31. Oktober 2016

Keine Frage, es war ein smarter Zug der Produzenten, Laverne Cox als Frank N. Furter zu besetzen. Die Besetzung verrichtete ihre Aufgaben tadellos und engagiert. Trotzdem war das Remake der Rocky Horror Picture Show vor allem eines: überflüssig. Bestenfalls machte es Lust auf das Original. Mir kamen die Tränen, als ich Tim Curry sah. Zwar hatte ich von seinem Schlaganfall vor vier Jahren gelesen, aber dass er im Rollstuhl sitzt, war mir nicht bewusst gewesen. Er ist eigentlich noch nicht alt, gerade 70, aber er wirkte als Erzähler bereits wie ein Relikt aus ferner Zeit. Frank N. Furter war — und ist eigentlich noch immer — die Traumrolle! Seit ich das Musical zum ersten Mal sah, wuchs die Sehnsucht. Mittlerweile bin ich zu alt, und sowieso hätte ich Tim Curry niemals das Wasser reichen können, aber trotzdem überschwemmt mich immer noch ein Rinnsal der Nostalgie, wenn ich an The Rocky Horror Picture Show denke. Wenn ich der Neuverfilmung etwas Positives abgewinnen konnte, so waren es die beinahe surreal erotische Ivy Levan als Usherette, die den Eröffnungssong »Science Fiction/Double Feature« singt, und Adam Lambert als Eddie. Mit Letzterem hatte ich nie viel anfangen können, weder so noch so, aber als Eddie war er irre heiß! Habe mir im Anschluss seinen Clip zu »Welcome to the Show« angeschaut. Geiler Song. Und er flirtet mit der Kamera, was das Zeug hält. Ich mag seinen mädchenhaft geschwungenen Mund und die frechen Augenbrauen. Der Mann ist eine Rampensau allererster Güte. Außerdem strahlt er eine ungemein derbe Sexualität aus. Da ist etwas verführerisch Dreckiges, das unter der glatten, sterilen, glänzend polierten Showbiz-Oberfläche drämmelt — find’ ich gut!

Meine Mama vorm Eiffelturm.

Meine Mama vorm Eiffelturm.

Die Zeit mit meiner Mutter verging wie im Flug. Gleich am ersten Tag stapften wir den beschwerlichen Weg zum Sacré-Cœur hinauf, am zweiten absolvierten wir einen siebenstündigen Spaziergang, am dritten eine Seine-Rundfahrt. Mir war bislang nie aufgefallen, wie viele Treppen man insbesondere in den Métro-Stationen zu bewältigen hat, aber Mama und ihr Herzschrittmacher machten alles tapfer mit. Abends qualmten unsere Füße. Wir schauten uns die Nachrichten online an, unterhielten uns bis zum Schlafengehen und hatten einen herrlich festen Schlaf. Diese ungestörten Mutter-Sohn-Gespräche hatte es lange nicht mehr gegeben; es war richtig schön. An ihrem letzten Abend aßen wir im Au Petit Riche. Das war am 27. — Ians Geburtstag, und er konnte nicht dabei sein. Er arbeitete in Düsseldorf.

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Sehenswürdigkeit am Fluss.

Die Vorbereitungen für Chéries-Chéris sind im vollen Gange, das Festival beginnt am 15. November. »King Cobra« (Regie: Justin Kelly) ist der Eröffnungsfilm, der junge Garrett Clayton wird bereits als Star gehandelt. »Where Horses Go to Die« wird am 16. November laufen. Ich würde unheimlich gerne »O Ornitólogo« (Regie: João Pedro Rodrigues) mit Paul Hamy sehen, aber ich werde noch vor Festivalbeginn abreisen müssen. Ian fliegt am 19. nach Paris, um gemeinsam mit Alexandre und Thomas Sur les traces de ma mère vorzustellen. Unser Verleih will die DVD schon am 7. Dezember auf den Markt bringen; das Design und den Text für die Hülle haben wir am Samstag absegnen müssen. Als Bonusfilm wird Le deuxième commencement auf der DVD enthalten sein, was mich ganz besonders freut, denn schließlich war dieser Film der Ausgangspunkt für meine Arbeit in diesem Land. Fünf Jahre ist das jetzt bald her. — »Bd. Voltaire« ist abgedreht. Es war ein Marathon. Am Samstag drehten wir auf dem Boulevard Voltaire. Vor dem Bataclan wurde mir ganz mulmig, ich musste tief durchatmen und schlucken. Eine belebte Straße, hell erleuchtete Wohnungen überall, trotzdem haben die Ereignisse einen geisterhaften Schrecken hinterlassen. Wie ein Stempel. Vanessa, Camille, Pauline und Alexandre liefen vor, hinter und neben uns her, während wir unseren Text improvisierten und von der Métro in Richtung Bataclan liefen. Überhaupt wurde viel improvisiert. Wir amüsierten uns über meinen Akzent und meine Wortspiele; Xavier schnitt Grimassen, die ihn aussehen ließen wie Garth aus »Wayne’s World« (Regie: Penelope Spheeris); Rudy Blanchet hatte eine lasziv-provokante Art, an seiner Unterlippe zu knabbern. Besonderen Spaß hatte ich mit Laetitia Dejardin, die unsere Immobilienmaklerin spielte. Leider war es nur ein kurzes Vergnügen, sie hatte nur einen halben Drehtag. Am Sonntag fiel die letzte Klappe, wir lagen uns erschöpft und glücklich in den Armen. Alexandre und die Mädels haben wirklich Unglaubliches geleistet! Der Dreh wurde en détail organisiert, dann in elf Tagen en bloc durchgezogen, teilweise bis in den späten Abend. Nachts sahen sich Vanessa und Alexandre noch die rushes an, damit gegebenenfalls noch Nachdrehs hätten anberaumt werden können. Oft konnten sie nur wenige Stunden schlafen, bevor sie wieder am Drehort sein mussten. Dabei waren sie von einer Ausgeglichenheit sondergleichen. Bei aller Konzentration blieb uns noch reichlich Raum für Albernheiten; wir haben sehr viel gelacht. — Während der Abschlussfeier überraschten mich meine Kopfschmerzen. Dazu kamen Schwermut, eine unbestimmte Traurigkeit. Abschiednehmen von der Figur, die ich wochenlang bei und in mir getragen habe und die mir ein guter Freund geworden war. Um mich herum rauchten (fast) alle, die Luft war so dick, dass man sie hätte filetieren können. Ein kurzer Schwatz mit Alexandre im Schlafzimmer, dann zog ich mich an. Ich hatte ohnehin das Gefühl, binnen weniger Minuten meine Sprache verloren zu haben und kein Teil mehr des Ganzen zu sein. Eine milde, sternenklare Nacht, ich spazierte müde und unglücklich nach Hause, freute mich aufs Bett. Am 2. November besuche ich Alexandre und gucke ihm beim Schneiden zu.

Fin de tournage. Vanessa, Walter, Xavier, Pauline, Camille und Alexandre vorne, Rudy, ich und Bastien hinten.

Fin de tournage.
Vanessa, Walter, Xavier, Pauline, Camille und Alexandre vorne, Rudy, ich und Bastien hinten.

Jetzt genieße ich gerade meinen Abendkakao. Habe heute die Buchläden abgeklappert und nach dem Hedren-Buch Ausschau gehalten. Die Presse kapriziert sich wie erwartet sehr auf die Geschichte mit Hitchcock. Das sind wirklich old news. Ich hoffe inständig, dass das Buch mehr zu bieten hat als diese olle Kamelle. Ich wüsste zum Beispiel gerne mehr über Hedrens ersten 31 Lebensjahre, ihre Zeit in New York, ihre drei Ehen, ihre Zusammenarbeit mit Chaplin und Brando, ihre Mutterschaft, ihre humanitäre Arbeit, die Theaterstücke, die »kleinen« Filme, die sie zwischen 1968 und 1973 gemacht hat. Über die Raubkatzen hat sie ja schon ein Buch geschrieben — »The Cats of Shambala« —, und die drei kurzen Hitchcock-Jahre sind von so vielen Biographen praktisch Tag für Tag journalistisch aufgearbeitet worden. Nun denn, um Geld zu sparen, habe ich das Buch schließlich doch online bestellt. Die Buchhändler hier waren auch größtenteils nicht besonders kooperativ. Habe mir »Juste la fin du monde« gekauft, das Theaterstück von Jean-Luc Lagarce, welches von Dolan verfilmt wurde. Dann noch ein Buch für meine Duras-Sammlung sowie eines von Françoise Hardy (»Avis non autorisés…«). In den DVD- und CD-Läden fand ich eigentlich nichts, was ich jetzt unbedingt haben wollte — was mich durchaus positiv überraschte. Den neuen Verhoeven-Film mit Isabelle Huppert habe ich mir geleistet, dann eine Box mit Filmen von Tommy Weber, von dem ich zuvor noch nie gehört oder gelesen hatte, und »The Other« (Regie: Robert Mulligan). Das neue Album von Julien Doré war natürlich ein Muss. Bis ich all das genießen kann, wird noch ein wenig Wasser die Seine hinabfließen, da ich in meiner Wohnung hier leider keine Stereoanlage habe und mein Laptop nicht über ein DVD- oder CD-Laufwerk verfügt.

tippi

Die Spannung steigt…

Über meine Abende mit Antony, Matthew und Martin sowie das köstliche Abendessen im Chez Paul und das spätabendliche Kunstgalerien-Schaufenstergucken schreibe ich vielleicht ein andermal.

Ich vorm Chez Paul.

Ich vorm Chez Paul.

Jetzt wünsche ich Euch eine gute Nacht und Happy Samhain!

André

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Filmtipp #420: Der unsichtbare Dritte

Der unsichtbare Dritte

Originaltitel: North by Northwest; Regie: Alfred Hitchcock; Drehbuch: Ernest Lehman; Kamera: Robert Burks; Musik: Bernard Herrmann; Darsteller: Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Jessie Royce Landis, Leo G. Carroll. USA 1959.

north by northwest

Die Essenz eines Films in Bildern, die über Dekaden hinweg in der Erinnerung bleiben, ohne dass man ihn wiedersehen muss — bei wenigen Regisseuren funktioniert das so gut wie bei Hitchcock. Hier ist es die berühmte Maisfeldszene: Cary Grant, der allein und verlassen in der einsamen Weite einer Ackerlandschaft steht, die sich endlos bis zum Horizont erstreckt. Flach, soweit das Auge reicht, ohne Strauch, Baum, Erhebung, ohne etwas, das Deckung bieten könnte vor dem Flugzeug, das ihn im Tiefflug vor sich hertreibt wie der Jäger einen Hasen. Diese Szene ist zur Chiffre geworden für die Ohnmacht all der unschuldig Verfolgten in den Filmen Alfred Hitchcocks. All die »falschen Männer«, die aus ihrem Leben geworfen werden, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind und davonrennen, ohne genau zu wissen, wovor.
Schon der Titelvorspann mit der mitreißenden Musik Bernard Herrmanns und der von Saul Bass designten Gitterstruktur auf der Fassade eines Wolkenkratzers stimmt auf ein dynamisches Werk ein, das mit 136 Minuten längste in Hitchcocks Œuvre. So wie dieses Bürogebäude in der Mitte Manhattans ließe sich auch die Struktur von »North by Northwest« graphisch wiedergeben: als Diagramm sich kreuzender Wege. Alles an »North by Northwest« ist pure Bewegung. Darauf weist schon der rätselhafte Titel hin, der lediglich die Richtung der Bewegung festlegt: »In a Northwesternly Direction« sollte der Film ursprünglich heißen und von New York über Rapid City weiter nach Alaska führen. Wie Perlen fädelten Hitchcock und sein Autor Ernest Lehman die losen Szenen, die der Ausgangspunkt des Plots waren, auf den Handlungsfaden. Das Drehbuch erhielt dann auch eine der drei Nominierungen für den Oscar (die anderen beiden gingen an George Tomasini für den Schnitt und an das fünfköpfige Team, das für die Bauten verantwortlich zeichnete). Alle Stilmittel unterstützen das Moment der Bewegung: der drive der Kamerabewegungen und Kranfahrten, die Dynamik des Schnitts, der treibende Rhythmus von Bernard Herrmanns Kompositionen. Dabei steht diese klare Angabe der Richtung im harschen Kontrast zur Befindlichkeit des Helden Roger O. Thornhill (Grant), der vollkommen orientierungslos ist.

Mit Eva Marie Saint tritt in »North by Northwest« die aufregendste Hitchcock-Blondine auf, die nicht Tippi Hedren oder Grace Kelly war. Der Meister verordnete ihr vor dem Dreh einen neuen Haarschnitt und suchte gemeinsam mit ihr die Garderobe aus, um aus der method actress und Oscarpreisträgerin eine Dame zu machen, die weiße Handschuhe trägt und eine tanzstundenerprobte Haltung an den Tag legt, um sich hinter verschlossenen Türen in ein Luder zu verwandeln. Während sie und Cary Grant den von Hitchcock so geschätzten Glamour repräsentieren, gibt James Mason uns den Schurken, der so distinguiert und zivilisiert ist, wie man sich einen Bösewicht nur vorstellen kann, und Martin Landau spielt dessen latent homosexuellen Handlanger. Während Cary Grant von der Polizei als Mörder und von einer Bande böser Agenten als vermeintlicher Spion verfolgt wird, entspinnt sich auf der Flucht die obligatorische Romanze zwischen ihm und Eva Marie, die, wie er erkennen muss, (scheinbar) ein doppeltes Spiel spielt. Leo G. Carroll ist einer von den Guten, und Jessie Royce Landis ist einmal mehr als scharfzüngige Mutter zu bewundern. — »North by Northwest« gehört laut IMDb zu dem 70 besten Filmen aller Zeiten und ist ein absolutes must-have in jeder Sammlung! Es war Hitchcocks einzige Arbeit für MGM und im Prinzip sein letzter »leichter« Film. 1960 begann mit Psycho seine späte Schaffensperiode, in der mit »The Birds« (1963), Marnie und Frenzy seine düstersten Werke entstanden.

»North by Northwest« ist gewissermaßen die Summe der amerikanischen Filme Hitchcocks. Eine Fülle altbekannter Motive und Konstruktionen werden hier noch einmal lustvoll variiert und elegant verwoben: Das Faible für verführerische, zwielichtige, blonde Frauen. Die Vorliebe für vertauschte Identitäten. Der ironische Kommentar zu symbiotisch engen Mutter-Sohn-Beziehungen. Der unschuldig verfolgte Held. Die diebische Freude daran, Nationaldenkmäler wie die Präsidentenköpfe des Mount Rushmore als Klettergerüste für Jäger und Gejagte zu missbrauchen. Die Lust am Spiel gegen die Erwartungen und Konventionen: Die Weite und die Helligkeit dieses Films, der Glanz seiner Oberflächen und die Eleganz der Anzüge Cary Grants, kurzum, alles, was der Dunkelheit, der Angst, dem Dreck, der Schmuddelgkeit von Verbrechen und Tod widerspricht. Unter all den sophisticated thrillers, die Hitchcock in den USA drehte, ist »North by Northwest« der schönste und leichteste, der Vollkommenheit am nächsten kommende. Die paradoxen Konstruktionen: Dass man beispielsweise in einer Menschenmenge untertauchen kann, gerade indem man die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Oder die verblüffende Erkenntnis, dass entwaffnende Offenheit eine bessere Tarnung ist als die Heimlichtuerei. Das Vergnügen, einen nichtigen Vorwand, seinen berühmt-berüchtigten MacGuffin, zum Motor eines ganzen Films zu machen. Und schlussendlich die Souveränität, mit der Hitchcock Wahrscheinlichkeit und Logik in den Wind schlägt.

André Schneider

Filmtipp #419: Hold Back the Night

Hold Back the Night

Originaltitel: Hold Back the Night; Regie: Phil Davis; Drehbuch: Steve Chambers; Kamera: Cinders Forshaw; Musik: Peter John Vettese; Darsteller: Christine Tremarco, Stuart Sinclair Blyth, Sheila Hancock, Tommy Tiernan, Richard Platt. GB 1999.

HOLD BACK THE NIGHT, from left: Christine Tremarco, Stuart Sinclair Blyth, 1999, ©Channel Four Films

Ein schottisches Roadmovie mit Bildern von atemraubender Schönheit und Klarheit, das ist »Hold Back the Night«, die zweite Regiearbeit des Schauspielers Phil Davis (Notes on a Scandal). Die visuelle Gestaltung und die perfekt ausgearbeiteten Charaktere machten ihn 1999 zu einem Publikumsliebling bei den Filmfestivals in Cannes und Edinburgh, im Folgejahr auch in Italien und Spanien. In den Kinos wurde Davis’ kleinem Film indes wenig Erfolg zuteil; die heimischen Kritiker bemängelten die holprige Handlung und die vermeintlich »übersentimentale Musik«. Tatsächlich ist der Hintergrund der erzählten Story alles andere als erbaulich, geht es doch um ein Mädchen, das aus einem von Inzest und Vergewaltigung verseuchten Elternhaus flieht. Charleen (Tremarco) ist tough, flucht viel und steht aufgrund ihrer scheußlichen Geschichte verständlicherweise komplett neben sich. In einem Pub lernt sie den süßen Schotten Declan (Blyth) kennen, einen Umweltaktivisten, dem sie sich im Kampf gegen eine neue Schnellstraße, die durch ein Waldgebiet gebaut werden soll, anschließt. Die beiden verbringen eine Nacht zusammen in Declans Zelt, bevor am frühen Morgen die Polizei anrückt und das Camp der Naturschützer gewaltsam räumt. Als ein Polizist auf den unbewaffneten Declan einprügelt, zieht Charleen ihm ein Didgeridoo über den Schädel. Der festen Überzeugung, den Gesetzeshüter erschlagen zu haben, fliehen Charleen und Declan, dicht gefolgt von einem lieben Kampfhund namens Killer. Sie treffen auf die todkranke Vera (Sheila Hancock aus Night Must Fall und Take a Girl Like You), die vor ihrem Tod den Sonnenuntergang auf den Orkney Islands sehen möchte — ihre verstorbene Geliebte stammte von dort, und gemeinsam hatten sie die Reise nie geschafft. Das missbrauchte Mädchen, der herzensgute Naturbursche und die einsame Lesbe fahren gemeinsam immer höher gen Norden. Charleen lernt auf dieser Reise den Wert von Freundschaften kennen — und wird sich immer klarer, dass man seiner Geschichte nicht davonlaufen kann.

Im Zentrum des Geschehens steht die schroffe Schönheit Nordschottlands, deren heilende Kraft und meditative Ruhe. Ihr gegenüber steht die Hauptdarstellerin Christine Tremarco, deren teenage rage fast schon an Bösartigkeit grenzt. Sie schreit und boxt um sich, ihr Blick zeugt von Ekel und Wut; selbst in »ruhigen Momenten« ziert ein zynisches Kräuseln ihre Oberlippe. Als Vera ihr nach einem missglückten Selbstmordversuch — Charleen versucht, sich zu ertränken — Mund-zu-Mund-Beatmung gibt, zischt sie: »Put your lips on me again, I’ll fucking glass ye!« (Tremarco stammt, wie ihre Filmfigur, aus Nordengland, und verpasst Charleen einen schwer verdaulichen Liverpooler Akzent.) Am Ende, wenn das Trio am Ring of Brodgar angekommen ist, ist Charleens Heilung vollzogen. Wenn sie lächelt und man weiß, dass sie ihr Leben nun anpacken und nicht mehr weglaufen wird, berührt das sehr.
An mehreren Punkten des Films bittet eine Figur die andere darum, sie zu halten. »Hold me, please!«, fleht Charleen den zärtlichen Declan an; »Would you mind holding me?«, fragt die sterbende Vera Charleen. In »Hold Back the Night« geht es darum, wie ein Mensch Stärke gewinnt — durch die Nähe zur Natur, durch Selbstakzeptanz und durch die Kraft der Freundschaft. Das Ganze mag etwas trivial daherkommen — Steve Chambers’ Drehbuch treibt Figuren und Handlung auf Fernsehfilmniveau umher und wird durch Kamera, Regie und Schauspieler oftmals »überlistet« —, ist letzten Endes jedoch äußerst effektiv.

»Hold Back the Night« hat für mich vor allem auch einen tief persönlichen Hintergrund — und ist deshalb einer meiner Lieblingsfilme.

André Schneider