Filmtipp #566: Das Tal der Puppen

Das Tal der Puppen

Originaltitel: Valley of the Dolls; Regie: Mark Robson; Drehbuch: Helen Deutsch, Dorothy Kingsley; Kamera: William H. Daniels; Musik: John Williams, André Previn; Darsteller: Barbara Parkins, Patty Duke, Paul Burke, Sharon Tate, Tony Scotti. USA 1967.

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»Look: They drummed you right outta Hollywood! So ya come crawlin’ back to Broadway. Well, Broadway doesn’t go for booze and dope. Now you get outta my way, I got a guy waitin’ for me.« (Helen Lawson zu Neely O’Hara, kurz bevor diese ihr die Perücke herunterreißt und ins Klo wirft)

Heute ist es auf den Tag genau 50 Jahre her, dass die Uraufführung dieses Films das Gesicht des Kinos für immer verändern sollte. Eigentlich hatte »Valley of the Dolls« mein allererster Filmtipp werden sollen, aber bis heute fand ich nie wirklich einen Weg, diesem Camp-Klassiker gerecht zu werden. — Am 15. Dezember 1967 fand also die lang erwartete Premiere dieser melodramatischen Schundroman-Adaption an Bord eines Schiffes vor der kalifornischen Küste statt. Der Legende zufolge sollen sich die Hauptdarstellerinnen so sehr geschämt haben, dass sie sich im Anschluss in ihren Kajüten vor den anwesenden Journalisten versteckten. Die Kritiker weideten sich an den überzogenen Darstellungen, dem vor Plattitüden triefenden Drehbuch sowie der schlechten Regie-, Kamera- und Ausstattungsleistungen. Jacqueline Susann, die Autorin der Buchvorlage, distanzierte sich von dem Werk. Regisseur Mark Robson wies alle Schuld von sich und machte seinen Star Patty Duke verantwortlich. Trotzdem (oder gerade deswegen) wurde »Valley of the Dolls« für die 20th Century Fox der größte Kassenhit des Jahres 1968. Der Filmkomponist John Williams erhielt für seine Dienste sogar eine Oscarnominierung, und für das junge Starlet Sharon Tate, die sowohl das Buch als auch den Film hasste, markierte »Valley of the Dolls« den Durchbruch.
Bevor ich zu den aberwitzigen Produktionsbedingungen komme, gestattet mir bitte, dass ich kurz einmal die Handlung umreiße: Es handelt sich höchstens im übertragenen Sinne um einen Bergsteigerfilm. Wie der Titel schon richtig verrät, geht es ums Showgeschäft, und das sieht durch Jacqueline Susanns Augen wirklich alles andere als rosig aus. Was für eine lausige Welt, durchtränkt von Konkurrenzdenken, Intrigen und Eskapaden! Kein Wunder, dass frau da zu »Puppen« (= Drogen) greifen muss, um all das zu ertragen. Glamour, Sex, Aufputschmittel — das scheint hier eine ganz logische Assoziationskette zu sein. Dieser Druck! Dieser Teufelskreis! In der Mitte des Tals stehen drei Freundinnen: Annie (Parkins), Neely (Duke) und Jennifer (Tate) wollen es bis ganz nach oben schaffen. (Die ambitionierten Freundinnen sind übrigens, abgesehen von der Einblendung eines Schwarzweiß-Fotos, nie zusammen zu sehen.) Zu Beginn des Films kommt Anne Welles aus dem verschneiten New England ins Sündenpfuhl New York, um dort eine Sekretärinnen-Stellung bei einem alten Showbiz-Anwalt (Robert H. Harris) anzutreten. Gleich ihr erster Arbeitstag gerät zur Feuerprobe, als ihr neuer Boss sie direkt in die Höhle der Löwin schickt: Helen Lawson (Susan Hayward), die ebenso gefürchtete wie bewunderte Broadway-Diva, soll ein paar Verträge unterzeichnen. Überraschung: Annie erlebt Helen Lawson an einem ihrer, na ja, äh, nicht ganz so guten Tage und überlegt, den Job hinzuschmeißen, verliebt sich dann aber in den schmucken Lyon Burke (Burke), den Business-Partner ihres Chefs. (Lyon wird ihr im weiteren Handlungsverlauf noch ganz schön weh tun, aber das nur am Rande.) Ein unerwarteter Zufall sorgt kurz darauf auch noch dafür, dass Annie als Fotomodell entdeckt und in Windeseile berühmt wird. — Neely O’Hara ist eine hochbegabte Sängerin und Schauspielerin, die es geschafft hat, in Helen Lawsons neuem Musical eine Nebenrolle zu ergattern. (Annie lernt sie kennen, als sie mit den Verträgen zu Lawson ins Theater kommt.) Doch Helen hält den Neuling für zu talentiert — »The only hit that comes out of a Helen Lawson show is Helen Lawson, and that’s me, baby, remember?!« — und lässt Neely feuern. Annie und Burke verschaffen der am Boden zerstörten Neely daraufhin ein Vorsingen im Radio — und schon ist diese ein Star und macht sich auf den Weg nach Hollywood. Sie heiratet Mel (Martin Milner), hat aber schon bald eine Affäre mit dem vermeintlich schwulen Ted Casablanca (Alexander Davion). Der Erfolg verändert sie. Sie verprellt alle, die ihr mal nahestanden. So vögelt sie mit Lyon, obwohl sie weiß, dass Annie ihn liebt. Sie schluckt abwechselnd Aufputsch- und Beruhigungsmittel, um dem Erwartungsdruck standzuhalten. Annie, die selbst gerne mal Pillen nimmt, hilft ihr nach Kräften, indem sie sie in eine Entzugsklinik einweist. Die Szenen, die sich dort abspielen, gehören zu den (ungewollt) witzigsten des Films. — Besonders hart wird Jennifer, die Dritte im Bunde, vom Schicksal gebeutelt. Sie wird aufgrund ihrer Schönheit und ihres großen Vorbaus nicht ernst genommen. Ihre böse Mutter bläut ihr ein, dass sie kein Talent habe und nur aufgrund ihrer Titten gefragt sei. Sie lernt den Nachtclub-Sänger Tony Polar (Scotti) kennen und verliebt sich in ihn. Sehr zum Leidwesen seiner biestigen Schwester Miriam (Lee Grant) heiraten die beiden. Miriam verwaltet argusäugig das Geld und beschafft Tony seine Engagements. Doch eines Tages erleidet Tony einen Anfall — »Jen! I can’t feel my legs!« —, und die inzwischen schwangere Jennifer muss erfahren, dass er unheilbar krank ist. Da die Krankheit vererbbar ist, lässt sie eine Abtreibung vornehmen. Schon bald ist Tony so krank, dass Jennifer und Miriam ihn in ein teures Sanatorium einweisen müssen. (Dort begegnet er bald auch Neely, die dort ihren Entzug macht. Aber das gehört jetzt nicht hierher.) Die Ersparnisse reichen jedoch nicht lange, und so nimmt Jennifer widerwillig das Angebot eines schmierigen französischen Filmemachers (Richard Angarola) an, in seinen »Kunstfilmen« (= Softpornos) mitzuwirken. Tonys Zustand verschlechtert sich immer weiter, und zu allem Überfluss haut der fiese Franzose das arme Mädchen auch noch übers Ohr. Damit nicht genug: Sie hat auch noch Brustkrebs. Die angekündigte Mastektomie nimmt ihr ihre einzige Einnahmequelle, und so setzt sie mit einer Überdosis Schlaftabletten ihrm Leben ein Ende. — Während Annie noch ganz gut die Kurve kriegt — sie kehrt der Scheinwelt den Rücken und zieht zurück ins beschauliche (und ewig verschneite) New England —, schlittert Neely O’Hara drogen- und alkoholberauscht immer tiefer in einen selbstzerstörerischen Abgrund, bis sie ganz am Ende völlig desolat in einer dunklen Gasse zusammenbricht. Dabei ruft sie unentwegt: »Mel? Gott? Neely? Neely O’Hara? Wo bist du, Neely?« Man muss unweigerlich an den tuntig-weinerlichen Song »I Have Been to Paradise But I’ve Never Been to Me« von Charlene denken. Neely ist sich selbst abhanden gekommen. »Niemand wird ihr Talent zerstören«, prophezeite Helen Lawson in einer früheren Szene des Films, »aber sie wird sich selbst zerstören.«

Ja, ich gebe zu, diese Inhaltsangabe ist stark verkürzt. Man kann der verschachtelten, unübersichtlichen Handlung einfach nicht gerecht werden. Und vieles muss man einfach mit eigenen Augen sehen, um es glauben zu können. »Valley of the Dolls« ist Kolportage, ein durch und durch spekulatives Machwerk von der übelsten Sorte. Die Showbiz-Kritik verkümmert bereits in den Ansätzen und bleibt oberflächlich. Schon über Susanns Buch sagte seinerzeit eine Leserin: »Es ist absoluter Schund, ganz furchtbar auch geschrieben, aber ich konnte es einfach nicht aus der Hand legen.« Allein in den USA ging der Roman in den letzten 50 Jahren nicht weniger als 31 Millionen Male über die Ladentische und ist somit eines der erfolgreichsten Bücher aller Zeiten. Ein wenig wiederholte sich das Phänomen mit Fifty Shades of Grey. In beiden Fällen wurden die Verfilmungen ihren Vorlagen mehr als gerecht, obwohl es unvermeidbare Straffungen und Veränderungen gab. So erstreckt sich der Handlungsspielraum von Susanns Roman über zwei Dekaden; die Geschichte beginnt in den Nachkriegsjahren und endet 1966, während der Film eine deutlich kürzere Zeitspanne irgendwann den Sechzigern abreißt. Im Buch ist Annie eine hinreißende Blondine mit blauen Augen, im Film wird sie von der brünetten und braunäugigen Barbara Parkins gespielt. Die Zensur erlaubte der Filmfassung nicht, Jennifers lesbischen Experimente, Ted Casablancas Homosexualität und Tonys Vorliebe für Analsex auszuschlachten. Dafür bekommen wir einige der schönsten schlechten Dialoge der Filmgeschichte geboten: »Honey, it’s a rotten business«, erklärt der väterliche Mel der armen Neely, die gerade gefeuert wurde. Neely: »I know. But I love it.« Why, of course!
Über die wirklich grauenhafte Broadway-Show von Helen Lawson schweige ich mich lieber aus. Was soll dieses verdreckte Mobile mit den Schlieren auf der Bühne? Und dieser Song, zu dem Susan Hayward (nicht ganz synchron) ihre Lippen bewegt! »I’ll plant my own tree and I’ll let it grow.« Ist das so? Ich kann Euch versichern: Da wächst kein Baum. Eigentlich hatte keine Geringere als Judy Garland als Helen Lawson ihr Comeback geben sollen. Die Probeaufnahmen zeigen eine Karikatur dessen, was Garland einmal war, aber sie hatte diesem fürchterlichen Lied eben jene Kraft und Klasse gegeben, die der Film dringend benötigt hätte. (Ihre Aufnahme des Songs ist bis heute erhältlich.) Ironischerweise gab es mit der Diva reichlich Probleme, die auf den Konsum von Tabletten und Rauschgift zurückgingen, und so wurde sie gefeuert. Die Garderobe nahm sie bei der Gelegenheit komplett mit, und auch den vom Studio spendierten Billardtisch in ihrer Garderobe ließ sie abholen. Sie starb wenige Jahre später. Nachdem Garland ausgeschieden war, bot man die Rolle nacheinander Tammy Grimes, Bette Davis (!), Lucille Ball und Ginger Rogers an, die allesamt erbost ablehnten. Susan Hayward selbst war auch nicht sonderlich begeistert von dem Skript, schlug sich aber im Vergleich zu ihren Kolleginnen noch ganz achtbar.
Ganz Hollywood war seinerzeit auf den Beinen, um eine Rolle oder ein Röllchen in »Valley of the Dolls« zu ergattern, und das Studio scheute weder Kosten noch Mühen für lavish screen tests unbekannter Starlets. Die junge Helen Mirren zum Beispiel soll ihrer Autobiographie zufolge für die Rolle der Neely vorgesprochen haben, die zuvor von Jane Fonda, die damals schon ein etablierter Star war, abgelehnt worden war. Raquel Welch, Julie Christie, Ursula Andress, Mary Tyler Moore, Petula Clark, Ann-Margret, Jill Ireland und Candice Bergen waren als Jennifer im Gespräch, bevor Sharon Tate unter Vertrag genommen wurde. Barbara Parkins wollte ursprünglich Neely spielen, während Marlo Thomas sich um die Rolle der Anne bemühte, wurde dann aber von Patty Duke ersetzt, die damals bereits einen Oscar in der Tasche hatte — für »The Miracle Worker« (Regie: Arthur Penn), in welchem sie Helen Keller gespielt hatte. Mit »Valley of the Dolls« wollte sich der Ex-Kinderstar neu als Erwachsene etablieren. Das Publikum akzeptierte sie jedoch als launische Drogenzicke überhaupt nicht. Überhaupt ließ sie Regisseur Mark Robson richtig böse auflaufen. Selten hat man eine so begabte Schauspielerin eine so unfassbar schlechte Performance geben sehen! Jacqueline Susann wollte Elvis Presley (!) als Tony Polar im Film haben, doch nachdem dieser lachend aufgelegt haben soll, ließ man zuerst Robert Forster vorsprechen, bevor man sich für den farblosen Tony Scotti entschied. Weitere Nebenrollen gingen an Robert Viharo, Richard Dreyfuss und Jacqueline Susann selber, die in einer kurzen Szene eine Journalistin gab.

Die Dreharbeiten selber waren ein Alptraum. Robson ließ keine Gelegenheit ungenutzt, Patty Duke zu demütigen. Diese konnte ihm diese Behandlung bis zuletzt nicht verzeihen und nannte ihn in Interviews immer nur »that mean son of a bitch«. Duke fühlte sich von ihren Kolleginnen isoliert und verstand sich auch mit Susan Hayward nicht, während Barbara Parkins ihre Kostüme hasste und ständig nach Wegen suchte, diese doch noch irgendwie ändern zu lassen. Drehbuchautor Harlan Ellison drohte, das Studio zu verklagen, wenn sein Name im Vorspann genannt werden sollte; er war mit den zahllosen Änderungen und dem »glücklichen« Ende alles andere als einverstanden gewesen. Und dann noch der Ärger mit dem Plakat, das Ihr oben seht. Die Verantwortlichen hatten offensichtlich weder das Buch gelesen, noch den Film gesehen, sonst hätten sie gewusst, dass Helen Lawson die einzige Frauenfigur im Film ist, die Pillen jeglicher Art vehement ablehnt.

Stephen M. Moser, seines Zeichens Journalist beim »Austin Chronicle«, schrieb über den Kultfilm wie folgt: »The definitive camp classic. […] ›Valley of the Dolls‹ is a great movie in the very same way that ›Showgirls‹ is a great movie. Rent it and howl!«
In diesem Sinne: Viel, viel Spaß! Wer die Gelegenheit hat, sollte sich unbedingt die Doppel-DVD mit den vielen bunten Extras gönnen. Der Hammer!

André Schneider

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Filmtipp #565: Das Attentat

Das Attentat

Originaltitel: L’attentat; Regie: Yves Boisset; Drehbuch: Ben Barzman, Basilio Franchina, Jorge Semprún; Kamera: Ricardo Aronovich; Musik: Ennio Morricone; Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Michel Piccoli, Jean Seberg, Gian Maria Volontè, Michel Bouquet. Frankreich/Italien/BRD 1972.

Der Marokkaner Mehdi Ben Barka war ein politisch unbequemer Zeitgenosse. So hatte er in seinem Heimatland nach der Verbannung von Mohammad V. durch die französische Protektoratsmacht den bewaffneten Widerstand organisiert und saß nach der Unabhängigkeit Marokkos als linker Oppositionspolitiker im Parlament. 1960 floh er vor einem Hochverratsprozess ins Ausland und wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Der studierte Mathematiker ergriff während des marokkanisch-algerischen Konflikts Partei für Algerien und hielt sich vor allem in der Schweiz und in Ägypten auf. Im Oktober 1965 wurde er während eines Aufenthalts in Paris von zwei Agenten des SDECE vor einer Brasserie am Boulevard Saint-Germain entführt und kurz darauf ermordet. Sowohl der marokkanische Innenminister als auch der Chef der marokkanischen Sicherheitspolizei wurden in Frankreich als Drahtzieher der Tat angeklagt (und im Juni 1967 freigesprochen), aber gänzlich aufgeklärt wurde das Verbrechen nie. Die Gerüchte, dass hochrangige Vertreter des französischen Parlaments und der Justiz in die Vorgänge verwickelt gewesen sein sollen, bestehen bis heute.

1972 nahm sich der Filmemacher Yves Boisset der Barka-Affäre an. Seinem Autoren-Trio ließ er bei der Konstruktion der Story jedoch weitestgehend freie Hand, so dass sich das Resultat nur noch vage an den Vorkommnissen orientierte. Losgelöst von dem Anspruch, historische Ereignisse dokumentarisch aufzuarbeiten, spannten Boisset und seine Autoren auf der Grundlage realer Vorgänge einen fiktiven Handlungsbogen. Das Echo der Kritiker war seinerzeit geradezu euphorisch, und in Frankreich wurde »L’attentat« einer der Kassenschlager des Jahres.
45 Jahre später ist der engagierte Polit-Thriller leider nicht viel mehr als ein interessantes Dokument jener Zeit, eine filmische Anklage gegen Korruption, politische Skrupellosigkeit und die menschenrechtsverletzenden Machenschaften der Geheimdienste, der im Laufe der Jahre die Spannung abhanden gekommen ist — obschon das Sujet nichts von seiner Brisanz eingebüßt haben dürfte. Aus Mehdi Ben Barka wurde in »L’attentat« ein gewisser Sardiel (Volontè), der im Schweizer Exil lebt. Jean-Louis Trintignant verkörpert einen abgewrackten Journalisten und linken Aktivisten namens François Darien, der mit Sardiel befreundet ist und von der französischen Geheimpolizei unter Druck gesetzt wird, diesen aus Genf zu einem Interview nach Paris zu locken. Zu spät erkennt er, dass der französische Geheimdienst mit der CIA und Sardiels Landsmann Kassar (Piccoli), dem jetzigen Chef einer korrupten Diktatur, paktiert hat, um Sardiel ein- für allemal auszuschalten. Darien kann letzten Endes nicht verhindern, dass sein Freund entführt, gefoltert und ermordet wird. Um das Netz von Intrigen und Korruption zu sprengen, hält er die Erkenntnisse seiner Ermittlungen auf Tonband fest, doch bevor er dieses Dokument weitergeben kann, wird er von einem als Journalisten getarnten CIA-Mann ebenfalls ermordet.

»L’attentat« ist ein düsterer Film. Braun- und Grautöne dominieren die Bilder, alles wirkt matt und morbide, der Himmel ist ständig bedeckt, als würde es jeden Augenblick regnen. Es schmeckt nach Herbst, das Tempo ist gedrosselt, der Streifen nimmt nur langsam an Fahrt auf. Beklemmung macht sich breit. »L’attentat« ist kein angenehmes Seherlebnis. Wer sich nicht darauf einlässt, sieht vor allem eins: Viele Figuren in dunklen Anzügen, die an vielen wechselnden Drehorten viele, viele Dialoge tauschen. Selbst Ennio Morricones Musik ist nicht unterhaltsam. Der von Trintignant hervorragend gespielte Held ist schwächlich, ausgebrannt und labil; er bietet dem Zuschauer kaum eine Möglichkeit zur Identifikation. Jean Seberg ist als seine Freundin zu sehen. Ihr Part wurde in drei Wochen abgedreht, ihre Gage betrug 40.000 Dollar. Die damals 33jährige wirkt abgekämpft, aufgedunsen, blass. Es stimmt einen traurig, sie so zu sehen, obwohl diese Kondition durchaus zu ihrer Rolle passt. Für Seberg wurde »L’attentat« der letzte große Kinoerfolg; bis 1976 spielte sie noch in einem halben Dutzend kommerziell unbedeutender Filme mit, von denen Les hautes solitudes und La corrupción de Chris Miller die nennenswertesten sein dürften. In weiteren Nebenrollen überzeugt eine selten dagewesene Schar von internationalen Spitzenschauspielern wie Roy Scheider, Nigel Davenport, Bruno Cremer, Philippe Noiret, François Périer, Jean Bouisse, Karin Schubert, Daniel Ivernel und Michel Bouquet. — Die Dreharbeiten, welche im Frühjahr 1972 stattfanden, gestalteten sich als problematisch, da die Pariser Polizei immer wieder mit gezielten Störungen die Arbeiten boykottierte, obwohl Yves Boisset alle erforderlichen Genehmigungen für die Außendrehs eingeholt hatte.

André Schneider

Filmtipp #564 & Rezept #40: Birnenkuchen mit Lavendel

Birnenkuchen mit Lavendel

Originaltitel: Le goût des merveilles; Regie: Éric Besnard; Drehbuch: Éric Besnard; Kamera: Philippe Guilbert; Musik: Christophe Julien; Darsteller: Virginie Efira, Benjamin Lavernhe, Lucie Fagedet, Léo Lorléac’h, Hervé Pierre. Frankreich 2015.

Bevor Ihr Euch den Film anschaut, nehmt Euch bitte ein bisschen Zeit in der Küche und bereitet Euren eigenen Birnenkuchen vor. Glaubt mir, das macht den Filmgenuss noch schöner. Hier also erst einmal das Rezept für Birnenkuchen mit Lavendel (für eine Tarteform von 26 Zentimetern Durchmesser):

Zutaten:
130 g Mehl
1 EL Zucker
1 Prise Salz
60 g Butter
1 Ei
3 Birnen (weich)
1 TL Zitronensaft
2 EL Honig
2 TL essbare Lavendelblüten

Zubereitung:
Mehl, Zucker und Salz mischen, dann mit Ei und Butter zu einem Teig kneten. Die Teigkugel im Anschluss ca. eine Stunde im Kühlschrank ruhen lassen. Den Backofen auf 200 Grad vorheizen. Die Birnen waschen und in dünne Spalten schneiden. Mit Zitronensaft beträufeln, damit sie nicht braun werden.

Tarteform buttern, mehlen und mit dem ausgerollten Teig auslegen. Den Boden mehrmals mit einer Gabel einstechen und mit den Birnenspalten belegen. Den Kuchen dann ca. 50 bis 60 Minuten auf mittlerer Schiene backen.

Honig und Lavendelblüten leicht erwärmen. Den noch warmen Kuchen mit dem flüssigen Honig bestreichen und am besten warm servieren. Mit Eis oder leicht geschlagener Sahne ist die Tarte ein absoluter Hochgenuss! Guten Appetit! Und nun den DVD-Player anschmeißen…

Angenehm unverkitscht, aber voller Feingefühl und wohliger Leichtigkeit erzählt Éric Besnard eine Geschichte über die kleinen Wunder des Lebens. Die sonnendurchfluteten Bilder und die gemütliche Landhaus-Atmosphäre machen »Le goût des merveilles« (zu Deutsch: »Der Geschmack der Wunder«) zu einem unvergleichlichen Beispiel für jene Art von Wohlfühl-Kino, welches einen aus emotionalen Dunkelkammern herauszuholen vermag. Die Dreharbeiten fanden von August bis September 2014 in Nyons statt, einer der schönsten Gegenden der Provence.

Louise (Efira), eine junge Witwe mit zwei Kindern, führt nach dem Tode ihres Mannes dessen Hof mit Birnenbäumen und Lavendelfeldern weiter, hat allerdings mit der geschäftlichen Seite der Dinge kein Fortune. Die Bank drängt sie, eine Hypothek auf das Haus aufzunehmen, damit die Kreditraten weiter bezahlt werden können. Ihr Nachbar Paul (Laurent Bateau), der schon länger ein Auge auf sie geworfen hat, bietet ihr an, ihr ein Stück ihres Grundstücks abzukaufen. Louises Lage (und damit auch die ihrer Kinder) ist also denkbar prekär, als sie eines Tages auf dem Rückweg vom Markt auch noch einen jungen Mann anfährt und leicht verletzt: Pierre (supersüß: Lavernhe) leidet unter dem Asperger-Syndrom. Bei Stress verengt sich seine Wahrnehmung, und er ergreift die Flucht. Dinge, die er nicht leiden kann, markiert er mit kleinen, farbigen Punkten; Louises Kombi verpasst er gleich zwei. Louise nimmt Pierre vorübergehend bei sich auf, und Pierre gefällt es bei ihr. Seine Anwesenheit sorgt dafür, dass Louise die Welt bald mit anderen Augen sieht — und auch schicksalsmäßig scheint sich das Blatt für sie zu wenden… Die Botschaft des Films: Fahren Sie einen Asperger an, wenn Sie wollen, dass Ihnen das Glück hold ist.
Natürlich verlieben sich Louise und Pierre auch noch ineinander. Die Romanze zwischen den beiden ist possierlich und herzerwärmend anzuschauen. Die romantische Komödie entfaltet in der zweiten Hälfte einen geradezu zauberhaften Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Hier ist alles leicht verschoben, ein wenig anders. Regisseur Besnard schärft Louises Blick — und den des Zuschauers — für die oft winzigen Augenblicke der Magie, die das Leben für uns bereithält. Man schmeckt förmlich die Birnen der Provence — und plant insgeheim schon den nächsten Frankreich-Urlaub.

André Schneider