Filmtipp #200: The King of Comedy

The King of Comedy

Originaltitel: The King of Comedy; Regie: Martin Scorsese; Drehbuch: Paul Zimmerman; Kamera: Fred Schuler; Musik: Robbie Robertson; Darsteller: Robert De Niro, Jerry Lewis, Diahnne Abbott, Sandra Bernhard, Tony Randall. USA 1983.

the king of comedy

Robert De Niro war nie so gut wie in dieser gallig-bösen Satire, dem vielleicht besten Film Martin Scorseses, der aus unerfindlichen Gründen bis heute im Vergleich eher unbekannt geblieben ist. Die tragikomische Bestandsaufnahme der US-amerikanischen Medienrealität war Anfang der 1980er seiner Zeit wohl ein wenig voraus und legte, obwohl für fünf BAFTAs nominiert, eine Bruchlandung an den Kinokassen hin — nach den beiden Knüllern »Taxi Driver« (1976) und »Raging Bull« (1980) ein herber Rückschlag für das erfolgsverwöhnte Team von Regisseur Scorsese und Schauspieler De Niro. 30 Jahre später sind die Medien noch um Längen geschmackloser und brutaler, als Drehbuchautor Zimmerman, einem ehemaligen »Newsweek«-Kritiker, und Scorsese sie im »King of Comedy« portraitiert hatten.
Der von De Niro gespielte Rupert Pupkin ist ein Niemand, ein Mann ohne Eigenschaften, doch er hält sich für den kommenden Superstar am TV-Himmel. Er träumt den immergrünen amerikanischen Traum: einmal ganz oben stehen, berühmt sein und jene, die einst über ihn spotteten, neidisch machen. Um an sein Ziel zu gelangen, sucht er den Kontakt zum amtierenden König der nächtlichen Plaudersendungen, Jerry Langford (virtuos gespielt von Comedy-Urgestein Jerry Lewis), doch dieser erweist sich als zickig und unkooperativ und lässt Rupert wiederholt vom Sicherheitsdienst aus seinem Büro komplimentieren. Doch Rupert schickt weiterhin hartnäckig seine mediokren Demobänder an Jerrys leidgeprüfte Sekretärin (Shelley Hack, The Stepfather) und sitzt des Nachts vor einer Fototapete, die ein lachendes Publikum abbildet, und unterhält sich mit Stars wie Liza Minnelli, die als ausgeschnittene Pappfigur neben ihm sitzt. Eines Tages schließlich platzt ihm der Kragen: Zusammen mit seiner ebenso reichen wie verrückten Freundin Masha (Sandra Bernhard), die ihrerseits unsterblich in Langford verknallt ist und ihn seit langem schon belästigt, entführt er den beliebten Entertainer, um einen Auftritt in dessen TV-Show zu erzwingen. Alles verläuft nach Plan, und nach seiner (nicht gerade unpeinlichen) Darbietung wird er verhaftet. Im Gefängnis schreibt er seine Memoiren, die zum Bestseller avancieren, und als er vorzeitig aus der Haft entlassen wird, bekommt er das, was er immer wollte: seine eigene Fernsehshow.

Es geht um die schamlose Ausbeutung von Träumen — Bohlen, Klum und Co. lassen grüßen — und um das Auseinanderklaffen von Illusion und Realität — nicht nur im Showbusiness. Rupert Pupkin ist so kontur- und charakterlos, dass sich keiner auch nur seinen Namen merken kann: Pimkin? Pumpkin? Er selbst jedoch ist dem Wahn erlegen, das Supertalent zu sein, auf das die Welt gewartet hat. Das, was die Showgrößen im Fernsehen können, kann er schon lange. Das muss man nicht lernen. Er, Rupert Pupkin, muss nicht in kleinen Nachtclubs auftreten, sein Handwerk lernen, sich bewähren. Nein, er will sofort berühmt sein, koste es, was es wolle. Er bewundert Langford nicht wirklich — er will Langford sein, ihn vom Thron stoßen. Die harte Arbeit, die hinter der Legende Jerry Langford steht, sieht er nicht. Und Langford? Der ist im Grunde ein zutiefst einsamer Mensch, dem das Business schon lange auf die Nerven geht, der nachts allein und mürrisch vorm Fernseher hockt, am Tag von Fans verfolgt wird und seinen Humor inzwischen auf Autopilot fahren lässt. — Nein, herzhaft lachen kann man beim »King of Comedy« trotz der zum Teil urkomischen Szenen kaum, dafür ist der Kern des Ganzen zu traurig. Ein besonders tragisches Opfer des Medienwahns ist die Stalkerin Masha — Sandra Bernhard erhielt für ihr ergreifendes Spiel in ihrem Filmdebüt den Preis der New Yorker Kritikergilde —, die sich von einer eventuellen Beziehung mit dem alternden TV-Star Langford wohl vor allem die Anerkennung und Aufmerksamkeit erhofft, die ihr, dem hässlichen Entlein, als Kind von den Eltern versagt blieb.
Der Regisseur J. Lee Thompson (Eye of the Devil, Taras Bulba) schwärmte von »The King of Comedy« und nannte ihn gar »einen der besten Filme, die jemals gedreht wurden«. Deshalb empfand er es als eine Ehre, dass Scorsese und De Niro Anfang der Neunziger ein Remake seines Klassikers Cape Fear beschlossen. Der Komiker Jack Black seinerseits visiert schon seit Jahren eine Neuverfilmung von »The King of Comedy« an, ein Unterfangen, für das es mittlerweile zu spät sein dürfte. Spätestens seit dem Internet, seit den Reality-Formaten und den vielen, vielen Stars, die keine sind — »The actors nowadays are celebrities, not stars«, sagte Tippi Hedren 2011 bei einer Gala für Sophia Loren und traf damit den Nagel auf den Kopf — hat sich das Sujet im Grunde erledigt.
Die Dreharbeiten zu »The King of Comedy« begannen im Juni 1981 in Manhattan und zogen sich ungewöhnlich lange hin. Scorsese hatte zu jener Zeit massiv mit seiner Kokainsucht, dem Zerbröseln seiner Ehe mit Isabella Rossellini und einer langwierigen Lungenentzündung zu kämpfen. Im Mai 1983 schließlich eröffnete der Streifen die Filmfestspiele in Cannes.

André Schneider

 

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