29. September 2014 (Der 500. Beitrag)

Biño Sauitzvy, Manuel Blanc und Thomas Laroppe in "One Deep Breath".

Biño Sauitzvy, Manuel Blanc und Thomas Laroppe in “One Deep Breath”.

One Deep Breath lief in Lissabon und beim Festival von San Sebastián. Die Resonanz ist gut, aber wir hatten (bei aller Bescheidenheit) auch nichts anderes erwartet. Antony rief mich glückselig aus Portugal an, und ich hatte das Gefühl, mich freuen zu müssen — und konnte es nicht. Zu sehr nehmen mich die momentanen Umstürze in meinem Leben gefangen, es ist ein ständiges Auf und Ab zwischen der Angst vor der Ungewissheit und berechtigtem Optimismus. Oft liege ich wach und zermartere mir ergebnislos den Kopf, jeden Tag schreibe ich Bewerbungen, jeden Tag warte ich auf Antwort. Ende November werde ich in Paris sein, um die dortige Premiere zu feiern. Es sei denn, Erdbeben, Sintflut oder Seuchen verhindern dies. Bis dahin habe ich sicher meine Energie und Begeisterung wieder gefunden. Für weitere Aufführungen von One Deep Breath und meine anderen Termine — Ende Oktober endlich in London! — klickt bitte regelmäßig mal hier, die Dates-Seite wird regelmäßig ergänzt und überarbeitet.

Habe mich unlängst mit einem sündhaft teuren Buch belohnt, mit »Die Seismografie des Fragens« von Jörn Jacob Rohwer. Außergewöhnlich gute Interviews mit Heinrich Hannover, Boleslaw Barlog, Arthur Miller, George Tabori, Leni Riefenstahl, Stephen Fry, Susan Sontag und vielen anderen auf fast 900 liebevoll gestalteten Seiten, ein Paradebeispiel dafür, dass es Qualitätsjournalismus doch noch gibt. Ganz famos und spannender als jeder Roman! — Ansonsten habe ich neulich zum ersten Mal seit langem mal wieder einen »Tatort« gesehen. Den mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl. Pointiert geschrieben und bis in die Nebenrollen mit Lust und Hingabe gespielt. Hat wirklich Spaß gemacht, es war herrlich komisch, und zum Ende hin kam auch solide Spannung auf. In den vergangenen 15 Jahren habe ich nur je einen »Tatort« mit Eva Mattes (gut) und Til Schweiger (miserabel) gesehen. Vielleicht sollte ich der Chose doch noch eine Chance geben? Ins Kino scheine ich eh nicht mehr zu kommen dieses Jahr. Schade, ich glaube, ich hab viel Gutes verpasst. Ein paar Filme habe ich auf DVD nachgeholt. »Staudamm« (Regie: Thomas Sieben) war verdammt gut; »Maleficent« (Regie: Robert Stromberg) machte extensiv Gebrauch von Angelina Jolies zwei Gesichtsausdrücken — sie kann majestätisch-herablassend und hündisch-betroffen, manchmal sogar in schnellem Wechsel — und war ansonsten belanglos-unterhaltsam; »Les rencontres d’après minuit« (Regie: Yann Gonzalez) ärgerte mich, weil man große Kunst schaffen wollte und auf halbem Wege in einem langatmigen, nichts sagenden Etwas stecken blieb; »Labor Day« (Regie: Jason Reitman) mit Kate Winslet und Josh Brolin beeindruckte mich trotz des überkitschigen Schlusses am meisten. Da gab es diese Szene — ungebührlich lang anscheinend —, in der nichts weiter passiert, als dass ein Pfirsichkuchen gebacken wird — und das ist so aufregend und in seiner Stille so bewegend, dass mir die Tränen liefen.
Thorsten lieferte mir mit Neneh Cherry, Tycho & Zoot Woman, GusGus und Alt-J den Soundtrack zu den letzten Wochen. Und ich kramte die alten Nationalgalerie-Alben wieder hervor; Niels Freverts Frühwerke greifen auch nach über 20 Jahren noch tief ins Herz und wringen die Tränen heraus. Ferner entdeckte ich Jupiter Jones für mich. Ich finde »Rennen + Stolpern« ja so schön, besonders die Stelle, wo’s heißt: »›Für immer‹ reicht genau von hier zum Grund, wo man vergisst / was gut gewesen ist.« — Ich wünschte, ich hätte etwas mehr Geld auf der hohen Kante, um mir mal wieder ein paar CDs zu kaufen, »Kraniche« von Bosse oder die neue von Prince zum Beispiel.

Stuart war für die Unabhängigkeit Schottlands, Donna vehement dagegen. Überhaupt war mein britischer Freundeskreis in der Frage gespalten. Ich selbst maße mir in dieser Sache keinen Standpunkt an, ich verstehe beide Lager sehr gut, und jede Medaille hat bekanntlich zwei Seiten. Das knappe Ergebnis der Wahl zugunsten Londons setzt trotzdem ein eindeutiges Zeichen; fast die Hälfte der Schotten will nach wie vor die Loslösung. Die spannende Frage lautet: Wie wird man sich künftig arrangieren? — Im internationalen Vergleich der augenblicklichen Krisenherde dürfte das Schottland-Problem allerdings erfreulicherweise mickrig ausfallen. Man möchte am liebsten gar nichts mehr von der Welt wissen und sich verkriechen. Seit Jahresbeginn verschlechtert sich die allgemeine Lage zunehmend, man traut sich gar nicht mehr, die Nachrichten zu lesen. Vielleicht braucht es doch mal einen ganz, ganz großen Knall, damit sich alles in Wohlgefallen auflöst? Ich frage mich, wann es in Deutschland endlich kracht? AfD und NPD sind gewaltig auf dem Vormarsch — natürlich sind die beängstigenden Entwicklungen nicht die Ursache des Problems, sondern vielmehr eine Reaktion auf das Versagen der Politik —, und der Deutsche, der von Natur aus durchdrungen ist von einem Willen zur Feindseligkeit und Bösartigkeit, wird immer unzufriedener, ungehaltener. Wir wissen, dass Deutschland vor allem deswegen wirtschaftlich im Vergleich gut dasteht, weil wir europaweit mit die niedrigsten Löhne haben, weil die Renten gekürzt werden, weil in den Bereichen Bildung und Kultur sowie in der Alten- und Krankenpflege gespart und vieles über Zwangsarbeit — Stichwort: 1-Euro-Jobs — geregelt wird. Dazu werden Ressentiments und Existenzängste geschürt, denn ängstliche Menschen halten das Maul. Da wir Deutschen seit jeher devot-obrigkeitshörig sind und kaum mal aufmucken, kann das noch ewig so weitergehen; diesbezüglich ähneln wir den Engländern, bei denen sich Frust und Verzweiflung gerne über Jahre anstauen, hinter einer gesetzten und höflichen Fassade schlummernd, ehe sie sich — im Suff beispielsweise — Bahn brechen. Die Straßenschlachten von 2011 konnte man unterschwellig bereits 2001 fühlen. Man spürte es köcheln, die Wut und die Resignation, es lag in der Luft, war aber nicht greifbar. Zehn Jahre dauerte es, bis dann die Steine flogen. Ähnliches ist auch hier vorstellbar.
Eigentlich hatte ich heute — es ist immerhin der 500. Beitrag auf diesem Blog — positiver schreiben wollen, aber es fällt mir gerade sehr schwer. Auf jeden Fall freue ich mich, dass mir so viele Leserinnen und Leser die Treue halten, das ist viel wert. Danke dafür!

André

Lesetipps:
29. September 2011 (Der 100. Beitrag)
Filmtipp #85 bis #90: Die besten Disney-Zeichentrickfilme (Der 250. Beitrag)

Advertisements

14 thoughts on “29. September 2014 (Der 500. Beitrag)

  1. Pingback: Filmtipp #225 bis #231: Lilo Pulver zum 85. | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  2. Pingback: 22. April 2015 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  3. Pingback: 7. September 2015 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  4. Pingback: 18. Oktober 2015 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  5. Pingback: 29. November 2015 (600. Beitrag) | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  6. Pingback: 13. März 2016 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  7. Pingback: 24. Mai 2016 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  8. Pingback: 2. Oktober 2016 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  9. Pingback: 18. September 2008 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  10. Pingback: 26. Januar 2007 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  11. Pingback: 16. Juni 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  12. Pingback: Filmtipp #517: Das gibt Ärger | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  13. Pingback: 23. Oktober 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  14. Pingback: 8. Dezember 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s