12. Oktober 2016

Am Tag der Einheit fiel mir eine Passage aus »Warum die Deutschen? Warum die Juden?« von Götz Aly in die Hände: »Neid zersetzt das soziale Miteinander. Er zerstört Vertrauen, macht aggressiv, führt zur Herrschaft des Verdachts, verleitet Menschen dazu, ihr Selbstwertgefühl zu erhöhen, indem sie andere erniedrigen. Der tückische, scheele Blick auf den Rivalen, die üble Nachrede und der Rufmord gelten dem Erfolgreichen, dem Außenseiter. Dabei vergiften sich die Neider selbst, werden immer unzufriedener und noch gehässiger. Sie wissen das nur zu gut. Deshalb verstecken sie diesen Charakterzug schamhaft hinter allerlei vorgeschobenen Argumenten.« — Tatsächlich geht es bei politischen Misere in unserem Land nicht um die Angst, die zu bekämpfen ist, es geht um den verflixten deutschen Neid. Ein hämmernder, brachialer Neid, der uns trennt, zerteilt, abschottet und neurotisch macht.

Am 10. Oktober war Welthundetag. Wenn ich Chelito nicht hätte!

Am 10. Oktober war Welthundetag. Wenn ich Chelito nicht hätte!

Die vergangenen Wochen waren ein Leben zwischen Tür und Angel. Zwar traf ich mich mit Connie zum Tee sowie mit Katja und Fadi zum Abendessen im Feedback — unserem Lieblingsrestaurant am Paul-Lincke-Ufer 45, Berlin-Besucher sollten sich das nicht entgehen lassen! —, aber mein Kopf war nie ganz frei. Selbst an meinen freien Tagen nicht, denn da standen Zahnarzt- oder Dermatologentermine auf dem Plan; das Fahrrad musste repariert, die Wohnung geputzt, die Wäsche gewaschen werden. Letzteres ist umständlich und fordert einen gewissen Zeitaufwand, wenn man in seiner Wohnung keinen Waschmaschinenanschluss hat. Vor meinem Abflug nach Paris muss ich noch Chelito bei der Familie absetzen und mir einen großen Koffer besorgen, da meine normale Reisetasche diesmal wohl kaum ausreichen wird. Obwohl ich mich auf die Zeit in Frankreich freue, fühlt es sich doch komisch an, so lange ohne Chelito und Ian zu sein. Ians Job hält ihn im Schwitzkasten, so dass er nicht einmal seinen Geburtstag bei mir verbringen kann. Dafür habe ich meiner Mutter einen mehrtägigen Trip an die Seine spendiert, als verspätetes Geburtstagsgeschenk quasi. Sie kommt am 25. und bleibt für ein paar Tage, an denen ich drehfrei habe.

bl voltaire

Heute in einer Woche ist der erste Drehtag. Während Alexandre mich telefonisch auf dem Laufenden hält, was unseren Film angeht, so hüllt sich Antony weiterhin in Schweigen. Ab dem 2. November soll ich mich zur Verfügung halten. — Das Einchecken erledigte ich bereits gestern. Meine Wohnung liegt in der Rue la Condamine, gar nicht weit vom Moulin Rouge. Sur les traces de ma mère bekam nun endlich die ersten Festivalzusagen, über die ich allerdings noch nichts weiter verlieren darf. TLA möchte ihn in den Verleih-Katalog für Nordamerika aufnehmen, doch leider fehlt uns das nötige Geld für die englischen Untertitel. Steve Trameau und das Team von Optimale arbeiten bereits am französischen DVD-Cover, auf das ich gespannt bin; leider haben wir auf das, was mit unserem Film geschieht, keinen Einfluss mehr.
Diesen Monat erscheint das neue Album von Julien Doré. Auch Clueso hat dieser Tage eine neue CD draußen. »Boys for Pele«, eine meiner liebsten Tori Amos-CDs, feiert ihr 20jähriges Jubiläum und wird deswegen neu aufgelegt. Ich glaube, ich habe ihr mittlerweile vergeben. Ich habe vor vielen Jahren — es fühlt sich inzwischen wie ein anderes Leben an — mit Hey Jupiter und Putting the Damage On zwei Songs von diesem Album gecovert. Da ich mein Geld zusammenhalten muss, werde ich mir vorerst wohl keine dieser Platten kaufen können. Stattdessen überlege ich, mir ein paar gebrauchte Pablo Neruda-Bücher zu beschaffen: »Balladen von den blauen Fenstern« klingt aufregend, und ich glaube, ich wage mich langsam auch an seine Autobiographie heran. Meine Liebe zu seinen Gedichten überschwemmt mich in Wellen, dann ebbt sie wieder ab, und ich vergesse ihn fast. Wochen, Monate später rollt dann die nächste Welle auf mich zu, ich tauche ein, lasse mich tragen, hole Luft und gehe willig unter. Welch eine Poesie! Ich weiß noch nicht genau, was für ein Projekt es werden wird, aber ich werde ganz, ganz sicher diese Liebe noch in kreativer Weise »verdauen« müssen. Schade, dass Ute Lemper bereits eine CD mit seinen Gedichten gemacht hat. Mein Film — What Spring Does with the Cherry Trees — wird sicher eines Tages fertig werden, aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass es das noch nicht war.

André Schneider

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