Filmtipp #7 & #8: Tod auf dem Nil & Das Böse unter der Sonne

Zwischen 1974 und 1982 produzierten John Brabourne und Richard Goodwin vier äußerst unterhaltsame Agatha-Christie-Verfilmungen, allesamt starbesetzt, wundervoll ausgestattet und elegant inszeniert. In dem für sieben Oscars nominierten »Murder on the Orient Express« (Regie: Sidney Lumet) verkörperte Albert Finney den berühmten Meisterdetektiv Hercule Poirot, Lauren Bacall, Sean Connery, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave und Ingrid Bergman gehörten zum Kreis der Verdächtigen. 1980 ermittelte Angela Lansbury als Miss Marple in »The Mirror Crack’d« (Regie: Guy Hamilton). Dies war die schwächste Christie-Adaption aus dem Hause Brabourne/Goodwin, aber immerhin führte sie Rock Hudson, Elizabeth Taylor, Kim Novak, Geraldine Chaplin und Tony Curtis zusammen.
     Zweimal spielte der legendäre Sir Peter Ustinov in unnachahmlicher Weise die belgische Spürnase Poirot: zunächst in »Death on the Nile« (Regie: John Guillermin), vier Jahre später noch einmal in Guy Hamiltons »Evil Under the Sun«. Diesen beiden Krimis möchte ich mich heute widmen. Die Drehbücher lieferte in beiden Fällen Anthony Shaffer, der schon bei Hitchcocks »Frenzy« (1972) zeigte, was für herrlich böse Dialoge in ihm steckten.

Tod auf dem Nil

Originaltitel: Death on the Nile; Regie: John Guillermin; Drehbuch: Anthony Shaffer; Kamera: Jack Cardiff; Musik: Nino Rota; Darsteller: Peter Ustinov, Mia Farrow, Bette Davis, Angela Lansbury, David Niven. GB 1978. IMDb.

Death on the Nile

Hercule Poirot unternimmt eine Urlaubsreise nach Ägypten. Auf dem Luxusdampfer Karnak fährt er den Nil entlang. Mit an Bord: die ebenso schöne wie biestige Millionenerbin Linnet Ridgeway (Lois Chiles) auf Hochzeitsreise. Diese nimmt ein jähes Ende, als Linnet eines Morgens ermordet in ihrem Gemach aufgefunden wird. Natürlich nimmt Poirot, unterstützt von seinem alten Freund Colonel Race (David Niven), sofort die Ermittlungen auf — und muss feststellen, dass jeder der Mitreisenden ein handfestes Motiv für den Mord gehabt hätte. Im Laufe seiner Nachforschungen wird die Reisegruppe weiter dezimiert, und auch auf Poirot hat der Mörder es abgesehen…

Verglichen mit den anderen Agatha-Christie-Verfilmungen kommt Guillermins Streifen recht blutig daher, und auch die Zahl der Mordopfer ist verhältnismäßig hoch. Dennoch kommt wie in jedem guten Krimi der Humor nicht zu kurz. Wunderbar sind die Schlagabtausche zwischen Bette Davis und Maggie Smith anzuschauen, Angela Lansbury gibt eine umwerfend komische Vorstellung als sexbesessene, alternde Trinkerin, der schrullige Jack Warden ist als Arzt dabei, George Kennedy, Mia Farrow, Jane Birkin, die Shakespeare-Stars Jon Finch (aus Polanskis »Macbeth«-Verfilmung) und Olivia Hussey (die Julia aus Zeffirellis »Romeo and Juliet«) sowie Simon MacCorkindale bilden den Rest der illustren Reisegruppe. Die Geschichte profitiert sehr von der Faszination ihrer Schauplätze, die mit erlesenem Geschmack fotografiert wurden. Gedreht wurde unter anderem im Tal der Könige und in Luxor, die Studioaufnahmen fanden in London statt. Eine Augenweide sind zudem die verschwenderischen Kostüme, für die Anthony Powell einen Oscar erhielt.

Das Böse unter der Sonne

Originaltitel: Evil Under the Sun; Regie: Guy Hamilton; Drehbuch: Anthony Shaffer; Kamera: Christopher Challis; Musik: Cole Porter; Darsteller: Peter Ustinov, Maggie Smith, Jane Birkin, Nicholas Clay, Dennis Quilley. GB 1982. IMDb.

Evil Under the Sun

Am Strand einer pittoresken Mittelmeerinsel wird die ebenso schöne wie fiese Broadway-Diva Arlena Marshall (Diana Rigg) erdrosselt aufgefunden. Jeder der Gäste des einzigen Hotels der Insel hätte guten Grund gehabt, das intrigante Biest aus dem Weg zu räumen. Welch glücklicher Zufall, dass Hercule Poirot gerade dort urlaubt. Natürlich gelingt es ihm, den Fall mit der üblichen Diskretion und Raffinesse aufzuklären.

Regisseur Guy Hamilton, am bekanntesten für seine vier Bond-Filme, stellte in diesem vortrefflich gelungenen Film sein ganzes Können unter Beweis. Er siedelte die Atmosphäre zwischen Behaglichkeit und Intrige an und gab seinem vorzüglichen Star-Ensemble alle notwendigen Entfaltungsfreiheiten. Wieder lieferte Anthony Powell die Kostüme, die flotte Musik stammte von dem bereits verstorbenen Cole Porter.
     Am 24. Juli 1981 wurden die Aufnahmen für »Evil Under the Sun« nach insgesamt 63 Drehtagen beendet. Gedreht wurde in einem Moorgebiet von North Yorkshire und auf der Sonneninsel Mallorca, bevor die Innenaufnahmen in den Londoner Studios beendet wurden. Jane Birkin und Maggie Smith, die schon in »Death on the Nile« mit von der Partie waren, spielten hier wieder Seite an Seite mit Ustinov — zur großen Freude des Zuschauers sieht man ihnen den Spaß an der Sache in jeder Szene an.

»Evil Under the Sun« dürfte übrigens der schwulste Krimi aller Zeiten sein. Beabsichtigt? Es fiele mir schwer zu glauben, wenn nicht. Das muss den Machern damals schon klar gewesen sein. Klare Indikatoren:
     1. Roddy McDowall gibt einen tuntigen Schriftsteller namens Rex. Hammer! In einer Szene bewundert er den Badeanzug Diana Riggs. Die bedankt sich mit den Worten: »Soll ich ihn dir leihen?«
     2. Maggie Smith, die als »böse, alte Frau« nun wirklich eine Schwulenikone ist, und Diana Rigg (sie war immerhin Emma Peel!) liefern sich cat fights in bester »Denver-Clan«-Manier. (Smith: »Arlena konnte immer schon ihre Beine höher als alle anderen werfen — und weiter auseinander.«)
     3. Sylvia Miles sieht aus wie eine abgehalfterte Bahnhofs-Tunte. Ihre brüchige, rauchige Stimme erinnert an einen versoffenen Bauarbeiter. Ihr bester Satz zu James Mason: »Wenn du ein Mann wärst, würd’ ich mich von dir scheiden lassen.«
     4. Nicholas Clay stolziert als Objekt allgemeiner Begierde in der knappsten Badehose, die man sich nur vorstellen kann, am Strand entlang — und das quasi den ganzen Film. Dass er am Ende der Bösewicht ist, ist a) Nebensache und b) eigentlich okay, denn der böse Bube steht ihm ganz gut.
     5. Die Musik stammt, wie erwähnt, von Cole Porter. In einer der besten Szenen des Films singt die Rigg sein immergrünes »You’re the Top« mit der denkwürdigen Textzeile: »Coz honey, I’m the bottom, you’re the top!«

Oh, wie ich für Nicholas Clay schwärmte! Als Teenager, als junger Mann. Seine Intensität, seine strahlenden Augen, die jungenhafte Stimme, die kraftvoll-langsamen Bewegungen — ach, der ganze Mann. War es, dass ich ihn begehrte oder dass ich wie er sein wollte? Vermutlich beides.
     Viel zu jung durch den Krebs ins Totenreich geholt, hat Nicholas Clay nur wenige Filme gedreht. Gleich sein erster, der hier bereits besprochene »The Night Digger« (Regie: Alastair Reid), gehört zu den besten Thrillern, die je gedreht wurden. Es folgten noch zehn Kinofilme — über eine Zeitspanne von immerhin 30 Jahren — und ein gutes Dutzend Fernsehauftritte, ansonsten spielte der Schöne in der Hauptsache Theater und gab Schauspielunterricht. In »The Misanthrope« trat er 1975 am Broadway auf. Als er mit 53 Jahren starb — am 25. Mai 2000 —, war er in der Kinowelt fast vergessen. Er hinterließ eine Frau und zwei bildhübsche Töchter.

André Schneider

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