8. Dezember 2017

Wieder in Berlin, völlig ausgelaugt und erledigt von den Dreharbeiten, wurde ich gestern von T. In die Neuköllner Oper mitgenommen. Wir guckten uns »Kopfkino« an, ein wunderbares Musical von Thomas Zaufke und Peter Lund, auf das ich inhaltlich hier nicht eingehen möchte. Es war eine herrliche Inszenierung, der — ich übertreibe nicht! — beste Theaterabend seit Jahren. Das Ensemble bestand aus Studentinnen und Studenten der UdK. Markus Fetter, der Hauptdarsteller, konnte so gut singen und tanzen, dass ich vor Bewunderung und Anerkennung gar nicht mehr aufhören wollte zu applaudieren. Linda Hartmann, Jasmin Eberl, Helge Lodder und Nico Wendt standen ihm in nichts nach. Lisa Toh war zum Niederknien schön. Natürlich verliebten T. und ich uns in Jonathan Francke, weil dieser so tolle Haare und die Körperlichkeit des jungen Brando hatte. Er erinnerte mich in seiner Rolle an eine etwas kreuzbergisierte Version von Marc Bluhm. Lisa Maria Hörl war eine Wucht! Die jungen Kolleginnen und Kollegen — allesamt in den 1990ern geboren — leisteten allesamt wirklich Erstaunliches. Die Choreographie von Neva Howard war zwar nicht sonderlich extravagant, aber alles andere als anspruchslos, das Bühnenbild (Daria Kornysheva) allererste Sahne. Und obwohl ich ja eigentlich kein Musical-Fan bin, haben sich die zauberschönen Songs wie Ohrwürmer in meinem Kopf verkrallt: »Geh noch nicht ins Bett«, »Das Lied von der sexuellen Orientierung«, »Bla Bla Bla« und »Hör ihm zu« haben mir ganz besonders gefallen. Die Inszenierung läuft noch bis zum 3. Januar 2018, und ich hoffe sehr, sie mir noch ein zweites Mal anschauen zu können. Theater kann so wundervoll und betörend sein, dass die Energie einen wie auf Schwingen durch die folgenden Tage tragen kann. »Kopfkino« war in dieser Hinsicht besser als alles, was ich in den letzten Jahren in Frankreich (das Bergman-Stück mit Laetitia Casta und Raphaël Personnaz) oder Deutschland (»Hedda Gabler«, »Maman und ich«) gesehen habe.
Ansonsten akklimatisiere ich mich, was Berlin angeht, nur mühsam wieder. Einkäufe erledigen, Wäsche waschen, Bewerbungen schreiben und zwischendurch immer wieder viel schlafen. Chelito ist nach einem Monat wieder bei mir, meine Mutter hatte ihn mir, als der Zug auf der Rückfahrt von Paris kurz in Hannover hielt, auf dem Bahnsteig überreicht. Während seines »Urlaubs« in Hildesheim hat er ordentlich zugenommen. Davon abgesehen scheint sein Gehör nachzulassen, und meine Eltern meinten, er sähe wohl auch schlechter. Der Kleine ist nun wohl wirklich alt, obwohl er sich immer noch wie ein Welpe freuen und springen kann. Wir haben in den vergangenen Tagen viel gespielt und gekuschelt, und ich werde ihn ganz sicher nicht noch einmal über einen so langen Zeitraum weggeben.

Soeben entdecke ich mit Schrecken, dass mein YouTube-Kanal gehackt und gelöscht wurde. Alle meine Videos sind somit verschwunden, all meine Trailer, Teaser, Musikvideos und Auftritte! Der Kanal war über zehn Jahre gewachsen, Dutzende meiner Beiträge hier waren verlinkt. Ich bin fassungslos. Zumal ich das Gros meiner Clips leider nicht (mehr) auf meinem Rechner gespeichert habe. Okay, dann war es das wohl mit YouTube. Uff! Jetzt bin ich völlig aus dem Konzept geraten, gewissermaßen baff. Ich kann mich nicht einmal mehr einloggen, der Kanal existiert nicht mehr.

Von Paris habe ich diesmal gar nicht viel mitbekommen. Das Arbeitspensum war straff. Symptômes war eine zehrende Erfahrung. Die Rolle ließ mich abends plattgewalzt ins Bett fallen und dann unruhig schlafen. Ich wähnte mich in einem Alptraum ohne Erwachen. Wir drehten in der Wohnung von Jean-Pierre Stora in der Rue Saint-Didier im 16. Arrondissement, eingekeilt zwischen Triumphbogen und Eiffelturm. Das Apartment war ein einziges Museum, es prangten hunderte Bilder, Plakate, Spiegel an den Wänden. Jeden Tag entdeckte man etwas Neues: Clowns aus Porzellan, ein Harlekin aus Stoff, Autogramme von Gérard Blain, Fotos von Jean-Pierre und Grace Kelly oder Charlotte Rampling. Im Erdgeschoss gelegen, groß, düster und verwinkelt, wurde der Drehort selbst zu einem Filmcharakter. Ganz zu schweigen von dem labyrinthartigen Keller. Eine bedrückende, erstickende, morbide Atmosphäre, die mir nach wenigen Drehtagen ins Gemüt kroch. Wenn ich abends nach Hause ging — ich schlief bei Walter Billoni im Marais —, fühlte ich mich beschattet und ausgewrungen, obwohl ich an und für sich gute Drehtage mit herrlichen Begegnungen hatte. Das Team von Bd. Voltaire war wieder vereint. Camille Gaté, Pauline Anglada und Vanessa Payri schufteten wie Gott und der Teufel in einer Person, Siolé Fakataulavelua war praktisch jeden Tag von früh bis spät dabei, um ihnen zu helfen, und Alexandre quartierte sich für den gesamten Zeitraum bei Jean-Pierre ein. Für ihn und Vanessa waren es 18-Stunden-Tage. Um acht Uhr früh ging es los, und während ich meist schon um 19, 20 Uhr nach Hause gehen durfte, sahen die beiden sich noch die rushes vom Tag an.
Ich war beseelt, Pierre Emö mit an Bord zu haben. Er hat eine so außergewöhnliche Ausstrahlung. Da sind diese großen, kindlichen, durch und durch unschuldig-neugierigen Augen in diesem bildschönen Gesicht, dass so fotogen ist, dass es unserer Kamerafrau ein Seufzen entlockte. Hinter der Unschuld verbirgt sich eine verderbte Sexualität, die sich in kurzen Augenblicken offenbart, um dann wieder unterzutauchen. Pierre hat etwas von einem Vulkan, der unter einer weichen Schneeschicht schläft. Er ist beneidenswert im Reinen mit seinem Körper und genießt es, angeschaut zu werden. Er war ungeheuer professionell und umgänglich, es war eine Riesenfreude, mit ihm zu arbeiten.
Mit Sania Yenbou und Bastien Gabriel hatte ich je einen halben Drehtag. Rodolphe Meunier hatte eine winzige Rolle. Er war nur wenige Stunden am Set, aber er war so unheimlich schön, dass er mich zum Stottern brachte. Ja, Paris ist in ästhetischer Hinsicht über jeden Vergleich erhaben. Mag ich in Berlin noch im oberen Bereich der Attraktivitätsskala rangieren, so wirke ich in Paris doch ziemlich plump und hässlich.
Ein Höhepunkt war das Zusammenspiel mit Sophie Tellier, die ich aus den frühen Musikvideos von Mylène Farmer und Jeunets Amélie-Film kannte. Sie spielt viel Theater, hat als Choreographin und Tänzerin viel mit Prince und Mylène gearbeitet und hat eine unglaubliche Kraft, die einen förmlich an die Wand presst. Gleich, als wir uns einander vorstellten, lobte sie meinen kleinen Akzent, sie war herzlich und zauberhaft und roch einfach wunderbar. Es scheint etwas sehr Französisches zu sein, diese Stilsicherheit der Frauen, was Kleidung, Frisur, Schminke und Parfums angeht. Sie scheinen immer genau zu wissen, was ihnen steht und was nicht. Es gibt kein »zu viel«, das Maß ist immer genau richtig.
Am intensivsten war für mich die Arbeit mit Judith Magre. Ich überlegte lange, in welchem Film ich sie zuerst bewusst wahrgenommen hatte. Das muss »La folle histoire d’amour de Simon Eskenazy« (Regie: Jean-Jacques Zilbermann) gewesen sein, den ich seinerzeit beim Jüdischen Filmfestival im Arsenal gesehen hatte. Natürlich erinnerte ich mich an »Les amants« (Regie: Louis Malle, mit Jeanne Moreau), »Les amants de Montparnasse« (Regie: Jacques Becker, mit Lilli Palmer und Gérard Philipe) und »Woman Times Seven« (Regie: Vittorio De Sica, mit Shirley MacLaine und Peter Sellers). Judith Magre ist 91 Jahre alt und war seit 1946 nie mehr ohne Engagement; sie steht auch heute noch fast jeden Abend auf der Bühne. »Ich hatte großes Glück«, sagte sie, während wir auf das Licht warteten. — In besserer Gesellschaft konnte ich kaum sein, und ich bin wirklich dankbar, dass ich diese Erfahrungen haben durfte. Jede französische Produktion, die ich mit aus der Taufe heben durfte, bescherte mir dieses Glück. Ob mit Laurent Delpit, Manuel Blanc, Stéphanie Michelini, Thomas Laroppe, Alexandre Vallès, Pierre de la Roche, Biño Sauitzvy oder dem Ensemble von Bd. Voltaire — es war immer gut, kollegial, respektvoll.

An dieser Stelle ende ich für heute. Die Sache mit YouTube sitzt mir gerade ziemlich in den Gliedern, und ich mag nicht mit Wut im Bauch schreiben. Habt einen glorreichen Freitag, ich melde mich alsbald wieder.

André

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Rezept #41: Fruchtige Entenspieße

Ein köstliches Gericht für vier Personen. Passt in jede Jahreszeit, aber die Ente hat schon etwas sehr Weihnachtliches.

Zutaten:
2 Entenbrüste à 300 Gramm
1 Ingwerknolle
2 Knoblauchzehen
1 Chilischote
4 EL Sojasauce
2 EL brauner Zucker
2 EL Mirin (süßer japanischer Reiswein)
1 frische Ananas
4 Stangen Zitronengras
2 Möhren
2 Stangen Staudensellerie
1 EL Olivenöl
1 Limette
Salz, Pfeffer

Zubereitung:
Für die Marinade Ingwer, Knoblauch und Chili würfeln und dann mit Sojasauce, dem braunen Zucker und Mirin verrühren.

Die Entenbrüste würfeln und die Ananas stückeln. Das Zitronengras vorne spitz zuschneiden. Fleisch und Ananas abwechselnd auf die Zitronengras-Spieße schieben, mit drei Vierteln der Marinade bestreichen und zugedeckt im Kühlschrank etwa zwei Stunden marinieren.

Möhren und Staudensellerie stifteln und in Öl und der restlichen Marinade anbraten. Mit 200 ml Wasser auffüllen und etwa acht bis zehn Minuten köcheln lassen. Mit Limettensaft, Salz und Pfeffer abschmecken.

Die Enten-Ananas-Spieße circa zwei Minuten von allen Seiten direkt grillen und etwa fünf Minuten indirekt weitergrillen. Mit dem Gemüse servieren und genießen. Wer auf Kohlenhydrate nicht verzichten will, kann dazu Reis essen.

André Schneider

Filmtipp #564 & Rezept #40: Birnenkuchen mit Lavendel

Birnenkuchen mit Lavendel

Originaltitel: Le goût des merveilles; Regie: Éric Besnard; Drehbuch: Éric Besnard; Kamera: Philippe Guilbert; Musik: Christophe Julien; Darsteller: Virginie Efira, Benjamin Lavernhe, Lucie Fagedet, Léo Lorléac’h, Hervé Pierre. Frankreich 2015.

Bevor Ihr Euch den Film anschaut, nehmt Euch bitte ein bisschen Zeit in der Küche und bereitet Euren eigenen Birnenkuchen vor. Glaubt mir, das macht den Filmgenuss noch schöner. Hier also erst einmal das Rezept für Birnenkuchen mit Lavendel (für eine Tarteform von 26 Zentimetern Durchmesser):

Zutaten:
130 g Mehl
1 EL Zucker
1 Prise Salz
60 g Butter
1 Ei
3 Birnen (weich)
1 TL Zitronensaft
2 EL Honig
2 TL essbare Lavendelblüten

Zubereitung:
Mehl, Zucker und Salz mischen, dann mit Ei und Butter zu einem Teig kneten. Die Teigkugel im Anschluss ca. eine Stunde im Kühlschrank ruhen lassen. Den Backofen auf 200 Grad vorheizen. Die Birnen waschen und in dünne Spalten schneiden. Mit Zitronensaft beträufeln, damit sie nicht braun werden.

Tarteform buttern, mehlen und mit dem ausgerollten Teig auslegen. Den Boden mehrmals mit einer Gabel einstechen und mit den Birnenspalten belegen. Den Kuchen dann ca. 50 bis 60 Minuten auf mittlerer Schiene backen.

Honig und Lavendelblüten leicht erwärmen. Den noch warmen Kuchen mit dem flüssigen Honig bestreichen und am besten warm servieren. Mit Eis oder leicht geschlagener Sahne ist die Tarte ein absoluter Hochgenuss! Guten Appetit! Und nun den DVD-Player anschmeißen…

Angenehm unverkitscht, aber voller Feingefühl und wohliger Leichtigkeit erzählt Éric Besnard eine Geschichte über die kleinen Wunder des Lebens. Die sonnendurchfluteten Bilder und die gemütliche Landhaus-Atmosphäre machen »Le goût des merveilles« (zu Deutsch: »Der Geschmack der Wunder«) zu einem unvergleichlichen Beispiel für jene Art von Wohlfühl-Kino, welches einen aus emotionalen Dunkelkammern herauszuholen vermag. Die Dreharbeiten fanden von August bis September 2014 in Nyons statt, einer der schönsten Gegenden der Provence.

Louise (Efira), eine junge Witwe mit zwei Kindern, führt nach dem Tode ihres Mannes dessen Hof mit Birnenbäumen und Lavendelfeldern weiter, hat allerdings mit der geschäftlichen Seite der Dinge kein Fortune. Die Bank drängt sie, eine Hypothek auf das Haus aufzunehmen, damit die Kreditraten weiter bezahlt werden können. Ihr Nachbar Paul (Laurent Bateau), der schon länger ein Auge auf sie geworfen hat, bietet ihr an, ihr ein Stück ihres Grundstücks abzukaufen. Louises Lage (und damit auch die ihrer Kinder) ist also denkbar prekär, als sie eines Tages auf dem Rückweg vom Markt auch noch einen jungen Mann anfährt und leicht verletzt: Pierre (supersüß: Lavernhe) leidet unter dem Asperger-Syndrom. Bei Stress verengt sich seine Wahrnehmung, und er ergreift die Flucht. Dinge, die er nicht leiden kann, markiert er mit kleinen, farbigen Punkten; Louises Kombi verpasst er gleich zwei. Louise nimmt Pierre vorübergehend bei sich auf, und Pierre gefällt es bei ihr. Seine Anwesenheit sorgt dafür, dass Louise die Welt bald mit anderen Augen sieht — und auch schicksalsmäßig scheint sich das Blatt für sie zu wenden… Die Botschaft des Films: Fahren Sie einen Asperger an, wenn Sie wollen, dass Ihnen das Glück hold ist.
Natürlich verlieben sich Louise und Pierre auch noch ineinander. Die Romanze zwischen den beiden ist possierlich und herzerwärmend anzuschauen. Die romantische Komödie entfaltet in der zweiten Hälfte einen geradezu zauberhaften Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Hier ist alles leicht verschoben, ein wenig anders. Regisseur Besnard schärft Louises Blick — und den des Zuschauers — für die oft winzigen Augenblicke der Magie, die das Leben für uns bereithält. Man schmeckt förmlich die Birnen der Provence — und plant insgeheim schon den nächsten Frankreich-Urlaub.

André Schneider