2. Januar 2015

Abgesehen von regelmäßigen Filmtipps und Neuigkeiten bezüglich One Deep Breath habe ich seit Brüssel hier nichts mehr veröffentlicht. Das Leben überschlug sich regelrecht. Es war ein Salto. Mein Misstrauen, dieses komische Bauchgefühl, von dem ich im November schrieb, hat nicht getrogen: Zweieinhalb Wochen nach meinem Vorstellungsgespräch revidierte die Brüsseler Chefin ihre »feste Zusage« per E-Mail. (Telefonisch war sie, wie sollte es anders sein, nicht erreichbar gewesen.) Grund: Der Mann, dessen Job ich zum 2. Januar hätte übernehmen sollen, hatte seine Kündigung zurückgezogen, und sie wollte ihn — das müsse ich doch verstehen — gerne behalten. Es gäbe da ein Restaurant, nur ein paar Straßen weiter, das händeringend fleißige Arbeitskräfte suche, ich würde sicher schnell einen tollen Job in Brüssel finden, sie wünsche mir alles Gute. Das Demütigende war, dass ich mir diese Absage praktisch abholen musste, von sich aus hätte sich die Dame vermutlich gar nicht gemeldet. Meine Probezeit hätte heute um 6:30 Uhr begonnen, ich wäre pünktlich da gewesen, gestrandet in Brüssel, ohne Krankenversicherung, ohne Job und ohne feste Bleibe. Denn ich hatte meine Zelte in Berlin schon abgebrochen, mein Konto aufgelöst, Nebenjob und Krankenversicherung gekündigt, das Übergangszimmer in Brüssel angezahlt — und dem entnervten Thorsten hatte ich hoch und heilig versprochen, dass ich, komme was da wolle, Erdbeben, Sintflut, Seuche ausgenommen, Weihnachten verschwunden sein würde. Zwischen dem 22. und dem 26. November besichtigte ich ein Dutzend Wohnungen und drei WG-Zimmer in allen möglichen und unmöglichen Bezirken, und einen Tag vor meinem Abflug nach Paris trudelte telefonisch die Zusage für ein überteuertes Renovierungsobjekt ein. Ich unterschrieb den Mietvertrag sofort, nahm einen Kleinkredit auf und packte meine Siebensachen. Bis zum Umzugstermin hatte ich vier Tage in Paris, um One Deep Breath vorzustellen und den neuen Filmvertrag mit Optimale abzuschließen, und zehn Tage, um aus dem Loch ein bewohnbares Etwas zu machen. Zum Glück konnte ich meinen Job behalten! Zum Glück unterstützten mich meine Chefs, indem sie mir den Transporter liehen, wann immer ich zum Baumarkt musste! Zum Glück war meine Schwester da, um mich zu unterstützen! Und zum Glück ging der Umzug am 13. Dezember relativ schmerzfrei vonstatten, da praktisch alle, die mir ihre Hilfe zugesagt hatten, tatsächlich aufkreuzten.

von links nach rechts: ich, Antony, Hervé, Manu & Biño.

von links nach rechts: ich, Antony, Hervé, Manu & Biño.

Stolz, nach 2010 und 2012 bereits zum dritten Mal mit einem Film beim Festival Chéries-Chéris vertreten zu sein, flatterte ich am 28. November mit dem ersten Flieger nach Paris. Das Festival feierte seinen 20. Geburtstag, und die neuen Veranstalter hatten zum Jubiläum ein ganz besonderes Programm zusammengestellt. Zum ersten Mal fand es in den MK2-Kinos Beaubourg und Bibliothèque statt. Ich schlief bei Antony, lernte seinen neuen Freund kennen — ein französisch-charmanter Luftikus — und Gill, unsere Übersetzerin. Was für eine außergewöhnliche Frau! Eine sanfte Kämpferin. Engländerin, vor 25 Jahren nach Frankreich gezogen, ohne auch nur ein Wort Französisch zu sprechen. Inzwischen hat sie beide Staatsbürgerschaften und renoviert draußen auf dem Land alte Bauernhäuser. Eine tiefe Übereinstimmung und Vertrautheit, unsere Gespräche gingen sofort in die Tiefe: Was es beispielsweise bedeutet, einen geliebten Menschen durch Selbstmord zu verlieren und wie man allmählich wieder ins Leben zurückfindet. Wieso mein Englisch so gut sei, wollte sie wissen, und ich erzählte ihr von den Sprachferien in Christchurch, Folkestone und London sowie den Austauschprogrammen mit Irland und Iowa. »Ich ging einen Sommer lang in Putney zur Schule«, sagte ich, und sie erwiderte, dass sie ganz in der Nähe aufgewachsen sei. Auch das einte uns. Dank Gill habe ich im Alter von 36 Jahren endlich »mein« Teegeschäft gefunden: L’Autre Thé in der Rue Lacharrière. Sie legte mir das kleine Lädchen allerwärmstens ans Herz, ich würde nichts Besseres finden. Sie hat nicht übertrieben. Ich deckte mich mit einer kleinen Auswahl an Schwarztees ein und werde, sollten sie alle sein, per Internet Nachschub bestellen.
Die Vorführung von One Deep Breath hätte nicht besser laufen können. Der Saal war praktisch ausverkauft, und während der Projektion war es mucksmäuschenstill, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Am Ende frenetischer Applaus und eine Euphorie, wie sie einem wohl nur in Frankreich entgegen gebracht werden kann. Vor dem Kino stand Thomas Laroppe vor mir, wir strahlten uns an und nahmen einander ganz fest in den Arm. Ohne etwas zu sagen, hielten wir einander für einige Minuten. Letztes Jahr hatten wir nur einen gemeinsamen Drehtag, aber unsere Verbindung war sofort »da«. Als wir unsere Szene in dem kleinen Dachgeschosszimmer in Pantin probten, genügte ein Blick von ihm, und meine Tränen flossen nur so aus ihren Kanälen. Ich sagte ihm, dass ich ihn vor meiner Abreise unbedingt noch einmal treffen müsse, und so verabredeten wir uns im Café de l’industrie und redeten drei Stunden über Gott und die Welt. Bevor unsere Wege sich trennten, sagte ich ihm: »Ich unterschreibe morgen bei meinem Verleih einen Teilfinanzierungsvertrag für den nächsten Film, und ich möchte unbedingt, dass du dabei bist.« Er schien überrascht.
Ich lernte Ron Peck kennen, den Regisseur von »Nighthawks« (1978) und ein Freund von Antony. Er war ein enger Mitarbeiter Derek Jarmans gewesen und wusste viel zu erzählen. Ich sah Ingos Nordland auf der großen Leinwand, den Experimenalfilm »Le ciel au-dessus de Bastille« (Regie: Sothean Nhieim), in dem Antony die Hauptrolle spielte, sowie »Yo soy la felicidad de este mundo« (2014), einen dieser überlangen, hohl-ästhetischen Filme von Julián Hernández, die allseits so gemocht werden. Wenn ich nicht im Kino war oder Tees aussuchte, traf ich mich zu kurzen Gesprächen mit Martin Freudenstein, Alexandre Vallès oder Hervé Joseph Lebrun. Alexandre möchte, dass wir einen Film zusammen machen. Gerne. Nur wann? Wo? Und vor allem: Was??
Am 1. Dezember unterschrieb ich den neuen Vertrag mit Optimale. Wieder hatte ich dieses Gefühl, mich freuen zu müssen, es aber nicht zu können. Natürlich ist es gut, dass es »irgendwie weitergeht«, dass man mir ein wenig Geld gibt, um einen Film zu machen, aber es fehlen noch 55% des kalkulierten Budgets, und ich habe jetzt einen Abgabetermin im Nacken, der mich beunruhigt. Zudem befürchte ich, dass der eigene Film mit Antonys Filmplänen kollidieren könnte, der ebenfalls für 2015 angesetzt ist: »Where Horses Go to Die«. In seinem Wohnzimmer erzählte mir Antony von der Rolle, für die er mich im Auge hatte; ein junger Mann aus Manchester, eine der vier Hauptrollen. Ich sagte ihm, dass ich vermutlich nicht der Richtige für den Part sei; ich könne den Akzent zwar imitieren, aber frei spielen und improvisieren sei ein Ding der Unmöglichkeit. Es wäre nicht gut für den Film, eine kleinere Rolle sei mir lieber. Ich war stolz, das sagen zu können; noch vor wenigen Jahren wäre mir so ein Vorschlag bestimmt nicht über die Lippen gekommen. Ich sagte Antony, dass ich mich auf die erneute Zusammenarbeit freue und froh bin, Teil dieses Films zu sein, vor allem, weil es sich hierbei um sein großes Herzensprojekt handelt und weil Manu und Stéphanie auch wieder dabei sein werden.

Schnee im neuen Kiez.

Schnee im neuen Kiez.

Zu den freudigsten Erlebnissen der letzten Monate gehörte das Wiedersehen mit Connie, die ich seit dem Abitur nicht mehr getroffen hatte. Ohne es zu ahnen, waren wir lange Jahre fast Nachbarn gewesen. Im November und Dezember tranken wir einige Tassen Tee zusammen und redeten über alte und neue Zeiten. Wir trafen uns im Arsenal, um Ingo Biermanns »Voice« (2014) zu schauen; ein starkes Stück Kino, das mich mal wieder lange beschäftigte. Ingo hatte ich seit November 2005 nicht mehr gesehen, oder besser: nicht mehr gesprochen. Da war die unselige Premiere von »Glastage« im Frühjahr 2007, und einmal begegnete er mir auf der Straße, ohne mich zu erkennen, aber gesprochen hatten wir seit dem Debakel während des »Glastage«-Drehs nicht mehr. Seit einigen Wochen tauschen wir wieder freundliche E-Mails. Doch ich fürchte, mein Wunsch, eines Tages noch einmal in einem Biermann-Film dabei sein zu dürfen, ist ein ganz, ganz ferner. Und noch eine dritte Wiederbegegnung: Dennis, mein bester Freund aus Schultagen, mit dem ich im Mai 2004 zum letzten Mal telefoniert hatte. Wir fremdelten bei unserem Wiedersehen, was nach über zehn Jahren natürlich und verständlich ist.
Das unfreudigste Ereignis im Dezember war zweifelsohne der Fahrradunfall. Zwei Tage vorm Umzug. Die rechte Schulter und der Oberarm waren so verdreht und überdehnt, dass ich noch Wochen später Schmerzen hatte. Komischerweise hatte ich wenige Tage nach dem Unfall diesen merkwürdigen Alptraum, in dem mir beide Füße amputiert werden mussten. Wieso die Füße?
Der letzte Kinofilm 2014 war »Horrible Bosses 2« (Regie: Sean Anders). Erster Film in der neuen Wohnung: »Lilo & Stitch« (Regie: Dean DeBlois, Chris Sanders). Erste CD in der neuen Wohnung: Dumè: »La moitié du chemin«. Erstes Buch: Patti Smith: »Woolgathering«. Erstes Abendessen: Pasta mit Spinat und Sahnesauce. Letzte Tränen 2014: Der Tod von Luise Rainer.
Heute kommt endlich der Kühlschrank. Bis zum Februar wird hoffentlich alles fertig sein.
Hoffe, Euer Jahreswechsel war so schön wie meiner. Möge uns 2015 vieles von dem bringen, was wir uns wünschen. Auf bald,

André

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