21. Februar 2017

Die Schreibarbeit am Roman stagniert zwar nicht ganz, aber die jobbedingte Unterbrechung tat dem kreativen Fluss nicht gut, ich finde mich nur schleppend wieder ein. Dafür habe ich immerhin schon den Titel, den ich zwar noch nicht verraten möchte, der mir aber sehr gefällt. Wirklich sehr. — Empfindlich gereizt schlurfte ich am Samstag aus dem Büro, die Überstunden der vorherigen Tage saßen mir in den Knochen. Man verstumpft, versumpft, und es dauerte praktisch den ganzen Sonntag, ehe ich das Unwohlsein abschütteln konnte. Einen längeren Absatz habe ich schreiben können, dann bremste mich das Telefon aus. Es tat aber gut, ein bisschen länger mit meiner Mutter zu sprechen, die mir von der Familie erzählte. Helenas Neugier und Agilität hält alle auf Trab, sie summt und brabbelt den ganzen Tag vor sich hin, »Ba« heißt Ball, mit »Boh« ist Bootsmann gemeint, »Mamamam« und »Pa« und »Da!« kann sie auch schon.
Am Sonntagabend wollten Ian und ich noch zur Berlinale-Party von Salzgeber. Dumm nur — mein Fehler! —, dass sich irgendein Zahlendreher bei mir eingeschlichen hatte. Ich hätte Stein und Bein geschworen, dass die Party am 19. stattfinden würde, quasi zum Abschluss der Berlinale, sie war aber schon am 11. gewesen. So trafen wir uns lediglich auf einen Drink mit Tabea und ihrem Freund aus München. Mal wieder ganz gemütlich in der Oranienstraße. Wir sprachen darüber, Berlin ein wenig überdrüssig geworden zu sein. Die Dynamik ist weg, der Lack ist ab, aber mir fällt zumindest in Deutschland keine reelle Alternative ein. Hamburg vielleicht, ja, das wäre schön, aber unbezahlbar.

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»Elle« (Regie: Paul Verhoeven) ist inzwischen auch in Deutschland angelaufen. Die DVD gehört schon seit Oktober 2016 zu meiner Sammlung. Die Rezension habe ich schon verfasst, Ihr könnt sie am 25. August diesen Jahres hier lesen. Falls Ihr den Film noch nicht gesehen habt, holt es rasch nach. Die Kritiken sprechen für sich. Und obwohl ich kein großer Fan von Isabelle Huppert bin — was mehr an ihrer Ausstrahlung als an ihrem Können liegt —, muss ich zugeben, dass sie die perfekte Besetzung ist und vielleicht nie so gut war wie hier. Es ist Verhoevens bester Film seit »Basic Instinct« (1992).

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“Call Me a Ghost” von Noel Alejandro.

Niels Koschoreck schrieb vor einigen Jahren in einem seiner lesenswertesten Beiträge darüber, dass Pornographie niemals Kunst sein kann. Andersrum bedient sich die Kunst schon häufiger der Pornographie als Stilmittel. Filmhistorisch fällt mir in dieser Hinsicht als allererstes Catherine Breillat ein. Oder »Théo et Hugo dans le même bateau« (Regie: Olivier Ducastel, Jacques Martineau), der 2016 für Furore gesorgt hatte. Darauf wollte ich jetzt allerdings nicht hinaus. Diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich kein Porno-Fan bin. (Mit Ausnahme von Andrew Blakes Filmen; ich stand ziemlich lange auf Kyla Cole.) Nur empfahl mir vorgestern eine Freundin, mir die Filme von Noel Alejandro anzuschauen. Was ich bislang an Fotos und Trailern sah, gefiel mir in seiner Aufmachung tatsächlich gut. Ein gutes Auge, ein klares Gespür für Ästhetik und Schönheit. Von Derbheit keine Spur mehr. Mal schauen, ob ich mir zum Ende des Monats seine Filme bestellen werde. (Es käme mir etwas komisch vor, sie mir zum Geburtstag zu wünschen.) Und damit wünsche ich Euch einen stressfreien Start in den Dienstag.

André

Filmtipp #451: The Crying Game

The Crying Game

Originaltitel: The Crying Game; Regie: Neil Jordan; Drehbuch: Neil Jordan; Kamera: Ian Wilson; Musik: Anne Dudley; Darsteller: Stephen Rea, Jaye Davidson, Forest Whitaker, Miranda Richardson, Adrian Dunbar. GB 1992.

The Crying Game

Ein großer kleiner Film fürwahr, und darüber hinaus einer, den ich für immer mit London und den 1990ern verbinde. Das Setting, die Farben, die Kostüme, Frisuren und Drehorte — alles atmet den Geist dieser Zeit. Und dann war da natürlich Jaye Davidson: eine Offenbarung. Mann, war ich verliebt! Unglücklicherweise kann man nicht viel über den Inhalt von »The Crying Game« schreiben, ohne das Filmvergnügen zu trüben, aber ich versuche es mal: Der britische Soldat Jody (Forest Whitaker ist mit seinem englischen Akzent sehr überzeugend) wird von der IRA entführt und verschleppt. Mit einem seiner Bewacher, Fergus (Rea), freundet er sich an, so dass dieser überlegt, ihn in die Freiheit zu entlassen, anstatt ihn zu exekutieren. Sollte ihm doch etwas zustoßen, bittet Jody seinen Entführer, möge dieser bitte in England nach seiner Freundin Dil (Davidson) sehen. Es kommt, wie es kommen muss: Jody stirbt auf der Flucht, überfahren von den eigenen Leuten, und Fergus muss vor seinen rachsüchtigen Mitstreitern (u. a. Richardson in einer wirklich diabolischen Performance) fliehen. In London angekommen, löst Fergus sein Versprechen an Jody ein und spendiert Dil, die als Friseurin arbeitet, einen Drink in ihrer Lieblingsbar von Col (Jim Broadbent). Die beiden kommen sich allmählich näher, und der einstige Terrorist entpuppt sich als schüchterner Bewunderer. Es dauert jedoch nicht lange, bis die IRA-Kämpfer Fergus auf den Fersen sind. Die Katastrophe inklusive Blutbad ist vorprogrammiert, als die Grenzen zwischen Politischem und Privatem, zwischen Vertrauen und Obsession schließlich verwischen.
Das Ganze wird uns mit viel Humor und ohne jeden schmalzigen Pathos serviert. Neil Jordans siebter Film dreht sich, wie schon »Mona Lisa« (1986), um Rassismus, Sexualität und Loyalität. Kritiker und Publikum waren hingerissen von diesem kurzweiligen Meisterwerk, das mit über 25 Preisen ausgezeichnet und für rund 30 weitere nominiert worden war. Von den sechs Oscarnominierungen (u. a. für Davidson und Rea) konnte Neil Jordan immerhin die Statuette für das beste Originaldrehbuch entgegennehmen. Die deutsche »Filmwoche« schwärmte: »Ohne Übertreibung einer der besten europäischen Filme des Jahres«, einem Urteil, dem ich mich gerne anschließen und es erweitern möchte: Einer der besten europäischen Filme der letzten 30 Jahre! — Als wir im Englisch-LK in der Oberstufe das Thema »Love« behandelten, brachte ich meinem Lehrer ausgerechnet diesen Film auf Video mit. Er gab es mir mit den Worten: »Ich war schockiert!« zurück. Ich hielt (und halte) »The Crying Game« für einen der tiefsinnigsten Filme über bedingungslose Freundschaft und Liebe überhaupt.

André Schneider