Filmtipp #95: Ein Köder für die Bestie

Ein Köder für die Bestie

Originaltitel: Cape Fear; Regie: J. Lee Thompson; Drehbuch: James R. Webb; Kamera: Sam Leavitt; Musik: Bernard Herrmann; Darsteller: Gregory Peck, Robert Mitchum, Polly Bergen, Lori Martin, Martin Balsam. USA 1962.

Cape Fear

Als teuflischer Wanderprediger in Charles Laughtons genialem Thriller »Night of the Hunter« (1955) hatte Robert Mitchum die wohl eindrucksvollste Vorstellung seiner Karriere geliefert und Filmgeschichte geschrieben. Seine zwielichtige, brutale Figur in »Cape Fear« war ganz ähnlich angelegt und um ein Vielfaches interessanter als der von Gregory Peck gespielte »Gute«: Mitchum gibt Max Cady, der wegen Vergewaltigung und schwerer Körperverletzung acht Jahre im Zuchthaus saß und nach seiner Entlassung Rache an Sam Bowden (Peck) und dessen Familie nehmen will. Bowden hatte damals als Anwalt für Cadys Verurteilung gesorgt. Wie ein Tier belauert Max Cady die Bowdens, immer auf dem Sprung und doch nicht zu fassen. Bald wird Sam klar, dass der Ex-Knacki es vor allem auf seine halbwüchsige Tochter Nancy (Martin) abgesehen hat. Um seine Familie zu schützen, fasst Bowden den Entschluss, Cady in eine Falle zu locken — und macht Frau und Tochter zu Lockvögeln…

Routinier J. Lee Thompson standen für seinen Hitchcock’schen Thriller gleich mehrere Mitarbeiter des Altmeisters zur Verfügung: Robert Boyle zeichnete für die Ausstattung, George Tomasini für den Schnitt verantwortlich. Der große Coup allerdings war, dass Produzent Sy Bartlett Hitchcocks Hauskomponisten Bernard Herrmann gewinnen konnte, dessen reißerische Musik die Spannung dieses gelungenen Films ins Unermessliche steigerte. Mit Polly Bergen, Martin Balsam, Jack Kruschen, dem damals noch unbekannten Telly Savalas und der aparten Tänzerin Barrie Chase konnte Thompson darüber hinaus über eine fabelhafte Darstellerriege verfügen. Einzig mit der Besetzung der kleinen Lori Martin war Thompson unzufrieden — er hätte lieber Hayley Mills in der Rolle der gepeinigten Tochter gesehen, doch die stand bei Disney unter Vertrag und war nicht verfügbar. (Thompson hatte Mills’ ersten Film, den düsteren Krimi »Tiger Bay« (1959), inszeniert und war hochgradig entzückt von ihr.) Mitchum ist beängstigend gut, und Gregory Peck hat sichtlich Mühe, seiner im Vergleich recht uninteressanten Figur ein Profil zu geben, um eine Ebenbürtigkeit zu dem Schurken herzustellen. Ein weniger beliebter Star wäre an dieser Aufgabe gescheitert. So aber ist das Duell zwischen den beiden ein aufregendes Schauspiel geworden, das auch nach 50 Jahren noch packt.
»Cape Fear« ist ein in Atmosphäre, Schauspielführung, Handlungsaufbau und Tempo effektiv gestalteter Schocker, der mit seinen Anspielungen auf sexuelle Gewalt 1962 einige Tabus überschritt und immense Probleme mit den Zensurbehörden auf beiden Seiten des Atlantiks hatte. Besonders umstritten war die Szene, in der Robert Mitchum ein rohes Ei zerdrückt und den weichen Dotter auf Polly Bergens Brust verteilt. Außerdem nahm man Anstoß an Mitchums unmissverständlich sexuellem Interesse an einer Minderjährigen. Das Aufsehen, das »Cape Fear« mit seiner Thematik erregte, nützte ihm leider wenig, und Gregory Pecks Produktionsfirma, die den Film hergestellt hatte, musste Konkurs anmelden. Dreißig Jahre später drehte Martin Scorsese mit Nick Nolte, Jessica Lange und Robert De Niro eine prachtvolle Hommage an den Klassiker; das komplexe Remake fügte dem Original in Sachen Charakterzeichnung sogar noch einige Dimensionen hinzu. Peck, Mitchum und Balsam wurden in Gastrollen besetzt, und Bernard Herrmanns mittlerweile legendärer Score wurde erneut eingesetzt.

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