Filmtipp #21: Marnie

Marnie

Originaltitel: Marnie; Regie: Alfred Hitchcock; Drehbuch: Jay Presson Allen; Kamera: Robert Burks; Musik: Bernard Herrmann; Darsteller: Tippi Hedren, Sean Connery, Diane Baker, Louise Latham, Martin Gabel. USA 1964.

Marnie

Margaret Edgar, genannt Marnie (Tippi Hedren in ihrer zweiten Filmrolle), ist eine zwanghafte Diebin. Wie eine Gejagte wechselt sie von Job zu Job, räumt die Tresore ihrer Arbeitgeber leer, ändert ihren Namen und ihr Äußeres und beginnt in einer anderen Stadt ihr Spiel von vorn. In Philadelphia gerät sie an den Verleger Mark Rutland (Sean Connery in seinem US-Debüt), der sie einstellt, obwohl er sie als die Frau wieder erkennt, die seinen Geschäftspartner Strutt (Martin Gabel) ausgeraubt hat. Er ist fasziniert von Marnies kühler Schönheit und macht ihr Avancen, die sie ignoriert. Als sie mit einer großen Summe Bargeld aus seinem Safe verschwindet, folgt er ihr, zeigt sie aber nicht an, sondern erpresst sie zur Ehe. Auf der Hochzeitsreise stellt er fest, dass sie frigide ist; als er sie vergewaltigt, reagiert sie mit einem Selbstmordversuch. Bei seinen Nachforschungen nach den Gründen für ihre Frigidität und ihre Kleptomanie stößt er auf Marnies behinderte Mutter (Louise Latham), die ein grausiges Geheimnis hütet…

Der Film beginnt mit der Nahaufnahme einer gelben, wie eine Vagina geformten Handtasche und endet mit einem alten englischen Kinderlied und dem Wort »Tasche«. Dazwischen liegt der wohl am stärksten unterschätzte Hitchcock-Film, eine Parabel über Kindsein und Erwachsensein, die Geschichte einer paralysierenden Phantasiewelt. Kaum ein anderer Film des großen Meisters — nicht einmal »Vertigo« (1958) — besitzt die Gefühlskomplexität und die unverhüllt zärtliche, poetische, warme Qualität von »Marnie«. In keinem anderen Hitchcock-Film wird die Sehnsucht und das Verlangen nach Liebe so offen ausgesprochen: »Warum liebst du mich nicht, Mama?«, fragt Marnie zu Beginn des Films und erhält dafür eine schallende Ohrfeige. Am Ende, nach der großen Schlusskonfrontation und der Offenlegung ihrer traumatischen Kindheit, fleht sie: »Du musst mich geliebt haben, Mama. Du hast mich wirklich geliebt.« Ihre Mutter kann sich nach Jahren des Schweigens ihrer Tochter endlich öffnen und gesteht unter Tränen: »Du bist das Einzige auf der Welt, das ich je geliebt habe.«
     »Psycho« (1960), »The Birds« (1963) und »Marnie« bilden eine Trilogie. In allen drei Filmen spielt die Mutter eine zentrale Rolle; schließlich ist sie die Trägerin des Lebens, und in ihr lebt die Vergangenheit. Der Name Marnie ist zusammengesetzt aus Mar(ion) und (Mela)nie. Wie Marion in »Psycho« ist Marnie eine Diebin, und wie Melanie in »The Birds« hat auch sie eine dunkle Vergangenheit. »Marnie« setzt sich, mehr noch als seine Vorgänger, mit dem Verhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart auseinander und zeigt, wie ein Mensch eine »authentische Persönlichkeit« sucht. Es geht um eine Frau, die endlich ihre lähmende Phantasiewelt verlässt, egal, wie schmerzhaft und quälend das sein mag. Spoto bezeichnete den Film als »eine Meditation über die heilende Kraft der Erinnerung«.

Aus schauspielerischer Sicht sind Hitchcocks Filme selten interessant, da er sich kaum mit Charakteren befasste. Die Figuren seiner Filme sind meist einfach nur dafür da, die Handlung voranzutreiben. Seine Bösewichte — Robert Walker in »Strangers on a Train« (1951), Ray Milland in »Dial M for Murder« (1953), James Mason in »North by Northwest« (1959) oder Anthony Perkins in »Psycho« — sind oft interessanter als die Helden. »Marnie« allerdings enthält eine der differenziertesten filmischen Charakterdarstellungen überhaupt und ist die mit Abstand anspruchsvollste Figur in Hitchcocks Gesamtwerk. Diese Komplexität verdankt der Film Tippi Hedren, die eine wunderbar nuancierte Darbietung liefert. Ihre emotionale Bandbreite ist enorm. Man denke nur an die Diebstahlszenen, die Szenen mit Sean Connery auf dem Schiff und an das »reinigende Gewitter« zwischen Mutter und Tochter am Schluss. Man muss nur ihrer kindlich hohen Stimme zuhören (mit Südstaatenakzent), wenn sie sich an das Trauma ihrer Kindheit erinnert, an ihren Schmerz beim Tod ihres Pferdes und an den Komplex aus Gefühlen, die sie bei dem Schlafzimmerdialog (»You Freud, me Jane?«) zum Ausdruck bringt. Leider wurde Hedren damals von der amerikanischen Kritik in der Luft zerfetzt und mit viel Häme bedacht. Sean Connery sagte noch 45 Jahre später: »Sie wurde unterschätzt — in Hollywood, wo eigentlich jeder überschätzt wird.«
     Die Dreharbeiten standen unter keinem besonders guten Stern. Wegen der Ermordung Kennedys musste der Drehstart verschoben werden, und es gab Spannungen zwischen Hitchcock und Hedren, die zu einer folgenschweren Auseinandersetzung in ihrer Garderobe führten. Sie sagte ihm, dass sie nicht mehr mit ihm arbeiten könne, und Hitchcock drohte: »Dann werde ich deine Karriere ruinieren.« Was er auch tat. Er behielt sie unter Vertrag, zahlte ihr weiterhin ihren Wochenlohn, gab sie aber nicht für andere Regisseure frei. Er sagte Truffaut, der sie in »Fahrenheit 451« (1966) besetzen wollte, in ihrem Namen ab (Julie Christie spielte an ihrer Stelle), und auch die Hauptrollen in »Mirage« (Regie: Edward Dmytryk) und »Bedtime Story« (Regie: Ralph Levy) wurden auf sein Anraten von anderen gespielt. Als Hedren es ihrerseits ablehnte, in einem Fernsehfilm aufzutreten, verkaufte Hitchcock ihren Vertrag an Universal, wo sie in einer kleinen Rolle unter der Regie von Charlie Chaplin in »A Countess from Hong Kong« (1967) mit Marlon Brando und Sophia Loren eingesetzt wurde. Leider erwies sich dieser Film als einer der Flops des Jahrzehnts, und Hedrens Karriere war praktisch vorbei. Zwischen 1968 und 1973 spielte sie noch in vier marginalen Produktionen — »The Harrad Experiment« (Regie: Ted Post) mit Don Johnson dürfte die erwähnenswerteste sein —, danach zog sie sich weitestgehend zurück und arbeitet bis zum heutigen Tag für den Tierschutz. Sie lebt nördlich von Los Angeles mit über 60 Raubkatzen in einem Tierreservat namens Shambala.

François Truffaut bezeichnete »Marnie« als einen der »großen kranken Filme«, und man muss bei aller Liebe zu Hitchcock zugeben, dass es hier viel zu kritisieren gibt. Die etwas plumpe Psychologie des Drehbuches muss 1964 schon recht altmodisch gewirkt haben (der Film hätte besser in 1940er Jahre gepasst), die Sorgfalt bei den Spezialeffekten lässt sehr zu wünschen übrig, und die Rückprojektionen, auf die Hitchcock noch nie sonderlich viel Wert gelegt hatte, sind in »Marnie« wirklich schlampig und erwecken den Eindruck, es handele sich um ein schrilles Melodrama aus der B-Liga. Merkwürdigerweise tragen diese Fehler nur noch mehr zur Faszination bei, über die Jahrzehnte hinweg wurde »Marnie« — seinerzeit ein Flop, einer der bis dato schlimmsten in Hitchcocks Karriere — zu einem Kultfilm.
     Für Hitchcock bedeutete »Marnie« in vielerlei Hinsicht das Ende einer Ära. Seit 1951 hatte er ein Meisterwerk nach dem anderen gedreht, stets unterstützt von den besten Autoren (Raymond Chandler, George Tabori, John Michael Hayes, Maxwell Anderson, Ernest Lehman, Evan Hunter und andere) und den kassenträchtigsten Stars: James Stewart und Cary Grant drehten je vier Filme mit dem großen Meister, Grace Kelly und Ingrid Bergman jeweils drei. Hitchcock liebte es, mit immer denselben Leuten zu arbeiten. »Marnie« war der letzte Film des preisgekrönten Kameramannes Robert Burks, der insgesamt zwölf Hitchcock-Filme gedreht hatte und ein wirklicher Meister seines Fachs war, und es war auch der letzte Hitchcock-Film, den George Tomasini (neun Filme) schnitt und für den Bernard Herrmann (acht Filme) den Score komponierte. Es war auch der letzte Hitchcock-Film, der mit Tippi Hedren und Sean Connery wirkliches Starkino bot. Danach begann der Abstieg. Die nachfolgenden Werke »Torn Curtain« (1966) und »Topaz« (1969) wirken in seiner Filmographie etwas verloren und gelten nicht zu Unrecht als seine schwächsten Arbeiten. 1972 folgte die eiskalte Wut in »Frenzy«, einem zynischen, dreckigen und erstaunlich erfolgreichen Thriller, und 1976 schließlich die nette, auf Fernsehniveau dahinplätschernde Krimikomödie »Family Plot«. Keiner der letzten drei Hitchcocks hatte wirkliche Stars: Frederick Stafford, Karin Dor, Jon Finch, Barry Foster, Anna Massey, Bruce Dern und Barbara Harris waren unbestreitbar gute Schauspieler, aber eben keine Stars wie Cary Grant oder Grace Kelly, auf die sich Hitchcock über Jahrzehnte verlassen hatte. Der Niedergang des Studiosystems und des Starkinos war auch für das Œuvre Alfred Hitchcocks das Ende.

Finger weg von der deutschen DVD! Universal Deutschland hat einige seiner besten Filme in schäbigster Qualität auf den Markt geworfen. Es fehlt etwa ein Drittel des Bildes — ein Verbrechen, ganz besonders, wenn man weiß, wie wichtig gerade für Hitchcock die Bildkomposition war! —, der Ton ist mies, die Farben blass und sogar leicht verwaschen, die Schärfe stimmt auch nicht immer. In den USA gibt es »The Birds« und »Marnie« im Originalformat 1.85:1, edel restauriert und in bester Bild- und Tonqualität. Sehr sehenswert auch die Dokumentationen »All About The Birds« und »The Troube with Marnie«, die sich auf den DVDs finden. Buchtipp: »Hitchcock and the Making of ›Marnie‹« von Tony Lee Moral.

André Schneider

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