Filmtipp #766: Das Milliarden Dollar Gehirn

Das Milliarden-Dollar-Gehirn

Originaltitel: Billion Dollar Brain; Regie: Ken Russell; Drehbuch: John McGrath; Kamera: Billy Williams; Musik: Richard Rodney Bennett; Darsteller: Michael Caine, Karl Malden, Ed Begley, Oskar Homolka [Oscar Homolka], Françoise Dorléac [Francoise Dorleac]. GB 1967.

Billion Dollar Brain

Harry Palmer (Caine) arbeitet nicht mehr länger für den Secret Service, sondern verdingt sich mittlerweile mehr schlecht als recht als Privatdetektiv. Eines Tages erhält er einen Umschlag, in welchem sich 200 Pfund und ein Schließfachschlüssel befinden. Eine mysteriöse Stimme erteilt ihm telefonisch genaue Instruktionen, was er mit besagtem Schlüssel anzufangen hat: Aus einem Schließfach holt er eine ominöse Warmhalteflasche, in der sich mit einem tödlichen Virus verseuchte Eier befinden, welche nach dem Willen eines texanischen Ölmillionärs (Begley) in die Sowjetunion gelangen sollen. Mit einer Privatarmee will der kommunistenhassende Texaner von Finnland aus dem Riesenstaat zu Leibe rücken. Unversehens befindet sich der arme Palmer zwischen allen Fronten, denn die Gegenseite — vertreten durch die zwielichtige Anya (Dorléac) und Stok (Homolka) — schläft nicht…

Der letzte Teil der Palmer-Reihe ist der mit Abstand schwächste. Gerade der Vergleich mit  The Ipcress File tut dem Streifen nicht gut. Dieser bestach durch eine liebenswerte Bodenständigkeit und eine Realitätsnähe, den die Bond-Filme vermissen ließen. Bei »Billion Dollar Brain« (im Film übrigens ein Computer mit der Stimme von Donald Sutherland) indes waren Glaubwürdigkeit und Realismus passé, der Streifen wagte sich mit technischem Schnickschnack und einem größenwahnsinnigen Schurken auf Bond-Terrain, ohne dessen sophistication auch nur annähernd zu erreichen. Erschwerend hinzu kommt eine Regie, die sich nicht so recht entscheiden mag, ob sie das Genre persiflieren oder ernstnehmen möchte. »Billion Dollar Brain« ist uneinheitlich, konfus und verwirrend; wie Harry Palmer versteht auch der Zuschauer nicht, in was für einem Schlamassel der Held des Films eigentlich steckt. Auf der Habenseite indes stehen spektakuläre Außenaufnahmen von der finnischen Eis- und Schneelandschaft und Françoise Dorléac, die in diesem, ihrem letzten Film so geheimnisvoll und berückend schön war wie nie zuvor. Leider kam sie kurz nach Drehschluss bei einem Autounfall in der Nähe von Nizza ums Leben. (Ihre jüngere Schwester, unter dem Namen Catherine Deneuve ebenfalls schauspielerisch tätig, sollte in den Folgejahren eine riesige internationale Karriere machen.)

Für Ken Russell, bei Drehbeginn 39 Jahre jung, war »Billion Dollar Brain« der zweite Spielfilm — und einer, den er eigentlich nicht hatte machen wollen. Nach der horrenden Pleite seines Erstlings French Dressing hatte er sich geschworen, nie wieder im Regiestuhl Platz zu nehmen. Als der Co-Produzent André De Toth, der ursprünglich auch die Regie hätte übernehmen sollen, krankheitshalber ausfiel, wurde Russell, der bei Harry Saltzman unter Vertrag stand, die Aufgabe übertragen. Er erledigte sie widerwillig und ohne großes Engagement, schlug sich aber wacker genug, um kurz darauf mit Women in Love sein erstes Meisterwerk inszenieren zu dürfen.
Auch für Michael Caine war »Billion Dollar Brain« nicht mehr als eine lustlose Erfüllung seiner Vertragsverpflichtungen. Ursprünglich hatte er bei Produzent Saltzman für fünf Palmer-Filme unterschrieben. Nachdem er seine wachsende Unzufriedenheit bekundet hatte und »Billion Dollar Brain« gefloppt war, entließ Saltzman ihn vorzeitig aus seinem Kontrakt.

Neben Karl Malden und Ed Begley, die beide damals bereits einen Oscar gewonnen hatten, standen Guy Doleman, Vladek Sheybal, Susan George, Milo Sperber, George Roubicek und Brandon Brady, die praktisch allesamt in Bond- oder ähnlichen Agentenfilmen zu sehen waren, vor der Kamera. Unglücklicherweise wurde der Star-Kameramann Otto Heller, die die ersten beiden Palmer-Filme fotografiert hatte, kurz vor Drehbeginn durch den routinierten, aber weniger experimentierfreudigen Billy Williams ersetzt. Den flotten Titelvorspann kreierte Maurice Binder.
Da aus verständlichen Gründen nicht in Riga gedreht werden konnte, wurde die Stadt von Porvoo in Finnland gedoubelt, wo ohnehin im Januar und Februar 1967 die meisten Aufnahmen stattfanden, bevor man in die Pinewood Studios nach London ging. Weitere Außenaufnahmen entstanden in der Pentonville Road, in Westminster, Middlesex und Cambridgeshire.

André Schneider

Filmtipp #765: Possessor

Possessor

Originaltitel: Possessor; Regie: Brandon Cronenberg; Drehbuch: Brandon Cronenberg; Kamera: Karim Hussain; Musik: Jim Williams; Darsteller: Andrea Riseborough, Christopher Abbott, Rossif Sutherland, Sean Bean, Jennifer Jason Leigh. GB/Kanada 2020.

possessor

Ursprünglich hatte Brandon Cronenberg entweder Autor, Musiker oder Maler werden wollen — bis er als Jugendlicher entdeckte, dass er als Filmemacher all diese Berufungen in Personalunion ausführen könnte. Angesichts der großen Fußstapfen seines berühmten Vaters David und den damit verknüpften Erwartungen an ihn zögerte der junge Mann dennoch eine ganze Weile, bevor es ihn schließlich und endlich doch hinter die Kamera zog — mit überwältigendem Erfolg, wie »Possessor«, sein zweiter abendfüllender Spielfilm nach »Antiviral« (2012), eindrucksvoll vor Augen führt.
Die Kritiker waren voll des Lobes, konnten sich Vergleiche zu David Cronenbergs Werken jedoch nicht verkneifen: »Wie Papa David hat Brandon Cronenberg eine einzigartige Art, die Grenzen des Komforts und des menschlichen Geistes auszutesten«, schrieb die Kritikerin Meagan Navarro, und Rob Hunter von der Website Film School Rejects schwärmte: »Obwohl ›Possessor‹ die Liebe seiner Familie für Körperhorror und moralisch missbrauchte Elektronik beibehält, kreiert er auch ein fesselndes Tempo, fesselnde Charaktere, unerbittlich brutale Gewalt, erigierte Penisse, eine Halloween-Maske, einen gemeinen Sean Bean, ein höllisches Ende und mehr! All das ist jedoch fantastisch und grausam unvergesslich.« Bis heute gewann der Streifen 13 Festivalpreise und wurde für 37 weitere nominiert.

In der Tat erinnert der Prolog von »Possessor« ein wenig an David Cronenbergs Klassiker »eXistenZ« (1999, mit Jude Law und ebenfalls Jennifer Jason Leigh): Gabrielle Graham verbindet eine Maschine über ein Kabel mit einem Loch in ihrem Schädel und lässt ein Programm ablaufen. Nach Abschluss des Vorgangs besucht sie eine Party in einem exklusiven Hotel und schlachtet einen Anwalt ab. Danach steckt sie sich eine Pistole in den Mund, abdrücken kann sie jedoch nicht. Die Polizei rückt an und erschießt sie, nachdem sie auf einen der Beamten gezielt hat. Die formale Raffinesse dieser Eröffnungssequenz ist außerordentlich. Die brillanten Schnitte von Matthew Hannam und das eindrucksvolle Spiel Gabrielle Grahams beeindrucken nachhaltig. Kritiker David Ehrlich sprach in seiner Besprechung von einem »kalt fesselnden Prolog«.
Von der Einstiegssequenz springen wir in eine Art Operationssaal. Hier wird Tasya Vos (souverän: Riseborough) gerade eine futuristisch anmutende Apparatur vom Kopf genommen. Anschließend hat sie mit ihrer Chefin, gespielt von der fabelhaften Jennifer Jason Leigh, eine Besprechung an einem Verhörtisch. Wir erfahren, dass Tasya eine Auftragskillerin ist und mithilfe der soeben etablierten Maschine ihr Bewusstsein in die Körper anderer Menschen pflanzen lässt, die dann wie Marionetten die Morde für sie ausführen. Der getötete Anwalt aus dem Prolog war das letzte Auftragsziel der Chefin. Um zu beweisen, dass Tasya wieder vollständig »da« ist, muss sie verschiedene persönliche Gegenstände identifizieren, unter anderem einen toten Schmetterling, den sie als Kind getötet hatte. Nach Feierabend besucht sie ihrem Mann Michael (Rossif Sutherland, einer der Söhne von Donald) und ihren Sohn Ira (Gage Graham-Arbuthnot), die beide nicht wissen, was sie beruflich macht.
Es dauert nicht lange, bis Tasya einen neuen Auftrag erhält: der biestige IT-Unternehmer John Parse (Bean) steht auf der Abschussliste. Der Auftraggeber ist sein Stiefsohn Reid (Christopher Jacot), der bei der Gelegenheit auch seine Stiefschwester Ava (Tuppence Middleton) loswerden möchte, damit er endlich erben kann. Um den Auftrag auszuführen, soll Tasya den Körper von Avas Freund Colin (bildhübsch: Abbott) übernehmen. Colin wird ausgekundschaftet, entführt und bekommt eine Sonde in die Schädeldecke implantiert, damit Tasya ihn sich aneignen kann. Sie arbeitet nun als Colin in Parses Firma, schläft als er mit Ava und führt den Auftrag in schauerlicher Manier aus. (Den Trailer des Films kommentierte ein YouTuber wie folgt:  »Ich habe Sean Bean gesehen! Ich weiß, wie der Film ausgeht.«) Nach vollbrachter Tat schiebt sich Colin die Pistole in den Mund, doch wieder schafft Tasya nicht, den Abzug zu betätigen…
Hier beginnt nun die eigentliche Odyssee, die in einem Blutbad endet, bei welchem sich die großen Blutlachen zu einem tiefroten Schmetterling verbinden werden.

Eine unerbittlich aggressive und provokative Vision, deren (möglicherweise) übertriebene Prämisse von Cronenberg als Übermittlungsmechanismus für stilvoll verstörenden Nervenkitzel verwendet wird. Ich zitiere aus »The Atlantic«: »Cronenberg will nicht nur mit Blut und Mut provozieren — wie jede gute dystopische Fiktion bietet ›Possessor‹ verstörende und aktuelle Beobachtungen über die Welt, in der wir bereits leben.«
Die Vorbereitungen zu dem Streifen, der als kanadisch-britische Co-Produktion entstand, begannen bereits 2016. Bis am 9. April 2019 die erste Klappe geschlagen werden konnte, hatte das Team um Cronenberg einen langwierigen Finanzierungs-, Besetzungs- und Schreibprozess hinter sich zu bringen. (Der Film entstand komplett in Toronto.) Auch in der Post-Produktion sah sich »Possessor« mit etlichen Problemen konfrontiert. So mussten etliche Gewalt- und Sexszenen für den US-Verleih drastisch gekürzt werden — um hinterher für die Auswertung in Großbritannien und Kanada wieder eingefügt zu werden.

Drei Werke dienten Cronenberg als Inspiration für dieses verstörende Meisterwerk: »Opera« (Regie: Dario Argento), José Delgados 1970 publiziertes Buch »Physical Control of the Mind: Toward a Psychocivilized Society« sowie sein eigener Kurzfilm »Please Speak Continuously and Describe Your Experiences as They Come to You« (2019, mit Ian Goff).

André Schneider

Filmtipp #764: Save Yourselves!

Save Yourselves!

Originaltitel: Save Yourselves!; Regie: Alex Huston Fischer, Eleanor Wilson; Drehbuch: Eleanor Wilson, Alex Huston Fischer; Kamera: Matt Clegg; Musik: Andrew Orkin; Darsteller: Sunita Mani, John Reynolds, Ben Sinclair, John Early, Jo Firestone. USA 2020.

save yourselves!

Su (Mani) und Jack (Reynolds) sind das typische Hipster-Pärchen aus Brooklyn mit pseudo-alternativem Lebensstil, coolen Jobs und passender Wohnung. Ihre Freizeit verbringen sie auf ihrer Couch — aber nicht wirklich zusammen, denn ihre Laptops und Smartphones sind immer mit dabei. Während sie scrollen, WhatsApps verschicken und die neuesten Apps checken, reden sie auch mal miteinander. Immerhin: Ihnen wird allmählich bewusst, dass die Abhängigkeit von Technologie ihre Beziehung beeinträchtigt und beschließen eines Tages, sich eine Woche lang digital zu entgiften. Sie lassen New York hinter sich und wollen eine Woche lang in der Waldhütte eines Freundes wieder das echte Leben spüren. Handys und Computer bleiben ausgeschaltet. Doof nur, dass ausgerechnet in dieser Woche Aliens die Welt übernehmen. Jack und Su verpassen die Invasion zunächst — bis auf einmal kleine, puschelige Knäule ihre gemütliche Hütte heimsuchen. Diese Puschelwesen — »pouffes« genannt — sind zwar niedlich, aber äußerst gefährlich. Sie ernähren sich von Ethanol und haben spitze, scharfe Rüssel, mit denen sie Flaschen, Benzintanks und auch Menschen aussaugen. Die beiden Hipster merken schnell, dass sie a) über keinerlei Fähigkeiten verfügen, um in freier Wildbahn zu überleben (»We have no skills!«) und b) den Außerirdischen nichts entgegenzusetzen haben. Auf gut Glück machen sie sich dennoch auf den Weg zurück in die Zivilisation — ohne zu wissen, was sie erwartet.

»Save Yourselves!« entstand noch vor Corona und feierte im Januar 2020 beim Sundance Film Festival seine Welturaufführung. Publikum und Kritiker zeigten sich begeistert, doch dann machte Corona den Produzenten einen Strich durch die Kinoauswertung. Ab Oktober 2020 konnte man die klug gedichtete und überzeugend gespielte Satire in einigen Ländern (Spanien, Mexiko, USA und Großbritannien) streamen. Ausgesuchte Autokinos hatten das Werk bereits im Sommer gezeigt, und ein paar Festivals waren auch noch drin gewesen.
»Save Yourselves!« ist Science-Fiction, Beziehungskomödie, Zeitgeistfilm und, ja, im Subtext auch tieftraurig. Gerade die ersten Szenen des Films, in denen der Alltag des Brooklyn-Paares etabliert wird, sind merkwürdig beklemmend: Ein Nebeneinanderher ohne Berührungspunkte, die Blicke stets starr auf einen Bildschirm gerichtet, die totale Abhängigkeit von Technik und sozialen Medien. Dagegen wirkt die Alien-Invasion geradezu befreiend. Vielen Zuschauern mag das offene Ende abrupt oder unbefriedigend vorkommen, im Gesamtkontext ist es allerdings absolut stimmig. Besonders hervorzuheben ist das fabelhafte Zusammenspiel von Sunita Mani und John Reynolds, die wirklich erfrischend agil und lebensecht daherkommen.
Intelligentes Kino, das nicht konsumiert, sondern rezipiert werden möchte: Für mich gehört »Save Yourselves!« zu den drei besten Kinofilmen des Corona-Jahres 2020! Die DVD ist als US-Import für kleines Geld erhältlich.

André Schneider