12. März 2017

Neben Brando gab es für mich als Heranwachsenden eigentlich nur noch Albert Finney. Night Must Fall war ein regelrechtes Schlüsselerlebnis für mich. In rascher Folge sammelte ich alle Filme, derer ich habhaft werden konnte: »Saturday Night and Sunday Morning« (Regie: Karel Reisz), »Annie« (Regie: John Huston), »Shoot the Moon« (Regie: Alan Parker), »Miller’s Crossing« (Regie: Joel & Ethan Coen), »Gumshoe« (Regie: Stephen Frears). Fast mehr noch als sein Talent beeindruckte mich sein freier Geist. Bis heute hatte er nie einen Agenten oder ein Management. Interviews waren und sind selten. Im Zweifelsfalle gab er immer dem Theater den Vorzug vor einem Filmprojekt — einer der Gründe, weshalb er in einer beinahe 60jährigen Filmkarriere in nur knapp über 40 Filmen auftrat. 1980 wollte ihn die Queen zum Commander of the British Empire ernennen, 2000 wollte sie ihn zum Ritter schlagen; beide Ehrungen lehnte er ab. Zwischen 1964 und 2001 war er insgesamt fünfmal für den Oscar nominiert, und vielleicht hätte er sogar mal gewonnen, wenn er seine Hollywood-Abneigung nicht schon so früh öffentlich gemacht hätte. Unnötig zu erwähnen, dass er an keiner einzigen Preisverleihung teilgenommen hat; während 1964 die Oscars verliehen wurden — Finney war für »Tom Jones« (Regie: Tony Richardson) als Bester Hauptdarsteller nominiert gewesen —, befand er sich auf einem Segeltörn in der Südsee. Mit seinem Freund und Kollegen Michael Medwin produzierte er einige interessante Independent-Streifen wie zum Beispiel »If….« (Regie: Lindsay Anderson) oder »Bleak Moments« (Regie: Mike Leigh). Zweimal brillierte er am Broadway: 1963 in »Luther« unter der Regie von Tony Richardson und 1968 in Peter Nichols’ Komödie »A Day in the Death of Joe Egg«. Beide Male stand er auf der Nominierungsliste für den Tony. Es wird gemunkelt, dass Finney sämtliche Dialekte und Akzente im Englischen aus dem Effeff beherrscht. Zwischen 1970 und 1978 war er mit Anouk Aimée verheiratet; die Ehe endete, als sie sich in Ryan O’Neal verliebte.
Am 12. März 1964, vor 53 Jahren also, startete »Tom Jones« in den deutschen Kinos. Anlass für mich, dem wundervollen Albert Finney ein kurzes Portrait zu widmen.

Albert Finney, Foto von Cecil Beaton.

Albert Finney, Foto von Cecil Beaton.

Finney wurde am 9. Mai 1936 in der Gegend um Manchester geboren, in Salford, um genau zu sein. Er wurde in der St George’s Church in Pendleton getauft. Sein Vater Albert Finney Sr. war Buchmacher, seine Mutter Alice war Hausfrau. Nach der Schule verschlug es den jungen Albert nach London, wo er an der RADA studierte und 1958 sein Debüt am West End gab, in »The Party« unter der Regie von Charles Laughton. Bald gehörte er zur Royal Shakespeare Company und ersetzte 1959 den erkrankten Laurence Olivier als »Coriolanus« in Stratford-upon-Avon. Seinen ersten Filmauftritt hatte er neben Olivier in »The Entertainer« (Regie: Tony Richardson), um kurz darauf in dem kitchen sink drama »Saturday Night and Sunday Morning« für Furore zu sorgen: »I was the first man to be seen sleeping with another man’s wife in an English film«, scherzte Finney später. Er wurde zum Gesicht des Free Cinema, welches auch British New Wave genannt wurde. Seine Darstellung des Arthur Seaton brachte Finney seinen ersten BAFTA ein und wurde in den Folgejahren von zahlreichen jungen Kollegen kopiert — der Inbegriff des angry young man aus der Arbeiterschicht. Kurz darauf wurde ihm die Hauptrolle in »Lawrence of Arabia« (Regie: David Lean) angeboten; Finney lehnte ab und schlug dem Produzenten stattdessen seinen Kollegen Peter O’Toole vor. Er spielte lieber »Billy Liar« auf der Bühne und gab Tony Richardson seine Zusage für das »Tom Jones«-Lustspiel. Nach Night Must Fall gab er mit Two for the Road an der Seite von Audrey Hepburn seinen Einstand in einer romantischen Komödie. Nach seinem wenig erfolgreichen Regie-Erstling »Charlie Bubbles« (1967, mit Billie Whitelaw und Liza Minnelli) sah man ihn in neben Yvette Mimieux in dem heute leider in Vergessenheit geratenen »The Picasso Summer« (Regie: Robert Sallin) sowie als Ebenezer Scrooge in Ronald Neames Adaption von Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte an der Seite von Edith Evans und Kenneth More. 1974 gab er eine seiner denkwürdigsten Vorstellungen als Hercule Poirot in »Murder on the Orient Express« (Regie: Sidney Lumet). Dabei war der damals 37jährige nach Alec Guinness und Paul Scofield eigentlich nur die dritte Wahl gewesen. Die Dreharbeiten waren für Finney vor allem wegen der aufwendigen Make up-Sitzungen eine Tortur. Diese nahmen täglich mehrere Stunden in Anspruch. Während des Drehs stand der Star jeden Abend mit Rachel Roberts in »Alpha Beta« auf der Theaterbühne. Damit er zwischen Theaterstück und Drehbeginn überhaupt noch etwas Schlaf bekam, schickte das Studio allmorgendlich in der Frühe eine Ambulanz zu Finneys Haus. Der schlafende Schauspieler wurde noch im Pyjama vorsichtig ins Auto geladen und bereits auf dem Weg ins Studio geschminkt. (Wann immer ich diese Geschichte lese, frage ich mich, wie das bitteschön gehen soll, ohne dass man wach wird, aber gut, so steht es geschrieben.)
Zu Finneys interessantesten Arbeiten der Folgejahre gehörten »Wolfen« (Regie: Michael Wadleigh), den das Fernsehen seinerzeit freundlicherweise an meinem 16. Geburtstag brachte, The Dresser, »Under the Volcano« (Regie: John Huston) und »The Browning Version« (Regie: Mike Figgis). Ab Mitte der 1990er drehte er mehr, spielte viel fürs Fernsehen. Seine bis heute letzte Oscar-Nominierung erhielt er für seine Nebenrolle in »Erin Brockovich« (Regie: Steven Soderbergh) an der Seite von Julia Roberts. Er rührte zu Tränen in Big Fish und trat in Skyfall vorerst (bis heute) zum letzten Mal vor die Kamera. Fünf Jahre ist das jetzt her.

Über Finneys Privatleben ist nicht allzu viel bekannt. Mit 21 heiratete er die neun Jahre ältere Schauspielerin Jane Wenham. 1958 kam der gemeinsame Sohn Simon zur Welt, der heute als Filmtechniker arbeitet (u. a. bei den »Harry Potter«-Filmen). Die Ehe hielt nicht lange. Im Anschluss lebte Albert Finney zeitweise mit Jean Marsh zusammen und hatte eine kurzzeitige Beziehung mit Diana Quick. Seit 2006 ist er zum dritten Mal verheiratet. Vor wenigen Jahren geisterte die Story, er sei an Krebs erkrankt, kurzzeitig durch die Gazetten. Ich hoffe inständig, ihn bald wieder in einem Film erleben zu dürfen — vielleicht mal wieder in einer Hauptrolle?

André

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3 thoughts on “12. März 2017

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