26. Juni 2017

Chelito schnarcht so laut, dass ich nicht mehr schlafen kann. Es ist noch nicht fünf Uhr. Die Regenfälle, die uns seit Donnerstag in Abständen heimsuchen, haben für Abkühlung gesorgt. Mein Morgentee steht vor mir, ich begehe meine letzte freie Woche, bevor ich kommenden Montag die neue Stelle antrete. Hinter mir liegen zwei Monate des Krankseins, die ich besser hätte für mich nutzen können und sollen. Der Verdruss darüber schlägt unversehens in die Depressions-Kerbe, so dass ich mich weigere, tiefer darüber nachzudenken. Immerhin radle ich jeden zweiten Tag diszipliniert ins Sportstudio und warte geduldig (und bislang vergeblich) darauf, dass endlich die versprochenen Endorphine ausgeschüttet werden und/oder sich im Bereich der Gewichtsreduktion etwas tut.

Geschenk von Ian.

Vorgestern waren wir in Friedrichshagen. Ich war überrascht, wie schön es dort ist. Wir haben uns regelrecht verliebt in die hübschen Häuser, die charmante Einkaufsstraße, das Grün, den See. Die Mieten dort sind erschwinglich. Schade, dass man so schlecht angebunden ist. Ohne Auto und mit einem Job in der Innenstadt ist das sehr unbequem. Chelitos linkes Hinterbeinchen macht ihm Probleme. Die Kniescheibe rutscht immer wieder raus. Es täte nicht weh, meinten die beiden Tierärzte unabhängig voneinander, und es sei auch eine ganz übliche Geschichte bei älteren Terriern, aber es sieht erbärmlich aus, und man merkt, dass es den Kleinen nervt, nicht mehr so schnell voranzukommen. Abends massiere ich ihm regelmäßig die Beinchen und versuche, die Kniescheibe durch vorsichtiges Strecken des Beines wieder an ihren Platz zu schieben. Das funktioniert meistens, aber leider nur für kurze Zeit. Dennoch: Gemessen an diesen Altersmaläsen hält sich unser kleiner Gefährte ganz wacker und spaziert immer noch vier, fünf Stunden problemlos mit. In einem niedlichen kleinen Buchladen in Friedrichshagen kaufte Ian mir eine Kinderbuch-Ausgabe vom »Sommernachtstraum« mit leuchtend-schönen Illustrationen von Almud Kunert und machte mir damit eine Riesenfreude. Leider macht mir augenblicklich sonst kaum etwas Spaß, ich freue mich so gut wie gar nicht auf oder über etwas und weiß nicht, wie ich diesen Zustand ändern soll. Wenn der neue Nebenjob erst angetreten ist, denke ich, wird sich vieles ändern, klären, verbessern. Bis dahin bin ich Treibgut auf einem See aus Zeit, die ich respektlos verschwende. Alles in allem fühle ich mich merkwürdig taub. Gestern, am Sonntag, waren wir mit Fadi und Katja brunchen. Nach langer Zeit mal wieder im Morgenland am Görlitzer Bahnhof. Danach versackten wir den Rest des Tages angenehm-gemütlich bei ihnen auf dem Sofa. Abends, als ich Ian zur S-Bahn brachte, sagte er: »Du bist nur noch schlecht drauf«, und ich war zu kraftlos, um ihm zu erklären, was Depressionen sind.
Vorigen Montag — es war der 19. und Ian beruflich am Bodensee — war ich nach Halensee gefahren, um dort ein paar Runden im See zu schwimmen. Ich hatte nicht gewusst, dass es sich um eine FKK-Wiese handelte, und mir stießen die vielen Nackten unangenehm auf. Ganz abgesehen davon, dass ich mich selbst nicht gerne zeige. Das Schwimmen im See und das Fahrradfahren jedoch taten mir gut. — Beim Sport höre ich Hörbücher. Gute Krimis. Aus Hildesheim habe ich ein paar Agatha Christie-CDs mitgebracht, »Das Böse unter der Sonne«, »Die Tote in der Bibliothek«, »Mord im Orientexpress« und so weiter. Mit Hörbüchern komme ich derzeit besser zurecht als mit Filmen, obwohl wir es uns dieser Tage mit Murder at the Gallop, Bluebeard’s Eighth Wife und »Where Horses Go to Die« (Regie: Antony Hickling) vorm Fernseher gemütlich machten. Filme sind mir gerade nichts. Immerhin: Der Tod Helmut Kohls gab Anlass, sich online ein paar Dokumentationen und Interviews anzuschauen. Auf dem Altar seiner Karriere opferte der Ex-Kanzler seine Freunde, seine Familie und auch seine eigene Integrität als Politiker. Die Biographien seiner Frau Hannelore — eine lebenskluge, gebildete, starke Frau! — und seiner Söhne sprechen Bände. Die Geschmacklosigkeit mit der zweiten Ehefrau — die auf Facebook schon die Yoko Ono der CDU genannt wird und gruselig an Annie Wilkes aus Misery erinnert — ist letztendlich eine logische Konsequenz der Entwicklungen und nicht viel mehr als das Sahnehäubchen auf der Grütze gewesen. Bette Davis sagte mal sehr schön: »Über den Toten nur Gutes? Wieso das denn? Nur weil sie tot sind, ändern sie doch nicht plötzlich ihren Charakter!« Möge er in Frieden ruhen. Punkt. Aber wo ich gerade bei Bette Davis bin: Désirée Nick und Manon Straché spielen gerade im Theater am Kurfürstendamm »Bette & Joan«; mal schauen, ob ich noch Karten kriege.
Liebe Grüße vom Frühstückstisch,

André

Advertisements

16. Juni 2017

Immer, wenn ich etwas schreiben will, blockiert der Kopf. Meine Gedanken fuhrwerken mit der Irrwischigkeit einer sterbenden Wespe in meinem Gehirn, zwingen mich förmlich zur Prokrastination. Der Vertrag mit dem Sportstudio ist abgeschlossen, ich trainiere jeden zweiten Tag etwas mehr als eine Stunde. Die Ernährung ist umgestellt, ich verzichte auf Zucker und Süßigkeiten, und nach 16 Uhr gibt es keine Kohlenhydrate mehr. Zweimal wöchentlich schwimme ich meine zwei Kilometer. Dazu kommen tägliche Radwege; vorgestern waren es über drei Stunden. Treptow-Südkreuz, Südkreuz-Wedding, Wedding-Treptow. Ich spüre jeden Muskel. Das Warten auf Resultate frustriert dennoch. Zudem hat mein Leben irgendwie seinen Geschmack verloren. Nein, bis jetzt ist es wahrlich kein schöner Sommer für mich. Bei Geburtstagsfeiern oder Grillabenden mit Freunden »funktioniere« ich wie auf Autopilot. Da ist diese üble Ahnung in mir, etwas über lange Zeit verschleppt zu haben. Dass ich bei den Vorstellungsgesprächen der vergangenen Wochen keine Antworten auf die Fragen »Was macht Ihnen Freude?« und »Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?« wusste, finde ich alarmierend. Im Augenblick macht mir nichts Freude — das ist nicht übertrieben —, und mir fehlt der Antrieb, die Ambition, um mir eine Zukunft zu entwerfen. Nein, ich bin nicht gesund, und es sind nicht nur die letzten anderthalb Jahre des verbal abuse und der fortgesetzten Erniedrigungen durch meinen Ex-Chef, das geht tiefer, ist verzahnter, vertrackter, vielschichtiger. Mir ist wohl bewusst, dass man gewisse Dinge nicht aufarbeiten kann und dass Selbstmitleid alles andere als konstruktiv ist. Manches bleibt eben »stehen«, und man muss zusehen, dass man damit lebt, es akzeptiert. Phasenweise gelingt es mir. Dann wieder obsiegen die Dämonen. Sie legen ihre Schatten über mich, die Sonnenschein sehe ich nur aus der Ferne. Ungefähr da befinde ich mich gerade. Ich schüttele die Zeit in der Kanzlei ab, die vielen Stunden der Angst und der Wut und der Ohnmacht, und finde darunter eine weitere Schicht, die aus Ängsten, Wut und Traurigkeit besteht. Kratze ich an dieser Schicht, überfällt mich die Furcht, dass ich verblute. — Ach, es ist viel passiert. Nehmt mir bitte nicht übel, dass ich über die politischen Ereignisse, die Terroranschläge, Hochhausbrände und Katastrophen jetzt nicht schreiben mag und kann. Ich komme nicht einmal dazu, meine »normale« Korrespondenz adäquat zu führen. Ich hänge zu sehr durch und hoffe einfach auf bessere Zeiten.

Anfang des Monats war ich bei der Familie. Mir fiel auf, dass im Haus keine Bilder mehr von mir hängen, weder bei meinen Eltern noch bei meiner Schwester. Gut, man soll so etwas nicht überbewerten. Aber auch sonst fühlte ich mich nicht wirklich willkommen. Gemeinsame Aktivitäten gab es praktisch nicht; kein Federball, kein Scrabble. Helena wurde entweder gerade ins Bett oder zur Krippe gebracht oder war unterwegs, so dass ich sie kaum zu Gesicht bekam. Am ersten Tag fing ich mir zu allem Überfluss noch eine kleine Sommergrippe ein, und so blieb mir nicht viel mehr, als meinen Eltern beim Fernsehgucken zuzusehen und ab und zu mit den Hunden einen Spaziergang zu machen. Mein Vater schimpfte auf »die Kanacken« — Anlass dürfte ein Artikel über Hartz IV-Empfänger in der »Bild« gewesen sein —, und ich war zu müde und ausgelaugt, um zu diskutieren. Die Fahrt war die Hölle. Ich hasse Bahnreisen! 130 Euro, fünf Stunden Fahrt, zweimal umsteigen mit zwei Taschen und einem alten Hund; die letzten zwei Stunden dann Stehplatz in einem überfüllten Bummelzug, in dem man vor lauter Dreck und Koffern nicht vorankam. Den Trip hätte ich mir sparen können. (Immerhin habe ich nach langer Zeit mal wieder einen »Tatort« gesehen. Mit Jan Josef Liefers. War gut.)

Alexandre Vallès und Bastien Gabriel in “Bd. Voltaire”.

Ob ich etwas Positives zu berichten weiß? Ja. Es gibt sogar zwei gute Nachrichten. »Bd. Voltaire« hat mittlerweile englische Untertitel verpasst bekommen. Bewerbungen laufen für Amsterdam, Barcelona, London, Beijing, Leeds, Rostock, Köln, Battleboro, Reno, San Mauro, Kairo, Perth, Kapstadt und 60 weitere Festivals. TLA schrieb bereits freundlich zurück, Salzgeber noch nicht. So. Und im Herbst spiele ich, wenn alles gut geht, wieder eine Hauptrolle in Frankreich. (Dafür ja Sport und Diät; ich möchte vor der 40 im kommenden Jahr noch ein letztes Mal gut aussehen.)
Bitte seid mir nicht böse, wenn ich in der kommenden Zeit nicht schreibe. Es sind bis November aber einige Filmtipps vorbereitet, um am 1. Juli erscheint hier mein Marlon Brando-Portrait. Genießt die sonnige Zeit,

André

12. Juni 2017

Ein Jahr ist seit Orlando vergangen. Ich möchte nicht viel mehr schreiben, schaut Euch einfach diesen Clip an.

Niemand, der liebt, sollte sich deswegen schämen oder gar verstecken müssen.
Liebste Grüße,

André