sich gegenseitig töten. Moderne Schädlingsbekämpfung. Während George noch mit den Agrarwissenschaftlern plaudert, hat die arme Edna eine gar schauerliche Begegnung mit einem Zombie (Fernando Hilbeck). Dass beides miteinander zu tun haben könnte, realisieren George und Edna leider, leider nur langsam. Bald gibt es in ihrem Umfeld die ersten Toten, und zu allem Überfluss werden sie von einem garstigen Inspektor (Arthur Kennedy) eingekreist, der in ihnen die Urheber der Todesfälle vermutet.

Edmondo Amati war als Produzent schon ab 1964 etabliert und produzierte stets überaus solide Kost (Una sull’altra, Max et les ferrailleurs). Wie er auf Jorge Grau gekommen war, lässt sich vermutlich nicht mehr rekonstruieren, aber Grau brachte reichlich Erfahrung im Bereich italienisch-spanischer Co-Produktionen mit. »No profanar el sueño de los muertos« liegt deutlich über dem Genre-Durchschnitt, was nicht zuletzt der detailgenauen mise-en-scène zu verdanken ist. Sorgfalt und ein klares Gespür für Atmosphäre gehörten zu Graus unverwechselbaren Stärken. Er leistet es sich, einen Großteil des Horrors bei Tageslicht spielen zu lassen — für damalige Verhältnisse eine seltene Entscheidung, das Gros der Regisseure setzte im Gruselfilm auf das Dunkel der Nacht. Die locations sind fabelhaft ausgewählt, die Innenräume glaubhaft ausgestattet. Francisco Semperes Kameraarbeit ist exzellent. Das größte Plus aber ist, dass Grau im Gegensatz zu Romero und anderen einen nachvollziehbaren Hintergrund liefert, warum die Toten wiederkehren. Die Fressszenen sind blutig und explizit, halten sich aber angenehm in Grenzen. Die Schocks, die Grau einsetzt, sind gut dosiert, es gibt keinen Selbstzweck wie bei Romero oder Fulci. Sehr gut auch die Figurenzeichnung des Streifens. Lovelock ist hier nicht der glatte Schönling wie zuvor beispielsweise bei Umberto Lenzi, sondern mit seinen damals 23 Jahren erstaunlich erwachsen. Er trägt den Film souverän und sieht besser aus denn je. George ist eine Art Spät-Hippie, der sich nach unberührter Natur sehnt und sich schroff gegen das Establishment auflehnt, ohne dabei militant zu werden. Ihm gegenüber steht Arthur Kennedy, in Hollywood einst fünffach für den Oscar nominiert, bevor es ihn nach Europa verschlug. Er spielt diesen verbitterten, frustrierten Polizisten eindringlich und überzeugend. Er hasst George und überhaupt: die Städter, die Hippies, die Schwulen, die Drogenabhängigen, die Satanisten. Er projiziert all dies auf den armen George, der praktisch gar nicht gewinnen kann. Hier die Zombies, dort die Polizei, und über allem schwebt die Radioaktivität. Cristina Galbó, hier in ihrer 18. Filmrolle zu sehen, wurde von der spanischen Seite in die Produktion gebracht, spielt immerhin solide. Gesonderte Erwähnung sollte Fernando Hilbeck finden, Sohn eines Engländers und einer Spanierin, der insgesamt in 111 Film- und Fernsehproduktionen dabei war. Dabei spielte er unter Regisseuren wie Paul Naschy, Eloy de la Iglesia, Eugenio Martín und Amando de Ossorio.
»No profanar el sueño de los muertos« ist international unter insgesamt rund 30 Alternativtiteln bekannt: »Let Sleeping Corpses Lie« (USA), »Zombi 3« (Italien), »Invasion der Zombies« (BRD), »The Living Dead at Manchester Morgue« (GB) und »Don’t Open the Window« (Kanada) sind nur einige Beispiele. Lange Zeit fristete der sehenswerte Streifen ein betrübliches Nischendasein, ehe er für den DVD-Markt neu entdeckt und liebevoll restauriert wurde.

André Schneider

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Rezept #48: Mediterranes Grillbrot mit Kräutern

Dieses Rezept habe ich kürzlich im Internet gefunden und es in leicht abgewandelter Form sofort ausprobiert. Was soll ich sagen? Ich war schwer begeistert! Es ist zwar etwas zeitintensiver, aber es ist eine großartige Idee für Grillabende. Das Brot lässt sich nämlich prima toasten oder auf den Grill werfen. Als Beilage für Salat oder ein gutes Steak ist es der Hammer! Also ran an die Kräuter!

Zutaten:
80 Gramm eingelegte Balsamico-Zwiebeln (am besten 24 Stunden vorher einlegen)
80 Gramm grob geriebene Zucchini
120 Gramm geriebener Parmesan
6 getrocknete Tomaten
Thymian, Oregano und Rosmarin (je nach Bedarf)
1 Tl Kräutersalz
Pfeffer
2 Eier
300 ml Buttermilch
3 El Olivenöl
350 g Mehl
2 Tl Backpulver
1/2 Tl Natron
Meersalz, Kräuter und ggf. Chili zum garnieren

Zubereitung:
Der Backofen wird auf 180 Grad vorgeheizt. (Bei Umluft reichen 160 Grad.) Wir legen schon einmal eine Kastenform mit Backpapier aus.

Die getrockneten Tomaten und die Zwiebeln werden in kleine Stücke geschnitten, die Zucchini grob geraspelt und der Parmesan (Grana Padano geht auch) fein gerieben. Die Buttermilch wird in einer großen Schale mit den Eiern verquirlt und dann mit dem Gemüse und der Kräutermischung vermengt. Anschließend werden Salz, Pfeffer, Mehl, Backpulver und Natron hinzugegeben und mit einem Kochlöffel vermengt. Erst zum Schluss wird der Käse hinzugefügt und verrührt. Der nun fertige Teig wird in die Kastenform gefüllt, glatt gestrichen und zum Abschluss mit Meersalz, Kräutern und, wenn man es etwas schärfer mag, mit einer klein gehackten Chilischote garniert.

Im vorgeheizten Ofen etwa 45 Minuten backen, dann die Stäbchenprobe machen und ggf. die Backzeit etwas verlängern. Wenn das Brot fertig ist: abkühlen lassen, aus der Form kippen, in Scheiben schneiden und genießen. Wie gesagt, man kann es vor dem Verzehr auch noch einmal kurz grillen oder toasten. Durch die Buttermilch ist das Brot ziemlich mächtig, man wird also sehr satt. Man kann es auch prima mit Knoblauchbutter bestreichen oder mit Käse überbacken. Guten Appetit!

André Schneider

17. August 2019

Da ich keinen Film mehr produzieren werde, kann ich Euch heute etwas erzählen. Während ich in Straßburg war und in einer laverie auf meine Wäsche wartete, schrieb ich eine Filmidee nieder, die ich spontan »L’homme séparé« nannte. Die Geschichte handelt von einem alleinerziehenden Vater von zwei Kindern. Seine Frau war eines Tages sang- und klanglos verschwunden und wurde von ihm als vermisst gemeldet. Die Zeit naht, sie für tot erklären lassen zu müssen, als eines Tages auch seine Kinder verschwunden sind. Bei der Polizei äußert er den Verdacht, dass sie entführt wurden. Er verdächtigt seine Frau, die Kinder geholt zu haben; die Polizei glaubt ihm nicht. Am Ende — ich kürze das Ganze mal ab — stellt sich heraus, dass er sowohl seine Frau als auch seine Kinder beseitigt hat, um sich als Opfer zu inszenieren. Der Aufmerksamkeit wegen. Ich hatte schon einige Drehorte (in Straßburg) notiert und mich in diese Rolle hineingeträumt. Es war ein stimulierender Nachmittag. Abends saß ich mit Douglas und seinen Freunden in einer Bar. Auf einmal wurde »99 Luftballons« gespielt, und urplötzlich fühlte ich mich schrecklich allein, weil ich der einzige weit und breit war, der mitsingen konnte.
Die europaweiten Anschläge der letzten Jahre haben dazu geführt, dass patrouillierende Soldaten mit Maschinengewehren vor der Brust mittlerweile zum Stadtbild gehören. Ich kann nicht sagen, dass mich der Anblick beruhigt. Gefahr ist ein nicht zu bestimmender Faktor. In einem Straßencafé beim Sonntagsfrühstück sitzend, überkam mich der Gedanke, dass es jederzeit und überall passieren könnte, dass ein bewaffneter Irrer durch die Straße rennt und um sich ballert. Am Tag vor der Abreise fand in Straßburg ein großer Markt statt, der sich über die gesamte Innenstadt ausbreitete und erst hinterm Place Kléber endete. Es war wie in einem Ameisenhaufen. Polizeikontrollen am Ein- und Ausgang und immer wieder bewaffnete Soldaten im Viererpack, MGs vor dem Körper schräg nach unten gerichtet.

Binoche und Civil in “Celle que vous croyez”.

Safy Nebbou haben wir den wohl schönsten Film des Jahres zu verdanken: »Celle que vous croyez« mit Juliette Binoche und François Civil, nach dem Roman von Camille Laurens. Wieder ein Beweis dafür, dass es (zumindest in Frankreich) doch starke Rollen für Frauen jenseits der 50 gibt. Binoche ist — als Frau wie als Schauspielerin — reizvoller denn je. Ihr und Ibrahim Maaloufs mitreißender Musik ist es zu verdanken, dass ich mir die DVD seit Ende Juli schon dreimal eingelegt habe. (Der Film läuft zur Zeit auch unter dem Titel »So wie du mich willst« bei uns im Kino.) Es geht um die Diskrepanz zwischen Sein und Sein-wollen. Claire ist eine 50jährige geschiedene Mutter zweier Söhne, die sich auf Facebook ein Fake-Profil einrichtet. Dort heißt sie Clara und ist 24. Sie flirtet online mit einem jungen Mann (Civil). Die beiden verlieben sich virtuell ineinander, doch Claires Konstrukt muss früher oder später an der Realität zerschellen: Wie kann sie dem verliebten Alex erklären, dass alles außer ihren Gefühlen eine Lüge ist? Eine moderne Geschichte über die Vielschichtigkeit der Realität in Zeiten der digitalen Revolution, über die man nach Ende des Films noch lange nachdenken und diskutieren kann. »Celle que vous croyez« ist im Grunde genommen nicht zu Ende erzählt. Wir blicken auf die Fragmente wie auf die Scherben eines zerbrochenen Spiegels. Online werden wir häufig zu der Fantasie, die wir von uns selber haben. Was ist echt, was ist Projektion? »L’amour, c’est vivre dans l’imagination de quelqu’un«, schreibt Claire. Und sie vertraut ihrer Psychologin (Nicole Garcia) an: »Je ne faisais pas semblant d’avoir vingt-quatre ans, j’avais vingt-quatre ans.« Dass Claires Spiel in Tränen enden muss, ist uns von vornherein klar. Alles ist Film, alles ist konstruiert. Wir wissen das. Und dennoch tut es weh. Erstaunlich, dass Nebbou nicht den sanft-ironischen Blick verliert. Der verschafft uns die wohlige Illusion des Trostes.

Mein liebstes Bild aus Ians Film. (Szenenfoto © by Michael Terhorst)

Bis zum Schluss wurde umgeschrieben, umbesetzt, umstrukturiert, aber jetzt ist »Ein Liebhaber für drei«, abgesehen von einem allerletzen Drehtag im September, abgedreht. Die Atmosphäre während der letzten Drehtage war bedrückend. An die 30 Drehtage, auf zwölf Monate verteilt. Geldnöte, Termindruck, das ganze Paket. Martin, Ians Regieassistent, fehlte beim letzten Drehblock merklich. Das Team war auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Michael Terhorst, der Kameramann, und Alex Acevedo, der für den Ton zuständig war, nahmen’s sportlich. Mir gelang das leider nicht. Ich genoss das Zusammenspiel mit Edelgard Hansen, die einen halben Drehtag mit mir in der Samoastraße hatte, und machte drei Kreuze, als unser Regisseur endlich verkündete: »It’s a wrap!« Auf ihn warten jetzt noch Roh- und Feinschnitt, Musik, Tonabmischung und Farbkorrektur, bevor er sein Herzensprojekt endlich in die Welt schicken kann. Was ich vom »Liebhaber für drei« mitnehme, sind einige Lektionen und eine gehörige Portion Angst (Stichwort: Ians Herzinfarkt).
Sowohl Les Fantômes als auch Bd. Voltaire hatten zwischenzeitlich ein paar Festivals. Offenbar wurde ich in Shanghai für Les Fantômes als Bester Schauspieler ausgezeichnet. Habe es per E-Mail erfahren und mit einem gleichgültigen Achselzucken zur Kenntnis genommen. Damit dürfte die Abnabelung wohl gelungen sein. Noch vor zweieinhalb Jahren hätte mir das etwas bedeutet, doch heute ist der Drops endlich gelutscht. Das erkenne ich (auch) in und durch die Sitzungen bei Frau A. An die 110 liegen bereits hinter uns, und allmählich geht’s ans Eingemachte. Vertrauen braucht entsetzlich lange, ehe es keimt — und ist so entsetzlich fragil. Das Gefährliche am Schauspielerberuf ist, dass man sich ganz gut »von sich selbst wegspielen« kann. Das habe ich schon vor über zehn Jahren erkannt (und sogar in Aus der Umarmung des Wassers darüber geschrieben), aber erst 2019 komme ich häppchenweise wieder bei mir an. Wenn ich bedenke, dass ich lange Zeit nur vor der Kamera weinen konnte, versteckt in oder hinter einer Rolle, wird mir ganz mulmig. Die Inschrift am Tempel von Delphi — »Erkenne dich selbst!« — ist wirklich der Schlüssel zu vielem. Die Reise zu den Erkenntnissen wird in meinem Falle durch den neuen Beruf unterstützt, durch die wenigen, aber immer intensiver werdenden Freundschaften, die Familie und selbstverständlich auch durch Frau A. Wir schauen uns die (Traum-)Bilder an. Den kleinen Junge, der Angst vorm Dunkeln hat, weil ihn die Tagesmutter zum Mittagsschlaf im dunklen Schlafzimmer einschließt und ihn schreien lässt. Er wird oft eingeschlossen. Nach dem Essen muss er so lange im Bad bleiben, bis er pullern kann. (Noch heute, an die 40 Jahre später, muss die Schlafzimmertür meist geöffnet bleiben, damit ich beruhigt einschlafen kann.)
»Du siehst immer mehr aus wie Kalli, und du bewegst dich auch so«, sagte Ian vor einigen Wochen, und obwohl ich meinen Vater liebe, möchte ich das (noch) nicht. Habe in Straßburg immerhin vier Kilo abgenommen. Es war keine Mühe, in Frankreich werden 40 Prozent (!) weniger Zucker in den Lebensmitteln verarbeitet. (Deutschland ist zuckermäßig neben Belgien wohl Spitzenreiter in Europa.) Natürlich raubt einem auch die Sommerhitze etwas Appetit. So gesehen wäre ich einer letzten Hitzewelle doch nicht ganz abhold.

Ich hatte mich schon beinahe mit dem Gedanken, nach meinem Abschluss in Berlin bleiben zu müssen, abgefunden. Dann machte ich eines Abends den Fehler, mir online ein Bild vom aktuellen Berliner Wohnungsmarkt zu machen. Mit dem Gehalt, das mich erwartet, ist eine 50-Quadratmeter-Wohnung mit Balkon nicht drin. Höchstens in einer Platte in Marzahn, Lichtenberg oder Hellersdorf. Selbst im Speckgürtel — Königs Wusterhausen, Zeesen, Bestensee — sind die Mieten horrend. Eine Ein-Zimmer-Wohnung kostet im August 2019 im Schnitt 650 Euro kalt. Natürlich könnte ich in meiner Wohnung bleiben. Sie ist ruhig und hell, und ich liebe den Kiez hier. Nur fehlt mir der Balkon, und die Wasserschäden, um die die Hausverwaltung sich nicht kümmert, trüben den Wohngenuss erheblich. Die Abflussrohre sind so verrottet, dass das Bad entsetzlich stinkt und ich schon lange keine Freunde mehr einladen konnte. Würden die Mängel beseitigt werden, wäre Berlin nicht die schlechteste Option. Ein Problem ist, dass man nach 20 Jahren in dieser Stadt für die meisten anderen deutschen Großstädte »verdorben« ist. Und ganz alleine auf dem Land von vorne beginnen? Schwierig. Jüterbog und die Gegend um Pritzwalk sehen nett aus, aber der Funke mag nicht ganz springen. Das Gedankenkarussell hält einfach nicht an. Meine Fühler sind nach wie vor ausgestreckt, ich wäge ab, informiere mich, bleib am Ball und versuche, mich mit dem »Du hast doch nocht Zeit«-Mantra zu beschwichtigen.

Rutger Hauer ist tot. Sylvia Miles, Harold Prince, George Hilton, Jeremy Kemp, Valentina Cortese, Rip Torn, Freddie Jones, Max Wright, Peter Fonda, Franco Zeffirelli und Narciso Ibáñez Serrador ebenso. Mit Ágnes Heller ist eine große Denkerin von uns gegangen. All diese Todesfälle schmerzen auch deshalb so sehr, weil kaum jemand nachrückt, der sich in Sachen Talent und Charisma mit diesen Menschen messen könnte.
Oh weh, ich sehe, der heutige Beitrag ist sehr, sehr lang geworden. Wenn Ihr es bis hierher geschafft habt, danke ich Euch recht herzlich für Eure Aufmerksamkeit. Ich hoffe, Euch erwartet ein entspanntes und fröhliches Wochenende. Ich werde morgen mit einer lieben Kollegin und Ian das Black Food Festival in Kreuzberg anschauen. Seid lieb gegrüßt,

André