Filmtipp #9: We Don’t Live Here Anymore

We Don’t Live Here Anymore

Originaltitel: We Don’t Live Here Anymore; Regie: John Curran; Drehbuch: Larry Gross; Kamera: Maryse Alberti; Musik: Michael Convertino; Darsteller: Mark Ruffalo, Laura Dern, Peter Krause, Naomi Watts, Jennifer Bishop. USA 2004. IMDb.

We Don't Live Here Anymore
Jack (Mark Ruffalo) und Hank (Peter Krause) sind beste Freunde. Sie unterrichten beide an einem College in New England, haben ihre kleinen Familien und leben ohne größere Komplikationen ganz zufrieden vor sich hin. Eigentlich. Denn Jack ist seit einiger Zeit in Hanks unzufriedene, kühl-beherrschte Frau Edith (Naomi Watts) verliebt, und die beiden treffen sich regelmäßig  zum Schläferstündchen, mal mehr, mal weniger offensichtlich für ihre Partner. Hank, zu sehr mit sich und seinem Schicksal als gescheiterter Schriftsteller beschäftigt, bemerkt den Betrug nicht, während Terry (Laura Dern), Jacks Frau, ahnt, dass etwas nicht stimmt. Sie ist sehr emotional, verletzlich und trinkt. Als Jack ihre Fragen und Klärungsversuche zu unbequem werden, treibt er sie in Hanks Arme — um ihr hinterher den Betrug vorzuwerfen, den er schon Monate zuvor begonnen hat.

John Currans kleiner Film beschäftigt sich vorrangig mit der Frage, warum wir Menschen zumeist das haben wollen, was wir nicht haben können und damit, was es eigentlich bedeutet, »erwachsen« zu sein. In den deutschen Verleih kam »We Don’t Live Here Anymore« trotz seiner attraktiven Besetzung nie — was schade ist, weil es sich um einen wirklich tollen Film handelt, der seine Qualität durch ein (vor allem in seinen Dialogen) außergewöhnlich gut gestaltetes Drehbuch und seine erstklassigen Schauspieler erreicht. Preise gab’s für Laura Dern, die man ansonsten höchstens in ihren Lynch-Filmen mochte und die hier zu einer selten erlebten Höchstform aufläuft, und für Larry Gross’ Skript. Heutzutage muss man es schon als Wagnis bezeichnen, einen so dialogreichen Film zu drehen — und die Herausforderung zu bestehen, das Ding trotzdem durchweg spannend zu halten. Mark Ruffalo, den ich seit »You Can Count on Me« (Regie: Kenneth Lonergan) immer wieder gerne sehe und der leider fast immer dazu verdonnert wird, die zweite Geige zu spielen (beispielsweise in Scorseses »Shutter Island«, Finchers »Zodiac« oder Lisa Cholodenkos »The Kids Are All Right«), stattet seine unsympathische Figur mit einer Zerrissenheit und Schwäche aus, die es dem Zuschauer ermöglicht, jede seiner Handlungen nachzuvollziehen.

André Schneider

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