Filmtipp #493: Théo & Hugo

Théo & Hugo

Originaltitel: Théo et Hugo dans le même bateau; Regie: Olivier Ducastel, Jacques Martineau; Drehbuch: Olivier Ducastel, Jacques Martineau; Kamera: Manuel Marmier; Musik: Pierre Desprats, Karelle Kuntur, Victor Praud, Gaël Blondet; Darsteller: Geoffrey Couët, François Nambot, Mario Fanfani, Bastien Gabriel, Marief Guittier. Frankreich 2016.

theo-et-hugo-dans-le-meme-bateau

Oh, was für ein Film! Seit ich ihn im Herbst 2016 sehen durfte, geht er mir nicht mehr aus dem Sinn. Der schönste Paris-Film seit Jahren, gleichsam eine Reminiszenz an Agnès Varda und Jacques Rivette.

Ein Darkroom irgendwo in Paris. Eine Sexparty. Inmitten der verschwitzt-zuckenden Leiber treffen Théo (Couët) und Hugo (Nambot) aufeinander. Beide stecken in anderen Partnern, als ihre Blicke einander kreuzen. Als ihre Lippen sich berühren, flirrt die Luft, wird die Begegnung magisch. In ihrem Verlangen nacheinander verlieren sie alle Hemmungen. Kurz darauf zieht es sie gemeinsam nach draußen. Ein früher Sommermorgen, die Straßen der Stadt sind leergefegt. Nun kommen die beiden sich auch im Gespräch näher und geben sich einem gemeinsamen Traum hin, der jedoch unversehens durch eine Realität bombardiert wird, der sie sich gemeinsam stellen müssen. Am Ende der Nacht müssen sich die beiden Männer entscheiden, ob sie sich kennen lernen oder es besser sein lassen wollen…
Jedes weitere Wort zur Handlung wäre zu viel. Im Grunde genommen ist sie auch sekundär. Die feinfühlige Art, mit der Ducastel und Martineau uns Zuschauer in die aufblühende Verliebtheit und Verunsicherung der beiden Männer einbeziehen, ist das, was »Théo et Hugo dans le même bateau« so besonders macht. Das Ganze spielt in Echtzeit, und die weichen Kamerafahrten durch das atemberaubend schöne Paris bei Nacht sind an und für sich schon eine Augenweide. Gedreht wurde im August 2015. Ducastel und Martineau hatten ihre Hauptdarsteller über Facebook gesucht und gefunden. Abgesehen davon, dass sie keine Scham haben durften, war es evident, dass es zwischen den beiden »funkt« — das war ausschlaggebend für das ganze Vorhaben. Couët ist ein Schauspieler, der jede emotionale Achterbahnfahrt authentisch zu vermitteln weiß, während sein Kollege Nambot seinen umwerfenden Charme sprühen lässt. Beide Akteure wurden, wie die Filmemacher auch, weltweit für ihre Arbeit mit Lob überschüttet. Premiere feierte der Streifen ausgerechnet in Berlin, und zwar am 15. Februar 2016 während der Berlinale, wo er auch gleich einen Teddy gewann.
»Théo et Hugo dans le même bateau« ist der 493. Film in meiner Sammlung, damit ist die erste Hälfte meines DVD-Schrankes bereits hier besprochen worden. Ab Juli beginne ich mit der zweiten Hälfte.

André Schneider

Advertisements

Filmtipp #492: Wenn die Nacht anbricht

Wenn die Nacht anbricht

Originaltitel: Nightfall; Regie: Jacques Tourneur; Drehbuch: Stirling Silliphant; Kamera: Burnett Guffey; Musik: George Duning; Darsteller: Aldo Ray, Brian Keith, Anne Bancroft, Jocelyn Brando, James Gregory. USA 1956.

nightfall

In Frankreich gibt es seit 2012 von dem großartigen Label WildSide eine irrsinnig gute DVD-Edition dieses seltenen Vertreters des film noir, ausgestattet mit einer eigens produzierten Dokumentation und einem 80seitigen Booklet des Filmhistorikers Philippe Garnier.
Jacques Tourneur, 1912 in Paris geboren, hatte eine florierende Karriere im B-Movie-Sektor Hollywoods, wurde jedoch leider erst nach seinem Tode — er verstarb 1977 in Bergerac — als Künstler anerkannt. »Out of the Past« (1947), sein grandioser film noir mit Robert Mitchum, Kirk Douglas und Jane Greer, war ein Riesenerfolg gewesen, so dass er neun Jahre später im Auftrag der Columbia noch einmal zu diesem Genre zurückkehren durfte. »Nightfall« fiel qualitativ nicht ganz so hochwertig aus und heimste weiß Gott keine Lorbeeren ein, konnte jedoch in den letzten 60 Jahren an Anerkennung gewinnen; vor allem Burnett Guffeys exzellente Bildgestaltung und Lichtsetzung darf nicht unerwähnt bleiben.

Los Angeles in der Abenddämmerung: James Vanning (Ray), seines Zeichens Werbegrafiker, steht gerade an einem Zeitungsstand, als allerorts die Straßenlaternen angehen und der Abend hereinbricht. Als er so durch die Straßen schlendert, wird er vor einem Restaurant von einem Fremden (Gregory) angesprochen, ob er ihm Feuer geben könnte. Während der Fremde auf den Bus wartet, kommt man kurz ins Gespräch — wie schwül es sei, und ob Vanning schon einmal in den Tropen gewesen wäre. Ja, sagt dieser, als Soldat in Okinawa. Dann trennen sich die Wege der beiden Männer; der Fremde steigt in den Bus, Vanning betritt das Restaurant. Dort lernt er zufällig eine geheimnisvoll-schöne Frau (Bancroft) kennen, die sich als Marie Gardner vorstellt und ihn bittet, ihr fünf Dollar zu leihen. Der Grafiker ist hilfsbereit, leiht ihr das Geld und lädt sie galanterweise ein, mit ihm zu speisen. Währenddessen entsteigt der Fremde, der Ben Fraser heißt und mit Laura (Brando) verheiratet ist, dem Bus und geht nach Hause. Er ist Versicherungsdetektiv und beschattet Vanning schon seit geraumer Zeit. Er kennt jeden seiner täglichen Abläufe und Routinen. Fraser befindet sich auf der Suche nach einer großen Geldsumme, die zwei skrupellose Bankräuber (Keith, Rudy Bond) gestohlen haben. Die Wege von Vanning und seinem Freund Edward (Frank Albertson) hatten sich mit denen der Diebe vor nicht allzu langer Zeit in Wyoming gekreuzt. Edward hatte die Begegnung nicht überlebt, Vanning wie durch ein Wunder schon; er hatte sogar die Diebesbeute von 350.000 Dollar gefunden, sie aber gleich wieder im Schneesturm verloren. Er ahnt, dass man noch immer hinter ihm her ist…

Der film noir war Mitte der 1950er Jahre noch einmal kurzzeitig aufgeflammt und brachte einige kleine Klassiker hervor, Fritz Langs »The Big Heat« (1953) beispielsweise. Tourneur inszenierte seinen deftigen Streifen nach einer exzellenten Romanvorlage von David Goodis. Dessen Einzeiler werden, so schrieb ein Rezensent, »wie Kirschkerne aufs Pflaster der Metropole Los Angeles gespuckt«. Die erstklassige Besetzung trägt den dynamisch gefertigten Thriller und hebt ihn deutlich über den Durchschnitt. Die kunstvoll ausgeleuchteten Bilder, die ich eingangs schon erwähnte, sorgen für die fesselnde Atmosphäre, für die Tourneur seit jeher ein Händchen hatte, man denke nur an Cat People. Keine Einstellung ist überflüssig, hier wird sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufgehalten, so dass man bei einer Laufzeit von 76 Minuten das Gefühl hat, ein Musterbeispiel exemplarischer Stringenz beigewohnt zu haben. Tourneur war ein Meister der Ökonomie, er schaffte es wie kaum ein anderer Zeitgenosse, ein ganzes Universum fesselnd zu komprimieren; I Walked with a Zombie beispielsweise dauerte gerade einmal 65 Minuten. »Nightfall« trägt deutlich die Handschrift David Goodis’, dessen kunstvolle narrative Struktur derer Tourneurs ebenbürtig war. In Verschachtelungen und Rückblenden entfächert sich peu à peu Vannings Geheimnis, was der Spannung äußerst zuträglich ist. Die erste Stunde von »Nightfall« ist ausgesprochen clever konstruiert, dann kommt unglücklicherweise ein Bruch, als aus dem film noir ein Abenteuerfilm wird, der im Schnee spielt. Anne Bancrofts Figur darf nur noch einige Halbsätze zur Handlung beitragen, James Gregory alias Ben Fraser wird immer unglaubwürdiger, was unmotivierten Handlungen und an den Haaren herbeigezogenen Wendungen geschuldet ist. Man muss schon Nachsicht üben, um den Machern die letzte Viertelstunde des Streifens nicht übel zu nehmen; das Potential, welches in der ersten Stunde aufgebaut wurde, verpufft einfach. Dennoch ist »Nightfall« ein interessanter Film, der in Deutschland leider unbekannt geblieben ist. Er lief am 24. November 1979 im Fernsehen und wird so gut wie nie wiederholt. Mein Buchtipp: »Jacques Tourneur: The Cinema of Nightfall« von Chris Fujiwara und Martin Scorsese.

André Schneider

Filmtipp #491: Noch Zimmer frei

Noch Zimmer frei

Originaltitel: The Notorious Landlady; Regie: Richard Quine; Drehbuch: Larry Gelbart, Blake Edwards; Kamera: Arthur E. Arling [Arthur Arling]; Musik: George Duning; Darsteller: Kim Novak, Jack Lemmon, Fred Astaire, Lionel Jeffries, Estelle Winwood. USA 1962.

the-notorious-landlady

Diese vergnügliche Krimikomödie war bereits der dritte Film, den Regisseur Richard Quine mit Kim Novak und Jack Lemmon inszenierte. Lemmon ist fabelhaft als Bill Gridley, einem kleinen Bürohengst im Staatsdienst, der in die US-Botschaft nach London versetzt wurde und bei seiner Wohnungssuche Mrs. Carly Hardwicke (schwach: Novak), eine in England lebende Chicagoerin, kennen lernt und sich bei ihr einmietet. Carly steht bei Scotland Yard unter Verdacht, ihren Gatten ermordet zu haben. Einzig der Umstand, dass seine Leiche noch nicht gefunden wurde, hat sie bislang vor dem Gefängnis bewahrt. Allerdings steht die attraktive Dame unter ständiger Beobachtung und hat auch keinen Pass mehr, so dass sie England nicht verlassen kann. Die Behörden versagten ihr auch die Arbeitserlaubnis, so dass sie nach und nach ihr Hab und Gut veräußern und die leerstehenden Zimmer ihres Hauses vermieten muss, um nicht zu verhungern. Zwischen Bill und Carly entwickelt sich — wie sollte es anders sein? — eine zarte Romanze, und Bill ist wild entschlossen, gemeinsam mit seinem patenten Chef (Astaire) die Unschuld seiner Vermieterin zu beweisen. Als eines Nachts der totgeglaubte Mr. Hardwicke (Maxwell Reed) unerwartet auftaucht und von Carly tatsächlich in Notwehr erschossen wird, bekommt der Fall plötzlich ganz neue Dimensionen…

Ein liebenswert altmodischer Krimi in Schwarzweiß, der geschickt Spannung, Romantik und Humor zu einer köstlichen Mischung ausbalanciert. Eine verrückte Verfolgungsjagd über eine malerische Landschaft am Meer, bei der die schrullige Estelle Winwood samt ihres Rollstuhls auf eine Klippe zurast, setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf.
Obwohl die Geschichte von »The Notorious Landlady« in Großbritannien angesiedelt ist, fanden die Dreharbeiten komplett auf dem Studiogelände der Columbia in Kalifornien statt, wo Regen- und Windmaschinen für das typisch englische Wetter sorgten. Londoner Schauspieler wie Lionel Jeffries, Philippa Bevans und Henry Daniell trugen mit ihrer typisch englischen Sprechweise zur Authentizität des Films bei. Kim Novak, die hier auch ihre Kostüme selbst entworfen hatte, beißt sich in ihrer allerersten Szene am Cockney-Akzent die Zähne aus und besticht auch sonst einmal mehr ausschließlich durch ihren spitzen Busen. Dafür zeigen sich Jack Lemmon und Fred Astaire in Höchstform und harmonieren in ihren gemeinsamen Szenen einwandfrei. Insgesamt ist »The Notorious Landlady« aus heutiger Perspektive vielleicht etwas überlang und könnte etwas Straffung vertragen, aber alles in allem ist und bleibt Quines Krimi ein Heidenspaß für die ganze Familie.

André Schneider