Filmtipp #118 & #119: Ich beichte & Der falsche Mann

Zwischen den bunten, aufregenden, unterhaltsam »leichten« Thrillern, die Alfred Hitchcock in den Fünfzigern drehte, entstanden zwei düstere Kriminaldramen in nüchternem Schwarzweiß; deprimierende Stoffe, überladen mit Symbolen des Katholizismus, ernsthaft, traurig, schnörkellos: »I Confess« und »The Wrong Man«, beides Herzensanliegen des großen Meisters, die neben »Vertigo« (1958) zu seinen persönlichsten Arbeiten gehören dürften. Beide Filme zählen (wie Marnie) zu den umstrittensten Werken Hitchcocks und sind bis heute vergleichsweise unbekannt geblieben. (Einige seiner anderen Filme aus dieser Zeit waren »Dial M for Murder« (1953), »Rear Window« (1954), »To Catch a Thief« (1955) und »The Trouble With Harry« (1955).)
     War die Kritik zwiegespalten, so waren sich zumindest die Zuschauer einig und blieben den Lichtspielhäusern fern: sowohl »I Confess« als auch »The Wrong Man« wurden herbe Misserfolge für den erfolgsverwöhnten Filmemacher. Hauptgrund dafür dürfte die Humorlosigkeit beider Streifen sein, die durchweg düstere, bedrückende Stimmung. Hitchcock war immer ein Garant für gute Unterhaltung gewesen, und so gut beide Filme auch sind: leichte Kost sind sie bei weitem nicht und fallen schon deswegen aus dem Rahmen. Höchste Zeit, sich diese übersehenen Meisterwerke noch einmal genauer anzusehen.

Ich beichte

Originaltitel: I Confess; Regie: Alfred Hitchcock; Drehbuch: George Tabori, William Archibald; Kamera: Robert Burks; Musik: Dimitri Tiomkin; Darsteller: Montgomery Clift, Anne Baxter, Karl Malden, O. E. Hasse, Dolly Haas. USA 1953.

I Confess

Nach dem reißerischen Kassenknüller »Strangers on a Train« (1951) schaltete Hitchcock einen Gang runter und drehte mit »I Confess« — der hierzulande auch unter dem Titel »Zum Schweigen verurteilt« lief — einen Krimi über einen Geistlichen, der in einem moralischen Dilemma steckt.
     Der deutsche Einwanderer Otto Keller (O. E. Hasse), Küster in einer Kirche in Quebec, beichtet dem jungen Pater Logan (Montgomery Clift) einen Mord. Unglücklicherweise schlittert der Priester selbst in den Verdacht, das Verbrechen begangen zu haben, zumal er die Anschuldigungen weder durch ein glaubhaftes Alibi noch durch die Aufdeckung des wahren Mörders widerlegen kann, da er als katholischer Geistlicher an das Beichtgeheimnis gebunden ist. Als Pater Logans Situation immer unerträglicher wird, stellt sich Kellers Frau Alma (wundervoll: Dolly Haas) gegen ihren Mann.
     Visuell ist »I Confess« zweifelsohne von den frühen Filmen Fritz Langs und vom deutschen Expressionismus inspiriert. Die mächtigen Bauwerke Quebecs wurden von Robert Burks bedrohlich-silhouettenhaft eingefangen, in vielen Bildausschnitten finden sich Kreuze und andere katholische Symbole. Hitchcock, selbst streng katholisch als Jesuitenschüler aufgewachsen, wollte sich mit diesem Film kritisch mit den Themen Katholizismus und Doppelmoral befassen.
     Etwas störend empfindet man die etwas zu gewollt daherkommende Liebesgeschichte mit Anne Baxter, aber da man den bildschönen Montgomery Clift nicht den ganzen Film über als keuschen Geistlichen vorführen wollte, baute man in einigen Rückblenden eine Liebesaffäre ein, die Pater Logan vor seiner Priesterweihe mit einer attraktiven Frau hatte. Für diese Rolle hatte sich Hitchcock die schwedische Schauspielerin Anita Björk gewünscht, die durch die Strindberg-Adaption »Fröken Julie« (Regie: Alf Sjöberg) berühmt geworden war. Als diese jedoch zwei Wochen vor Drehbeginn mit ihrem Liebhaber und einem unehelichen Kind in Hollywood eintraf, herrschte bei Warner Brothers das blanke Entsetzen. Björk wurde gefeuert und musste umgehend die Heimreise antreten. Mit Anne Baxter als zweiter Wahl war Hitchcock nicht sonderlich glücklich.
     Karl Malden tritt als Polizist auf, Brian Aherne, Roger Dann und Charles André sind in weiteren Nebenrollen zu sehen, doch weder sie noch der phantastische Montgomery Clift können sich mit O. E. Hasse und der unnachahmlichen Dolly Haas messen, die hier einen der rührendsten Momente in Hitchcocks gesamten Œuvre innehat.

Der falsche Mann

Originaltitel: The Wrong Man; Regie: Alfred Hitchcock; Drehbuch: Maxwell Anderson, Angus McPhail; Kamera: Robert Burks; Musik: Bernard Herrmann; Darsteller: Henry Fonda, Vera Miles, Anthony Quayle, Harold J. Stone, Doreen Lang. USA 1957.

The Wrong Man

Durch den Siegeszug des Fernsehens hatte sich die Misere der Filmgesellschaften in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre drastisch verschärft. Man hatte sich bemüht, mit Technicolor, 3D und verschiedenen Breitwandverfahren dem kleinen schwarzen Kasten etwas Neues entgegenzusetzen, dennoch waren die Ticketverkäufe von Jahr zu Jahr weiter gesunken, so dass schließlich überall radikale Sparmaßnahmen ergriffen werden mussten. Da Hitchcock für die Thematik des unschuldig verfolgten Mannes seit seinen frühen Stummfilmen ein Faible hatte, versprach er Warner Brothers, sein neues Projekt »The Wrong Man« ohne Honorar zu realisieren. Schon 1952 war er durch Maxwell Andersons »Life«-Artikel auf den Fall des Musikers Manny Balestrero (im Film von Henry Fonda gespielt) aufmerksam geworden. Balestrero war verdächtigt worden, mehrere schwere Raubüberfälle begangen zu haben und geriet als Unschuldiger in die Mühlen der Justiz, da er kein plausibles Alibi vorweisen konnte. Im Laufe des Prozesses war seine Familie zerbrochen; seine Frau Rose (Vera Miles) hatte den Verstand verloren und musste in ein Sanatorium eingewiesen werden. Erst durch einen Zufall gelang es der Polizei, den richtigen Täter festzunehmen, der Balestrero fast aufs Haar glich.
     Mit »The Wrong Man« entstand zwischen den farbenfrohen Meisterwerken »The Man Who Knew Too Much« (1956) und »Vertigo« (1958) ein bedächtig inszeniertes, sachlich-karges menschliches Drama vor kriminellem Hintergrund, ein Film ohne Knalleffekte und kalkulierte Schocksequenzen. Dennoch gelang hier ein ebenso beunruhigender wie bedrückender Horrortrip. Sich an Neorealisten wie Roberto Rossellini orientierend, entschied Hitchcock, den dokumentarischen Aspekt der Geschichte zu betonen und die Fiktion in den Hintergrund zu verbannen; er verzichtete sogar auf seinen traditionellen Kurzauftritt, um jedes effekthascherische Moment zu vermeiden. (Dafür spricht er anfangs silhouettenhaft ausgeleuchtet einen kleinen Prolog und führt den Zuschauer so in den Film ein.) »The Wrong Man« ist äußerst behutsam und detailverliebt inszeniert worden. Hitchcock, der Außenaufnahmen wie die Pest hasste und am liebsten im Studio arbeitete, drehte diesen Film weitestgehend vor Ort in New York City und legte bei den Studioaufnahmen größten Wert auf Realismus. Der für seine wirklichkeitsnahen Dialoge gerühmte Broadway-Autor Maxwell Anderson verfasste das Drehbuch, Bernard Herrmann komponierte einen quälenden, dezenten Soundtrack, Robert Burks’ Kamera ist — mit zwei kurzen Ausnahmen — praktisch halbdokumentarisch auf Augenhöhe mit den Protagonisten, Henry Fonda gibt als unschuldig Verfolgter eine Bestvorstellung, und Vera Miles (23 Paces to Baker Street), eine von Hitchcocks kühl-blonden Entdeckungen, ist in ihrer Glaubwürdigkeit und Subtilität absolut oscarreif.

André Schneider

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