Filmtipp #54 bis #57: Die Miss-Marple-Filme

So oft, wie George Pollocks köstlichen Christie-Adaptionen mit Margaret Rutherford als schrullig-liebenswerter Detektivin im Fernsehen wiederholt werden, ist es eigentlich kaum nötig, noch viel über sie zu schreiben — oder? Einen Miss-Marple-Film zu genießen, das ist, ähnlich wie »Dinner for One« am Silvesterabend, längst eine gute deutsche Fernsehtradition geworden. Für die damals 69jährige Margaret Rutherford waren die Filme der Startschuss für ihre internationale Karriere als Superstar, die 1963 mit einem Oscar für ihre Rolle in dem Taylor/Burton-Vehikel »The V.I.P.s« (Regie: Anthony Asquith) ihren Höhepunkt erreichte. Obwohl später noch gestandene Schauspielerinnen wie Angela Lansbury oder Joan Hickson in ihre Fußstapfen traten und wesentlich romangetreuere Miss Marples ins Kino oder auf den Bildschirm brachten, gilt ihre Interpretation — zu Recht! — auch heute noch als die beste. Ihre Darstellung machte diese Filmreihe zeitlos unterhaltsam. Auch nachdem die Serie eingestellt worden war, blieb Margaret Rutherford bis 1968 als Schauspielerin aktiv. Sie starb 1972 im Alter von 80 Jahren.
     Unterm Strich sind alle vier Filme dieser Serie schnörkellos-konventionelle Whodunits, versehen mit attraktiven, typisch englischen Schauplätzen, Ron Goodwins schmissiger Musik und herrlich drolligen Charakteren, durchweg spannend und mit einer gehörigen Prise Humor veredelt. Man hätte sich noch etliche Fortsetzungen gewünscht.
     Interessant: Nur der erste Film der Serie war tatsächlich die Verfilmung eines Miss-Marple-Krimis gewesen; »Murder at the Gallop« und »Murder Most Foul« basierten auf Hercule-Poirot-Romanen, und »Murder Ahoy« fußte auf gar keiner von Agatha Christie veröffentlichen Geschichte, sondern wurde komplett von den Drehbuchautoren ersonnen. (Es gibt allerdings einige Querverweise auf »They Do It With Mirrors« und Christies Erfolgsstück »The Mousetrap«.) Die von Rutherfords Ehemann Stringer Davis gespielte Figur des Mr. Stringer taucht ebenfalls in keinem Christie-Roman auf und wurde von den Autoren eigens für ihn kreiert.

Murder, She Said

#54: 16 Uhr 50 ab Paddington
Murder She Said (1961)
Regie: George Pollock, mit Margaret Rutherford, Arthur Kennedy, Muriel Pavlow u. a.

Auf einer Bahnfahrt muss Miss Marple mit Entsetzen mit ansehen, wie in einem parallel fahrenden Zug eine Frau erwürgt wird. Die Polizei schenkt den Schilderungen der alten Dame keine Beachtung, zumal keine Leiche gefunden wird. Und so muss sich Miss Marple, unterstützt von ihrem treuen Helfer Mr. Stringer, der Angelegenheit höchstpersönlich annehmen. Die beiden stoßen kurze Zeit später auf eine heiße Spur, die sie zum Anwesen der Familie Ackenthorpe führt. Um ungestört herumschnüffeln zu können, nimmt Miss Marple eine Stelle als Haushälterin bei den Ackenthorpes an. Ihr Aufenthalt in dem Herrenhaus entwickelt sich jedoch gefährlicher, als sie eingangs vermutet hatte.
     Gleich im ersten Teil der Reihe werden Rutherford, Davis und Charles Tingwell (als Inspektor Craddock) von einem hervorragenden Schauspielerensemble unterstützt: James Robertson Justice spielte den alten Ackenthorpe und Muriel Pavlow dessen Tochter Emma (die in der deutschen Synchronisation in Evelyn umbenannt wurde), des weiteren waren Arthur Kennedy, Thorley Walters, Richard Briers und Joan Hickson in Nebenrollen zu sehen. Hickson sollte Jahrzehnte später in einer langlebigen BBC-Reihe die resolute Detektivin spielen, unter anderem auch in dem Remake von »16 Uhr 50 ab Paddington«. Als ihre Adresse gibt Miss Marple die Old Pasture Lane in Milchester an, in Wirklichkeit gehörte das charmante Häuschen dem Schauspieler John Mills und befand sich in Denham, Buckinghamshire.
     In »Murder She Said« gewann Miss Marple übrigens die Golfmeisterschaften der Damen von 1921.

Murder at the Gallop

#55: Der Wachsblumenstrauß
Murder at the Gallop (1963)
Regie: George Pollock, mit Margaret Rutherford, Robert Morley, Flora Robson u. a.

Die Kritiker halten den zweiten Film der Serie für den gelungensten. Spannung und Humor sind hier gleichermaßen wohldosiert, und Margaret Rutherford bekam mit dem putzigen Robert Morley einen Partner zur Seite gestellt, mit dem sie glänzend harmonierte. Für ihre energiegeladene Twisteinlage im schwarzen Spaghettiträgerkleid gab ihr die »TV Spielfilm« in ihrer Rezension sogar einen Erotik-Punkt.
     In Begleitung ihres Freundes Mr. Stringer klappert Miss Marple die Haushalte ihrer Gemeinde Milchester ab, um für die Resozialisierung ehemaliger Straftäter zu sammeln. Als die beiden beim alten Mr. Enderby vorstellig werden, erleidet dieser einen Herzinfarkt und kullert ihnen auf der Treppe entgegen. Für die Polizei ist der Mann eines natürlichen Todes gestorben, Miss Marple jedoch ist der festen Überzeugung, dass ihn jemand absichtlich zu Tode erschreckte. Dieser Meinung ist auch die Schwester des Verstorbenen, der kurze Zeit später durch die Rückenlehne ihres Schaukelstuhls ein Stilett zwischen die Rippen gerammt wird. Die klug analysierende Miss Marple verfolgt die Spur des Mörders bis zum Gestüt Hector Enderbys (wunderbar: Robert Morley), wo sie nicht nur ihre Reitkünste im Damensattel unter Beweis stellt — sie war nationale Reitmeisterin des Jahres 1910 —, sondern auch das Herz des Gutsbesitzers im Sturm erobert. Gemeinsam mit Mr. Stringer legt sie einen flotten Twist aufs Parkett, um den Mörder mit einem vorgetäuschten Herzinfarkt aus seinem Versteck zu locken…

Murder Most Foul

#56: Vier Frauen und ein Mord
Murder Most Foul (1964)
Regie: George Pollock, mit Margaret Rutherford, Ron Moody, Charles Tingwell u. a.

Zu Beginn des Films tritt Miss Marple als Geschworene in Erscheinung, die — ähnlich wie Henry Fonda in »Twelve Angry Men« (Regie: Sidney Lumet) — als einzige von der Unschuld des Angeklagten überzeugt ist und damit die Hoffnung auf ein rasches Ende der Verhandlung zerschlägt. Gemeinsam mit Mr. Stringer macht sie sich auf die Suche nach dem wahren Mörder. Ihre Recherchen führen sie zu einer fahrenden Schauspieltruppe — allesamt kriminell unbegabte Schmierenkomödianten —, bei der sie eine Vakanz antritt, um in dieser Tarnung weitere Nachforschungen anzustellen. Schon bald geschieht ein weiterer Mord. Der unheimliche Mörder umkreist bald auch Miss Marple. Nur gut, dass diese 1924 im Handfeuerwaffenschießen der Damen in Bisley die Goldmedaille gewonnen hatte…
     »Murder Most Foul« gilt als der schwächste Miss-Marple-Film, sofern man überhaupt von Schwäche sprechen kann: Rutherford und ihre Kollegen sind brillant wie immer, jede Minute ist ein Vergnügen, und am Ende dieses Streifens wird Craddock sogar zum Chefinspektor befördert.
     »Murder Most Foul« kam im März 1964 in die englischen Kinos. Nur vier Monate später lief der letzte Teil der Serie an.

Murder Ahoy

#57: Mörder Ahoi!
Murder Ahoy (1964)
Regie: George Pollock, mit Margaret Rutherford, Lionel Jeffries, Stringer Davis u. a.

Als ihr Onkel das Zeitliche segnet, wird Miss Marple als seine Nachfolgerin ins Kuratorium der Stiftung HM Schulschiff Battledore berufen. Schon die erste Sitzung endet mit einer Leiche: Bevor ein Kuratoriumsmitglied in der Lage ist, einen Bericht über die angeblichen Missstände auf der Battledore abzugeben, fällt es einer tödlichen Dosis aus seiner Schnupftabakdose zum Opfer. Folglich quartiert sich Miss Marple auf dem Schulschiff ein, um vor Ort nachzuforschen. Sie überführt (natürlich) den Mörder, wird jedoch dazu gezwungen, sich mit ihrem Kontrahenten ein Fechtduell — sie gewann 1931 die nationalen Fechtmeisterschaften der Damen — auf Leben und Tod zu liefern.
     Mit dem Einverständnis Agatha Christies schmiedeten David Pursall und Jack Seddon aus diversen Kriminalgeschichtchen ihr ureigenes Drehbuch und sparten dabei nicht mit Zitaten: Edgar Wallace, Leslie Charteris, Georgette Heyer, Noël Coward, Grace Metalious und Christies Werke wurden geplündert, kombiniert, in der Schiffsbibliothek ausgestellt oder von der Hauptdarstellerin on camera gelesen. Auch ist von einer (fiktiven) Grafschaft namens Rutherfordshire (!) die Rede…
     Um sich auf das furiose Fechtduell am Ende des Films vorzubereiten, nahm Margaret Rutherford fünf Wochen lang Fechtunterricht.

Für 1965 war noch ein fünfter Teil der Serie geplant — eine Adaption von »The Body in the Library« —, doch der Film kam nie zustande. Dafür inszenierte Regisseur George Pollock in jenem Jahr eine recht ansehnliche Version von Agatha Christies Klassiker »Ten Little Indians« mit Shirley Eaton, Daliah Lavi und Marianne Hoppe in den Hauptrollen, und Margaret Rutherford und Stringer Davis traten in dem amüsanten Poirot-Krimi »The Alphabet Murders« (Regie: Frank Tashlin) noch ein letztes Mal ganz kurz als Miss Marple und Mr. Stringer in Erscheinung.
     Dies sind übrigens gewissermaßen mal wieder Geburtstags-Filmtipps: heute wäre Margaret Rutherford 120 Jahre alt geworden.

André Schneider

Advertisements