27. Februar 2019

Tage später weiß ich immer noch nicht, wie ich die Les Fantômes-Premiere für mich einordnen soll. Das Kino war gut besucht, die Gespräche schön und die Gäste voll des Lobes. Alexandre war sehr stolz auf seinen Film. Die technischen Schlampereien des Vorführers wurden nur von mir bemerkt, und das Chaos im Vorfeld hat auch niemanden gestört. Etwa 40 Zuschauer hatten sich im kleinen Studio 2 des Babylon eingefunden, während nebenan István Szabó seinen neuen Film präsentierte. Es kamen sogar zwei Kommilitoninnen und ein paar Dozentinnen. Trotzdem war ich traurig. Und wütend. Auf was für lahme Ausreden gute Freunde zuweilen verfallen, wenn sie keine Lust auf etwas haben. Es beleidigt die Intelligenz und tut weh. Dann schon lieber eine klare, ehrliche Ansage: »Ich glaube, das ist nichts für mich.« — Somit war eines der Themen bei Frau A. am nächsten Abend, wie ich mich abgrenzen kann. Emotional lösen. Konsequenzen ziehen. Das Traurigste aber war: Kurz bevor ich nachmittags aufbrach, traf eine liebe Daumendrück-Nachricht von einer meiner lieben Arbeitskolleginnen bei mir ein. Abends nach der Vorstellung fragte sie, wie es gelaufen war. Ich fühlte mich ihr sehr nahe und hatte mich riesig gefreut. Trotzdem weinte ich. Erst im Laufe des nächsten Tages dämmerte mir der Grund. Klar! Weil ich niemals eine ähnliche Nachricht von meiner Mutter (oder meinem Vater) bekommen habe — und dies auch nie geschehen wird. Das ist meine »Strafe«, weil ich die Pläne, die sie für mich hatte, durchkreuzt habe. Was mich besonders erzürnt: dass ich es immer noch nicht geschafft habe, dass es mir »egaler« ist. Dass ich es nach all den Jahren immer noch nicht schaffe, mich von dieser vermaledeiten Hoffnung zu lösen. Vieles erträgt und verzeiht man, aber es ist schwer, einer offen demonstrierten Gleichgültigkeit von jemandem, den man qua Geburt liebt, beizukommen. (Gerade lernten wir, dass selbst Schläge für ein Kind leichter zu verkraften sind als elterliche Ignoranz.) Gestern erstellten wir im Lernbereich 3 Geno- und Soziogramme. Schlägt alles in dieselbe Kerbe. Man wird nicht dick-, sondern dünnhäutiger. Selbst, wenn man (im wahrsten Wortsinne) vieles in sich hineinfrisst. Und ja, ich merke, dass ich hier wieder die Grenze zum Privaten überschreite.
Für Les Fantômes gibt es weitere Festivals: USA im April, Mexiko im November. Die DVDs von Bd. Voltaire, die ich bei Optimale für unsere Premiere bestellt hatte, sind immer noch nicht eingetroffen. Heißt: ich werde demnächst über 20 DVDs haben, die ich kostengünstig unter die Leute bringen kann. Wer eine haben möchte, schreibe mir bitte: vivasvanpictures[at]yahoo.co.uk ist meine E-Mail-Adresse. Die Restwoche wird anstrengend. Heute Dienstberatung, morgen abends noch ein Zahnarzttermin, am Freitag geht’s wieder zu Frau A., Samstag kümmere ich mich um meine Hausaufgaben. Am Sonntag werde ich mich damit belohnen, dass ich ein paar Stunden bei der Filmbörse im Palais am See herumstöbern werde. Hab’ ich mir verdient. Und nun pausiere ich wieder. Plane ein paar Einträge im August — zu Hitchcocks 120. Geburtstag soll es nette Filmtipps geben —, bis dahin sage ich Tschüss, lasst es Euch gut gehen,

André

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24. Februar 2019

Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass Marisa Mell ihren heutigen 80. Geburtstag mit viel Prunk und Trara gefeiert hätte — ob in Wien oder in Rom, Hauptsache ausgelassen mit Schampus, Pasta und vielen Freunden. Sie wird in meinen Gedanken sein, wenn ich heute Abend im Babylon bin: Les Fantômes wird zum ersten (und wohl auch letzten) Mal hier in Deutschland gezeigt. Für mich der Endpunkt eines intensiven und langen Lebensabschnitts, der gebührend gefeiert werden möchte. Bin gespannt, ob wir den Laden füllen können. In den vergangenen Wochen habe ich nahezu pausenlos Werbung gemacht, E-Mails verschickt, Postkarten drucken lassen, Twitter und Facebook bemüht. Michael Rädel von der »blu« hat die Premiere wohlwollend angekündigt, »Siegessäule« und »queer.de« boykottieren uns weiterhin. Wisst Ihr, in den 1990ern gab es ein Stadtmagazin wie zum Beispiel die »Zitty«, in der alle wichtigen Termine zu finden waren. Die markierte man sich, und dann war die Sache geritzt. Da kam dann auch nichts mehr dazwischen. Heute gibt es hier eine Nachricht bei Facebook, dort eine bei Instagram, dann natürlich auf den Seiten der Veranstalter, der Künstler und der Agenturen, Werbung im Radio und gelegentlich noch in Zeitungen — und gerade deswegen kommt am Ende niemand mehr, weil wir den Überblick verlieren. Das Zauberwort lautet Reduktion. Heißt: ich werde mich auch bei Facebook mehr und mehr zurücknehmen, überflüssige Kontakte löschen, den Twitter-Account löschen und mich wieder mehr analog tummeln. Neben den anderen positiven Aspekten, die diese Veränderung mit sich bringen wird, erhoffe ich mir Zeit und Inspiration, um a) weiterhin gut mit den Kindern zu arbeiten und um b) mein nächstes Buch in Angriff zu nehmen.

Der Tod Albert Finneys ließ mich einen ganzen Nachmittag lang bitterlich weinen, starb mit ihm doch die Hoffnung, ihn noch einmal in einer Hauptrolle zu sehen. Außerdem brach damit wieder ein Stück Geschichte aus meiner Seele. Es muss 1993 gewesen sein, als er mir mit seiner Wandlungsfähigkeit zeigte, was Schauspielkunst sein kann. Sympathischerweise hat er sein enormes Können nie an die große Glocke gehangen. Er verschwand völlig hinter seinen Figuren und erlaubte ihnen ihr Eigenleben. Das genaue Gegenteil quasi von Bruno Ganz, einem gruselig überschätzten Akteur, der eine Woche nach ihm starb. Finney war den Gazetten bestenfalls eine Kurzmeldung wert, bei Ganz wurde man mit Artikeln bombardiert. Mir ist klar, dass ich mir mit dieser Aussage Feinde mache, aber ich fand Bruno Ganz in wirklich jeder Rolle furchtbar! Er hat seine Figuren regelrecht vergewaltigt. Dieses Aufgesetzte! Dieses Selbstherrliche! Und die Stimme ließ mich immer wieder zusammenzucken. Das Tragische am Schauspielerberuf ist, dass jeder, der sich für einen guten Lügner hält, auch glaubt, ein guter Schauspieler zu sein. Das Problem: wer vor einer Kamera lügt, also Gefühle vortäuscht, wird gnadenlos decouvriert. Bruno Ganz übertünchte seine Darbietungen mit einem Plastik-Pathos, das zu ertragen mir leider nicht vergönnt ist; das hat auch etwas mit Berufsethos zu tun. Was hatte ich mich seinerzeit auf »Night Train to Lisbon« (Regie: Bille August) gefreut! (Mir hatte der Roman gefallen.) Musste das Kino dann verlassen, als ich die Ganz’sche Stimme vernahm. Es gab noch einige Filme, die er mir ruinierte oder die ich seinetwegen meiden musste: »The Party« (Regie: Sally Potter) oder »The House That Jack Built« (Regie: Lars von Trier) fallen mir spontan ein. So traurig sein Tod für die Angehörigen und Freunde auch ist: ich bin erleichtert, künftig wieder ein bisschen angstfreier ins Kino gehen zu können.

Den ersten leichten Grippeanflug (und die erste Migräne-Attacke) für 2019 habe ich mittlerweile überstanden. Um den Valentinstag herum schleppte ich mich mehr schlecht als recht durch die Tage: geschwollene Nebenhöhlen, benebelnde Kopfschmerzen, das linke Ohr praktisch taub. Um durchschlafen zu können, nahm ich auf Ians Rat abends Melatonin zu mir. Nach drei, vier Tagen war der Spuk vorbei. Angenehm beduselt sah ich alle Folgen von »Miranda« am Stück und kicherte vor mich hin. Ich kann noch immer nicht fassen, dass mir die Serie so lange durch die Lappen gegangen war! Sie hat einige der witzigsten Einzeiler, die ich jemals gehört habe, und wie Miranda Hart sie abliefert, ist wirklich zum Brüllen komisch! Sie bildet mit Sally Phillips, Sarah Hadland und Patricia Hodge ein harmonisches Powerfrauen-Ensemble, das schlichtweg zum Verlieben ist. Erfrischend, dass sich Tom Ellis, Luke Pasqualino, Adam Rayner und Michael Landes nicht zu schade waren, als schmückendes Beiwerk verheizt zu werden. Ein binge watching, das ich in nicht allzu ferner Zukunft wiederholen werde. Wer die Serie noch nicht kennt: unbedingt besorgen!

Am 14. März erscheint die »Frig«-DVD. Erwähnte ich, dass es einer von nur zehn Filmen ist, die in den letzten elf Jahren in Frankreich erst ab 18 freigegeben wurden? Cool, in einem Skandalfilm dabei gewesen zu sein. Und noch eine weitere positive Nachricht zum Schluss: Aus irgendeinem mir nicht bekannten Grund verkaufen sich meine Bücher momentan sehr gut. Nicht nur Die Feuerblume, sondern auch Sie7en und Aus der Umarmung des Wassers. Wäre doch erbaulich, wenn sich das fortsetzte.
Liebe Grüße, vielleicht sehen wir uns heute Abend,

André

Filmtipp #618: The Long Dark Hall

The Long Dark Hall

Originaltitel: The Long Dark Hall; Regie: Reginald Beck, Anthony Bushell; Drehbuch: Nunnally Johnson; Kamera: Wilkie Cooper; Musik: Benjamin Frankel; Darsteller: Rex Harrison, Lilli Palmer, Denis O’Dea, Raymond Huntley, Michael Medwin. GB 1951.

Rex Harrison meinte in späteren Jahren, dass »The Long Dark Hall« sein schlechtester Film sei. Vermutlich, weil er Harrisons eigener Lebensrealität zu nahe kam? Die Handlung dreht sich nämlich um einen Mann, der seine Frau (gespielt von Harrisons real life-Gattin Lilli Palmer) betrügt. Dann wird die Geliebte von einem Irren (Anthony Dawson) gekillt und Rex gerät unter Mordverdacht. Wir erinnern uns: In den späten 1940ern trieb Harrison, der damals schon mit Palmer verheiratet und gerade Vater geworden war, das Hollywood-Starlet Carole Landis in den Selbstmord und ruinierte damit für viele Jahre sowohl seine eigene US-Karriere als auch die seiner Frau, die loyal zu ihm gehalten hatte. Erst Jahre später konnte er sich als Filmstar rehabilitieren. (1980 wurde seine vierte Ehefrau Rachel Roberts ein weiteres Opfer von »Sexy Rexy«. Sie nahm sich mit Barbituraten das Leben.)

Auch in »The Long Dark Hall« hält die Ehefrau brav und tapfer zu ihrem Mann. In guten wie in schlechten Tagen. Harrison alias Arthur Groome landet unschuldig vor Gericht, während der wahre Mörder langsam dessen Frau einkreist. Der Streifen, der auf einem Roman von Edgar Lustgarten fußt, mäandert nach dem ersten Drittel zwischen Krimi und Gerichtsdrama. Sehr zurückhaltend inszeniert, punktet er mit unerwartet guten Schauspielerleistungen von Harrison und Palmer sowie einem gelungenen, leisen Spannungsaufbau. Ein von Wilkie Cooper ausnehmend schön fotografierter Brit noir, in dem die wunderbare Brenda de Banzie als biestige Zeugin vor Gericht ihren ersten Filmauftritt hatte. In weiteren Nebenrollen spielen Charakterköpfe wie Eric Pohlmann, Jill Bennett, Ballard Berkeley, Anthony Bushell, Michael Medwin, Colin Gordon, Jenny Laird und Raymond Huntley als Polizeiinspektor mit. Punktabzug gibt es für das abrupte, hanebüchene Ende und die damit verbundene reaktionäre Botschaft, die ein wirkliches Ärgernis darstellt, aber alles in allem ist »The Long Dark Hall« ein sehenswerter Vertreter seines Genres — und ganz bestimmt nicht Rex Harrisons’ schlechtester Film.
Im deutschsprachigen Raum ist der Krimi leider nie erschienen, aber die DVD ist als Import aus Großbritannien erhältlich.

André Schneider