30. Mai 2012

Der vorletzte Eintrag vor der Sommerpause.
     Der liebe Pierre Franckh schrieb unlängst etwas, das ich Euch auch auf den Weg geben möchte: »Wenn wir erkennen, dass uns jemand nicht gut tut, zwingt uns niemand, bei diesem Menschen zu bleiben. Natürlich glauben wir oft, dass wir niemand anderen finden und wir von Glück sagen können, dass wir überhaupt jemanden an unserer Seite haben. Das ist aber nicht die Wahrheit, sondern unser Gefühl von Minderwertigkeit. Umgib Dich mit Menschen, die Dich motivieren! Menschen, die an Dich glauben, die das Potenzial in Dir erkennen, die sich mit Deinen Visionen verbinden und sie unterstützen können. Wem könntest Du heute etwas mehr Zeit widmen?«

André

Die Leser der VIP Lounge wissen, dass die letzten Wochen ein einziges emotionales Krafttraining waren. Ich glaube, es war Lotus Weinstock, die sagte: »Ich bin es gewohnt, verarscht zu werden. Ich spüre keinen Schmerz, ich spüre Nostalgie.« — So ungefähr ließe sich das Erfahrene kurz und knapp zusammenfassen. Als ich im Zug saß und Bern verließ, kroch meine Selbstachtung auf allen Vieren hinter mir her und machte mir Schuldgefühle ob meiner eigenen Blödheit und dem Fehlen jeglicher Barrikaden. Die Bahn schien mich auch prompt für meinen Trip bestrafen zu wollen; statt der planmäßigen sechs, war ich am Ende fast neun Stunden unterwegs. Fürs Protokoll: Die Bahn ist überteuert, unbequem und vor allem unzuverlässig.
     Sechs Tage später treffe ich Stuart. Es ist unser erstes Wiedersehen nach drei Jahren. Er ist einer jener Menschen, mit denen es sofort eine ganz tiefe Übereinstimmung gab, die praktisch alles betraf. Eine tiefe, ganz unerotische gegenseitige Verliebtheit. (Er ist nicht schwul. Diese entspannten Liebesverbindungen gibt es nur mit Heteros, die sich ihrer Sexualität ganz sicher sind und unmissverständlich zärtlich sein können.) Elf Jahre ist es her, dass wir einander vorgestellt wurden. Ich hatte eine solche Hochachtung vor seiner Begabung, seinem Mut, seiner Natürlichkeit, seiner Feinfühligkeit, und er, so stellte sich heraus, schätzte eben auch diese Eigenschaften an mir. Er sprach von einer »Seelenbruderschaft«, während ich Abstand übte — mein Freund war eifersüchtig, weil es da eine Kommunikationsebene gab, die er mit mir nicht teilen konnte —, auf Distanz ging und es vorzog, unsere Verbundenheit zu erspüren. Ihr kennt diese Verbindungen? Man hört wochen-, vielleicht monatelang nichts voneinander, und dann klingelt plötzlich das Telefon: »Was ist los mit dir? Ist alles in Ordnung?« — »Komisch, dass du gerade jetzt anrufst. Mir geht es heute gar nicht gut, ich bekam gerade eine Absage.« — »Ja, ich hatte da so ein Gefühl…«
     Einmal, in Berlin, kletterte Stuart ziemlich betrunken in mein Hochbett. In dieser Nacht fielen wir von einem Lachkrampf zum nächsten über den in unseren Freundeskreisen schon legendären Dialog: »Sag mal, Stu, bist du das?« — »Oh, entschuldige bitte, Atti, ich dachte, das wäre mein Oberschenkel.«
     Wir vertreten dieselben Standpunkte, was unseren im Detail etwas lächerlichen Beruf angeht, unsere Selbstzweifel sind ähnlich gelagert, uns plagt derselbe Perfektionismus; auch ihn brachten seine Ansprüche dazu, den Beruf praktisch aufzugeben. Er, der bereits in jungen Jahren preisgekrönt war!
     Bei diesem Besuch lerne ich endlich seine Frau kennen. Schön, einmal zu jemandem sagen zu können: »Ich habe schon viel von dir gehört!« — Hohe Wangenknochen und bewegte, aufmerksame Augen, in denen ein ganz altes Feuer wohnt. Die Figur eines Models. Ein lautes, kehliges Lachen, das ihren ganzen Körper durchrollt. Sie passt gut zu ihm; ich glaube, ich hätte mich auch in sie verliebt.
     Aufgrund meiner prekären finanziellen Situation konnte ich keine Gastgeschenke mitbringen, und was sagt Stuart? »Jemandem Zeit zu schenken ist das schönste Geschenk!«

Comedy war für mich immer ein Terrain, das mir Angst einflößte. Immer gehörte Überwindung dazu, mich vor das Mikro zu stellen. Im günstigsten Fall waren meine Auftritte eine Katharsis für mich. Gottlob kann ich über meine Missgeschicke witzeln und das, was ich beobachte oder erfahre mit meinem Humor filtern und kommentieren, und zum Glück springen die Leute darauf an. Dass ich nach wie vor gut funktioniere und mein Geld wert bin, war eine beruhigende Erfahrung.

Über kommende Projekte schreibe ich heute nichts. Sinnlos, ungelegte Eier zu beschreiben. Pfingsten war ich mit Mirko aus Antwerpen in Berlin und machte die Endabnahme von Le deuxième commencement, hörte zum ersten Mal Thorsten Strohbecks wunderschöne Musik zu unseren Bildern. Ich bin gespannt auf das Dunas Festival im August. Als einziger Deutscher bin ich als Ehrengast eingeladen. Für die Engländer war ich stets »sexy«, »crazy« oder »exotisch«, für die Franzosen nun »kultiviert« und »unternehmungslustig« — bleibt nur noch zu wünschen, dass die Deutschen irgendwann merken, dass es mich überhaupt gibt.

Love Light Serenity

Wer mich in persona sehen möchte, sollte ab und an meine Termine checken; diese Seite wird — wie auch die VIP Lounge — regelmäßig aktualisiert (auch während der Sommerpause). Ist doch prima: Es laufen zwei meiner Filme gleichzeitig, und ich stelle gerade die Weichen für die künftigen.
     Mehr im August. Habt einen Sommer, der das Prädikat auch verdient, lasst es Euch gut gehen.

André

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