Filmtipp #420: Der unsichtbare Dritte

Der unsichtbare Dritte

Originaltitel: North by Northwest; Regie: Alfred Hitchcock; Drehbuch: Ernest Lehman; Kamera: Robert Burks; Musik: Bernard Herrmann; Darsteller: Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Jessie Royce Landis, Leo G. Carroll. USA 1959.

north by northwest

Die Essenz eines Films in Bildern, die über Dekaden hinweg in der Erinnerung bleiben, ohne dass man ihn wiedersehen muss — bei wenigen Regisseuren funktioniert das so gut wie bei Hitchcock. Hier ist es die berühmte Maisfeldszene: Cary Grant, der allein und verlassen in der einsamen Weite einer Ackerlandschaft steht, die sich endlos bis zum Horizont erstreckt. Flach, soweit das Auge reicht, ohne Strauch, Baum, Erhebung, ohne etwas, das Deckung bieten könnte vor dem Flugzeug, das ihn im Tiefflug vor sich hertreibt wie der Jäger einen Hasen. Diese Szene ist zur Chiffre geworden für die Ohnmacht all der unschuldig Verfolgten in den Filmen Alfred Hitchcocks. All die »falschen Männer«, die aus ihrem Leben geworfen werden, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind und davonrennen, ohne genau zu wissen, wovor.
Schon der Titelvorspann mit der mitreißenden Musik Bernard Herrmanns und der von Saul Bass designten Gitterstruktur auf der Fassade eines Wolkenkratzers stimmt auf ein dynamisches Werk ein, das mit 136 Minuten längste in Hitchcocks Œuvre. So wie dieses Bürogebäude in der Mitte Manhattans ließe sich auch die Struktur von »North by Northwest« graphisch wiedergeben: als Diagramm sich kreuzender Wege. Alles an »North by Northwest« ist pure Bewegung. Darauf weist schon der rätselhafte Titel hin, der lediglich die Richtung der Bewegung festlegt: »In a Northwesternly Direction« sollte der Film ursprünglich heißen und von New York über Rapid City weiter nach Alaska führen. Wie Perlen fädelten Hitchcock und sein Autor Ernest Lehman die losen Szenen, die der Ausgangspunkt des Plots waren, auf den Handlungsfaden. Das Drehbuch erhielt dann auch eine der drei Nominierungen für den Oscar (die anderen beiden gingen an George Tomasini für den Schnitt und an das fünfköpfige Team, das für die Bauten verantwortlich zeichnete). Alle Stilmittel unterstützen das Moment der Bewegung: der drive der Kamerabewegungen und Kranfahrten, die Dynamik des Schnitts, der treibende Rhythmus von Bernard Herrmanns Kompositionen. Dabei steht diese klare Angabe der Richtung im harschen Kontrast zur Befindlichkeit des Helden Roger O. Thornhill (Grant), der vollkommen orientierungslos ist.

Mit Eva Marie Saint tritt in »North by Northwest« die aufregendste Hitchcock-Blondine auf, die nicht Tippi Hedren oder Grace Kelly war. Der Meister verordnete ihr vor dem Dreh einen neuen Haarschnitt und suchte gemeinsam mit ihr die Garderobe aus, um aus der method actress und Oscarpreisträgerin eine Dame zu machen, die weiße Handschuhe trägt und eine tanzstundenerprobte Haltung an den Tag legt, um sich hinter verschlossenen Türen in ein Luder zu verwandeln. Während sie und Cary Grant den von Hitchcock so geschätzten Glamour repräsentieren, gibt James Mason uns den Schurken, der so distinguiert und zivilisiert ist, wie man sich einen Bösewicht nur vorstellen kann, und Martin Landau spielt dessen latent homosexuellen Handlanger. Während Cary Grant von der Polizei als Mörder und von einer Bande böser Agenten als vermeintlicher Spion verfolgt wird, entspinnt sich auf der Flucht die obligatorische Romanze zwischen ihm und Eva Marie, die, wie er erkennen muss, (scheinbar) ein doppeltes Spiel spielt. Leo G. Carroll ist einer von den Guten, und Jessie Royce Landis ist einmal mehr als scharfzüngige Mutter zu bewundern. — »North by Northwest« gehört laut IMDb zu dem 70 besten Filmen aller Zeiten und ist ein absolutes must-have in jeder Sammlung! Es war Hitchcocks einzige Arbeit für MGM und im Prinzip sein letzter »leichter« Film. 1960 begann mit Psycho seine späte Schaffensperiode, in der mit »The Birds« (1963), Marnie und Frenzy seine düstersten Werke entstanden.

»North by Northwest« ist gewissermaßen die Summe der amerikanischen Filme Hitchcocks. Eine Fülle altbekannter Motive und Konstruktionen werden hier noch einmal lustvoll variiert und elegant verwoben: Das Faible für verführerische, zwielichtige, blonde Frauen. Die Vorliebe für vertauschte Identitäten. Der ironische Kommentar zu symbiotisch engen Mutter-Sohn-Beziehungen. Der unschuldig verfolgte Held. Die diebische Freude daran, Nationaldenkmäler wie die Präsidentenköpfe des Mount Rushmore als Klettergerüste für Jäger und Gejagte zu missbrauchen. Die Lust am Spiel gegen die Erwartungen und Konventionen: Die Weite und die Helligkeit dieses Films, der Glanz seiner Oberflächen und die Eleganz der Anzüge Cary Grants, kurzum, alles, was der Dunkelheit, der Angst, dem Dreck, der Schmuddelgkeit von Verbrechen und Tod widerspricht. Unter all den sophisticated thrillers, die Hitchcock in den USA drehte, ist »North by Northwest« der schönste und leichteste, der Vollkommenheit am nächsten kommende. Die paradoxen Konstruktionen: Dass man beispielsweise in einer Menschenmenge untertauchen kann, gerade indem man die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Oder die verblüffende Erkenntnis, dass entwaffnende Offenheit eine bessere Tarnung ist als die Heimlichtuerei. Das Vergnügen, einen nichtigen Vorwand, seinen berühmt-berüchtigten MacGuffin, zum Motor eines ganzen Films zu machen. Und schlussendlich die Souveränität, mit der Hitchcock Wahrscheinlichkeit und Logik in den Wind schlägt.

André Schneider

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