Filmtipp #516: Sliver

Sliver

Originaltitel: Sliver; Regie: Phillip Noyce; Drehbuch: Joe Eszterhas; Kamera: Vilmos Zsigmond; Musik: Howard Shore; Darsteller: Sharon Stone, William Baldwin, Tom Berenger, Polly Walker, Colleen Camp. USA 1993.

sliver

»Basic Instinct« (Regie: Paul Verhoeven) war die Sensation des Kinojahres 1992 gewesen und katapultierte seine Hauptdarstellerin Sharon Stone in die erste Liga der Superstars. Zudem war sie verdienterweise das neue Sexsymbol der frühen Neunziger. Was lag also näher, als ihr direkt im Anschluss ein entsprechendes Vehikel maßzuschneidern? Ein erotischer Thriller nach dem neuesten Bestseller Ira Levins, dem legendären Schöpfer von »Rosemary’s Baby«, sollte es werden. Sharon Stone sollte diesmal nicht die Täterin, sondern das Opfer sein. Kein Geringerer als »Basic Instinct«-Autor Eszterhas, seinerzeit der bestbezahlte Schreiberling der Traumfabrik, wurde für das Drehbuch verpflichtet. Robert Evans, der große Produktionszampano der Siebziger, der unter anderem »The Godfather« (Regie: Francis Ford Coppola), »Chinatown« (Regie: Roman Polanski) und »Love Story« (Regie: Arthur Hiller) aus der Taufe gehoben hatte, ließ 40 Millionen Dollar in das Projekt fließen und heuerte den australischen Thriller-Experten Phillip Noyce für die Regie an, nachdem Roman Polanski ihm aus Termingründen einen Korb gegeben hatte. Val Kilmer, Johnny Depp und William Baldwin buhlten um die männliche Hauptrolle, während Enigma alias Michael Cretu Songs für den erlesenen Soundtrack beisteuerte. Was sollte da schon schiefgehen? — Nun, es ist so ziemlich alles schiefgegangen. »Sliver« wurde einer der schlechtesten Filme des ganzen Jahrzehnts. Nach einem guten Auftakt schlittert der Streifen ins Bodenlose. Aber widmen wir uns kurz der Story…

Gleich zu Beginn des Films wird eine attraktive Blondine (Allison Mackie) von ihrem Balkon gestoßen. Dieser befindet sich leider nicht im Erdgeschoss, sondern ganz weit oben in einem Wolkenkratzer mitten in Manhattan. Somit wird ihre schmucke Wohneinheit frei. Diese wird von einer fleißigen Maklerin (Nina Foch) flugs wieder an den Mann bzw. die Frau gebracht: Carly Norris (Stone) heißt die neue Mieterin. Sie ist Anfang 30, Lektorin bei einem renommierten Verlagshaus und erholt sich gerade von den Strapazen einer unschönen Trennung. Noch weiß sie nichts von dem unnatürlichen Ableben ihrer Vorgängerin, lernt dafür im Fahrstuhl ihren knackigen Nachbarn Zeke Hawkins (Baldwin) kennen, der gut zu flirten weiß. (Es dauert nicht lange, da bumst er die Alte in allen erdenklichen Stellungen durch und die beiden beginnen eine Affäre.) Anlässlich eines Geschäftsessens mit ihrem Chef, der wie Martin Landau aussieht (und auch von ihm gespielt wird), macht Carly die Bekanntschaft mit dem Schriftsteller Jack Lansford (Berenger), der zufälligerweise auch in ihrem Haus wohnt. Kurz darauf erhält sie von einem anonymen Verehrer ein merkwürdiges Geschenk: ein Teleskop, mit dem sie die Bewohner der umliegenden Häuser beobachten kann; eine Chance, die sie auch umgehend nutzt. Ein benachbarter Professor klärt sie über den mysteriösen Todesfall in ihrer Wohnung auf. Als wäre dies nicht beunruhigend genug, forscht Carly auch noch in einem Zeitungsarchiv nach und muss — Nein! — in Erfahrung bringen, dass es in ihrem Gebäude, das von den New Yorkern »Sliver« genannt wird, schon mehrere Todesfälle gab. Nun, das hält sie nicht davon ab, ihre Affäre mit Zeke zu genießen. Der hat auch wirklich einen hübschen Po, muss man ja sagen. Der Ihrige ist aber auch nicht ohne. Das sagt Zeke ihr auch, als die sie gemeinsam im Gym trainieren. Die beiden orgasmieren sogar einmal gleichzeitig (Zeke: »I thought we came together.«). Sie gehen auch zusammen essen. Schickes Restaurant, sehr fancy. Da bringt Zeke die verklemmte Lektorin sogar dazu, unterm Tisch ihr Höschen auszuziehen. (Moment mal, hat das Dakota Johnson nicht unlängst auch in einem der Fifty Shades-Teile gemacht?) Gut, ich will jetzt nicht alles verraten, aber der wichtige Punkt ist: Zeke ist der Besitzer des Hauses. Das erzählt er Carly irgendwann auch. Und er zeigt ihr auch, dass er im Hochhaus überall — wirklich ü-ber-all! — versteckte Überwachungskameras hat installieren lassen. Er hat sich sogar einen teuren surveillance room einrichten lassen, in welchem er stundenlang auf Dutzenden Bildschirmen die Mieter des Hauses beobachtet. Klingt creepy? Finde ich auch. Aber Carly mag Zekes Popo halt so gerne und lässt sich von gruseligen Hobbys nicht abschrecken. (Ja, Zeke hat sie in einer frühen Szene des Films auch schon in der Badewanne masturbieren sehen. Die Sequenz war seinerzeit das Gesprächsthema. Eine Frau, die sich lustvoll den Pelz bürstet? Unvorstellbar verdorben, nicht?)
Lansford macht Carly derweil immer wieder Avancen, erschreckt und belästigt sie im Central Park und versucht permanent, sie vor Zeke zu warnen. Der wiederum schickt ihr Rosen. Viele Rosen. Es sterben außerdem noch zwei weitere Nachbarn von Carly (Keene Curtis und Polly Walker). Werden also wieder Wohneinheiten frei. Eine schwarze Polizistin (CCH Pounder) ermittelt. Relativ spät kommt Carly der Gedanke: »Mensch, der Zeke, der olle Schlingel, der hat doch überall Kameras in den Decken. Da muss doch zu sehen sein, wer der Mörder ist — oder nicht?« Tja, und so kommt es, wie es kommen muss. Carly verdächtigt Zeke. In der Romanvorlage, in der sie Kay heißt und er Peter, ist er auch tatsächlich der Bösewicht. Aber das mochten die Zuschauer bei den Testvorführungen des Films nicht, und so musste Eszterhas sein Drehbuch wieder und wieder umschreiben lassen, so dass Lansford zum Täter wurde. (Ein dritter Verdächtiger war ja leider nicht zur Hand.) — Schließlich schlüpft Carly in Zekes Überwachungsraum und erhascht ein paar Blicke auf seine archivierten Videos. Sie sieht ihre Vormieterin, wie diese gerade Zeke wie ein bockiges Wildpferd reitet. Dann sieht sie ihre Vormieterin, wie sie von Jack Lansford ermordet wird. (Wieso Zeke der Polizei nie etwas mitteilte, bleibt komplett im Dunkeln. Wobei ich die Frage nicht ganz unerheblich finde.) Carly zerstört die Monitore, wogegen Zeke protestiert (was nichts nützt). Dann nimmt sie eine Fernbedienung, guckt direkt in die Kamera, sagt den legendären Satz: »Get a life!« und zappt uns weg. Abspann. Ende. Howard Shores Score ist viel zum bombastisch und hat uns zu diesem Zeitpunkt bereits den letzten Nerv geraubt.

Sharon Stone als einsame, schutzbedürftige Frau — der Brocken allein ist schon schwer zu schlucken. William Baldwin hat etwas von einem Schuljungen, der Mickey Rourke nacheifert. Er hatte sich vertraglich verpflichtet, uns frontal nudity zu präsentieren, doch nachdem er die Szenen gesehen hatte, nahm er sich einen Anwalt und ließ diese Einstellungen aus dem Film entfernen. Beide, Stone und Baldwin, agieren schrecklich eindimensional und blass. Laut Regisseur Noyce konnten die beiden sich nicht ausstehen und hatten darum gebeten, getrennt aufgenommen zu werden, wann immer es geht. Bei den Dialogszenen im Restaurant — Schuss/Gegenschuss — saßen die beiden jeweils einem Double gegenüber. Kein Wunder, dass die lüsternen Sexszenen, die scheinbar willkürlich quer über den Film gestreut wurden wie Mandelsplitter über Gebäck, durchweg albern und verkrampft wirken. Von Erotik keine Spur, trotz der zwei sehr, sehr fotogenen Popos. Immerhin: Sharon Stones sensationelle Schönheit, ihre delikaten Gesichtszüge, ihr strahlender Blick werden von Kameramann Zsigmond perfekt eingefangen. Noch wen vergessen? Ach ja! Tom Berenger — ein toller Schauspieler — sprang für Kurt Russell ein, der die Rolle des zwielichtigen Autors abgelehnt hatte, und war am Ende so entnervt von den persistierenden Änderungen, dass er beinahe das Handtuch warf. Er liefert in »Sliver« die farb- und lustloseste Darstellung seiner Laufbahn ab. Man vergisst beinahe, dass er überhaupt mit dabei ist. Was einerseits gut ist (für ihn, denn er könnte den Film von seinem Résumé streichen, ohne dass es jemandem auffiele), andererseits aber doch irritiert: Es muss ja ein Bösewicht da sein, und wenn der Zuschauer ihn einfach nicht wahrnimmt… Ihr versteht, was ich meine. Hätte man beispielsweise Jack Nicholson oder Christopher Walken als Jack gewinnen können, sähe die Sache ganz anders aus. Als das ohnehin schon verkorkste Ende neu gedreht werden sollte, wurden Berenger und Polly Walker gebeten, S/M-Kleidung für eine erotische Szene zu tragen. Beide lehnten ab, da eine derartige Szene in ihren Verträgen nicht verankert war, und so musste besagte Szene mit Doppelgängern gedreht werden.
Joe Eszterhas’ Skript wurde während des Drehs vom Produzenten-Quintett immer wieder umgeschrieben — so oft, dass der Autor (vergebens) versuchte, seinen Namen aus dem Vorspann entfernen zu lassen. Eszterhas hasst »Sliver«. Besonders der letzte Satz — »Get a life!« — ist ihm zuwider. Er schwört heute noch Stein und Bein, mit diesem Ende nichts zu tun gehabt zu haben. Aber auch sonst strotzt der Film nur so vor dümmlichen Dialogen und schreckt mit seiner verworrenen, löchrigen Dramaturgie auch den ambitioniertesten Zuschauer ab. Zuweilen scheint es, als habe Noyce einen überlangen Werbespot für Damenunterwäsche drehen wollen. Dabei ist die Ausgangssituation wirklich so, dass »Sliver« die Chance gehabt hätte, ein modernes Rear Window zu werden. Das voyeuristische Spiel und die damit verbundene moralische Verantwortungsfrage sind nicht uninteressant — nur leider werden die Fäden, nachdem sie einmal aufgenommen wurden, sofort wieder fallengelassen. Die spannenden Fragen laufen ins Nichts. Wenigstens kommerziell schnitt »Sliver« 1993 gut ab; er spielte fast 120 Millionen Dollar, also das Dreifache seiner Kosten, ein. Und ganz ehrlich: Mit ein paar Freunden und etwas Gebäck kann man stellenweise wirklich seinen Spaß mit »Sliver« haben.

André Schneider

10. August 2017

Sergio Grieco (1917-1982) war bestimmt ein reizender Mann, aber Regie konnte er wirklich nicht. Das durfte ich einmal mehr bejammern, als ich für Italo-Cinema.de »Le scomunicate di San Valentino« (1974) besprechen durfte. Dafür bekam ich die neu erschienene DVD von Donau Film geschickt. Eine zweite Besprechung steht noch aus, nämlich die von »Lulu« (Regie: Walerian Borowczyk), eine Billig-Variante der Büchse der Pandora, aber bis jetzt schiebe ich das noch vor mir her. Ein schlechter Film die Woche reicht völlig, zumal es sich um Werke handelt, die keinen Spaß machen. Armer Victor Hugo! Armer Frank Wedekind! Das hatten diese Autoren weiß Gott nicht verdient! — Da ich gerade von schlechten Filmen schreibe: Kennt Ihr »The Room« (Regie: Tommy Wiseau)? Auf den bin ich durch den Trailer von »The Disaster Artist« (Regie: James Franco) gestoßen, auf den ich mich ziemlich freue. — Noch eine kurze Film-Anmerkung: Am Dienstag waren Ian und ich im Kino und haben uns »Alibi.com« (Regie: Philippe Lacheau) angeguckt. Manchmal tut Klamauk einfach gut, und außerdem freue ich mich immer, Nathalie Baye zu sehen. Élodie Fontan war ziemlich heiß; so eine Frau hätte ich auch gern. Julien Arruti ist zuckersüß und witzig. Das Drehbuch lieferte so manchen Kracher, so dass Ian und ich uns auf unseren Sitzen vor Lachen kugelten. Außer uns war kaum jemand im Saal, Hemmungen waren also unnötig.

Zu Recheche-Zwecken habe ich die DVDs von »The Fall« mal wieder eingelegt. Das Szenario erschreckt mich noch immer, es ist pervers und bedrückend. Dazu kommt, dass Jamie Dornan in dieser Rolle aussieht wie der Schlutt. Parallel zu »The Fall« blättere ich in dem Hare-Buch (»Without Conscience: The Disturbing World of the Psychopaths Among Us«). Noch drei Monate bis Drehbeginn. Ich weiß, dass mir diese Rolle alles abverlangen wird und habe einen enormen Respekt davor. Nein, ich winsele nicht, ich wollte es schließlich so. Ich hatte mir immer gewünscht, einen Thriller zu machen. Jetzt sieht es aus, als würde das tatsächlich noch was werden, bevor ich 40 werde. Dennoch gehe ich mit einem mulmigen Gefühl in diesen Film. Es wäre hilfreich für mich gewesen, wenn Antony die Regie übernommen hätte, doch der bereitet gerade seinen ersten Film in Mexiko vor. — Heute ist die Welturaufführung von Bd. Voltaire in Serbien, und in Frankreich ist das Team von Optimale bereits dabei, alles für die DVD-Veröffentlichung im Herbst vorzubereiten. Ich bin gespannt auf alles: die ersten Rezensionen, das Cover, die Extras für den Silberling. Es stehen noch Zu- bzw. Absagen für 44 Festivals aus, die letzten werden wohl erst im April 2018 kommen. Bd. Voltaire wird uns also noch eine ganze Weile begleiten.

Das Velodrom hat bis Mitte September geschlossen, so dass ich am Dienstag ins grotesk überteuerte Wellenbad am Spreewaldplatz gehen musste. Der Anblick des Duschraums gemahnte an einen B-Horrorfilm aus den achtziger Jahren. Es tropfte von der Decke, die Lampen flackerten gespenstisch, und es fühlte sich ungesund an, barfuß zu sein. Die vielen schlecht erzogenen Kinder machten es den Schwimmern beinahe unmöglich, in Ruhe ihre Bahnen zu ziehen. Die Bademeisterin brüllte sich die Seele aus dem Leib und fand trotzdem überhaupt keine Beachtung. Ich schämte mich für den Gedankengang, aber mir fiel auf, dass die Kinder und Jugendlichen, die vom Rand sprangen, uns in Rücken und Bauch traten und sich von den Bademeistern nichts sagen ließen, allesamt türkischer und arabischer Herkunft waren. Nach 45 Minuten warf ich das Handtuch, duschte schnell und radelte übellaunig zurück nach Hause.
Und sonst? Nicht viel. Einer meiner Onkel liegt im Koma. Gehirntumor. Der zweite Onkel in weniger als einem Jahr. Mir fällt auf, dass ich lange nicht mehr in Bockhorn war. Meine Oma habe ich viele Jahre nicht mehr gesehen. Sie wird diesen Monat 95, und obwohl ich ihr ein- bis zweimal monatlich eine Postkarte schreibe, steht schon lange eine merkwürdige Entfremdung im Raum. Was sicherlich auch daran liegt, dass der väterliche Teil meiner Familie seit 40 Jahren so heillos zerstritten ist, dass es selbst früher schon nur sporadischen Kontakt gab, der immer an der Oberfläche blieb. Meine Schwester und ich waren ohnehin »zu weit weg«, wohnten 250 Kilometer von Bockhorn entfernt, sprachen kein Platt und waren nur drei, vier Mal pro Jahr für ein paar Tage (oder Wochen) dort, während die anderen Cousinen und Cousins einen gemeinsamen Alltag hatten. Mit meinem Vetter Danny habe ich in den letzten Jahren auf Facebook mehr »gesprochen« als in unserer Kindheit. — Zum Thema Depression fiel mir jüngst ein aufmunternder Spruch in die Hände. Es ging um japanische Vasen. Offenbar wird in Japan ein zerbrochener Gegenstand häufig mit Gold repariert. Auf diese Weise wird der Makel ein einzigartiger Teil seiner Geschichte und verleiht ihm Schönheit. Daran solle ich denken, wenn ich mich wieder einmal zerbrochen fühle. So wie heute. Kommt gut in den Tag.

André

Filmtipp #515: Tödliche Ferien

Tödliche Ferien

Originaltitel: And Soon the Darkness; Regie: Robert Fuest; Drehbuch: Brian Clemens, Terry Nation; Kamera: Ian Wilson; Musik: Laurie Johnson; Darsteller: Pamela Franklin, Michele Dotrice, Sandor Elès, John Nettleton, Clare Kelly. GB 1970.

and-soon-the-darkness

Ein böser kleiner Thriller, dessen Spannungskurve in der letzten halben Stunde beinahe die Grenzen des Erträglichen sprengt. Dabei werfen Regisseur Fuest und seine Drehbuchautoren eigentlich nur die gängigen Zutaten in den Topf: Zwei junge Engländerinnen, die Freundinnen Jane (Franklin) und Cathy (Dotrice), machen mit ihren Fahrrädern einen Trip quer durch Frankreich. Nach einem Streit fährt die erboste Jane alleine weiter und lässt die sonnenbadende Cathy zurück — eine folgenschwere Entscheidung, denn als Jane sich abgeregt hat und zurückfährt, ist ihre Freundin wie vom Erdboden verschwunden. Bei ihrer Suche auf der leeren Landstraße, die lediglich durch ein paar halb verwaiste Dörfer führt, trifft sie auf Paul (Elès), der sich ihr als Polizist aus Paris vorstellt und ihr seine Hilfe anbietet. Als Jane erfährt, dass auf der Strecke unlängst eine Touristin vergewaltigt und ermordet aufgefunden wurde, regt sich in ihr das ungute Gefühl, dem mysteriösen Fremden nicht wirklich trauen zu können…

»And Soon the Darkness« — ein wirklich schöner Titel! — spielt konsequenterweise gänzlich im Tageslicht; die Handlung beginnt vormittags und endet am frühen Abend. Die flirrende Hitze und die Leere der Straßen schaffen eine Atmosphäre der lauernden Bedrohung. Jane spricht kaum Französisch, die Franzosen kein Englisch. Es ist nicht schwer, ihre Verzweiflung und Isoliertheit nachzuempfinden. Ein wahrlich beklemmendes Gefühl. In jedem Blick der Einheimischen erkennt man Feindseligkeit, Misstrauen, Verschlagenheit. Was tun, wenn man auf Hilfe angewiesen ist und sich im Grunde an niemanden wenden kann? Dass das Ganze nicht gut ausgehen kann, spürt der Zuschauer schon in der ersten Viertelstunde, ich nehme hier also nichts wirklich vorweg, und die schlussendliche(n) Wendung(en) verrate ich auch nicht.
»And Soon the Darkness« war einer der ersten Filme, die bei EMI Elstree unter der Leitung von Bryan Forbes kostengünstig entstanden. Das Team hinter der Kamera hatte bereits erfolgreich bei der TV-Serie »The Avengers« zusammengearbeitet; für den damals 42jährigen Regisseur Fuest war dies die erst zweite Arbeit fürs Kino. (Sein erster Spielfilm war die Komödie »Just Like a Woman« (1967) mit Wendy Craig gewesen: ein Flop.) Pamela Franklin, die ihre Karriere als Kinderstar begonnen hatte, spielte hier ihre erste richtige Hauptrolle. Sie konnte sich unglücklicherweise nicht so recht etablieren, weshalb sie sich 1981 im Alter von nur 30 Jahren aus dem Business zurückzog. Hier lieferte sie einmal mehr eine sehr souveräne, fesselnde Darstellung ab, die großen Anteil am Gelingen dieses hochspannenden Schockers hatte. Im Hochsommer 1969 in der Gegend um Jargeau und in den Elstree Studios gedreht, war »And Soon the Darkness« ursprünglich kein allzu großer Erfolg gewesen. Über die Jahre jedoch gewann der Streifen an Reputation und konnte eine beachtliche Fangemeinde generieren, was im Jahre 2010 zu einem US-Remake mit Amber Heard führte, über das man besser schweigen sollte: ein wirklich grottenschlechtes Machwerk, das sich in keiner Hinsicht mit dem straff und atmosphärisch inszenierten Original messen kann.

André Schneider