Filmtipp #502 bis #510: Vergessene Perlen (Britisches Kino)

Das englische Label Network hat in seiner Reihe The British Film seit 2013 weit über 400 Titel — zwischen fünf und zehn Filme monatlich — auf den Markt gebracht. Seltene Filme wie French Dressing, Nothing But the Best oder Don’t Bother to Knock! werden in liebevoller Aufmachung und erstklassigem Transfer in Bild und Ton (wirklich unglaublich gut!) einem neuen Publikum zugänglich gemacht. Darüber hinaus sind diese DVDs angenehm preiswert (immer unter zehn Euro) und nehmen durch ihr slim case wenig Platz im Regal ein. Auf fast jeder DVD sind Plakate, Filmfotos oder sogar ein Presseheft als PDF-Datei sowie der Original-Trailer enthalten. 2015 und 2016 habe ich mir auch einige dieser raren englischen Produktionen bestellt. Ich stelle sie mal in aller Kürze vor.

Your Witness

Your Witness

#502: Die unbekannte Zeugin
Your Witness (1950)
Regie: Robert Montgomery, mit Leslie Banks, Felix Aylmer, Patricia Wayne u. a.

Als sein Freund Sam Baxter (Michael Ripper) des Mordes beschuldigt wird, reist der erfolgreiche US-amerikanische Anwalt Adam Heywood (Montgomery) nach England, um dessen Verteidigung zu übernehmen. Fest von Sams Unschuld überzeugt, macht sich Heywood auf die Suche nach der einzigen Zeugin, die seinen Freund entlasten kann. Ein Gedichtband ist der einzige Hinweis, der sie auf ihre Spur zu bringen vermag…

Robert Montgomery, umjubelter Star der 1930er und 1940er, gab mit diesem packend inszenierten Krimi seine Abschiedsvorstellung als Kinostar. Auch Leslie Banks trat in »Your Witness« (US-Titel: »Eye Witness«) zum letzten Mal vor die Kamera. Weitere Nebenrollen gingen an Stanley Baker, Harcourt Williams sowie James Hayter. Hinter der Kamera waren Talente wie Ken Adam (Art Director), Malcolm Arnold (Musik) und Hitchcock-Mitarbeiterin Joan Harrison (Produktion) versammelt, was deutlich für die Qualität dieses komplett in Großbritannien entstandenen, erfrischend humorigen film noir spricht. Die 2014 erschienene DVD zeigt eine um ca. vier Minuten gekürzte Fassung.

Noose for a Lady

Noose for a Lady

#503: Noose for a Lady (1953)
Regie: Wolf Rilla, mit Dennis Price, Rona Anderson, Ronald Howard u. a.

Wolf Rilla (1920-2005), der Sohn des (jüdischen) Schauspielers Walter Rilla, war auf der Flucht vor den Nazis schon als Kind nach England gekommen. Während seine Eltern nach Kriegsende nach Deutschland zurückkehrten, blieb Wolf in London, weil er sich mehr als Engländer fühlte. Zunächst arbeitete er für die BBC, um dann später zum Fernsehen und schließlich zum Film zu wechseln. 1953 gab er mit der Komödie »Glad Tidings« sein Kinodebüt. Bis 1960 folgten rund 15 weitere Filme; die bekanntesten dürften »Bachelor of Hearts« (1958, mit Hardy Krüger) und der Horrorklassiker »Village of the Damned« (1960, mit George Sanders) geworden sein.

»Noose for a Lady« ist ein kleines, spannendes B-Movie von der Stange, das sich als film noir klassifizieren ließe und mit einer Lauflänge von gerade mal 70 Minuten verhältnismäßig kurz geraten ist: Simon Gale (Price) erfährt nach seiner Rückkehr aus Uganda, dass seine Cousine Margaret (Pamela Alan) zum Tode durch den Strang verurteilt wurde. Sie soll kaltblütig ihren Mann mittels Gift ins Jenseits befördert haben. Er glaubt an Margarets Unschuld und begibt sich mit deren Stieftochter Jill (Anderson) auf die gefährliche Suche nach dem wahren Killer.

Bang! You're Dead

Bang! You’re Dead

#504: Bang! You’re Dead (1954)
Regie: Lance Comfort, mit Jack Warner, Veronica Hurst, Michael Medwin u. a.

Zwei spielende Knaben finden zufällig einen Revolver im Wald. Da sie keinen Unterschied zwischen ihren Spielzeugpistolen und der echten Waffe erkennen können, spielen sie ganz sorglos Verkehrspolizei — und erschießen dabei versehentlich einen Radfahrer. Der Unfall hat tragische Konsequenzen für Bob Carter (Medwin), der kurz vorher noch mit dem Opfer einen handfesten Streit gehabt und dabei böse Drohungen ausgesprochen hatte…

In den USA lief dieser feine Krimi unter dem Titel »Game of Danger«. In einer Nebenrolle ist der spätere Regisseur Philip Saville (The Fruit Machine) zu sehen.

Portrait of Alison, a.k.a. Postmark of Danger

Portrait of Alison, a.k.a. Postmark for Danger

#505: Portrait of Alison (1955)
Regie: Guy Green, mit Terry Moore, Richard Beatty, William Sylvester u. a.

Ein Wagen rast über eine Klippe. Die beiden Insassen, der Zeitungsmann Lewis Forrester und die Schauspielerin Alison Ford (Moore) werden tot aus dem Wrack geborgen. Forrester hinterlässt zwei Brüder, den Portraitmaler Tim (Beatty) und Dave (Sylvester), einen Piloten. Scotland Yard findet alsbald heraus, dass Lewis’ Tod von einer Schmugglerbande initiiert wurde. Alisons Vater (Henry Oscar) beauftragt Tim, ein Portrait seiner Tochter anzufertigen. Plötzlich steht die vermeintlich Tote in Tims Atelier — Erinnerungen an Premingers Laura werden wach —, flieht aber, als sie die Leiche einer Frau (Josephine Griffin) findet. Der schneidige Inspektor Colby (Geoffrey Keen) steht vor einem kniffligen Rätsel…

Die spannende Kurzgeschichte von Francis Durbridge war bereits schon einmal fürs Fernsehen verfilmt worden, bevor Ken Hughes und Guy Green sie noch einmal für die große Leinwand adaptierten. Green war ein vorzüglicher Kameramann gewesen (Oscar für David Leans »Great Expectations«, 1946), bevor er 1954 als Regisseur debütierte. Der von Wilkie Cooper hervorragend fotografierte film noir, dem für den US-Verleih der reißerische Titel »Postmark for Danger« verpasst wurde, ist ganz auf die aparte Hauptdarstellerin Terry Moore (»Come Back, Little Sheba« (Regie: Daniel Mann)) zugeschnitten, die hier eine glanzvoll-mysteriöse Vorstellung gibt.

These Dangerous Years

These Dangerous Years

#506: Es begann, als sie nein sagte
These Dangerous Years (1957)
Regie: Herbert Wilcox, mit George Baker, Frankie Vaughan, Carole Lesley u. a.

Jack Trevor Story (The Trouble with Harry) schrieb das Drehbuch zu dieser unterhaltsamen Mischung aus Drama, Krimi und Musical, das dem jungen Star Frankie Vaughan, eine Art englischer Elvis Presley, als Vehikel dienen sollte, um seine schauspielerischen und gesanglichen Talente zur Schau zu stellen. Der in Liverpool gedrehte Streifen, in den Vereinigten Staaten als »Dangerous Youth« bekannt, war anno 1957 auch ein respektabler Erfolg beschieden; er lief 1959 sogar in der Bundesrepublik. Die ehemalige Schauspielerin Anna Neagle produzierte den Film, ihr Ehemann Herbert Wilcox (»Odette«, 1950) übernahm die Regie.

Frankie spielt den gang-leader und angehenden Rock’n’Roll-Star Dave, der in die Armee berufen wird, wo sich seine rebellische Jugend zur Überraschung aller bezahlt macht. Allerdings wird er von einem fiesen Möpp dazu gebracht, ein Minenfeld zu überqueren, wobei sein bester Freund sein Leben verliert…
John Le Mesurier, Kenneth Cope, Thora Hird, John Breslin und die blutjunge Jocelyn Lane sind in Nebenrollen mit von der Partie in diesem ungewöhnlichen Stück Kino. Frankie Vaughan singt neben dem Titelsong auch noch seine Hits »Isn’t This a Lovely Evening?« und »Cold Cold Shower«.

Cat Girl

Cat Girl

#507: Die Nächte der Würgerin
Cat Girl (1957)
Regie: Alfred Shaughnessy, mit Barbara Shelley, Robert Ayres, Kay Callard u. a.

Ein ebenso überflüssiges wie sehenswertes Remake von Cat People ist dieser fast unbekannte Streifen mit der hübschen Barbara Shelley, die seinerzeit in zahllosen Streifen ähnlicher Couleur eingesetzt wurde. »Cat Girl« wurde angenehm atmosphärisch in Szene gesetzt, das alte Herrenhaus und das Sanatorium schaffen die passenden, stimmungsvollen Kulissen. Die Tierangriffe wurden eher unspektakulär ausgearbeitet und wirken wenig bedrohlich.

Der Grusel spielt sich in einem abgelegenden Landhaus ab. Der alte Edmund Brandt (Ernest Milton) erzählt seiner Nichte Cathy (Paddy Webster) von einem 700 Jahre alten Fluch, der auf ihrer Familie lastet: Sie können sich in der Seele eines Leoparden einnisten und Kontrolle über das Tier ausüben. Leonora (Shelley) will ihm keinen Glauben schenken, doch als Onkel Edmund kurz darauf von einem Leoparden getötet wird, geht der Fluch auf sie über. Leonoras alte Jugendliebe, der Arzt Dr. Brian Marlowe (Ayres), will ihr helfen, geht allerdings von Geisteskrankheit aus. Niemand schenkt der jungen Frau Glauben — auch nicht, als weitere Menschen sterben. Erst, als die Gattin des Arztes (Callard) von einem Leoparden eingekreist wird, wendet sich das Blatt…

This is My Street

This is my Street

#508: This is my Street (1963)
Regie: Sidney Hayers, mit Ian Hendry, June Ritchie, Avice Landon u. a.

Bevor Sidney Hayers sich fast ausschließlich dem Fernsehen zuwandte, inszenierte er ein paar knackige Spielfilme wie zum Beispiel diesen hier, dessen Story in Battersea angesiedelt ist. In der trostlosen Gegend um Jubilee Close, einer verschlissenen Straße mit zerfallenden Häusern, träumt die hübsche, ehrgeizige Margery (Ritchie) davon, aus ihrer erzwungenen Ehe auszubrechen. Ihr fauler, bäuerlicher Mann und ihre kleine Tochter machen ihr das Leben zur Hölle. Gleich nebenan wohnt ihre Mutter, die sich einen smarten Untermieter namens Harry (Hendry) ins Haus geholt hat, um finanziell einigermaßen über die Runden zu kommen. Margery und Harry kommen sich langsam näher und beginnen eine Affäre. Margery blendet aus, dass der charmant-selbstsüchtige Harry keine ernsthaften Absichten hat. Als es kommt, wie es kommen muss, und er sie fallenlässt, treibt sie dies zu einer Verzweiflungstat…

Ein deprimierender, ernsthafter Streifen, der seinem Anspruch leider nicht ganz gerecht wird, aufgrund seiner beiden Hauptdarsteller jedoch sehenswert ist. In Nebenrollen sind außerdem John Hurt, Patrick Cargill und Margaret Boyd mit von der Partie.

Catacombs

Catacombs

#509: Catacombs (1964)
Regie: Gordon Hessler, mit Gary Merrill, Jane Merrow, Georgina Cookson u. a.

Gordon Hessler, 1925 in Berlin als Sohn einer Dänin und eines Engländers geboren, gab mit »Catacombs« (US-Titel: »The Woman Who Wouldn’t Die«) seinen Einstand als Regisseur. Bis in die frühen 1970er hinein drehte er eine Serie thematisch und atmosphärisch ähnlich gelagerter Horrorfilme, bevor er sich wieder mehr dem Fernsehen zuwandte.

»Catacombs« ist eine Melange aus Ehedrama und Gruselfilm, in dessen Zentrum Gary Merrills eindimensionale Darstellung eines notgeilen Tunichtguts steht, der sich seiner wohlhabenden Gattin (Cookson) entledigen möchte, um deren sexy Nichte (Merrow) ungebremst mit seinem Penis beglücken zu können, ohne durch langwierige und kostspielige Scheidungsverfahren unnötig Geld zu verlieren. Die attraktive, intelligente und loyale Ehefrau entpuppt sich dabei als äußerst zäher Knochen…

Rotten to the Core

Rotten to the Core

#510: Rotten to the Core (1965)
Regie: John Boulting, mit Anton Rodgers, Ian Bannen, Charlotte Rampling u. a.

Am 11. Januar 1965 fiel die erste Klappe zu dieser altbacken-charmanten Krimikomödie der Boulting-Brüder, die 1966 sogar auf der BAFTA-Nominierungsliste stand, darüber hinaus allerdings kein allzu großer Erfolg wurde. Die Boultings hatten etwas Pech mit der Besetzung: Peter Sellers fiel kurz vor Drehbeginn aus und musste durch Anton Rodgers ersetzt werden. Charlotte Rampling, hier in ihrer ersten größeren Rolle zu sehen, wurde komplett nachsynchronisiert. Wer aufmerksam ist, kann Peter Vaughan, Ian Wilson und Eric Sykes in Nebenrollen erblicken.

Die Knastbrüder Jelly Knight (Dudley Sutton), Scapa Flood (James Beckett) und Lennie the Dip (Kenneth Griffith) erwarten bei ihrer Entlassung eigentlich, dass ihr Boss The Duke (Rodgers) sie abholt und ihnen ihren Anteil am letzten Raubzug auszahlt. Stattdessen teilt ihnen dessen Freundin Sara (Rampling) mit, dass The Duke tot ist und die ganze Kohle für dessen Krankenpflege aufgewendet werden musste und nun futsch ist. Die Gangster sind baff, als sie entdecken müssen, dass ihr Boss quicklebendig ist und bereits das nächste Ding dreht…

André Schneider

22. Juli 2017

Es ist uns gestattet, während der Arbeit leise Musik zu hören, und so sah man mich die vorige Woche im Büro praktisch immer mit Kopfhörern an meinem Schreibtisch sitzen. Musik würde mich zu sehr ablenken, deshalb ziehe ich mir Hörbücher oder Vorträge rein. Marc-Uwe Kling zum Beispiel, Erika Pluhars »Reich der Verluste« (eines meiner Lieblingsbücher), »Hotel Grand Babylon« von Arnold Bennett (gelesen von Katharina Thalbach) und »Die Flut« von Arno Strobel. Einen Vortrag von Camille Paglia von 1994, der beeindruckend und erschreckend weitsichtig war. Gestern hörte ich mir »Die Macht der Kränkung« an, das neue Buch von Reinhard Haller. Ein aufschlussreiches Werk, wirklich sehr zu empfehlen: klar und leicht verständlich geschrieben, plausibel in seinen Schilderungen, unheimlich fokussiert. — Was meinen Tagesablauf betrifft, so etabliert sich hier eine beruhigende Routine. Mittags genehmige ich mir zwei Äpfel und einen Automatenkakao. Wenn ich nach Hause komme, muss ich meist erst einmal putzen, weil Chelito auf eigenwillige Weise gegen meinen neuen Job rebelliert. Er kackt und/oder kotzt mir die Wohnung voll, frisst Tapete und Mörtel von den Wänden und verteilt alles schön im Flur und in der Küche. Dann legt er sich bräsig in sein Körbchen. Ich werde wohl nicht umhin kommen, ein(e) Hundesitter(in) zu engagieren. Im Oktober ist Chelito seit zehn Jahren bei mir, er ist jetzt zwölf Jahre alt und war eigentlich nie alleine. Bislang konnte ich ihn entweder mit zur Arbeit nehmen oder bei meinen Eltern parken. Das geht nun beides nicht mehr. Dass er sich als alter Mann nicht mehr umgewöhnen kann (oder will), verstehe ich.

Meine Haltung zum CSD dürfte bekannt sein und hat sich auch nicht geändert. Trotzdem werde ich heute Ian zuliebe für zwei oder drei Stunden dabei sein, obwohl ich viel lieber die Botanische Nacht mitnehmen würde. Na ja, vielleicht nächstes Jahr. Im CSD-Vorfeld gab es reichlich Wirbel um einen saublöden Spruch von Nina Queer. Man zeterte, zickte und tat überrascht. Als ob die Erkenntnis, dass Homosexuelle auch Rassisten sein können, so bahnbrechend neu wäre. Wie schrieb Josephine Hart? »Damaged people are dangerous. They know how to survive.« Es darf nicht verleugnet werden, dass Schwule in Sachen Menschenverachtung die Nase ganz weit vorn haben, ob nun untereinander — wenn sich zum Beispiel jemand nicht szenekonform verhält oder äußert — oder eben gegenüber anderen, die schwach genug wirken, dass keine Gegenwehr zu befürchten ist. Die »Gemeinschaft«, die keine ist, ist in sich so verkrankt und verfahren, empathielos und lernresistent, dass keine Veränderung zum Positiven zu erwarten ist. Der Zug ist vorerst abgefahren. Wie dem auch sei, ich bin also heute beim CSD. Hab ich das in meinen ersten 39 Lebensjahren auch abgehakt. Apropos abhaken: Das Arbeitszeugnis von meinem Ex-Chef lässt noch immer auf sich warten, und die verbliebenen Urlaubstage wurden mir nicht ausgezahlt. Offenbar eine letzte Kränkung zum Abschied. Wenn’s ihn aufgeilt — bitteschön. (Man sieht: Reinhard Hallers Buch beschäftigt mich nachhaltig.)
Marc Bluhm wird heute 30. Terence Stamp, Franka Potente, Albert Brooks, Paul Schrader, James Whale, Willem Dafoe, John Leguizamo, Selena Gomez, Rhys Ifans, Jonathan Zaccaï, Lili Muráti, Oscar de la Renta haben bzw. hätten heute ebenfalls Geburtstag. Heute ist außerdem der Todestag von Estelle Getty, Ulrich Mühe, Susanne Lothar, Linda Christian, Claude Sautet, László Kovács und Natasha Parry.
Nun ist es neun Uhr, ich werde mir erst einmal einen Tee machen, dann duschen und mich dann in Schale werfen, damit sich Ian meiner nicht zu sehr schämen muss. Vielleicht gelingen mir ja ein paar nette Fotos. Euch wünsche ich ein entspanntes Wochenende.

André

Filmtipp #501: Satanische Spiele

Satanische Spiele

Originaltitel: Games; Regie: Curtis Harrington; Drehbuch: Gene R. Kearney [Gene Kearney], Curtis Harrington, George Edwards; Kamera: William A. Fraker; Musik: Samuel Matlovsky; Darsteller: Simone Signoret, James Caan, Katharine Ross, Don Stroud, Kent Smith. USA 1967.

games

Zeitlebens blieb Curtis Harrington ein beschämend unterschätzter Regisseur, der sein Hauptbetätigungsfeld im US-Fernsehen fand, wo er vornehmlich für Aaron Spelling tätig war und unter anderem Folgen von »Dynasty«, »The Colbys«, »Hotel« oder »Charlie’s Angels« inszenierte. Dabei hatte der begeisterte Cineast schon früh angefangen, mit Größen wie Maya Deren und Kenneth Anger gearbeitet und sein Handwerk von der Pike auf gelernt. Zu den neun abendfüllenden Kinofilmen, die Curtis Harrington zwischen 1961 und 1985 realisieren durfte, ist »Games« vielleicht der interessanteste. Ursprünglich als Vehikel für Marlene Dietrich gedacht, bot das originelle Drehbuch der inzwischen etwas üppigen Simone Signoret eine willkommene Plattform, einmal mehr ihre Fähigkeiten als wandlungsfähige Charakterdarstellerin unter Beweis zu stellen. Sie verkörpert die aus Deutschland stammende Vertreterin Lisa Schindler (aus der in der hiesigen Synchronfassung die Ungarin Ilona Kerenci wurde), welche die Bekanntschaft des wohlhabenden New Yorker Ehepaares Montgomery macht. Paul (Caan) und Jennifer (Ross) frönen in ihrem schicken Stadthaus extravaganten Partys für die upper class, in deren Mittelpunkt eine Vielzahl obskurer und phantasievoller Spiele steht. Die Montgomerys nehmen Lisa vorübergehend bei sich auf und quartieren sie im Gästezimmer ein. Mit interessanten Anekdoten aus ihrer mysteriös-bewegten Vergangenheit macht sich Lisa bei ihren Gastgebern immer beliebter und wird bald schon unverzichtbarer Bestandteil ihrer Spielchen. So heckt man gemeinsam einen Plan aus, um den Lieferanten Norman (Stroud) zu foppen: Jennifer soll ihn als Dame des Hauses verführen und sich dann in einer verfänglichen Situation von ihrem vermeintlich eifersüchtigen Mann erwischen lassen. Doch das Spiel läuft aus den Fugen, als der arme Norman mit einer versehentlich scharf geladenen Pistole tatsächlich erschossen wird. Anstatt die Polizei zu alarmieren, beschließen die Montgomerys, die Leiche verschwinden zu lassen…

Bis kurz vor Schluss hält der raffiniert konstruierte und subtil aufgebaute Thriller mehr als nur eine Wendung für den Zuschauer parat, doch leider wird das Gros davon schon viel früher signalisiert, als sie dann tatsächlich eintreten. Die dadurch etwas geschmälerte Spannung macht diese farbenfrohe Geisterbahnfahrt durch ihre Atmosphäre und eine glänzende Besetzung wieder wett. Neben Signoret, deren Spiel für einen BAFTA nominiert wurde, bleibt vor allem Estelle Winwood als zerstreute Nachbarin im Gedächtnis. Darüber hinaus ist es das umwerfende Dekor der späten Sechziger inklusive der schillernden Kostüme von Morton Haack (Please Don’t Eat the Daisies), was den Film ausmacht. Darüber hinaus spielt Harrington effektiv Realität und Illusion gegeneinander aus, so dass der Zuschauer zusehends in einen Sog gerät, in welchem er die Geschehnisse nicht mehr ganz zuordnen kann. Dabei vermeidet es der Regisseur wohltuend, das Verwirrspiel an seine Grenzen zu treiben. »Games« nimmt nur langsam Fahrt auf, der Zuschauer erhält ausreichend Raum, sich einzufinden und zu orientieren. Das Handeln der drei Protagonisten geschieht mit einer angemessenen Behäbigkeit, während uns die Bildkompositionen mit zunehmender Wucht vereinnahmen. Das (oder die) Spielzimmer der Montgomerys ähnelt mal einem Casino, dann wieder mehr einem Zirkus, einem Spukhaus, einer pop art extravaganza à la Mario Bava oder einer Krypta; »Games« steht ganz im Zeichen des Grand Guignol. Wer Night Watch, Eye of the Cat oder The Big Cube liebt, wird sich der Magie von »Games« sicher nicht entziehen können.

Harrington wird dem New Queer Cinema zugeordnet, und aus dieser Perspektive heraus ist »Games« gleich zu Beginn ein bemerkenswertes Kleinod: Wir sehen das Ehepaar Montgomery in opulenter Aufmachung als Alleinunterhalter bei einer ihrer Partys. Nach dieser begleiten wir Paul und Jennifer in ihr Schlafzimmer, wo sie sich ihrer Kostüme entledigen. Dabei nimmt Jennifer ihrem Mann den angeklebten Schnurrbart ab. Dieser klebt ihn seiner Frau über  die Oberlippe. Als sie ihn küsst, goutiert er es mit einem »Mmhhh, what a nice scratch!« und schläft mit ihr. James Caan ist teuflisch sexy in seiner Gelassenheit und legt ein gehöriges Maß Erotik in seine tiefe, weiche Stimme, während Katharine Ross sich naiv, verletzlich und unbekümmert gibt. Die beiden langweilen sich, aber nicht im Sinne einer farblosen Ehe: sie haben einfach zu viel Kohle, um sich noch wirklich für etwas begeistern zu können. — Ross galt anno 1967 als aufstrebender Star und hastete als Vertragsschauspielerin bei Universal von Film zu Film. Nur zwei Jahre später geriet sie 29jährig gemeinsam mit ihren Kolleginnen Joanna Shimkus und Claude Jade während der großen Studiokrise in die Vertrags-Annullierung der Universal und fiel in ein Karriereloch, aus dem sie erst sechs Jahre später mit »The Stepford Wives« (Regie: Bryan Forbes) wieder herauskrabbelte.

Mit einem Budget von einer Million US-Dollar war »Games« vergleichsweise kostengünstig produziert worden, und der moderate Erfolg auf beiden Seiten des Atlantiks verschaffte Curtis Harrington in der Folgezeit eine Reihe von Regieaufträgen ähnlicher Couleur, so zum Beispiel zwei Filme mit Shelley Winters: »What’s the Matter with Helen?« (1971, mit Debbie Reynolds) und »Whoever Slew Auntie Roo?« (1972).

André Schneider