Filmtipp #557: Der Killer von Wien

Der Killer von Wien

Originaltitel: Lo strano vizio della Signora Wardth; Regie: Sergio Martino; Drehbuch: Vittorio Caronia, Ernesto Gastaldi, Eduardo Manzanos Brochero [Eduardo M. Brochero]; Kamera: Emilio Foriscot, Florian Trenker [Floriano Trenker]; Musik: Nora Orlandi; Darsteller: George Hilton, Edwige Fenech, Ivan Rassimov, Alberto de Mendoza, Manuel Gil [Maurice Gillas Pou]. Italien/Spanien 1971.

Sergio Martino drehte zwischen 1971 und 1973 insgesamt fünf Gialli. Diese sind mir sogar lieber als die Meisterwerke von Mario Bava oder Dario Argento. »Lo strano vizio della Signora Wardh« bildete den Auftakt und ist an Wendungsreichtum schwer zu überbieten. Inszenatorisch gelang Martino ein Glanzstück, dessen großes Plus in der bedrohlich-morbiden Atmosphäre liegt. Natürlich, die Handlung spielt ja auch in Wien, der vielleicht morbidesten Stadt Europas. Hierhin verschlägt es das Ehepaar Wardh: Julie (Fenech) und Neil (de Mendoza) sind wohlhabend, aber nicht mehr sonderlich glücklich miteinander. Neil hat geschäftlich in Österreich zu tun, und Julie verbringt etwas Zeit mit ihrer alten Freundin Carol (Cristina Airoldi). Über sie lernt sie auch den schmucken George (Hilton) kennen und erliegt rasch seinem öligen Charme. Dass sie ihr Techtelmechtel nicht ungetrübt genießen kann, liegt unter anderem daran, dass ihr Ex (Rassimov) ihr ständig Blumen schickt. In der Vergangenheit hatten die beiden eine launige S/M-Beziehung, worauf die geheimnistuerischen Nachrichten auf den beiliegenden Grußkarten anspielen. Zudem treibt auch noch ein Serienkiller sein Unwesen, der es auf attraktive Frauen abgesehen hat; eines seiner Opfer wird Carol. Julie fühlt sich mehr und mehr bedroht und weiß nicht, wem sie trauen kann…

Um Gialli lieben zu lernen, muss man akzeptieren, dass hier eine auf Symbole zugespitzte Bildsprache verwendet wird. Ein Giallo funktioniert nach festen Regeln, die nach Belieben variiert werden, und geht nur selten subtil vor. In »Lo strano vizio…« haben wir einmal mehr die schwarzen Handschuhe und das Rasiermesser, welche als Leitmotive ein wiederkehrendes Element bilden. Die Mordserie fungiert zunächst lediglich als Aufhänger, um Edwige Fenechs Welt aus den Fugen zu heben und ein latentes Gefühl der Unsicherheit und Bedrohung zu etablieren. Dass bei den Morden ein Rasiermesser zum Einsatz kommt, führt zu einem ästhetisierten Zerstörungswerk, welches von Martino beklemmend und exzessiv in Szene gesetzt wird. Die Blumensträuße, die Fenech erhält, ähneln Grabsträußen. Das schwarze Auto, das sie zu verfolgen scheint, erinnert an einen Leichenwagen. In praktisch jedem Bild finden sich Symbole für Tod und Verfall. Martinos Heldin verliert bei dem Versuch, die Geschehnisse richtig einzuordnen, beinahe den Verstand und wird so eine leichte Beute für das Intrigenspiel, das im Hintergrund drämmelt. Paranoia enthebt uns unserer Standfestigkeit. Stefan Dabrock führt in seiner Rezension aus, dass »Lo strano vizio…« ein »visuelles Universum« offenbare, »das die Traumatisierung einer sozial isolierten Frau bebildert. Die omnipräsente, dämonische Mörderfigur ist ein Spiegelbild dieses Zustands.« — In seinem nächsten Film mit Edwige Fenech, dem atemberaubend schönen »Tutti i colori del buio« (1972), beschäftigte sich Sergio Martino nich intensiver mit dieser Thematik.

Sämtliche Gialli von Martino zeichnen sich durch Eleganz und guten Geschmack aus. Vielleicht drehte er deshalb in späteren Jahren keinen Film dieses Genres mehr; die Zeiten waren einfach vorbei. Regie-Berserker wie Lucio Fulci oder Lamberto Bava stürzten sich nicht gerade zimperlich auf den neuen Markt, der nur noch an Effekten und Ekel interessiert zu sein schien. — In »Lo strano vizio…« gibt es eine Schlüsselszene, welche hier als Paradebeispiel für die inszenatorische Sorgfalt und den brillanten Spannungsaufbau Martinos angeführt werden soll: die Mordszene an Cristina Airoldi im Schlosspark von Schönbrunn. Airoldi hat sich zu einer abendlichen Verabredung hier eingefunden. Der Park hat sich geleert, die Wege sind verwaist, nur ein Gärtner geht in der Ferne noch seiner Arbeit nach. Das Rauschen der Bäume und die einsetzende Dämmerung machen die Szenerie unheimlich, geradezu peinigend. Als der Killer schließlich zuschlägt, kommt das beinahe einer Erlösung gleich. Dabrok: »Auf einmal wirkt die österreichische Hauptstadt wie ein gigantischer Sarg, der alles verschlingt, was nicht rechtzeitig herausklettert.«
Alles in allem ist »Lo strano vizio della Signora Wardh« ein betörender Thriller, der die Zeit gut überstanden hat und definitiv in jede Giallo-Sammlung gehört. In den folgenden Tagen widme ich mich den weiteren Werken von Sergio Martino: »La coda dello scorpione« (1971), »Tutti i colori del buio« (1972) und »Il tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave« (1972). I corpi presentano tracce di violenza carnale habe ich bereits 2012 besprochen.

André Schneider

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Filmtipp #556: Der Schuss

Der Schuss

Originaltitel: Moment to Moment; Regie: Mervyn LeRoy; Drehbuch: John Lee Mahin, Alec Coppel; Kamera: Harry Stradling; Musik: Henry Mancini; Darsteller: Jean Seberg, Honor Blackman, Sean Garrison, Arthur Hill, Grégoire Aslan. USA 1966.

Mit diesem romantischen Spannungsfilm nahm Mervyn LeRoy, am bekanntesten für »Quo Vadis« (1951), seinen Abschied von Hollywood. Leider erfuhr sein 77. und letzter Film nur ein lauwarmes Echo. So beklagte die »New York Times«: »Die Köder liegen alle aus, aber erwarten Sie nicht, eingefangen zu werden.« Der Streifen sei ein »mittelprächtiges Thriller-Drama, das etwas Besonderes hätte werden können, wenn es nur Alfred Hitchcock anstelle von Mervyn LeRoy als Regisseur gehabt hätte«. Der Vergleich ist nicht ganz fair und mag hinken, allerdings ist der Verweis auf Hitchcock nicht ganz unzulässig: »Moment to Moment« ist ganz die Art Film, die Hitchcock in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre mit einer Schauspielerin wie Grace Kelly, Vera Miles oder meinetwegen auch Audrey Hepburn gemacht hätte. In Sachen Spannung freilich kann »Moment to Moment« sich nicht mit Meilensteinen wie beispielsweise To Catch a Thief oder North by Northwest messen — als veritabler Thriller ginge er ohnehin nicht durch —, aber die Ingredienzen sind alle da. Wie Marnie oder »The Birds« (1963) ist auch »Moment to Moment« ein Frauenfilm, der 1966 schon ein bisschen altmodisch gewirkt haben muss. Jean Seberg gibt eine hervorragende Hitchcock-Blondine ab und trägt den Film souverän auf ihren Schultern. Sie ist ein mit Schnee bedeckter Vulkan, ganz die Art Frau, die Hitchcock in seinen Filmen favorisierte. LeRoy ließ seinen Star von Yves Saint Laurent einkleiden und von Kamera-Veteran Harry Stradling so erlesen schön ausleuchten, dass ihr makelloses Gesicht wie ein Gemälde auf der Leinwand erscheint. Die Kameraobjektive weiden sich nur so an ihren Konturen, dem schönen Hals, dem fotogenen Kinn, den großen Augen. Begleitet werden diese Bilder von einer von Henry Mancinis schönsten (und unbekanntesten) Kompositionen.

Der Schauplatz ist Südfrankreich. Seberg spielt Kay Stanton, eine Amerikanerin, die mit ihrem Mann Neil (Hill), einem erfolgreichen Psychiater, und dem gemeinsamen Sohn Timmy (Peter Robbins) an der Riviera lebt und sich dort ein wenig langweilt. Neil muss beruflich bedringt viel Reisen: Zürich, London, Edinburgh. Es ist also gar nicht verwunderlich, dass Kay sich über die Bekanntschaft mit Mark (Garrison) freut, einem jungen Burschen, dem sie eines schönen Tages am Hafen über den Weg läuft. Sie zeigt dem Hobby-Maler ein wenig die Gegend und lässt sich auf ein kleines Techtelmechtel ein. Als ihr schlechtes Gewissen jedoch obsiegt und sie die Affäre beenden möchte, kommt es zum Streit, und im Handgemenge löst sich ein Schuss. Mark bricht tot in Kays Küche zusammen. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Daphne (Blackman) lässt sie die Leiche verschwinden. Kurz darauf allerdings steht ein neugieriger Inspektor (Aslan) vor ihrer Tür und stellt allerhand Fragen, und es dauert auch nicht lange, bis Kay Mark wiedersieht, der alles andere als tot ist, wohl aber sein Gedächtnis verloren hat. Ausgerechnet Neil soll in seiner Funktion als Therapeut Marks Gedächtnis auf die Sprünge helfen…

Die Story von Alec Coppel, der unter anderem das Drehbuch zu »Vertigo« (Regie: Alfred Hitchcock) verfasst hatte, hätte etwas stringenter adaptiert werden können, und auch die Logiklöcher wären ohne Probleme zu stopfen gewesen. Wieso dies nicht im Vorfeld der Produktion geschah, lässt sich 50 Jahre später wohl kaum noch klären. Sean Garrison ist ein weiterer Minuspunkt. Selten hat man so einen steifen Schauspieler in einer Star-Rolle sehen müssen. Vielleicht war es nicht einmal mangelndes Talent, aber seine Null-Ausstrahlung bringt das Gefüge von »Moment to Moment« arg ins Wanken: Was zur Hölle findet Kay nur an diesem Typen? Dass ihr Mann, welcher im Vergleich beeindruckend charismatisch wirkt, abwesend ist, ist als Motiv reichlich ungenügend. (Garrisons Karriere, die von LeRoy und Universal mit einigem Aufwand angekurbelt wurde, versandete in den kommenden Jahren nach und nach in immer marginaleren TV-Auftritten, ehe er sich 1981 im Alter von 44 Jahren aus dem Geschäft zurückzog.) — Honor Blackman, die nach Goldfinger endlich international gefragt war, gibt eine herrlich schrullige campy performance, die Trash-Herzen höher schlagen lässt, und Grégoire Aslan ist als französischer Polizist ebenfalls gut besetzt. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen ihm und Seberg lässt im letzten Filmdrittel zumindest einen Hauch von suspense aufkommen. »Moment to Moment« ist ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus, der in jeder Sekunde Nostalgie und Charme versprüht. Die schlechten Rückprojektionen, die Windmaschinen, der abrupte Wechsel von Studioaufnahmen, die auf dem Universal-Gelände in Los Angeles entstanden, und den schicken Außenaufnahmen in Nizza, Cannes, Mougins und St. Paul de Vence — das alles hat schon was! In einer Szene sitzen Seberg und Garrison in einem Restaurant, als die Sonne sinkt und plötzlich ein Schwarm weißer Tauben in den Abendhimmel steigt. Im Widerschein der Sonne scheint sich das Gefieder der Tiere zu verfärben; wir sehen einen Schwarm goldener Vögel, die dem Tag Lebewohl sagen. Eine weitere Szene spielt in der Fondation Marguerite et Aimé Maegh, dem berühmten privaten Museum mit Skulpturengarten auf dem Hügel La Colline des Gardettes. — Der Film war anno 1966 nicht unbedingt ein Misserfolg, aber angesichts der 25.000 Dollar, die LeRoy pro Drehtag in das Projekt fließen ließ, zeigte sich Universal doch etwas enttäuscht. »Moment to Moment« ist heute etwas schwer zu finden; neben einer älteren US-Videokassette, die bei Ebay zu horrendem Preis angeboten wird, gab es bislang nur ein spanisches DVD-Release. Im Fernsehen wurde und wird der Streifen leider so gut wie nie ausgestrahlt.

André Schneider

Filmtipp #555: Zwei Wochen in einer anderen Stadt

Zwei Wochen in einer anderen Stadt

Originaltitel: Two Weeks in Another Town; Regie: Vincente Minnelli; Drehbuch: Charles Schnee; Kamera: Milton R. Krasner; Musik: David Raskin; Darsteller: Kirk Douglas, Edward G. Robinson, Cyd Charisse, George Hamilton, Daliah Lavi [Dahlia Lavi]. USA 1962.

Vincente Minnelli verfilmte den zynischen Roman aus der Feder Irwin Shaws komplett in Rom. MGM pumpte satte vier Millionen Dollar in das ambitionierte Projekt — ein herbes Verlustgeschäft, wie sich kurz nach seinem Kinostart im Hochsommer 1962 herausstellen sollte. Die Kritiker zeigten sich nur mäßig beeindruckt von Minnellis filmischer Abrechnung mit der Traumfabrik: 1952 hatten er und sein Star Kirk Douglas mit »The Bad and the Beautiful« (mit fünf Oscars bedacht!) mehr Fortune gehabt. Dennoch kann man »Two Weeks in Another Town« seine Qualitäten nicht absprechen, der Streifen war, ist und bleibt ein Glamourprodukt par excellence, gefühlvoll gespielt, routiniert inszeniert und eindrucksvoll gefilmt. Die wundervolle, im Mai diesen Jahres verstorbene Daliah Lavi, damals in Rom lebend, gab hier ihr US-Debüt, das mit einer Golden Globe-Nominierung bedacht wurde, und Leslie Uggams (»Deadpool« (Regie: Tim Miller)) feierte mit diesem Film ebenfalls ihren Einstand im Business.

Douglas spielt den vom Schicksal gebeutelten Jack Andrus. Der einst berühmte Hollywood-Star und Oscar-Preisträger schoss sich mit Alkohol- und weiteren Eskapaden ins Abseits. Der Ruhm verblasste, seine Ehe scheiterte, und nach einem schweren Autounfall erlitt er auch noch einen Nervenzusammenbruch, der ihn für drei Jahre in ein Sanatorium brachte. Ein typischer Fall für einen poor rich boy, der von seinem Selbstmitleid beinahe zerstört wurde. Nun ist Jack wieder back on track und hofft auf einen Neustart in der Traumfabrik. Es dauert nicht lange, bis er das Angebot erhält, eine kleine Rolle — nur vier Szenen — in dem neuen Streifen von Maurice Kruger (Robinson) zu spielen, jenem Regisseur, dem Jack einst seine Karriere zu verdanken hatte. Die Dreharbeiten finden in Cinecittà statt, Jack fliegt also für zwei Wochen nach Europa. Dort angekommen, folgt rasch die Ernüchterung: Krugers Film ist eine B-Produktion und Jacks Part schon anderweitig besetzt. Um das problembeladene Projekt zu retten — Kruger hat seine Glanzzeit als Regisseur auch schon hinter sich und kann die Produktion nicht stemmen —, soll Jack die Synchronisation des Films überwachen. Jack fühlt sich erniedrigt. Als wäre das nicht genug, läuft ihm auch noch seine Ex-Frau Carlotta (Charisse) über den Weg. Jack tröstet sich mit der hübschen Italienerin Veronica (Lavi), die allerdings in den Star des Films, Davie (Hamilton), verliebt und daher nicht wirklich frei ist. Eines Nachts erleidet Kruger einen Herzinfarkt und muss seine Arbeit unterbrechen. Jack verspricht dessen Ehefrau Clara (Claire Trevor), den Film für seinen Freund und Mentor zu beenden. Die Dreharbeiten gehen reibungslos weiter, das ganze Unterfangen scheint doch noch ein Erfolg zu werden. Als Kruger von positiven Verlauf dank Jacks Engagement erfährt, flippt er völlig aus und bezichtigt diesen, seinen Film stehlen zu wollen. Nach dieser Attacke sieht Jack rot…

Neben den römischen Schauwerten und den satten Farben glänzt natürlich vor allem das Ensemble, zu dem auch Rosanna Schiaffino, James Gregory und Erich von Stroheim Jr. gehören. Die rasante Autofahrt mit Jack im Vollrausch und seiner kreischenden Ex-Frau auf dem Beifahrersitz ist in ihrer charmant-altbackenen Inszenierung geradezu eindrucksvoll. Ein Film, der trotz kleiner Schwächen immer wieder sehenswert ist. Jean-Luc Godard bezeichnete ihn als einen seiner absoluten Lieblinge.

André Schneider