2. Oktober 2016

Ich war während der letzten Monate mitnichten untätig und führte weiterhin Tagebuch. Heute schicke ich Euch mit einem Querschnitt des letzten Vierteljahres in den Tag.

Juli.
Von der Arbeit mit Beschlag belegt, verbringe ich die freien Stunden mit Spaziergängen und Meditation. Lese Truman Capote (»Sommerdiebe«), Mario Wirz (»Es ist spät, ich kann nicht atmen«) und in Susan L. Mizruchis Brando-Biographie (»Brando’s Smile«). Halte streng Diät, an manchen Tagen esse ich nur zwei Bananen und trinke Wasser; dazu regelmäßige Radtouren. Die Arbeitswege werden länger und länger, weil die S-Bahn unzuverlässig ist. Züge verspäten sich oder fallen ohne Angabe eines Grunds komplett aus, so dass nach 14 Stunden im Büro ein zweistündiger Heimweg meine Schlafenszeit verkürzt. Immer häufiger plagen mich Kopfschmerzen, es ist heiß, drückend und einfach nicht meins. Vor dem Einschlafen oder nach dem Aufwachen prasseln Nachrichten auf mich ein: Nizza, Würzburg, München, Ansbach. Die Liste wird länger und länger. Henryk M. Broder schreibt: »Wenn jemand mit einer Axt auf Reisende in einem Zug losgeht und dabei ›Sieg Heil!‹ und ›Heil Hitler!‹ ruft, dann würden wir bestimmt nicht fragen, ob und wann er der NSDAP beigetreten ist.« — Leider ist das nicht von der Hand zu weisen. Die Täter brüllten »Allahu Akbar!«, als sie mit LKW, Axt, Schusswaffe, Sprengstoff zu Mördern wurden. Deutsche Medien berichten nebulös, CNN und BBC verschweigen es nicht, und die AfD ist geschmacklos genug, die Opfer zu instrumentalisieren: »AfD wählen!«, twittert einer nach dem Amoklauf in München — als ob dieser unter einer von der AfD geführten Regierung nicht hätte stattfinden können. Als ob er hätte verhindert werden können. Irgendein Vollidiot — ich weiß wirklich nicht mehr, welcher — stößt zum x-ten Male die leidige Computerspiel-Diskussion an; ich möchte fast unterstellen, er tut es wider besseren Wissens. Das Land ist gespalten, Panikmache scheucht die Menschen in rechte oder linke Extreme, der Kessel brodelt. Und zwischen all dem Wahnsinn wird der pride month der LGBT-»community« länger und länger. (Vor wenigen Jahren hatten wir eine pride week.) Bald haben wir ein pride year. Die Bilder vom hiesigen CSD sehe ich wie immer mit Unbehagen. Zuerst will ich lachen über die Berliner Provinzialität, das forciert lockere Gehabe, das Gezwungene, das Möchtegern, dann ängstigt mich der Homo-Nationalismus doch zu sehr. Da ist viel Widerwärtiges am Start, ich kann das aufgesetzte Gebaren der »Aktivisten« kaum ertragen und ekle mich zuweilen vor der Verlogenheit, der aufgesetzten Anteilnahme für die Opfer in Orlando und andernorts, der geballten Zurschaustellung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen und frage mich immer wieder, was diese Menschen außer der maßlosen Übersteigerung ihrer naturgegebenen sexuellen Orientierung überhaupt ausmacht. Wenn sich Bildung, Charaktereigenschaften und Überzeugungen einzig und allein dem Trieb, dem Schwulsein und einem obsessiven Körperkult unterzuordnen haben, was bleibt dann noch? Der regelmäßige Austausch mit Freunden fehlt mir. Durch Ians Bronchitis mussten wir die Einladung eines befreundeten Paares zum Grillen ausschlagen, ansonsten stiehlt uns die viele Arbeit Zeit und Kraft.

1. August 2016: Helena ist vier Monate alt.

1. August 2016: Helena ist vier Monate alt.

Erste Augusthälfte.
»Heute in zwei Monaten muss ich wieder zur Arbeit«, sagt Nadine, als wir am 1. August mit Helena im Feld spazieren gehen. »Wie schnell das alles geht«, fügt sie noch hinzu. Die Kinderärztin meinte, Helena sei in ihrer Entwicklung gute sechs bis acht Wochen zu schnell. Schon jetzt zieht sie sich mit aller Kraft hoch, versucht zu stehen, probiert zu krabbeln. Obwohl sie müde ist, findet sie schwer in den Schlaf. Zweimal schlummert sie auf meinem Arm ein, sie blinzelt wie in Zeitlupe, murmelt vor sich hin, reibt sich das Näschen. Als sie aufwacht, lacht sie mich an.
Ein paar Tage später, auf dem Weg nach Hamburg, lese ich die ersten 142 Seiten von »Girl on the Train« praktisch in einem Rutsch durch. Es ist zwar nur die Übersetzung von Christoph Göhler, aber ich ergötze mich an den gut entwickelten Figuren, der geschickten Konstruktion und der Klarheit der Sprache. Paula Hawkins ist eine präzise Beobachterin — ein toller Thriller. Ich bin auf die Verfilmung gespannt. (Der Trailer ist jedenfalls vielversprechend.) In Hamburg selbst spazieren wir viel. Ian zeigt mir Finkenwerder, die Insel, auf der er aufgewachsen ist. Der gemeinsame Besuch war längst überfällig. Die Insel ist schön. Ein bisschen erinnert sie mich an Bockhorn. Die reetgedeckten Dächer, die schnuckeligen Fenster, das satte Grün an, auf und um die Häuser herum. Zwischen Obstplantagen grasen Kühe, Pferde, Schafe, Ziegen auf breiten, platten Wiesen, die sich bis zur Süderelbe dehnen. Überall begegnen uns Katzen. Die Kirche, in der Ian getauft und konfirmiert wurde, ist demütigend schön. Unsere Gespräche fernab des Berliner Alltags klären einiges, alles ist Harmonie und Entspannung — nur leider zu kurz. Wie gerne hätte ich mal wieder drei Wochen am Stück frei! Ich fühle mich abgespannt, ausgebrannt, bin seit Jahren schon urlaubsreif. Inzwischen habe ich gehaltsmäßig die Armutsgrenze knapp hinter mir gelassen und könnte mir eine gemäße Auszeit gönnen, doch das wird erst 2017 passieren. Hoffentlich!
Der US-Wahlkampf und das ganze Drumherum registriere ich, und obschon das alles alarmierend ist, zucke ich nur noch mit den Achseln. Wenn Clinton ins Weiße Haus einzieht, wird es in Europa mit einiger Wahrscheinlichkeit zum Krieg kommen. Seien wir ehrlich: Obama ist kein Martin Luther King. Er ist ein Kriegsverbrecher, der den Friedensnobelpreis entweiht hat. Bei Hillary Clinton fällt das Gros auf eine ähnliche Augenwischerei ein, weil sie eben eine Frau ist. Eine Frau ist nach landläufiger Meinung eben »gut«. Über Trump schreibe ich gar nicht erst, das ist indiskutabel und mindestens ebenso schlimm. Ian sagt immer, dass Clinton das kleinere Übel sei. Gut, also fällt die Wahl zwischen Pest und Cholera. Wie auch immer die Wahl sich entscheidet, Europa wird das Ergebnis ausbaden müssen.
Am 10. August lese ich ausführlicher über Petra Hinz. Auch so ein schlechter Mensch mit hässlichem Herzen. Eigentlich bemitleidenswert. Da ich seit 2011 jedoch den Leitspruch »Kein Mitleid für Dummheit« verinnerlicht habe, kratzt mich die Hinz recht wenig. Dass sie ihr Bundestagsmandat nicht niederlegen möchte, wundert mich bei knapp 10.000 Euro Monatsgehalt jetzt nicht sonderlich. Und die 2.500 Euro Rente sind ihr ab dem 67. Lebensjahr trotz ihres Betruges sicher. Nach Guttenberg, Schavan und Dieter Jasper passiert es nun also auch in der SPD. (Normalerweise sind Fälschungen und Lebenslügen eher ein CDU/CSU-Ding. Das hat etwas mit moralischen Strukturen zu tun. Ähnlich wie in den USA, wo republikanische Politiker, die Moral und Anstand predigen, gerne mal mit minderjährigen Prostituierten erwischt werden. Oder hier bei uns Frauke Petry, die privat das Gegenteil von dem lebt, was sie politisch vertritt.) Der Druck und die Angst, die Frau Hinz über Jahrzehnte begleitet haben, haben sie zu einer Megäre werden lassen, die ihre Mitarbeiter quälte, hysterisch und cholerisch war und niemandem wirklich trauen konnte aus Angst, entdeckt zu werden. Ihre Krankmeldung und ihr Abtauchen war nur konsequent. Rückgrat haben solche Menschen nicht. Ein Guttenberg sieht sich schließlich auch heute noch im Recht.

Zweite Augusthälfte.
Mitte August stirbt Tante Erika. Sie war die Ehefrau eines der vielen Brüder meines Großvaters. Sie und ihr Mann lebten in Langenhagen und waren daher die räumlich nächsten Verwandten. Onkel Friedrich war der Lieblingsonkel meiner Mutter gewesen und am 27. August 2004 nach einem zehnjährigen Krebskampf im Alter von 72 Jahren gestorben. Auch bei Tante Erika war es Krebs; der war allerdings erst Ende Juni entdeckt worden und hatte schon so weit Metastasen gestreut, dass kein Kampf mehr nötig war. Man hat ihr Morphium gegen die Schmerzen gegeben, und dann war alles ganz rasch vorbei. Sie war eine kleine, zierliche Person gewesen, Schlesierin, und noch bis zuletzt geistig und körperlich aktiv. Als ich sie zuletzt sah, im November 2014, erzählte sie mir von ihren Radtouren, und ich dachte: »Meine Güte, wie ist das schön!« — Ihr Tod ruft verdrängte Erinnerungen an Familienfeste, Onkel Friedrichs Gartenlaube, Autofahrten nach Langenhagen oder Bockhorn oder Wilhelmshaven wach. Und alles in allem war es okay. Es war eine schöne Kindheit. Nur musste ich erst über 20 Jahre rebellieren und mich freischwimmen, um das zugeben zu können.
»Girl on the Train« war in Windeseile ausgelesen. In der zweiten Hälfte wurde es etwas vorhersehbar, erinnerte vage an Finchers »Gone Girl« (2014), schwächelte etwas, packte aber dennoch genug, um dran zu bleiben. Als ich das Buch zuschlage, bin ich traurig. Nicht, weil es vorbei ist, sondern weil ich mich so sehr danach sehne, einmal in einem richtig guten Thriller zu spielen. Die »Girl on the Train«-Verfilmung von Tate Taylor läuft am 27. Oktober in Deutschland an. Der Trailer regt den Appetit an — die Musik! — und macht Versprechungen auf einen hochspannenden Film. Wenn der Film startet, bin ich in Paris und drehe. Aber eben keinen Psychothriller. Es war mein Traum (oder vielmehr: eines meiner Ziele) gewesen, vor meinem 40. einen Thriller zu machen. Dass ich das nicht schaffen werde, wurmt mich.
Ian möchte »Ghostbusters« (Regie: Paul Feig) sehen. Ich bin erschrocken, wie mies der Film tatsächlich ist. Vier unsympathische Hauptdarstellerinnen in einer Klamotte, die laut, grell und flach den Mangel an Humor, Spannung und Finesse wettmachen will. Ein mieses Drehbuch fürwahr; jede Handlung muss von einem blöden, auf »cool« getrimmten Spruch begleitet werden. Chris Hemsworth hat sichtbaren Spaß an der Rolle, die seinerzeit Annie Potts so wundervoll gespielt hatte. Die Gastauftritte der Stars aus den Originalfilmen sind gut gestreut und als liebevolle Hommage auch wirkungsvoll, die Effekte beeindruckend, aber als Ganzes ist »Ghostbusters« für mich ein Ärgernis. Wenigstens aber machte er Lust auf ein Wiedersehen der alten Filme aus den Achtzigern.
An einem Dienstag sehe ich einen alten italienischen Film mit Alain Noury und Ray Lovelock. Verzehrende Blicke, weiche Gesten, triebhafte Unschuld. Was ich dort sehe, fesselt mich mehr als die Sommerloch-Themen der Medien, sprich: das Burka- bzw. Burkiniverbot, und verfolgt mich bis in meine Tagträume. Ich bereite mich langsam auf »Bd. Voltaire« vor, mit neuem Haarschnitt und Diät nähere ich mich meiner Figur, die Alan heißt, optisch an. Alexandre bittet mich, einige Szenen zu überarbeiten; eigentlich hatte ich nicht (mit)schreiben wollen. Im Netz stoße ich bei Recherchen auf alte Bilder von Bill Cable. Es dürfte bis heute kaum einen Mann geben, der es an Schönheit und Charisma mit ihm aufnehmen kann. — Bevor wir zu Helenas Taufe fahren, miste ich den Kleiderschrank aus. Ab und zu wird das einfach notwendig. Freunde teilen Fotos von ihren Ausflügen bei Facebook. 2016 war ich bislang nicht einmal an einem See oder gar im Heidepark. Wenn ich an die Verabredungen zum Picknick auf der Halbinsel Stralau vor zwei Jahren denke oder an das Schwimmen im Weißensee, überschwemmt mich die Frustration. Im Schnitt schaffen Ian und ich es nur einmal pro Monat, einen Sonntag mit Katja und Fadi zu verbringen; wir (gehen) essen, schauen Filme, reden und genießen diese
quality time.

Bill Cable, ca. 1977.

Bill Cable, ca. 1977.

Erste Septemberhälfte.
Die anfängliche Begeisterung für den Job in der Kanzlei war vor allem der Bezahlung geschuldet, die ich zum ersten Mal in meinem Leben als okay empfinde, obwohl sie untertariflich ist. Doch das ganze Drumherum ist untragbar geworden: der weite Anfahrtsweg, der cholerische, bösartige Chef, die permanent kranken oder urlaubenden Kollegen, welche die Arbeit auf mich abwälzen — alles sehr belastend. Drei bis vier Tage pro Woche schufte ich bis zu 14 Stunden ohne Pause durch, immer begleitet von Gekeife, Schikane oder einfach nur blöden, unfairen Sprüchen meines Chefs. Er würde rund um die Uhr arbeiten, um mich und Ian durchzufüttern, seine Angestellten seien allesamt zum Scheißen zu blöd und würden »aus reiner Bosheit« gegen ihn arbeiten. Es wäre ermüdend, jetzt ins Detail zu gehen, aber ich habe begriffen, wieso die meisten Mitarbeiter nach wenigen Monaten das Handtuch werfen und kündigen; in den wenigen Jahren, die die Kanzlei existiert, sind über 100 Leute gekommen und gegangen. Unberechenbar-psychotische Vorgesetzte, die einen mit ihren Aggressionsstörungen zermürben, sind der Horror. Meiner arbeitet mit Lügen, Unterstellungen, Verdrehungen und viel Gebrüll. Die Arbeitstage gleichen einem Spießrutenlauf. Ich schlafe unruhig, träume schlecht, habe Magenkrämpfe, die Kopfschmerzattacken häufen sich. Selbst die langen Wochenenden genügen nicht, um mich zur Ruhe kommen zu lassen, ich fühle mich permanent erschöpft und gestresst. Die Jobsuche wird sicher nicht leicht werden, denn schließlich möchte ich mich bezahlungsmäßig nicht verschlechtern. Aber wenn ich dieses Büro nicht bald verlasse, werde ich dort zugrunde gehen; am 2. September rastet er dergestalt aus, dass ich glaube: »Gleich schlägt er uns!«, und am 3. September erfahre ich von einer Kollegin, was er für Lügen über mich und über uns alle verbreitet. Wenige Tage später — ich bin schon fleißig dabei, die Stellenanzeigen zu studieren — erlangen wir Klarheit über die Mengen an Ritalin, die unser Boss schluckt. Das erklärt vieles. (Chemisch betrachtet ist das Zeug Kokain nicht unähnlich.)
In der zweiten Septemberwoche kommt endlich Alexandres überarbeitetes Skript. Ich arbeite meine Szenen durch. Alans Redefluss gleicht dem Hamlets. Leise probiere ich, Französisch mit englischem Akzent zu sprechen. Erinnerungen an Gespräche mit Gill oder Antony aus der Vergangenheit helfen mir dabei. Das Casting ist abgeschlossen, unter anderem spielen Bastien Gabriel aus »Théo et Hugo dans le même bateau« (Regie: Olivier Ducastel, Jacques Martineau) und Laetitia Dejardin aus »Inferno d’August Strindberg« (Regie: Paul-Anthony Mille) mit. Die Musik macht Jean-Pierre Stora, der früher für die Filme von Guy Gilles und Gérard Blain komponierte. Alexandre wartet immer noch auf die Zu- oder Absage von Anna Karina. Es wäre natürlich super, wenn sie mit an Bord wäre. Anna Karina, das ist Godard, Gainsbourg, Rivette, Schlöndorff, Agnès Varda. Allerdings dreht sie schon seit gut zehn Jahren nicht mehr. Um mich sprachlich wieder zu akklimatisieren, lese ich diesmal Anna Gavalda: »Je voudrais que quelqu’un m’attende quelque part«. Mit dem Buch komme ich besser zurecht als mit dem Thriller von Grangé vor ein paar Jahren; Gavalda schreibt vergleichsweise simpel. Ich werfe CDs ein, auf denen Philippe Léotard oder Romy Schneider Texte rezitieren und verliebe mich aufs Neue in die Musikalität meiner Arbeits-Sprache.
Ende August war Helenas Taufe; kaum zwei Wochen später, am Tag nach den erschütternden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern, schickt meine Schwester mir ein Video, in dem Helena krabbelt. Sie ist gerade fünf Monate alt. Der zweite Zahn bahnt sich auch schon seinen Weg. Wenn das so weitergeht, schenke ich ihr zum ersten Geburtstag ein Kettcar. — In Berlin beklage ich einen weiteren Wasserschaden. Diesmal ist es die Dusche. Die Hausverwaltung scheint es aussitzen zu wollen, bleibt unerreichbar, reagiert nicht. Es dauert zwei Wochen, bis endlich der Klempner erscheint. Bei Temperaturen von 30 Grad und mehr nicht duschen zu können, ist ziemlich unappetitlich.
Am 12. September gehe ich allein ins Kino: »Don’t Speak« (Regie: Fede Alvarez) gefällt mir besser als der letzte Film des Regisseurs, weil die Figuren vielschichtig angelegt sind. Das vermeintliche »Opfer«, der blinde Mann (Stephen Lang), ist nicht unbedingt gut, und die drei Einbrecher, also die »Täter«, nicht eindeutig böse. Der Zuschauer ist gezwungen, sich auf die Seite der Kriminellen zu stellen. Das Konzept ist nicht neu — Hitchcock benutzte es in vielen seiner Filme —, aber nach wie vor effektiv. »The Shallows« (Regie: Jaume Collet- Serra), auf den ich mich seit Monaten gefreut hatte, plätscherte hingegen zwar kurzweilig-spannend an mir vorbei, ließ mich jedoch unterm Strich unbeeindruckt: starke Bilder, gute Effekte, nachhaltige Schockmomente und eine verblüffend überzeugende Blake Lively, aber kein Film, an den man sich lange erinnert. Die scheint es kaum noch zu geben. Da loben Ian und ich uns doch die DVD von »Hello, My Name is Doris« (Regie: Michael Showalter), einen kleinen Independent-Film, in den wir uns im Mai verliebten; Sally Field hätte dafür mindestens eine Oscarnominierung verdient.
Meine neue Lieblingsmusikerin nennt sich Christine and the Queens, ich bin ganz vernarrt in ihr Album und summe ständig »Tilted« vor mich hin.

Zweite Septemberhälfe.
Ich bin einer der ersten, die das Privileg haben, Alexandres neues Album hören zu dürfen. »Vers les oliviers« ist eine Sammlung winziger Geschichten, die in ihrer Gesamtheit einen Bogen schlagen, der in Aufbau und Dramaturgie einem Bühnenstück gleicht. Die Musik von Jean-Pierre Stora ist sehnig und die Instrumentierung einfallsreich; mir gefällt besonders der Einsatz der Streicher. Als Überraschung mailt mir Alexandre bereits jetzt einige Kompositionen Storas für unseren Film. Meine Vorfreude auf die Arbeit wächst. Um fitter zu werden, schwimme ich an meinen arbeitsfreien Tagen täglich eine Stunde im Schwimmbad am Spreewaldplatz. Wenn man den inneren Schweinehund erst einmal überwunden hat, macht es richtig Spaß.
Selbstverständlich gehe ich am 18. brav zur Wahl und mache drei Kreuze bei der Partei, die ich als »das kleinste Übel« empfinde. Der Beigeschmack ist fahl, das schlechte Gefühl bleibt. Die Wahlergebnisse überraschen nicht wirklich; zwischen CDU und AfD liegen nur noch etwa drei Prozent, und die SPD schafft es als stärkste Partei (!) auf gerade mal 21%. Immerhin ist die Wahlbeteiligung diesmal bedeutend höher als bei der letzten Wahl, was ich natürlich gut finde. Mein Mitleid für die SPD hält sich in Grenzen. Andrea Nahles ist wirklich das Allerletzte, inhuman bis zur Schmerzgrenze, ihr Spektrum reicht von »ignorant« zu »bösartig«. Sie wäre bei der FDP oder in der AfD besser aufgehoben. Am Tag nach der Wahl schreibt mir Kevin aus New York. Ihn erschrecken die Entwicklungen in Europa. Ich erkläre ihm, dass diese zu erwarten waren. Das Gros der Menschen fühlt sich nicht wahrgenommen, Paranoia wird geschürt, und die etablierten Parteien ignorieren die Unsicherheiten und Ängste. An dieser Stelle haken die neuen Parteien ein, die sich gerne »Alternative« nennen und immerhin — das muss man leider, leider zugeben — in den Dialog treten. Die meisten AfD-Wähler wählen die Partei nicht, weil sie mit ihrer Politik einverstanden wären — ich bezweifle, dass sich der 08/15-Wähler überhaupt mit Inhalten auseinandersetzt —, sondern schlicht und ergreifend, um den alten Kräften, vor allem CDU und SPD, einen Denkzettel zu verpassen. Dumm nur, dass die Leute nicht weitsichtig genug sind, um zu begreifen, dass sie die die Leidtragenden ihrer Wahl sein werden. Wenn man die Nachrichten liest, ist der Brechreiz nur noch schwer zu unterdrücken. Der unverblümte Rassismus von Andreas Scheuer, in Bayern offenbar salonfähig, ruft lediglich Scheinproteste hervor. Wenige benennen klipp und klar, was es ist. Die meisten sprechen von einer »erzkonservativen Haltung« oder »Rechtspopulismus« und eiern damit um die Sache herum. Man muss doch das Kind beim Namen nennen dürfen! Der CSU-Mann Scheuer ist ein Rassist. Punkt. Dann die Zschäpe-Sache, die sich längst zu einer unendlichen Geschichte entwickelt hat; dieser retardierte AfD-Mann aus Lichtenberg mit seinen flotten Sprüchen; der Kopftuch-Politiker von den Piraten, dessen unerfüllte Liebe ihn zum Mörder und Selbstmörder werden ließ.
Alexis Arquette stirbt im Alter von 47 Jahren. Fast 30 Jahre kämpfte sie gegen HIV/Aids. Sie starb im Kreis ihrer Familie, glitt zu einem Song von David Bowie in den Tod hinüber. Ich mochte sie/ihn in »I Think I Do« (Regie: Brian Sloan) und »Threesome« (Regie: Andrew Fleming). Ihr Tod stimmt mich traurig — zumal wenige Tage zuvor Lady Chablis das Zeitliche gesegnet hat.
Mit Ian, Bettina und Andreas gehe ich in den Quatsch Comedy Club. Es ist das erste Mal, dass ich den Club seit meinem desaströsen Auftritt im Spätherbst 2003 betrete. Trotz des ambivalenten Bauchgefühls ist es ein toller Abend. Alle Auftretenden sind klasse: Christian Schulte-Loh ist ein irre guter Moderator. Lois Bromfield — die mich ein wenig an Lotus Weinstock erinnerte —, Mark Maier, Al Pitcher aus Neuseeland und Stefan Danziger sind die Comedians des Abends. Wir sollten uns häufiger
quality time nehmen, solch schönen Abende haben wir viel zu selten.
Inzwischen lese ich »Der Sammler« von John Fowles. Die ersten 125 Seiten liegen hinter mir, die beunruhigenden Gedankengänge des »Sammlers« malträtieren die Nerven. Dummerweise weiß ich leider schon, wie der Roman endet — ich hatte den Fehler gemacht, mich durch ein paar Rezensionen zu wühlen —, das schmälert das Vergnügen aber nur marginal.

Letzte Septemberwoche.
Die Unzuverlässigkeit der S-Bahn und der BVG fordert meine Geduld beinahe täglich aufs Neue heraus. Am 24. September, also am Samstag, geht gar nichts mehr. Mein Chef lässt mich pünktlich gehen, um 21:20 Uhr erledige ich noch schnell die Wochenendeinkäufe bei Reichelt, um dann mit zwei Taschen und meinem Fahrrad in Waidmannslust auf meine S-Bahn zu warten. Ab Gesundbrunnen fährt nichts mehr in meine Richtung, so dass ich mit der U8 weiterfahren muss. Ab Moritzplatz radele ich dann schließlich heimwärts. Als ich für Ian und mich das Abendessen fertig habe, ist es bereits kurz vor Mitternacht. Am Sonntag machen wir — das Wetter ist prima! — einen mehrstündigen Spaziergang zur und um die Halbinsel Stralau. Dort darf ich meinem ansonsten schrecklich wasserscheuen Hund zum ersten Mal beim Schwimmen zusehen. Zu Hause halten wir dann noch kurz Siesta, und nach dem Abendessen fährt Ian dann zu sich nach Hause, während ich mir einen alten Film mit Lilo Pulver anschaue.
Am 26. erlaubt mir Antony, »Where Horses Go to Die« zu gucken. Es ist sein klarster, sorgfältigster Film bis jetzt. Das sage ich auch Antony, als wir anschließend telefonieren. In gewisser Weise ist dies sein erstes Stück Mainstream-Kino. Erwachsen und sogar ein wenig optimistisch. Hoffnungsschimmer. Heilung. Das hatte ich nicht erwartet und bin unheimlich stolz auf ihn.
Am Mittwoch lerne ich Christine Kaufmann kennen. Ein sonderbarer Zufall, der komischerweise nichts mit Allegra zu tun hat. Wir unterhalten uns über »Persona« von Bergman, Jean Genets Un chant d’amour, über Etta James, Kate Bush, Cyndi Lauper, Shirley Horn und Jimmy Scott. Sie überreicht mir zwei Manuskripte, ich bin baff, radle wie in Hypnose wieder nach Hause.
Chelito jagt mir einen Heidenschreck ein, als er mir morgens humpelnd in der Küche entgegenkommt. Das rechte Hinterpfötchen berührt den Boden nicht, er guckt mich irritiert und ängstlich an, lässt sich brav untersuchen und sitzt eine halbe Stunde später mit mir bei einer Tierärztin hier im Kiez. Sein Kniegelenk ist herausgesprungen, wohl am Vorabend schon. Sie renkt ihn wieder ein, und die kommenden Tage wird er viel getragen, nimmt Schmerztabletten und hat einen tierärztlichen Schonauftrag zu absolvieren. Während ich schufte, schläft er mehr denn als ohnehin schon.

Tippi Hedren, London, 1966.

Tippi Hedren, London, 1966.

Mit diesem Foto — einem meiner Hedren-Lieblingsbilder — wünsche ich Euch ein elegantes langes Wochenende. In kaum einem Monat erscheinen ihre sehnsüchtig erwarteten Memoiren. Ich sehe schon, 2016 wird einen in vielerlei Hinsicht prachtvollen Herbst haben.
Herzliche Grüße,

André

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