21. November 2017

16. September, 23. Oktober, 21. November — immer reichlich Zeit dazwischen, stets prall gefüllt mit Ereignissen, Begegnungen und nahrhaftem Gedankensalat. Morgen fangen wir mit Symptômes an, meine Nerven liegen ziemlich blank, ich murmle Textzeilen vor mich hin, probiere wieder und wieder die Kostüme an und versuche, meine eigenen Ängste in die von mir zu kreierende Figur zu pressen. Er heißt Nicolas und ist praktisch von seiner Angst gelähmt, ein Bündel von Neurosen. Er ist misstrauisch, sieht die Welt als feindselig beschatteten Ort und wittert überall das Grauen, die Kälte, den Verrat, bis sich diese dunkle Weltsicht schließlich personifiziert, manifestiert und sich gegen ihn richtet. Ich kannte Menschen wir Nicolas, kannte sie gut, habe sie ausgiebig beobachtet, ihr Verhalten studiert, ihre Codes entziffert und bin erleichtert, sie heute nicht mehr in meinem Leben zu haben. (Ich weiß, ich habe das Buch schon einmal empfohlen, aber Ihr solltet unbedingt »Die Macht der Kränkung« von Reinhard Haller lesen. Es ist schlüssig geschrieben und eine inspirierende Studie über das unglückselige Phänomen der Verbitterung.) Während des Drehs werde ich mich — so weit es mir möglich ist — isolieren und auch das Internet meiden. Ein paar Filmtipps und Rezepte für den Dezember habe ich bereits vorbereitet, so dass mein Blog nicht verwaist und Ihr »versorgt« seid.

Graphic © Florian von Bornstädt

Vor einigen Wochen berichtete ein Online-Magazin über einen ehemaligen Pornostar, der heute an einer Universität in Rom als Mathematik-Professor doziert. Dr. Ruggero Freddi ist mit sich und seinem Leben vollkommen im Reinen und stolz auf seine beiden Karrieren. Dass sich die Medien damit befassen — okay, geschenkt; die Vergesslichkeit der »Öffentlichkeit« ist schließlich ebenso schnell und konsequent wie ihr Interesse. Sprich: Eigentlich wäre der Artikel nicht der Rede wert gewesen. Wenn sich da nicht ein kleiner Internet-Troll unter die Kommentatoren geschlichen hätte, ein armes Würstchen aus Freiburg, ein kleiner Asiate, den ich hier »Klaus-Dieter« nennen werde. (Seinen richtigen Online-Namen findet Ihr in der VIP Lounge. Wer Lust und Spaß hat, kann besagten Herrn gerne mal via Google suchen. Bei den Fotos werdet Ihr ins Staunen geraten!) Dieser Troll kommentierte, dass das ja mal gar nicht ginge, dass »die intimsten Geheimnisse« eines Menschen dergestalt ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden. Er sprach von »Verletzung des Persönlichkeitsrechts«, von Stalking, Mobbing, Rufmord und so weiter. Große Worte, deren Bedeutung er offensichtlich nicht kennt. Als ich auf seinen Kommentar antwortete, dass man a) hier nicht von einem »Geheimnis« sprechen könne, da Dr. Freddi als Pornodarsteller schließlich einen öffentlichen Beruf ausgeübt hatte, und dass b) er, seine Studenten und sein Arbeitgeber das Ganze mit angemessener Lockerheit betrachten, war es, als hätte ich in ein Wespennest gestochen. »Klaus-Dieter« zeterte, schimpfte, jammerte, beleidigte und schien sich in eine wahre Hysterie hineinzusteigern. Ehe ich mich versah, war ich der Stalker, der Mobber, der ihn »systematisch zerstören« wollte. (Wie alle anderen auch, wie ich später erfuhr.) Er schickte mir private Nachrichten auf Facebook, schrieb vereinzelt Personen aus meiner Freundesliste an, veröffentlichte (zum Teil gefälschte) Beiträge von mir in diversen Foren. Das ging tagelang so weiter. Spaßeshalber sahen wir uns dann mal auf dem Facebook-Profil von »Klaus-Dieter« um: Sein Leben besteht hauptsächlich daraus, mit unterschiedlichsten Namen und Profilen auf Dating-Plattformen à la Gayromeo und Grindr herumzulungern, Leute zu beschimpfen, sie zu bedrängen und schließlich die Chat-Verläufe als screenshots auf seinem Blog, bei Facebook und andernorts zu veröffentlichen — und sich dabei zum eigentlichen Opfer zu stilisieren. Und er »spiegelt« gern, das heißt: er wirft anderen Leuten eben das vor, was er selbst tut. Die folgende Nachricht, die er am 6. November an meine Freunde schickte, spricht Bände: »Hallo. Ich hab gerade leider gesehen, dass André Marc Schneider seit ca. einer Woche meine Posts teilt und sich mit euch über mich lustig macht. Ich finde es, ehrlich gesagt, nicht Ordnung, dass man mit Absicht ständig auf Profile anderer Leute geht, ihre Sachen teilt und sich über andere Menschen lustig und sie fertig macht. Ihr seid Psychopathen! Ihr seid Stalker! Ihr wollt mich alle fertig machen. Und das nur, weil ich in einem Post auf Queer.de eine andere Meinung als André Marc Schneider hatte und er dort mit einem Freund anfing, mich blöd anzumachen und seitdem ständig meine Posts teilt, um mich fertig zu machen. Das ist doch krank! Ich weiß ja nicht, ob ihr euch mein Profil angeschaut habt, aber ich denke, manche von euch schon. Und eigentlich sollte man das sofort merken, dass ich psychisch krank bin. Und das finde ich nochmal extrem falsch und gemein, dass man sich selbst noch über kranke Menschen lustig macht und sich da nicht zurückhält. Aber ich möchte mich jetzt auch nicht als Opfer darstellen, weil ich psychisch krank bin, obwohl ich natürlich ein Opfer von euch bin. Es ist völlig egal, ob jemand krank ist oder nicht. Man macht sich nicht über andere Menschen lustig oder sie fertig. Was soll das? Hab ich euch was getan? Und ich weiß ja nicht, ob es stimmt, das André und mit kranken Menschen gearbeitet hat. Aber wenn ja, dann sollte er erst recht nicht so mit Menschen umgehen, die krank sind und sie dafür fertig machen und verurteilen, sondern eher versuchen, ihnen zu helfen und Mitleid haben. Ich jedenfalls war ihm immer nett und ehrlich gegenüber und ich finde es nicht okay, dass er dann das gegen mich nutzt, was ich ihm im Vertrauen gesagt hatte. Zum Beispiel, dass ich keine Arbeit habe. Dabei bin ich seit 2014 bis 2018 krank geschrieben und war schon davor krank, nur hab ich mir erst 2014 Hilfe geholt, weshalb ich erst seit 2014 krank geschrieben bin und professionelle Hilfe bekomme. Lasst es doch einfach, über Menschen zu urteilen, die ihr nicht kennt und daher nicht wisst oder versteht, wieso sie so sind. Ich darf so etwas, weil ich krank bin. Ihr seid einfach nur dumm und oberflächlich. Ich könnte jetzt auch erzählen, was ich für Probleme habe und warum ich so bin. Aber das wäre nochmal zu viel Text. André hatte sich darüber beschwert, das ich Chats mit anderen veröffentliche und mich über sie lustig machen würde. Dabei mache ich das, weil ich über diese Leute verärgert bin und damit ich mich wieder beruhige. Also ist das okay. André macht sich aber über mich lustig und fertig, weil er gemein und dumm und böse ist. Das ist ein großer Unterschied. Ihr solltet mal darüber nachdenken, ob das in Ordnung ist, was ihr macht. Ich hoffe nur, dass André bald stirbt und niemanden mehr ärgern kann.« [Anm.: Ich habe die Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler korrigiert.] — Nein, »Klaus-Dieter« ist nicht krank. Faulheit und Narzissmus sind keine Krankheiten. Sich als Märtyrer in Szene zu setzen ist keine Krankheit. Der junge Mann — nach eigenen Angaben 26 Jahre alt — schützt lediglich ein Kranksein vor, um keine Verantwortung für sein Handeln übernehmen zu müssen. Er ist schlicht und ergreifend ein Arschloch. Damit habe ich kein Mitleid. (Das Motto »Kein Mitleid für Dummheit!« gilt immer noch.) Er fällt in eben jene Kategorie von Versagern ohne Sozialkompetenz, Interessen und Fähigkeiten, die steif und fest glauben, die Welt schulde ihnen etwas und erkenne bloß ihre wahre Größe nicht. Hass und Bitterkeit triefen aus seinen Nachrichten, viele seiner Posts sind menschenverachtend und rassistisch. Das muss man nicht pathologisieren oder verklären. Er ist sicher kein Psychopath. Er hat schlicht und ergreifend nur Spaß am Hass und an der Aufmerksamkeit. Ein Arschloch halt. Er reiht sich nahtlos ein in die lange Linie von Menschen, die glauben, Aufmerksamkeit über die selbst gewählte Opferrolle zu erhaschen. Nein. Es ist nicht interessant, ein Opfer zu sein und auch noch in der Haltung zu erstarren. Es ist interessant, verletzlich zu sein. Das ist ein himmelweiter Unterschied. An und für sich wäre das nicht weiter tragisch und ohne großes Tamtam und mit etwas Humor zu ertragen, aber wie C. so schön treffend schrieb: »Das Beängstigende ist ja, dass solche Menschen auch wählen, Auto fahren und Kinder kriegen dürfen.« Die allgemeinen Forderungen nach höheren Instanzen, welche die vermeintlichen Opfer beschützen sollen, der Schrei nach Redeverboten, Zensur, safe spaces und so weiter wird in naher Zukunft zu einer kolossalen gesellschaftlichen Verblödung und im schlimmsten Fall zum Totalitarismus führen. In den Vereinigten Staaten haben Begriffe wie rape culture und microaggression bereits ein perfides Weltbild etabliert. Mittlerweile habe ich zu viele Texte von Christina Hoff Sommers, Camille Paglia und Brendan O’Neill gelesen, um zu wissen, dass Viktimisierung, Infantilismus und Protektionismus das genaue Gegenteil von Emanzipation und Freiheit sind. Die Kategorien sind mittlerweile nicht mehr LINKS oder RECHTS, sondern FREIHEITLICH oder NICHT-FREIHEITLICH. (Die Auswüchse des Weinstein-Falles bestätigen dies. Verbale Entgleisungen und ungewollte Berührungen werden mit handfesten Vergewaltigungen gleichgesetzt. Kevin Spacey, gegen den bis heute nicht offiziell Anklage erhoben wurde, wurde zum Bauernopfer der Kampagne. Seine Karriere war binnen weniger Tage geschreddert: bereits fertige Filme mit ihm werden entweder nicht in den Verleih kommen oder teilweise neu gedreht. Zudem steht die absurde Forderung, er solle seine Oscars zurückgeben, im Raum. Andere große Namen bleiben (vorerst) unangetastet.)

But on to happier subjects. Papas Geburtstag feierten wir mit 40 Gästen hoch oben auf dem Sonnenberg bei Bad Salzdetfurth. Eine schöne Feier. Viele Verwandte sah ich nach Jahren zum ersten Mal wieder. Angenehme Gespräche. Vor fünf Jahren, als Papa 65 wurde, hatte ich mit meiner ehemaligen Lieblingstante gebrochen — hier schrieb ich darüber —, jetzt haben wir uns vertragen und zum Abschied umarmt. Weihnachten werde ich dieses Jahr mal wieder mit der Familie in Bockhorn verbringen. — Helena brabbelt in einer Tour, liebt Eulen und Hunde, tobt gerne durch die Betten meiner Eltern und hält alle ganz schön auf Trab. Sie nennt mich »Heia«, weil ich manchmal noch um 7:30 Uhr im Bett liege. In Ordnung, dann bin ich wohl ihr Onkel Heia.
Es gab noch eine zweite Versöhnung im November. Im Sommer 2013 hatten T. und ich unseren Kontakt nach einem wirklich überflüssig-albernen Streit abgebrochen. Via Facebook haben wir uns am 6. November wieder vertragen, und ein paar Tage später trafen wir uns. Wir nahmen uns lange in den Arm, frühstückten in einem adretten Café neben dem Georg-Kolbe-Museum in der Sensburger Allee und führten fabelhaft konstruktive Gespräche. Mit T. in Berlin unterwegs zu sein, das ist immer ein Erlebnis. Das war es damals schon, vor 21 Jahren, als ich ihn kennen lernte und so wild-kindlich in ihn verliebt war. Diesmal zeigte er mir das Corbusierhaus, von dessen Existenz ich bis dato noch nicht einmal etwas gewusst hatte. Wir fuhren mit dem Fahrstuhl bis unters Dach und genossen die Aussicht. Anschließend ging’s weiter zum Heldenmarkt am Gleisdreieck, wo Ian mit Engelsgeduld die Menschenmassen unterhielt und einmal mehr für seine Firma das Beste gab. Ich kaufte ein — Müsli, Algenpastete von Algamar, Austernpilz-Brotaufstrich, Sanddornmarmelade —, dann flohen wir vor dem Lärm und den quadratischen Schultern. An dem Abend schlief ich besonders schnell, gut und fest ein und wachte zum ersten Mal seit Wochen erholt auf.
Vorgestern haben Ian und ich uns die Bühnenfassung von Les garçons et Guillaume, à table! angesehen. Das O-TonArt Theater ist und bleibt meine liebste Hinterhofbühne. Die Atmosphäre ist nach wie vor unverwechselbar, man ist gerne dort, fühlt sich heimelig-geborgen. Lange hatte ich das Theater nicht mehr besucht; das Ende der O-Tonpiraten schmerzt immer noch ein wenig. Ein »weicher« Schmerz, wenn man so will, ein nostalgischer, der die Gedanken in bessere und leider vergangene Zeiten schickt. »Liebe ist…« habe ich seinerzeit noch in der Schalotte gesehen, wieder und wieder — sicher eine meiner schönsten Berlin-Erinnerungen, ein herrliches Stück. Es tauchte immer mal wieder auf einem Spielplan auf, ich durfte es oft genießen. Die Dernière fand im September 2011 statt, vor über sechs Jahren also. Da waren die O-Tonpiraten schon längst im O-TonArt. »Auf großer Fahrt« und »Roemisch Fuenf« hatten mir auch gefallen, aber »Liebe ist…« habe ich mit jeder Faser geliebt. Was würde ich geben, es nur noch ein einziges Mal sehen zu dürfen! — Zur Inszenierung von »Maman und ich« und insbesondere zum »Spiel« von André Fischer kann ich leider nichts Positives sagen, daher schreibe ich lieber gar nichts. Unsäglich!
Kino? »Fack ju Göhte 3« (Regie: Bora Dagketin) war in Ordnung, mehr nicht. Das Rezept hat sich ausgelaufen, aber Katja Riemann, Jella Haase und Sandra Hüller waren toll. Nicht mehr lange, dann läuft die Fortsetzung von Paddington. Oh, und Rossy de Palma hat eine romantische Komödie mit Harvey Keitel und Toni Colette gedreht, auf die ich große Lust habe. Karin Dor, Della Reese, Brad Harris und Ray Lovelock sind tot. Lovelock wurde nur 67. Krebs. Zeit, mal wieder Plagio zu gucken. Diesmal vielleicht mit dem lieben Gérard?

Charles Manson hat am Sonntag nach langem Siechtum endlich den Löffel abgegeben, und in der Nacht auf Montag erfuhren wir, dass sich die Großfamilie CDU, CSU, FDP und Grüne überraschenderweise nicht auf ein Programm für die Familienfeier einigen konnte.

Was Job- und Lebensperspektive angeht, so lichtet sich das Dickicht ein wenig. Nach einer Maßnahme von der Agentur für Arbeit und einigen Bewerbungen und Vorstellungsterminen beginne ich am 6. Dezember mein Praktikum, aus dem 2018 schließlich eine Ausbildung werden soll. Ich bin sehr gespannt und freue mich auf diesen neuen Abschnitt. — Zuweilen möchte ich noch einmal zurückschauen. Es gibt eine Menge Vergangenheit, die ersten 40 Jahre waren reich … abwechslungsreich. Und doch ist die Vergangenheit ziemlich schnell vergangen. (So oder so ähnlich hatte Marisa Mell im Alter von 53 Jahren ihr kurzes Leben resümiert. Ich verstehe sie heute besser als vor vier Jahren, als meine Mell-Biographie Die Feuerblume erschien. Das Buch wird gerade mal wieder sehr oft bestellt; vermutlich, weil Arte vor ein paar Wochen Danger: Diabolik ausstrahlte.) Die lauten Kränkungen des Ex-Chefs aus der Kanzlei liegen noch immer auf der Seele und quetschen sie ein. Die leisen Kränkungen von meinem letzten Arbeitsplatz wiegen ebenso schwer, weil sie nicht zu durchschauen waren und sich erst nachträglich offenbarten. Da war kein falscher Ton, kein böses Wort — und trotzdem spürte ich die Animositäten und die Verachtung tagtäglich. Antipathien, die subtil mitschwingen, sind toxisch. Im Nachhinein bin ich froh, dass beide Jobs hinter mir liegen und ich mit einem kargen Rest Restwürde meinen Mantel nehmen durfte.
Wohlan, 2018 wird aufregend. Neu. Anders. Strukturen lösen sich auf. Jetzt konzentriere ich mich auf Symptômes, alles andere kommt später. Bleibt mir gewogen und habt einen schönen Herbst.

André

Advertisements

Filmtipp #563: Halloween H20 – 20 Jahre später

Halloween H20 — 20 Jahre später

Originaltitel: Halloween H20: 20 Years Later; Regie: Steve Miner; Drehbuch: Robert Zappia, Matt Greenberg; Kamera: Daryn Okada; Musik: John Ottman, Jeremy Sweet, Marco Beltrami; Darsteller: Jamie Lee Curtis, Adam Arkin, Josh Hartnett, LL Cool J, Michelle Williams. USA 1998.

halloween-h20

1998 war es bereits 20 Jahre her, dass John Carpenters kleiner Halloween-Film das Horrorgenre revolutioniert und eine wahre Flutwelle an ähnlich gelagerten slasher movies ausgelöst hatte. Durch »Scream« (Regie: Wes Craven) war das in den späten 1980ern praktisch eingeschlafene Genre zu neuem Leben erweckt worden. Jamie Lee Curtis, Star des Carpenter-Films von einst, hatte die Idee, zum Jubiläum das Team von einst für ein ganz besonderes Sequel zusammenkommen zu lassen. Alle waren begeistert, selbst John Carpenter. Doch als Produzent Moustapha Akkad mit dessen Honorarvorstellungen — 10 Millionen Dollar — nicht einverstanden war, räumte der Altmeister das Feld und überließ Steve Miner die Regie. Miner war ein langjähriger Mitarbeiter von Wes Craven und Sean S. Cunningham gewesen und hatte unter anderem »Friday the 13th Part 2« (1981), »House« (1985) und »Forever Young« (1993, mit Mel Gibson und Jamie Lee Curtis) inszeniert, kannte sich in dem Metier also recht gut aus. Zwischen dem 18. Februar und dem 20. April 1998 im sonnigen Kalifornien gedreht, war »Halloween H20« eine Art Familientreffen. So taucht Jamie Lee Curtis’ Mutter Janet Leigh in einer Nebenrolle auf: als Norma (!), die Schulsekretärin. Die Drehbuchautoren lassen sie zu Curtis sagen: »If I may offer some maternal advice…« Kurz hören wir, wie das Musikthema aus Psycho in die Musik einfließt, wenn sie zu ihrem Auto geht, ein Duplikat eben jenes Wagens, den sie einst als Marion Crane in Hitchcocks Film fuhr.

»Halloween H20: 20 Years Later« tut das einzig Richtige und ignoriert die Teile 3 bis 6. Er setzt die Geschichte Laurie Strodes fort, die inzwischen unter falschem Namen — Keri Tate — in Kalifornien ein Internat leitet. Sie hat einen Sohn, den wuschelköpfigen John (der 19jährige Josh Hartnett in seinem Filmdebüt), und eine Liaison mit ihrem Kollegen Will (Arkin). Doch Laurie kann ihrer Vergangenheit nicht entfliehen. Sie versucht es, indem sie trinkt. (Das Alkoholproblem war Curtis’ Idee.) Dass sie alljährlich kurz vor Halloween ein mulmiges Gefühl überkommt, kann wohl jeder, der die Teile 1 und 2 gesehen hat, nachvollziehen. Und in der Tat: Michael hat sich, nachdem er Sam Loomis’ Assistentin (Nancy Stephens) und zwei halbwüchsige Nachbarsjungen (Joseph Gordon-Levitt, Branden Williams) abgemurkst hat, mit einem gestohlenen Wagen auf die Suche gemacht. Sein Ziel: Laurie zu finden und umzubringen. Es dauert nicht lange, und Laurie steht ihrem Alptraum leibhaftig gegenüber. Der Kampf der Geschwister beginnt…

Das von Robert Zappia und Matt Greenberg verfasste Drehbuch strotzt nur so von Querverweisen, Zitaten und inside jokes, so dass hartgesottene Genre-Kenner und Halloween-Fans an der kurzweiligen Gruselmär ein Heidenspaß erwartet. Dabei ist das Ganze eigenständig genug, um auch Neueinsteigern ein spannendes Filmerlebnis zu garantieren. Wie Teil 1 ist auch »Halloween H20« vergleichsweise unblutig, es gibt keinen allzu hohen body count, aber dafür ist der mit 86 Minuten Laufzeit kürzeste Film der Reihe voller spannender Szenen und bietet ein furioses Finale. Jamie Lee Curtis bezeichnete den Film als Dankeschön an ihre Fans: »Without that early career, I truly don’t think I would have been an actor.« — Finanziell war »Halloween H20« der erfolgreichste Streifen der Serie (wenn man die unsäglichen Rob Zombie-Filme nicht einbezieht). Und damit Happy Halloween!

André Schneider

Filmtipp #562: Die sieben schwarzen Noten

Die sieben schwarzen Noten

Originaltitel: Sette note in nero; Regie: Lucio Fulci; Drehbuch: Lucio Fulci, Roberto Gianviti, Dardano Sacchetti; Kamera: Sergio Salvati; Musik: Franco Bixio [Bixio], Fabio Frizzi [Frizzi], Vince Tempera [Tempera]; Darsteller: Jennifer O’Neill, Gabriele Ferzetti, Marc Porel, Gianni Garko, Ida Galli [Evelyn Stewart]. Italien 1977.

»Sette note in nero« spaltet selbst hartgesottene Fulci-Fans in zwei Lager: Während die einen den behäbigen Spät-Giallo für einen langweiligen Rohrkrepierer halten, sehen andere in ihm ein unterschätztes Meisterwerk. Wie so oft liegt die Wahrheit wohl dazwischen. Auch 21 Jahre nach seinem Tod bleibt Lucio Fulci ein umstrittener Regisseur, und »Sette note in nero« nimmt in seinem 53 Filme umfassenden Œuvre eine interessante Sonderstellung ein. Zunächst einmal handelt es sich um Fulcis wohl »leisesten« Film — ein Krimi, der mehr von seiner Atmosphäre denn von Spannung, Substanz oder drastischen Bildern lebt. Ein »zahmer« Fulci, wenn man so will. Auf leise Töne verzichtete er in seinen Folgewerken — »Luca il contrabbandiere« (1980, mit Fabio Testi), »Paura nella città dei morti viventi« (1980, mit Christopher George) und »Gatto nero« (1982, mit Mimsy Farmer) — vollständig, und ab 1982 verlor er in Sachen Gewalt sämtliche Hemmungen. Seine letzten Filme zeichneten sich vor allem durch schlechten Geschmack und unsorgfältige, teilweise sogar schlampige Inszenierungen aus. Gewissermaßen beweist »Sette note in nero«, der übrigens Fulcis letzter reinrassiger Giallo war, ein letztes Mal die inszenatorische Größe, zu welcher der Regisseur fähig war. Bedauerlich, dass ihm kein besseres Drehbuch zur Verfügung stand. Die Unstimmigkeiten und Logikfehler sind so eklatant, dass der Zuschauer schon sehr viel Nachsicht walten lassen muss, um nicht das Interesse zu verlieren, denn, und das muss noch einmal betont werden, »Sette note in nero« ist bei aller atmosphärischen Stilsicherheit und Brillanz ein langatmiger Film, der das Thriller-Genre im Grunde nur streift, um ein Stimmungsbild zu zeichnen, das eigentlich keiner stringenten Handlung bedarf.

Als »Sette note in nero« 1977 erschien, erfuhr er in Deutschland keine Auswertung. Die erfolgte erst 2014 auf DVD. Das Team von 84 Entertainment brachte das Werk in einer besonders schicken Edition heraus, als Mediabook mit umfangreichem Bonusmaterial und einer extra hergestellten, rundum gelungenen Synchronisation im Stil der Siebziger.
Fulcis Heroine wird von Jennifer O’Neill verkörpert, einem bildschönen ehemaligen Fotomodell, welches eher durch seine neun Ehen denn mit seinem Talent für Schlagzeilen sorgte und in den 1970ern zeitweise im europäischen Film (u. a. unter Luchino Visconti) Beschäftigung fand. »Summer of ’42« (Regie: Robert Mulligan) hatte sie 1971 zum Star gemacht, obschon ihr Auftritt in diesem Film keine zwölf Minuten dauerte. Ansonsten spielte sich O’Neills Karriere eher im Abseits ab. Ihre bekanntesten Filme waren »Scanners« (Regie: David Cronenberg), »Rio Lobo« (Regie: Howard Hawks), »The Carey Treatment« (Regie: Blake Edwards), »The Reincarnation of Peter Proud« (Regie: J. Lee Thompson) und die Trash-Perle »Lady Ice« (Regie: Tom Gries, mit Donald Sutherland). Unter Fulcis Ägide tritt sie als die hellseherisch begabte Virginia Ducci auf. Der Film beginnt im Jahre 1959 an der Südküste Englands, in Dover. Dort begeht Virginas Mutter in einer abschreckend graphischen Sequenz Selbstmord, indem sie sich von den White Cliffs stürzt. (Die Bilder dieser Sequenz erinnern an Fulcis großes Meisterwerk »Non si sevizia un paperino« (1972), den ich hier auch noch besprechen werde.) Parallel zu diesem Sturz hat die kleine Virginia ihre erste seherische Vision — ohne zu wissen, dass es sich bei der Stürzenden um ihre Mutter handelt. Zeitsprung. 1977. Jetzt sind wir in Italien. Fulci drehte in der schönen Toskana: Florenz, Siena, Arezzo. Virginia ist mittlerweile verheiratet. Ihr Angetrauter (Garko) ist ein wohlhabender Geschäftsmann und gerade auf dem Weg außer Landes zu einem wichtigen Termin. In seiner Abwesenheit will Virginia ihre Fähigkeiten als Innenarchitektin einsetzen, um aus dem Landhaus ihres Gatten ein heimeliges Paradies zu machen. Während ihrer Renovierungsarbeiten entdeckt sie einen Riss in der Wand — und in dem Hohlraum dahinter das Skelett einer Frau. Sie braucht nicht lange, um sich bewusst zu werden, dass sie auch den Tod dieser Frau schon in einer ihrer Visionen gesehen hatte. Gemeinsam mit Luca (Porel), einem Freund und Parapsychologen, forscht Virginia nun nach, was ihre Visionen zu bedeuten haben. Das Ergebnis ihrer Ermittlungen treibt ihr einen kalten Schauer über den Rücken: Die Tote in der Wand ist sie selbst! Doch wer hat sie umgebracht — und warum?
Das abstruse Ende ist leider nicht halb so schockierend, wie man meinen möchte, und wirkt doch sehr an den Haaren herbeigezogen. Klar, bei einem Giallo ist Logik nicht zwingend ein wichtiger Bestandteil der Rezeptur, aber was Fulci und seine Co-Autoren uns hier servieren, ist ein hanebüchener Mumpitz. Dabei folgt man schon den klassischen Mustern des Genres, denn auch hier muss ein Zeuge (bzw. eine Zeugin) einen Mord aufklären, um seine Haut zu retten. Ein pfiffiger Einfall, der das Ganze hier noch heikler macht, ist der Umstand, dass die Zeugin das Verbrechen nur in einer Vision gesehen hat. »Sette note in nero« bedient sich in Sachen Mystery und Grusel, und das Element des Übernatürlichen gibt dem Ganzen durchaus einen frischen Anstrich, vermag jedoch in letzter Konsequenz nicht auf ganzer Linie zu überzeugen.
Wunderbar sind die Auftritte von Gabriele Ferzetti und Ida Galli, die hier eine ihrer letzten Filmrollen absolvierte, sowie der atmosphärisch-mitreißende Soundtrack von Fabio Frizzi. Für Giallo-Liebhaber enttäuschend dürfte der Umstand sein, dass Sex und Gewalt hier verdammt kurz kommen. Ersteres ist gar nicht vorhanden. Vielleicht war dies seinerzeit auch der Grund dafür, dass der Film seinen Weg nicht in den deutschsprachigen Raum fand, einem Land, in dem Fulcis Werk ansonsten recht lückenlos ausgewertet wurde.

»Sette note in nero« ist ein solider Film mit einer überdurchschnittlich schönen Bildsprache und klug durchkomponierten Sequenzen. Das auf 2.000 Exemplare limitierte — meins hat die Nummer 424 — Mediabook enthält neben zwei DVDs auch eine BluRay mit vielen Extras (unter anderem einen hochinteressanten Audiokommentar von Dr. Marcus Stiglegger) und einem von Sabrina Mikolajewski verfassten Booklet. Neben Una sull’altra, Una lucertola con la pelle di donna und dem bereits erwähnten »Non si sevizia un paperino« sollte dieser Fulci in keiner Italo-Sammlung fehlen.
Ich gebe zu, 2017 war der Giallo bei meinen Filmtipps sehr präsent. Hier darf ich Euch beruhigen: Es war vorerst der letzte Tipp aus diesem Genre. Mehr dann 2018.

André Schneider