4. April 2017

Paris war schön. In vielerlei Hinsicht. Der Frühling war bereits vorgeflogen und empfing mich bei meiner Ankunft mit Sonnenschein und knospenden Zweigen. Am Abend zuvor hatte ich mich noch mit einem ehemaligen Klassenkameraden, den ich seit dem Abi nicht mehr gesehen hatte, zum Essen getroffen. Dementsprechend blendend war meine Laune (und müde mein Körper), als ich bei Denfert-Rochereau in die Métro stieg. — Nach einem kurzen power nap begab ich mich zu Shakespeare & Company. Dort lernte ich bei der Mad Hatter’s Tea Party Simon Ward kennen, einen jungen Autoren aus Liverpool, der hauptsächlich moderne Märchen schreibt. Wir kamen kurz ins Gespräch. Vier Jahre habe er in Berlin gewohnt, jetzt sei er wieder in England. Brexit ist ein Reizthema, das wir nur kurz streifen, dann galant umschiffen. Ich drückte ihm einen Gedichtband von Neruda in die Hand. Panmelys lobte meine Art, Gedichte vorzutragen. Um kurz nach 18 Uhr holte Martin mich ab. Wir spazierten an Notre-Dame vorbei, unterhielten uns, dann ging er in die Oper und ich nach Beaubourg, um mit Antony, Matthew und Gabby, unserer Maskenbildnerin, zu essen.
Mein Drehtag war am 29. März. Antony hatte für drei Tage ein großes Atelier im »Le 100« gemietet. Es lief alles ungemein gesittet und professionell ab, hochkonzentriert und ohne Verzögerungen. Wieso ist das in Paris möglich und in Berlin nicht? — Biño hatte an diesem Drehtag wirklich einiges aus- und durchzustehen. Zwischen (Film-)Blut, (Film-)Kot, (echtem) Urin und rohem Fleisch inszenierte Antony seine grelle Farce über Dekadenz und Dehumanisierung. Ich spielte mit Julie Chaux, Alvaro Lombard, Luc Bruyere und der süßen Magali Gaudou aus One Deep Breath. Beim Bühnenkampf mit Biño holte ich mir ein paar blaue Flecke. Passiert. Wir hatten pünktlich Drehschluss. Wieso ist das in Paris möglich und in Berlin nicht? — Während des Drehs redete Antony praktisch gar nicht mit mir, und auch sonst sahen wir uns, abgesehen von dem kurzen Abendessen am ersten Abend, während meiner Zeit in Paris nicht. Erst, als ich wieder zurück in Deutschland war, kam die liebe Nachricht, dass er glücklich darüber sei, dass ich dabei war. Die Freude war ganz meinerseits. Ich bin auf den fertigen Film gespannt. Es hatte wohl noch Änderungen in der Besetzung gegeben, Manu ist offenbar nicht mehr dabei. — Im Sommer erscheint die DVD von »Where Horses Go to Die«. Das von Optimale kreierte Poster ist ein Geniestreich, erinnert an »Diva« (Regie: Jean-Jacques Beineix) oder »Juego de amor prohibido« (Regie: Eloy de la Iglesia). Es ist sehr viel besser als das Kinoplakat. Ich bedauere immer noch, diesen Film abgesagt zu haben.

Am Abend des 27. sprach ich ganz leise ein Gebet für Christine. Sie lag bereits im Koma. Ihre Enkeltochter bat darum, wir mögen für sie beten. Ich bin Atheist, vielleicht auch Agnostiker, aber Christine war Christin und glaubte an die Kraft des Gebets, und mein Beten war meinem Respekt ihr gegenüber geschuldet. Am 28. war sie tot. Ihr Ableben schwebte wie eine weiche, weiße Wolke über allem. Ich spazierte viel, teilweise sieben, acht Stunden am Stück. Traf mich mit Alexandre und lernte Stéphane Leblanc, unseren Übersetzer, kennen. Im Théâtre de l’Œuvre in der Rue de Clichy standen Laetitia Casta und Raphaël Personnaz in Bergmans Szenen einer Ehe auf der Bühne. Sie waren gut, aber ich fand sie zu jung und, ja, auch irgendwie zu schön. — Im L’Équinox sah ich meinen ersten Stand-up auf Französisch. Ich habe vielleicht 40 Prozent verstanden und fühlte mich ziemlich down danach. Aber Sania Yenbou hat eine unheimliche Kraft und Verve, es war ein mitreißender Abend. Dann wurde mir ein Film mit Judith Magre angeboten. Es soll im September gedreht werden. Sah mich außerstande, zu- oder abzusagen. Was auch, da bin ich ganz ehrlich, mit dem Bild zu tun hat, welches sich mir im Spiegel bietet. Ich sehe grässlich fett und schiach aus, und ich weiß nicht, ob ich bis zum September zwölf Kilo abnehmen kann. Sitzende Tätigkeit im Büro, keine geregelten Essenszeiten; Umstände, die sich momentan leider nicht ändern lassen. Schön, man mag argumentieren, dass man als Charakterdarsteller nicht im klassischen Sinne »schön« sein muss, aber der Punkt ist einfach, dass ich mich nicht (mehr) gerne auf Fotos oder im Film sehe, und wenn ich mich schon nicht angucken mag, wie kann ich das dann von etwaigen Zuschauern erwarten? Ihr versteht meine Bedenken?

Helenas erster Geburtstag.

An meinem letzten Tag in Paris war das Thermometer weit in den Zwanzigern, so dass ich nur mit Hemd und Hose meinen fünfstündigen Abschiedsspaziergang in Angriff nahm. Ich wollte mir noch die DVDs von »Irréprochable« (Regie: Sébastien Marnier) und »Apnée« (Regie: Jean-Christophe Meurisse) kaufen. Auf dem Rückweg merkte ich schon den leichten Kloß im Hals, und als mein Flieger abends gen Berlin düste, wusste ich, dass ich am nächsten Morgen krank sein würde. Man überschätzt die Kraft der Sonne, latscht verschwitzt durch die Gegend und bekommt vom kühlen Frühlingswind einen kleinen Denkzettel. Gut, Strafe muss sein, aber am Samstag war Helenas erster Geburtstag. Die Zugfahrt verschlief ich fast komplett, und in Hildesheim traute ich mich kaum, die Kleine anzufassen, um sie ja nicht an ihrem Ehrentage auch noch anzustecken. Ich bekam so gut wie nichts mit, schlief, fieberte, hustete und reiste am Sonntag wieder ab. Dem Trip haftete etwas Irreales an, wie ein luzider Traum. Ian war wie immer zauberhaft, unterstützte und stützte mich, wo er nur konnte. Wieder in Berlin, meldete auch noch eine Mittelohrentzündung ihren Besuch an. Schmerzverzerrt saß ich heute früh um zwei aufrecht im Bett. Früher, als Kind und Jugendlicher, hatte ich des Öfteren mit Mittelohrentzündungen zu kämpfen. Man kam aus dem Schwimmbad, hatte sich die Haare und Ohren nicht gründlich genug getrocknet, schwang sich aufs Fahrrand — und schon konnte man in der kommenden Nacht vor Schmerzen fast die Wände hochgehen. 24, 25 Jahre hatte mich das Ungeheuer in Ruhe gelassen, ich hatte den Schmerz beinahe schon vergessen. Danke für die Erinnerung!
Odyssee zum Hausarzt, Notfallsprechstunde. Bin bis einschließlich Samstag krankgeschrieben und bekam reichlich Medikation. Neben Nasen- und Ohrentropfen auch ein Antibiotikum, das Musik über alles legt, mich einwattet, einschläfert, aufweicht und ungleichmäßig be- und zudröhnt. Herrlich! — Die Sache mit der Krankschreibung versetzt mich nicht in Sorge, gibt mir aber doch zu denken. Eigentlich tendiere ich nicht dazu, krank zu werden. Ich bin robust. In meinem vorigen Job war ich in zwei Jahren — 2014 bis 2016 — nur ein einziges Mal krank (für einen Tag), und nun: die dritte Krankschreibung in nur sieben Monaten (einen Tag im Oktober, drei im Januar und jetzt drei im April). Mirko schrieb mir etwas sehr Interessantes dazu: »For me it is a sign that you are fed up with the yelling of your boss, so your body looks for a way to close your ears. […] It says a lot about your physical attitude towards the job! It is weakening your psyche slowly […] and the body follows and starts looking for ways to protect itself.« Ich widerspreche nicht, da ist vielleicht was dran.

Um diesen Beitrag auf einer positiven Note enden zu lassen: Mirko kaufte und schickte mir »Free Women, Free Men«, das neue Buch von Camille Paglia. Es empfing mit gemeinsam mit Ian und Chelito, als ich am Donnerstag aus Frankreich zurück nach Hause kam. Allein die Brillanz des Vorwortes bringt einen ins Schwärmen. Zum Thema hate speech schreibt sie: »The freedom to hate must be as protected as the freedom to love.« Sehr viel mehr habe ich noch nicht lesen können, die Grippe funkte meiner Konzentration immer wieder dazwischen. Dafür habe ich mich in »Wenn du liebst« verliebt, das neue Clueso-Lied: »Wir stürzen uns gerne / Ins Bodenlose und Leere / Nichts was uns hält / Und nehmen keine Rücksicht / Finden nur schön was kaputt ist / Und keinem gefällt / Jeden Raum stecken wir an / Nur wenn es brennt sind wir zusammen / Und fühlen uns nah / Wir sind lebendige Strophen / Berühren uns wie Chopin / Und es gibt keinen Refrain / Und doch fällt’s mir so leicht / An uns zu glauben / Und nichts schlechtes zu sehen / Doch irgendwas sagt mir leise / Wenn du sie liebst / Dann lass sie gehen / Warum fällt’s mir nur so leicht / An uns zu glauben / Darin nichts schlechtes zu sehen / Doch irgendwas sagt mir leise / Wenn du sie liebst / Dann lass sie gehen…«
Wisst Ihr, solange Sprache noch so schöne Schlösser bauen kann, kann uns nichts wirklich etwas anhaben — oder? Gute Nacht.

André

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7 thoughts on “4. April 2017

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