Filmtipp #211: Nacht der Vampire

Nacht der Vampire

Originaltitel: La noche de Walpurgis; Regie: León Klimovsky; Drehbuch: Paul Naschy [Jacinto Molina], Hans Munkel; Kamera: Leopoldo Villaseñor; Musik: Antón García Abril; Darsteller: Paul Naschy, Gaby Fuchs, Barbara Capell, Andrés Resino, Patty Shepard [Paty Shepard]. BRD/Spanien 1971.

la noche de walpurgis

»Es muss noch eine andere Frau hier im Haus sein. Denk doch nur ans Abendessen: Nur eine Frau deckt den Tisch auf diese Weise!« — »Ja, ja, der Tisch war schön gedeckt, aber das Essen bestand nur aus kalten Platten, und das kann schließlich jeder zubereiten, sogar ein Mann — oder nicht?«

Jacinto Molina Álvarez, bekannt unter dem Pseudonym Paul Naschy, war zunächst Sportler — Fußballer, Boxer, Gewichtheber — und Architekt, zeichnete Comics und entwarf Plattencover, bevor er in den frühen 1960ern Filmluft zu schnuppern begann. Er spielte kleine Rollen in internationalen Produktionen, arbeitete als Locationscout und Regieassistent, bevor er 1967 seine erste Hauptrolle spielte und im Folgejahr als heroischer Werwolf Waldemar Daninsky berühmt wurde. Naschy drehte von nun an ununterbrochen; bis in die späten 1980er entstanden an die 90 Spielfilme, in der Hauptsache Grusel- und Kriminalstreifen. Naschy ist der einzige Schauspieler, der im Laufe seiner Karriere alle klassischen Horrorfiguren dargestellt hat: Frankensteins Monster, Dracula, Fu Man Chu, Mr. Hyde, Quasimodo, die Mumie, das Phantom der Oper, den Wolfsmenschen und Satan. Meist schrieb er (unter seinem Geburtsnamen) die Drehbücher zu seinen Filmen, ab 1976 führte er auch Regie. Zu den berühmtesten Naschy-Filmen gehören »Los monstruos del terror« (Regie: Tulio Demicheli, mit Karin Dor), »El espanto surge de la tumba« (Regie: Carlos Aured), »Doctor Jekyll y el hombre lobo« (Regie: León Klimovsky), »El jorobado de la Morgue« (Regie: Javier Aguirre) und »Una libélula para cada muerto« (Regie: León Klimovsky) — allesamt B-Movies mit beachtlichem Unterhaltungsfaktor. Ab 1990 wurde es stiller um Naschy, obwohl er weiterhin Beschäftigung fand, viel im spanischen Fernsehen zu sehen war und Kurzauftritte in Werken junger Filmemacher absolvierte. Der »König des spanischen Horrorkinos« starb 2009 im Alter von 75 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs.
     Zwischen 1968 und 1974 spielte Naschy in nicht weniger als 25 Produktionen. Regie führte meist León Klimovsky, ein argentinischer Filmemacher, der ab Mitte der sechziger Jahre seine künstlerische Heimat im italienischen und spanischen Kino gefunden hatte und von Weggefährten als »höflich und gebildet, aber untalentiert und gegenüber Produzenten duckmäuserisch« beschrieben wird. Seine Filme wurden ausnahmslos von der Kritik verrissen — wenn man sich die Mühe überhaupt machte, meist wurden die Werke belächelt und gar nicht weiter besprochen —, beim anspruchsarmen Publikum jedoch erfreuten sie sich einer Beliebtheit, die bis heute ungebrochen ist und viele dieser Streifen zu Kultfilmen avancieren ließ.

Die erste Kollaboration von Naschy und Klimovsky war der in spanisch-westdeutscher Co-Produktion entstandene »La noche de Walpurgis«, besser bekannt unter seinem englischen Titel »The Werewolf vs. the Vampire Woman«. (Weitere Alternativtitel lauteten »Shadow of the Werewolf«, »Satan vs. the Wolf Man«, »Walpurgis Night«, »Blood Moon«, »Werewolf Shadow« und »Walpurgis Night: Wolf vs. Vampire«; um die internationalen Vermarktungschancen zu erhöhen, hatte man das Filmchen komplett auf Englisch gedreht.) Um es gleich vorweg zu nehmen: Dies ist Klimovskys mit Abstand beste Arbeit. Und dennoch: »Es gibt zu viele Längen, zu viele Logikfehler und zu wenig Spannung. Der zottelige Werwolf, der hier eigentlich der Gute ist und sich nach Erlösung sehnt, sieht nicht wirklich gruselig aus, und auch die Gore-Szenen hauen heute keinen mehr vom Hocker. Man hat stellenweise den Eindruck, als fehle ein Drehbuch, so ist z. B. jede Nacht Vollmond. Aber Trashfans kommen hier auf ihre Kosten, denn einen Unterhaltungswert auf unterem Niveau und unfreiwillige Komik hat der Film schon.« (Quelle: die-besten-horrorfilme.de)
     Man darf sich »La noche de Walpurgis« auf gar keinen Fall mit Ernsthaftigkeit nähern. Wenn man keinen Horrorfilm, sondern eine Komödie erwartet, wird man sogar belohnt; streckenweise könnte dieser Naschy-Film fast als Parodie durchgehen. Mit herzerfrischender Naivität reiht sich ungeniert Klischee and Klischee, und sei es auch noch so abgedroschen. Klimovsky, der sicher nicht zu den einfallsreichsten Vertretern seiner Zunft gehörte, bemüht sich vergebens, mit wabernden Nebelschwaden und lahmen Zeitlupeneffekten Grusel-Atmosphäre zu erzeugen — streckenweise ist das so rührend, dass man am liebsten weinen möchte. Spätestens im letzten Drittel dann gingen auch dem Drehbuchautoren Naschy die Ideen aus, und was macht man dann? Richtig: Man fährt einfach mehr von allem auf. Und so kämpfen im großen Finale nicht nur der gutmütige Werwolf und die böse Vampirlady miteinander, nein, im Schatten sitzt auch noch Satan persönlich und mischt zumindest mental mit. Dies ist der letzte in einer langen Reihe von unfreiwilligen Lachern. Den sprichwörtlichen Vogel allerdings schießen die beiden Hauptdarstellerinnen ab: Die Wienerin Gaby Fuchs, bekannt aus Adrian Hovens torture porn »Hexen bis aufs Blut gequält« (1970), und ihre schmerzhaft dumpfbackige deutsche Kollegin Barbara Capell, die mit diesem Streifen ihren Abschied vom Kino nahm und sich fortan dem Schreiben widmete, sind so kriminell unbegabt, dass selbst Karin Mossberg (The Big Cube) vor Neid erblassen würde (!), und die hanebüchen-bescheuerten Dialoge (siehe Einleitung) helfen ihnen auch nicht weiter. Aber kommen wir vielleicht besser kurz zur Handlung…

Der Film beginnt mit einem ulkigen Prolog auf einem Friedhof. Komischerweise handelt es sich um einen deutschen Friedhof, obwohl der Film komplett in Spanien gedreht wurde und auch dort spielen soll, aber sei’s drum. Auf jeden Fall wollen zwei Herren einen Toten, den von Naschy gespielten Waldemar Daninsky, obduzieren. Nachdem der Arzt (Julio Peña) eine silberne Kugel aus der Leiche geholt hat, erwacht diese in Form eines Werwolfs wieder zum Leben und tötet die Männer, bevor er in die Freiheit flieht. Noch in derselben Nacht reißt er im Wald eine junge Frau, die vielleicht nur zufälligerweise ein wenig rotkäppchenhaft daherkommt. Der Werwolf grunzt, die Maid schreit, und schon ergießt sich ein Schwall nagellackroten Kunstblutes über die freigelegte Brust der Dame. Musik. Vorspann. Schnitt.
     Der neue Handlungsort ist Paris. Das wird durch eine Postkarte vom Eiffelturm verdeutlicht, die kurz in die Kamera gereckt wird. Die Studentin Elvira (Fuchs) erzählt ihrem Freund (Resino) von ihrer Abschlussarbeit. Was genau sie eigentlich studiert und wie eine augenscheinlich so strunzdumme Frau überhaupt den Weg zur Universität findet, wird nicht weiter erläutert, aber die besagte Abschlussarbeit soll sich mit einer gewissen Gräfin Wandesa Dárvula de Nadasdy befassen, einer mittelalterlichen Hexe und Zauberin, die sich der schwarzen Magie verschrieben hatte und das Blut unbefleckter Mädchen trank. Dem Leser schwant Böses? Oh ja, Ihr liegt richtig. Am nächsten Tag bricht Elvira mit ihrer Kommilitonin und besten Freundin Genevieve (Capell), die locker von einer Scheibe Toastbrot ausgetrickst werden könnte, in einem morschen Autochen auf, um sich auf die Spur der Vampir-Hexen-Gräfin zu machen. Genevieve, die nicht nur blöd wie 50 Meter Feldweg ist, sondern auch noch ein Drogenproblem hat (Dialog: »Nimm doch ein paar Schlaftabletten. Das heißt, eine wird völlig genügen, sie sind sehr stark. Und dann schläfst du.« — »Du hast gut reden, Genevieve.« — »Elvira, ich hab auch eine genommen. Wie immer.«), erzählt während der Fahrt immer wieder launige Dracula-Witzchen, während sie sich zielsicher verfährt. In einer abgelegenen Gegend bleibt der Wagen schließlich liegen: Den Studentinnen war entfallen, dass ein Auto hin und wieder betankt werden muss.
     Filmisch befinden wir uns mittlerweile in einem Niemandsland. Es könnte Südfrankreich sein — oder eben auch Spanien. Die Außenaufnahmen von »La noche de Walpurgis« wurden in Navacerrada, Monasterio de Cercón und San Martin de Valdeiglesias gedreht, die Innenaufnahmen entstanden in den Madrider Ateliers. Wie auch immer: Elvira und Genevieve werden von Waldemar, der zufällig des Weges kommt, in dessen halb verfallenes Haus mitgenommen. Ja, der Werwolf aus der Anfangsszene ist zu Fuß (!) von Deutschland bis nach Spanien gepilgert und hat dort ein Häuschen. Er erzählt den naiven Weibchen, dass er Schriftsteller sei. Er bietet ihnen an, bei ihm zu wohnen, bis das Auto wieder fahrtüchtig ist. Beim Abendessen kann Elvira nicht an sich halten und erzählt dem Fremden von ihrem Projekt mit der Gräfin Wandesa. Sofort verfinstert sich der Blick ihres Gastgebers, und dem Zuschauer stockt der Atem.
     Der Dinner-Szene folgt ein komödiantisches Kabinettstückchen der verhinderten Superstars Fuchs und Capell im Gästeschlafzimmer. Was genau sich abspielt, möchte ich nicht detailliert wiedergeben, das würde Euch den Spaß verderben. Nur soviel: Es beginnt damit, dass Capell sagt: »Uuuuhhhh, was ist das kalt hier!«, und sich dabei aus einem Morgenmantel schält, unter dem sie ein durchsichtiges Babydoll trägt… — Kern dieser Szene: Während Genevieve von ihren Schlaftabletten flugs in den Tiefschlaf befördert wird, kann Elvira lange nicht einschlafen, was zweifelsohne auf das künstliche Gewitter, das draußen tobt, zurückgeführt werden muss. Wie ein hypnotisiertes Kaninchen starrt sie auf die Milchglastür, die sich schließlich und endlich auch öffnet und den Blick auf eine offensichtlich verwirrte Frau (man erkennt’s an den zurzeligen Haaren) freigibt. Sie faselt in mehreren Sprachen Dinge wie: »Sie müssen hier weg… Verstehen Sie? Der Werwolf, er tötet Sie! Gehen Sie! Der Vampir…«, und nähert sich der verdutzten Elvira in lesbischer Weise. Wir ahnen es: Sie ist nicht wirr, sie ist nur homophil. Als sie Elvira an die Brust fasst, fällt diese in Ohnmacht; es war also doch nicht sooo schwer mit dem Einschlafen. Als sie wieder zu sich kommt, hockt nicht mehr die Frau (Yelena Samarina hieß die Schauspielerin), sondern der hundekuchengute Waldemar auf ihrem Bett. Er erklärt ihr, dass die irre Lesbe gar nicht lesbisch sei, sondern seine Schwester. Er werde ihr am nächsten Morgen alles in Ruhe erklären.
     Während Waldemar sein Versprechen einhält und Elvira alles über seine Schwester erzählt, lustwandelt Genevieve so durch die Gegend und entdeckt in einer Ruine eine Art Folterraum: schwere Eisenketten an den Wänden, Blutspuren überall, ganz gruselig! Und als wäre das noch nicht genug, wird sie auch noch von Waldemars Schwester besprungen und gewürgt. Von ihren Schreien alarmiert, eilen Waldemar und Elvira ihr zu Hilfe — und finden Genevieve bewusstlos am Boden liegend vor. Nun, von so einem albernen Zwischenfall kann, soll und darf man sich den Tag nicht versauern lassen, und so bricht das Idioten-Trio auf, das Grab der Hexe zu suchen, welches sich — Zufall aber auch! — ganz in der Nähe in einem stillgelegten Kloster befindet. Was dann passiert? Ihr ahnt es! Waldemar öffnet das Grab (klar!), Elvira kann’s nicht mit ansehen und haut ab (natürlich!), und Genevieve macht Fotos von dem Skelett (was sonst?). Als sie — wie dumm kann ein einzelner Mensch sein? — das in der Brust der Vampir-Hexe steckende Silberkreuz herauszieht, verletzt sie sich (ja, wirklich!), und einige Blutstropfen prasseln auf den Schädel der Toten nieder (kennt man!).
     Es kommt nun, wie es kommen muss. Da in Spanien jede Nacht Vollmond ist, klettert schon am selben Abend die wieder zum Leben erweckte Wandesa — erhaben gespielt von Patty Shepard, einer wirklich bildschönen US-Amerikanerin, die mit 18 Jahren nach Madrid gekommen war, um Philosophie zu studieren, und ab 1966 in zahlreichen italienischen und spanischen Filmen zu sehen war — aus ihrem Grab und holt sich die folgsame Genevieve…
     Im weiteren Handlungsverlauf taucht Genevieve völlig verändert wieder auf und versucht, die immer noch nichts begreifende Elvira zur blutdurstigen Gräfin zu locken. Waldemar kann Elvira, die schon drauf und dran war, mit ihr zu gehen, unter Zuhilfenahme eines Kreuzes retten. Später sieht man, wie er seine — offenbar von Genevieve gebissene — Schwester beerdigt. Elvira und er haben sich inzwischen ineinander verliebt. Er will sie in Sicherheit bringen. Sie will bei ihm bleiben. Gemeinsam beschließen sie, der garstigen Wandesa den Garaus zu machen. Elvira plagen nämlich Alpträume, in denen die Vampiretten ihren Hals anritzen, um ihr Blut in einem Kelch aufzufangen. (Wozu eigentlich, sie haben doch recht imposante Fangzähne!) Zufällig taucht auch noch Elviras Bekannter aus Paris auf (ja!) und will den beiden helfen, die Sache zu wuppen. In der Walpurgisnacht kommt es zum Showdown: Waldemar tötet Wandesa, Elvira rammt Waldemar ein silbernes Kreuz ins Herz, um ihn zu erlösen, und macht sich dann mit ihrem Pariser Bekannten von dannen. Ende. Das Ganze ist übrigens erst ab 18 freigegeben, aber das nur am Rande.
     »Das große Personenlexikon des Films« schreibt: »Während dieser Streifen bei der deutschen Kritik eine Mischung aus Gelächter und Fassungslosigkeit auslöste, entwickelte er in Spanien nahezu Kultstatus.« — Das stimmt! Die Spanier lieben diesen Schinken und preisen Paul Naschy nach wie vor als großen Meister. Zweifelsohne ist sein Werwolf-Held Waldemar eine charismatische Erscheinung. Das Highlight für mich jedoch ist und bleibt Patty Shepard, für mich irgendwie eine glückliche Version von Marisa Mell. Mit 22 Jahren heiratete sie den spanischen Schauspieler Manuel De Blas und blieb bis zu ihrem Tode — sie starb mit 68 an einem Herzanfall — mit ihm zusammen. Zu ihren bekanntesten Filmen dürfte der 1974 entstandene Spaghetti-Western »Là dove non batte il sole« (Regie: Antonio Margheriti) mit Lee van Cleef, Erika Blanc und Femi Benussi gehören.

André Schneider

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2 thoughts on “Filmtipp #211: Nacht der Vampire

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