Filmtipp #202: The Girl

The Girl

Originaltitel: The Girl; Regie: Julian Jarrold; Drehbuch: Gwyneth Hughes; Kamera: John Pardue; Musik: Philip Miller; Darsteller: Toby Jones, Sienna Miller, Imelda Staunton, Carl Beukes, Penelope Wilton. USA/GB/Südafrika 2012.

The Girl

Ihre Karriere liest sich wie ein Märchen: Nathalie Kay Hedren wurde am 19. Januar 1930 in New Ulm, Minnesota, in ärmliche Verhältnisse hineingeboren. Ihr Vater, Bernard Hedren, war der Sohn schwedischer Einwanderer und betrieb in Lafayette, dem Nachbarort von New Ulm, einen kleinen Gemischtwarenladen, ihre deutschstämmige Mutter Dorothea war Grundschullehrerin. Weil sie so zierlich war, gab ihr Vater ihr den Spitznamen Tippi, was soviel heißt wie »kleines Mädchen«. Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester Patty, die eine kleine Abenteurerin war, war Tippi ein eher ängstliches und schüchternes Mädchen, das viel las, gerne zur Kirche ging und von einer Karriere als Eiskunstläuferin träumte.
     Sie war 13, als sie vom Inhaber eines örtlichen Modegeschäftes angesprochen wurde, ob sie nicht Lust hätte, bei einer Modenschau mitzumachen. Schon bald modelte der Teenager regelmäßig und jobbte samstags als Verkäuferin. Da es um die Gesundheit ihres Vaters nicht gut bestellt war, brauchte die Familie jeden Cent. Da die langen Winter in Minnesota den Gesundheitszustand Bernard Hedrens zunehmend verschlechtert hatten, zog die Familie nach Ende des Krieges ins sonnige Kalifornien. Hier modelte Tippi bald nicht nur in Modegeschäften, sondern auch für Magazine. In der Komödie »The Petty Girl« (Regie: Henry Levin) war sie im Alter von 19 als Statistin zu sehen. Aber sie hatte keine Ambitionen, Schauspielerin zu werden — sie wollte nach New York, hinein in die Modewelt. Als sie genug Geld für ein Zugbillet gespart hatte, fuhr sie cross-country nach Manhattan, checkte ins berühmte Barbizon an der Lexington Avenue ein und stellte sich bei Eileen Ford vor. Binnen einer Woche hatte die 21jährige unglaubliche 350 Dollar verdient — der Beginn einer zehnjährigen Modelkarriere.
     1952 heiratete sie Peter Griffith, einen drei Jahre jüngeren New Yorker, der als Kind in Broadwayshows (unter anderem Kurt Weills »Street Scene«, 1947) aufgetreten war und den sie im Vorjahr kennen gelernt hatte, als sie beide als Komparsen für eine Fernsehsendung gebucht waren. Fünf Jahre später kam ihre Tochter Melanie zur Welt. Tippis Modelkarriere florierte weiterhin, und Peter wurde Wohnungsmakler.
     Als Tippi im Sommer 1961 zurück nach Kalifornien zog, war sie frisch geschieden und befand sich auch beruflich in einer Krise. Sie wollte nun vermehrt Werbespots drehen, vielleicht doch in Richtung Fernsehen gehen. Vor allem aber wollte sie, dass ihre vierjährige Tochter in der Nähe der Großeltern aufwächst, in einem Haus mit Garten, wo sie auch draußen spielen kann.
     Sie war nicht ganz zwei Monate in Los Angeles, als sie einen Anruf erhielt: Ein Produzent habe sie in einem Werbespot gesehen und wolle sie kennen lernen. Sie möge sich bitte mit ihrer Fotomappe in den Universal Studios einfinden. Es war Freitag, der 13. Oktober 1961. Sie fuhr zu den Filmstudios, überließ den Agenten dort ihre Filmrollen und Fotos und wurde gebeten, am Montag wieder zu kommen. Sie wusste nicht, dass der interessierte Produzent Alfred Hitchcock war, nach »Psycho« (1960) auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Er hatte sie zwei Tage zuvor in einer Reklame für das Diät-Getränk Sego gesehen und seine Agenten instruiert: »Find the girl!«
    
Als Hedren am Montag ihre Sachen abholen wollte, hatten sich Hitchcock und seine Frau Alma längst entschieden. Sie wurde von einem Büro zum nächsten geschickt, wurde immer neugieriger und unruhiger. Schließlich fragte sie Herman Citron, einer der Agenten bei MCA, der damals wichtigsten Agentur Hollywoods: »Sie möchten sicher wissen, wer der Produzent ist, der Sie kennen lernen möchte?« — »Ja.« — »Alfred Hitchcock möchte Sie für sieben Jahre unter Vertrag nehmen. Wenn Sie mit den Modalitäten einverstanden sind und unterschrieben haben, gehen wir zu ihm.«
     Der Rest ist Filmgeschichte. Hedren unterschrieb einen exklusiven Vertrag, der sie über sieben Jahre an den legendären Filmemacher binden sollte, und Hitchcock wollte sie zu einem der größten Stars der Filmwelt aufbauen. Zunächst organisierte er die teuersten Probeaufnahmen, die es bis dato gegeben hatte. Dann beauftragte er Edith Head, seinem Schützling eine verschwenderische Garderobe für alle Gelegenheiten zu entwerfen. Ihr Make-up wurde neu gestylt, ihre Frisuren von dem Pariser Starfigaro Alexandre kreiert, ihre Accessoires von Hitchcock persönlich ausgewählt. Die besten Fotografen Hollywoods setzten seine Neuentdeckung in Szene. »The Birds« (1963) war sein anspruchsvollster, ehrgeizigster Film, die Promotion war ausgeklügelt und gigantisch, Hitchcock und Hedren auf allen Titelblättern und in aller Munde. Sie war, das betonte Hitchcock immer wieder, seine Kreation, seine ideale Blondine. Doch leider kam es während der Arbeiten an ihrem zweiten gemeinsamen Film, dem Melodrama Marnie, zu heftigen Spannungen, die schließlich zum Zerwürfnis und zum Ende der Zusammenarbeit führten.

Fünf Jahrzehnte später fabrizierte der US-amerikanische Fernsehsender HBO in Zusammenarbeit mit der BBC eine höchst spekulative und trotz massiver Herstellungskosten irgendwie billig aussehende Schmonzette über diese dreijährige Episode aus Hitchcocks Leben. Man orientierte sich hemmungslos an den reißerischen Biographien des Klatsch-Autors Donald Spoto (»Spellbound by Beauty: Alfred Hitchcock and His Leading Ladies«), in denen Hitchcock als geisteskranker Kontrollfreak mit massiven sexuellen Problemen dargestellt wird. Toby Jones, hauptsächlich als voice artist tätig, leistet einerseits gute Arbeit: Wenn man die Augen schließt und sich nur auf seine Sprechweise konzentriert, glaubt man tatsächlich, den großen Meister zu hören. Tippi Hedren soll sich bei der Erstvorführung des Films erschrocken haben, als sie Jones/Hitchcock sprechen hörte. Leider endet Jones’ Kompetenz bei der Stimme. Der Rest der Darstellung ist recht einseitig: Hitchcock ist hier ein grobschlächtiges Monster, das »seine« Schauspielerin unentwegt sexuell belästigt, bedrängt und zu kontrollieren versucht. Als sie einen Kuss zurückweist, »rächt« er sich am nächsten Drehtag, indem er einen künstlichen Vogel vor ihrem Gesicht in eine Scheibe krachen lässt, so dass ihr Gesicht von Glassplittern zerschnitten wird. Die Maskenbildner taten ihr Bestes, um Jones auch optisch in ein Ungeheuer zu verwandeln.
     Sienna Miller spielt Tippi Hedren als selbstbewusste, unabhängige Frau, die sich nichts gefallen lässt und bemüht ist, sich nichts anmerken zu lassen und ihren Job diszipliniert zu erledigen. Hedren soll mit Millers Darstellung zufrieden gewesen sein. Man kann nicht abstreiten, dass sich die Aktrice in ihrem Spiel die allergrößte Mühe gegeben hat, doch ihr fehlt einfach die Klasse des Originals. Da ist keine Eleganz, keine Ausstrahlung. Wir erinnern uns an Lindsay Lohan als Elizabeth Taylor? Oder an Jessica Schwarz als Romy Schneider? Oder an Mira Sorvino als Marilyn Monroe? Dieses Jahr kommt noch Nicole Kidman als Grace Kelly auf uns zu. Manche Dinge funktionieren einfach nicht. Weiter möchte ich mich darüber nicht auslassen.
     Wenn man akzeptiert, dass das Ganze einfach platt und haltlos übertrieben ist, kann man an »The Girl« durchaus seine Freude haben. Das Filmchen wurde komplett in Südafrika gedreht, was als Kalifornien der frühen sechziger Jahre überzeugt. Imelda Staunton gibt eine wirklich bewundernswerte Vorstellung als Hitchcocks verständnisvoll-geduldige Gattin Alma und schenkt »The Girl« in ihren Szenen einen Hauch jener Klasse, um die sich Regisseur Julian Jarrold ansonsten vergeblich bemüht.

Nach seiner Ausstrahlung im Oktober 2012 wurde »The Girl« kontrovers diskutiert. Einige noch lebende Mitarbeiter und Freunde der Hitchcocks meldeten sich zu Wort und beschrieben den Film zu Recht als einen Affront. Für Tippi Hedren bedeutete der Streifen einen gewaltigen Popularitätsschub. Die damals 82jährige brach nach 50 Jahren ihr Schweigen und tourte mit ihrer Geschichte durch die Talkshows; Hitchcock habe ihre Karriere ruiniert, aber nicht ihr Leben, verkündete sie. Und natürlich bedauere sie, dass in »The Girl« die positiven Seiten (aus Zeitgründen) ausgespart werden mussten. Sie sei immer in der Lage gewesen, den Regisseur Hitchcock von dem Privatmann zu trennen. Als Filmemacher sei er brillant und genial, als Mann jedoch schrecklich gewesen.
     Schon als 13jähriger hatte ich gedacht, dass die Hitchcock/Hedren-Geschichte einen spannenden Film ergeben könnte. 20 Jahre hatte ich auf die Verfilmung gewartet, das Ergebnis war recht ernüchternd. Nun, vielleicht versucht eines Tages noch einmal jemand, die Geschichte etwas differenzierter umzusetzen. Trotz allem wurde »The Girl« (unter anderem) für drei Golden Globes (Jones, Miller und Bester Fernsehfilm) nominiert.

André Schneider

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