Filmtipp #611 bis #613: Jean Sebergs 1960

Heute würde Jean Seberg ihren 80. Geburtstag feiern. Nachdem ich unlängst bereits Romy Schneider und Nieves Navarro mit Filmtipps zu ihren runden Ehrentagen gratuliert habe, möchte ich heute dasselbe für Seberg tun. Ausgesucht habe ich mir die drei Filme, die zwischen Februar und November 1960 mit ihr in Paris entstanden waren. Nach dem Sensationserfolg von »À bout de souffle« (Regie: Jean-Luc Godard) hatte die junge Schauspielerin jede sich ihr bietende Chance genutzt, um Geld zu verdienen. Dabei kamen leider nicht immer nur gute Filme heraus, meist jedoch ganz interessante. »Let No Man Write My Epitaph« (Regie: Philip Leacock) war in Hollywood entstanden, wo Seberg noch bei der Columbia unter Vertrag stand. Sie selbst hat den Film, in dem Shelley Winters, Burl Ives und Ella Fitzgerald mitspielten, nie gesehen und sprach eher abfällig über diese Erfahrung. (Er war entstanden, als »À bout de souffle« zwar schon abgedreht, aber noch nicht gestartet war.) In ihrer Wahlheimat Frankreich bot man ihr größere und abwechslungsreichere Rollen an, allerdings nicht die exorbitanten Gagen, die in den Vereinigten Staaten Usus waren. Alle drei 1960 gedrehten Streifen liefen im Februar 1961 in Frankreich an. Der erste war ein altbacken-harmloser Unterhaltungsfilm, den sie ihrem (Noch-)Ehemann zuliebe gemacht hatte, während der zweite ein liebevoll ausgearbeitetes Drama mit viel Charme, Esprit und Maurice Ronet wurde. Beim dritten Film handelte es sich um eine kokette Komödie unter der Regie von Philippe de Broca, die Seberg später selber für eine ihrer besten Arbeiten hielt. De Brocas Film ist auch bei uns (synchronisiert) auf DVD erschienen, die anderen beiden Filme müsstet Ihr Euch in Frankreich bestellen.

#611: Brennende Haut

Originaltitel: La récréation; Regie: Fabien Collin, François Moreuil; Drehbuch: François Moreuil, Daniel Boulanger; Kamera: Jean Penzer; Musik: Georges Delerue; Darsteller: Jean Seberg, Christian Marquand, Françoise Prévost, Evelyne Ker, Simone France. Frankreich 1961.

La récréation

La récréation

In ihrem kurzen Leben ging Jean Seberg dreimal den Bund der Ehe ein, und mit jedem ihrer Ehemänner drehte sie (mindestens) einen Film. Kurioserweise war dies immer eine schlechte Entscheidung, die Werke waren ausnahmslos künstlerisch oder kommerziell misslungen — meist beides. François Moreuil war von 1958 bis 1960 Sebergs Angetrauter. Mit dem Filmgeschäft hatte er nur marginal etwas zu tun, er war eigentlich Anwalt. Er unterstützte Godard publizistisch bei »À bout de souffle« (1960) und war William Wylers Produktionsassistent bei How to Steal a Million. »La récréation«, im Frühjahr 1960 gedreht, wurde sein erster und einziger Spielfilm fürs Kino. (Er inszenierte später noch einige TV-Beiträge und produzierte drei Dokumentarfilme.) Unterstützung erfuhr er von dem wesentlich erfahreneren Regieassistenten Fabien Collin, der ab 1950 für Henri Decoin, Henri Verneuil, Victor Vicas und Julien Duvivier tätig gewesen war. Moreuil und Collin nutzten für ihr konventionelles Melodram die ungeheure Popularität, welche Jean Seberg dank ihrer Arbeit mit Godard zuteil geworden war, und schnitten den Film ganz auf sie zu. Es half sicherlich auch, dass die Autorin der Vorlage ebenfalls ein junger Star war: Françoise Sagan, die mit ihrem Skandal-Bestseller Bonjour Tristesse schon einmal die Story zu einem Seberg-Film geliefert hatte.

Was erzählt »La récréation«? Im Kern geht es um ein moralisch-ethisches Dilemma einer jungen Frau. Kate (Seberg) ist Amerikanerin und Schülerin eines prestigeträchtigen Pariser Internats. Von ihrem Fenster aus beobachtet sie einen Bildhauer (Marquand), der sie fasziniert. Ein stürmischer Flirt entbrennt. Doch eines frühen Morgens wird Kate Zeugin, wie ein junger Soldat von einem offensichtlich Betrunkenen angefahren und getötet wird. Der Fahrer ist — natürlich! — Kates leichtlebiger Bildhauer. Er begeht Fahrerflucht. Mit der Frage, was Kate jetzt tun wird, beschäftigt sich der gut gemachte, aber insgesamt doch artig-belanglose Film, den Jean Seberg ihr »Abschiedsgeschenk« an Moreuil nannte. Das Paar lebte während der spannungsreichen Dreharbeiten bereits in Trennung. (Seberg hatte eine Affäre mit Romain Gary, den sie zwei Jahre später heiratete.) Die Scheidung war am 21. September 1960 durch, und »La récréation« kam im Februar 1961 in die französischen Kinos — praktisch zeitgleich mit den beiden anderen (und besseren) Filmen, die Seberg im Anschluss gedreht hatte. Die Besprechungen in der Presse waren lausig, aber seine Kosten spielte »La récréation« mühelos ein, da bereits Deals mit Verleihern in den USA und der BRD ausgehandelt worden waren, wo Jean Seberg durch ihre Arbeiten mit Preminger und Godard schwer angesagt war.

#612: Die Erwachsenen

Originaltitel: Les grandes personnes; Regie: Jean Valère; Drehbuch: Roger Nimier, Jean Valère; Kamera: Raoul Coutard; Musik: Germaine Tailleferre; Darsteller: Jean Seberg, Maurice Ronet, Micheline Presle, Annibale Ninchi, Françoise Prévost. Frankreich 1961.

Les grandes personnes

Les grandes personnes

»Les grandes personnes« führte Jean Seberg zum ersten Mal mit Maurice Ronet zusammen, mit dem sie sich vortrefflich verstand. Vor der Kamera hatten die beiden eine gute Chemie, so dass bis 1968 noch drei weitere gemeinsame Filme folgten. Seberg mochte »Les grandes personnes« nicht sonderlich. Sie habe den Film »aus kommerziellen Gründen« gemacht. Für den Regisseur Jean Valère, ehemals Assistent von Max Ophüls und Marcel Carné, war es der erst zweite Spielfilm. Zur Blütezeit der nouvelle vague mit jungen Talenten wie Truffaut und Chabrol war Valère ein Filmemacher der altmodischen Art, der routiniert zu inszenieren vermochte, aber für die Zartheit der Liebesgeschichte zu intellektuell an die Sache heranging. Anlässlich des bundesdeutschen Kinostarts am 10. März 1961 schimpfte der »Spiegel«: »In dieser faden Liebesgeschichte […] erweist sich Raoul Coutard […] als sein eigener Epigone. Die Kamera fängt nur eine pathetische Öde ein, welche die redseligen Beteuerungen der Dialoge noch aufdringlicher macht.« — In der Tat, die Story ist banal, aber durch Coutards suggestive Kamerasprache gelingt hier ein melancholisch-schönes Portrait des (damals) modernen Großstadtlebens. Raoul Coutards größte Stärke war das Einfangen des Alltäglichen ohne Kunstlicht. Dadurch gelangen ihm Bilder von erlesener, damals nur selten gesehener Authentizität und Schönheit. Bei »Les grandes personnes« ist alles ein wenig dunkel, es schwebt eine spielerische Zwielichtigkeit über den Protagonisten. Micheline Presle spielt Michèle, eine Pariser Modedesignerin mit einem Atelier in der Galerie Lafayette und einer schmucken Stadtwohnung in der Rue Rivoli, die versucht, sich das Leben zu nehmen, nachdem ihr Lover (Ronet) sie abserviert hat. Seberg spielt eine 19jährige Amerikanerin, die ihren reichen Onkel nach einem Herzinfarkt pflegt. Presle und Seberg lernen sich kennen, freunden sich an. Seberg lernt die »wichtigen Leute« (so der Originaltitel) von Paris kennen — cool, etwas zynisch, aber mit Stil. Der Glamour färbt auf das kleine Mädchen aus Nebraska ab, sie trägt Maßgeschneidertes aus den großen Modehäusern, kriegt den modischen Seberg-Haarschnitt verpasst und mausert sich zur waschechten Französin mit schwerem amerikanischen Akzent. Es kommt, wie es kommen muss: Seberg lernt den reichen, narzisstischen Liebhaber von Michèle kennen — und verliebt sich unsterblich. Dumm nur, dass er nicht loyal, nicht treu und nicht gerade freundlich ist. Der junge Autofabrikant liebt letztlich nur sich selbst, und jede Frau, die ihm zu nahe kommt (Françoise Prévost ist ein weiteres Opfer), hat einigen Schmerz zu ertragen… — Fazit: Ein interessantes Zeitdokument, das über die letzten 57 Jahre einiges an Mehrwert gewonnen hat!

#613: Liebhaber für fünf Tage

Originaltitel: L’amant de cinq jours; Regie: Philippe de Broca; Drehbuch: Daniel Boulanger, Philippe de Broca; Kamera: Jean Penzer; Musik: Georges Delerue; Darsteller: Jean Seberg, Micheline Presle, Jean-Pierre Cassel, François Périer, Carlo Croccolo. Frankreich/Italien 1961.

L'amant de cinq jours

L’amant de cinq jours

Philippe de Broca hatte schon mit seinen ersten Filmen »Les jeux de l’amour« (1960) und »Le farceur« (1960) sein Händchen für die leichtgewichtige, spritzige Komödie mit melancholischem Touch unter Beweis gestellt und in Jean-Pierre Cassel den idealen Protagonisten gefunden. (De Broca und Cassel drehten insgesamt sechs Filme miteinander.) Ab Oktober 1960 entstand in Paris und Umgebung der dritte Film der beiden. De Broca selbst mochte »L’amant de cinq jours« nicht sonderlich, viele Kritiker jedoch hielten das Werk für sein bis dato bestes. Die Balance zwischen vordergründiger Leichtigkeit und Schwermut wird hier perfekt gemeistert. Kameramann Jean Penzer kreierte Paris-Bilder in Schwarzweiß, die zu den schönsten der Filmgeschichte gehören dürften. Postkartenmotive, unterlegt mit einer zarten Walzermelodie von Georges Delerue, die in ein von flirrenden Streichern getragenes Arrangement eingebettet wurde und eine frühherbstliche Stimmung aufflammen lässt. De Broca lässt es in »L’amant de cinq jours« oft regnen. Nasses Kopfsteinpflaster und Tropfen, die an großen Altbaufenstern herunterrinnen. »L’amant de cinq jours« ist einer dieser Filme, die man immer wieder schauen möchte, weil sie einen in ihre eigene Welt ziehen, in der alles den Stempel der Schönheit trägt. Da wäre natürlich Jean Seberg, die mit ihrer dunklen Perücke einfach entzückend ist. Das Muttermal auf ihrer Wange, der lange, schlanke Hals, die vollen Lippen — eine umwerfend erotische Frau, damals gerade 22 Jahre jung. Es war nach »The Mouse That Roared« (Regie: Jack Arnold) ihr erster Ausflug ins komödiantische Fach, und ihre allererste typisch französische Komödie. Sie spielt Claire, eine Engländerin, die mit dem Langweiler Georges (Périer) verheiratet ist, zwei kleine Kinder hat und sich mit gelegentlichen Affären in Traumschlösser flüchtet. Bei der Modenschau ihrer Freundin Madeleine (Presle) lernt sie Antoine kennen — hervorragend von Cassel gespielt —, einen charmanten Luftikus, der sich von Madeleine aushalten lässt. Claire und Antoine beginnen ein Techtelmechtel. Sie treffen sich unterhalb der Woche, während Georges und Madeleine arbeiten. An den Wochenenden gehört Claire ihrer Familie, während Antoine seinen »Pflichten« Madeleine gegenüber nachkommt. Dieses Arrangement geht solange gut, bis sich Antoine ernstlich in Claire verliebt und eine Zukunft mit ihr planen will. Darüber hinaus kommt Madeleine hinter das Verhältnis und sinnt auf köstliche Rache…

De Brocas kleiner, feiner Film galt anno 1961 als frivol und unmoralisch. In den USA, wo er ab Dezember 1961 mit großem Erfolg in ausgewählten Arthaus-Kinos lief, war man schockiert über so viel Leichtfertigkeit. Bei der Berlinale war er für einen Goldenen Bären nominiert, war aber kein großer Publikumsmagnet. Philippe de Broca wandte sich bald darauf kommerzielleren Stoffen zu. Cassel wurde durch Jean-Paul Belmondo ersetzt und war darüber so erbost, dass er über 20 Jahren nicht mehr mit de Broca sprach, bis sie 1988 ein letztes Mal miteinander filmten. Auf der ansprechend aufgemachten deutschen DVD finden sich zwei interessante Dokumentationen, darunter auch eine, in der Vincent Cassel über die Filme seines berühmten Vaters spricht.

André Schneider

Noch mehr Filme mit Jean Seberg:
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Filmtipp #556: Der Schuss
Filmtipp #550: Maske des Grauens
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Filmtipp #303: Dead of Summer
Filmtipp #302: Plaisirs d’amour
Filmtipp #285: Die Straße von Korinth
Filmtipp #284: Bonjour Tristesse
Filmtipp #280: Les hautes solitudes

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Filmtipp #609 & #610: Der Tod küsst dich um Mitternacht & Die eiserne Hand des Todes

Wenn man an die großen Göttinnen des Giallo denkt, fallen einem vermutlich zuerst Edwige Fenech, Anita Strindberg oder Suzy Kendall ein. Ihre spanische Kollegin Nieves Navarro, besser bekannt unter dem anglophonen Pseudonym Susan Scott, vergisst man gerne mal, obschon sie in einigen sehenswerten Vertretern des Genres in Erscheinung trat. Tutti i colori del buio und Passi di danza su una lama di rasoio kommen einem da spontan in den Sinn. Zwischen 1965 und 1977 drehte sie insgesamt zehn Filme für den italienischen Produzenten und Regisseur Luciano Ercoli, mit dem sie ab 1972 auch verheiratet war. Bei fünf Filmen, von denen »Le foto proibite di una signora per bene« (1970) der erste war, führe Ercoli auch Regie. Anlässlich Navarros heutigem 80. Geburtstag möchte ich Euch die beiden »berühmtesten« Filme des Paares vorstellen — die bei Giallo-Fans äußerst beliebten »Death Walks«-Filme.
Schon im Februar 2016 sollten die »Death Walks«-Filme in Deutschland auf DVD erscheinen, doch der Veröffentlichungstermin verschob sich immer wieder aufs Neue; bis heute sind die Filme hierzulande nur als Import erhältlich. In England kamen sie als Doppelpack in einem schicken Schuber auf den Markt, der zahllose Extras enthält, unter anderem ein 60 Seiten starkes Booklet, spannende Audio-Kommentare von Tim Lucas sowie Interviews mit Ercoli, Navarro, Ernesto Gastaldi und Stelvio Cipriani. Die Edition kam 2016 auf den Markt und war streng limitiert, so dass er inzwischen für rund 200 Euro angeboten wird.

Der Tod küsst dich um Mitternacht

Originaltitel: La morte cammina con i tacchi alti; Regie: Luciano Ercoli; Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Mahnahén Velasco [May Velasco]; Kamera: Fernando Arribas; Musik: Stelvio Cipriani; Darsteller: Nieves Navarro [Susan Scott], Simón Andreu [Simon Andreu], Frank Wolff, Carlo Gentili, George Rigaud. Italien/Spanien 1971.

tacchi-alti

Eingedeutscht hieße der verspielt-hypnotische Streifen »Der Tod kommt auf hohen Stöckeln«. Das Skript von Ernesto Gastaldi schlägt hier originelle Richtungen ein. Es beginnt in einem Zug. Ein Juwelendieb wird ermordet. Der Täter stellt fest, dass der Dieb die Beute nicht bei sich trägt. Nun gerät die Tochter des Diebes ins Visier des Killers. Besagte Tochter heißt Nicole, wird von Nieves Navarro äußerst lustvoll gespielt und arbeitet in Paris als Tänzerin. Nachdem sie eine Attacke überlebt hat, verzieht sie sich nach England. Hier kommt es zu einem Handlungs-Twist: aus dem Thriller wird eine Romanze, aus der dann wieder ein Thriller wird. Nicole ist in England nicht allein. Ein Dr. Robert Matthews (Wolff) ist bei ihr. Die beiden verlieben sich ineinander, was nicht unproblematisch ist, denn Matthews ist verheiratet, und Nicole hat ihren Tunichtgut von einem Freund (Andreu) in Paris zurückgelassen. (Sie verdächtigte ihn, der maskierte Angreifer gewesen zu sein.) Eine Unbekannte versucht, Matthews zu erschießen. Nicole verschwindet spurlos. Ein engagierter Inspektor (Gentili) übernimmt die Ermittlungen — und der maskierte Mörder mordet weiter…

Ercoli versteht es gekonnt, uns in bester Psycho-Manier in die Irre zu führen. Dabei werden die Genres nach Gusto gemischt. Mit Carlo Gentilis Auftauchen schlägt der Film sogar den Bogen zur Komödie. Er verleiht seinem englischen Inspektor einen schrullig-trockenen Humor erster Güte. Luciano Rossis Auftritt als Dr. Matthews’ undurchsichtiger Hausverwalter ist ein schauspielerisches Glanzstück, das ein wenig an Klaus Kinski erinnert. Zu Nieves Navarro alias Nicole sei zu sagen, dass sie nur vorgeblich die Hauptrolle spielt, aber das tut sie mit Wonne und komödiantischer Manie.
Viele Passagen des 108 Minuten langen Streifens erinnern in ihrer Gestaltung an ein Musikvideo, Ercoli widmet sich ausgiebig den schönen Aufnahmen seines Kameramannes Fernando Arribas, die er Stelvio Cipriani mit einer seiner berühmtesten Kompositionen unterlegen ließ. Da wären beispielsweise die ausufernden Szenen zu Beginn des Films, in denen Navarro als Burlesque-Tänzerin zu sehen ist. Oder auch die Sequenzen an der englischen Küste, die keinen weiteren Zweck erfüllen als den der Schönheit. Hier entwickelt »La morte cammina con i tacchi alti« jenen verklärenden Sog, den wir von Sergio Martino kennen. Die Dreharbeiten führten das Team von Spanien über Italien und Paris bis nach London und Kent. Das traumhaft hübsche Landhaus, das eine zentrale Rolle spielt, befand sich allerdings nicht in Großbritannien, sondern an der Costa Brava.

Die eiserne Hand des Todes

Originaltitel: La morte accarezza a mezzanotte; Regie: Luciano Ercoli; Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Mahnahén Velasco [May Velasco]; Kamera: Fernando Arribas; Musik: Gianni Ferrio; Darsteller: Nieves Navarro [Susan Scott], Simón Andreu [Simon Andreu], Pietro Martellanza [Peter Martell], Carlo Gentili, Claudie Lange. Italien/Spanien 1972.

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Mailand. Die Welt der Mode. Valentina (Navarro) ist ein erfolgreiches Fotomodell. Für einen Freund, den Reporter Gio Baldi (Andreu), lässt sie sich auf ein schräges Experiment ein: Sie lässt sich das neuartige Halluzinogen HDS spritzen und ihren Drogenrausch fotografisch begleiten. Gio möchte die Drogen-Story an ein Klatschblatt verkaufen. Anfänglich ist der Trip noch ganz lustig. Valentina redet wirres Zeug, während sich das Gesicht Gios für sie in eine Affenfratze verwandelt. Doch dann wendet sich das Blatt, denn der Trip gerät außer Kontrolle und das Model wähnt sich in einem Alptraum: Sie beobachtet völlig benebelt, wie gegenüber eine Frau von einem Mann mit einem mit Nägeln bespickten Eisenhandschuh bestialisch ermordet wird. Der Täter trägt eine riesige Sonnenbrille. Valentina ist der Hysterie nahe. Erst, als sie wieder nüchtern ist, schildert sie ihrem Freund Stefano (Martellanza), was sie gesehen hat. Weder Gio noch Stefano nehmen sie sonderlich ernst, und der von ihr konsultierte Inspektor Serino (Gentili) stempelt sie sogar als sensationsgeile Drogensüchtige ab. Allerdings verkauft Gio die Story von Valentinas psychedelischen Killer-Trip an ein auflagenstarkes Blatt, das dummerweise auch von dem behandschuhten Mörder gelesen wird, der nun die Mission hat, eine lästige Zeugin aus dem Weg räumen zu müssen. Was in den folgenden Tagen passiert, ist so abenteuerlich, dass es Valentina den Boden und der Füßen wegreißt…

»La morte accarezza a mezzanotte« entstand ein Jahr nach »La morte cammina con i tacchi alti«. Cast, Crew und Titel der beiden Streifen sind praktisch identisch, aber ansonsten haben sie nichts miteinander zu tun. Der Vorgänger war unterm Strich nicht viel mehr als ein kokett mit Wendungen jonglierender Whodunit. »La morte accarezza a mezzanotte« ist vergleichsweise stringent konstruiert und in seinen Strukturen sehr klar — was in starkem Kontrast zur Handlung steht, in der eine psychotrope Substanz im Zentrum steht. Im Gegensatz zu »La morte cammina con i tacchi alti« ist hier die Identität des Killers kein großes Geheimnis und wird bereits früh im Film offengelegt. Der Thriller-Handlung übergeordnet ist ein verschlungener Verschwörungs-Plot, welcher »La morte accarezza a mezzanotte« ganz klar als ein Kind seiner Zeit brandmarkt. Wir befinden uns im Jahre 1972, die erste LSD-Mode ist bereits abgeklungen, aber die Schickeria ist immer und wieder auf der Suche nach neuen Kicks. Bewusstseinserweiterung ist en vogue, neue Reize müssen her. Dementsprechend erlesen, farbenfroh und glanzvoll sind auch die Bilder des Films. Ausstattung, Kostüme, Frisuren werden hier, vor allem in Verbindung mit Gianni Ferrios Musik, Teil des Rausches. Gleich in einer der ersten Einstellungen — der Titelvorspann ist noch nicht vorbei — reckt sich eine zeittypische Wohnzimmerlampe, die freudig ihre Farben wechselt, prominent ins Bild, während die miniberockte Nieves Navarro im Hintergrund durch die Wohnung wuselt. Konsequenterweise sind Navarros ständig wechselnden Outfits hier Dreh- und Angelpunkte der Filmgestaltung. »La morte accarezza a mezzanotte« verzichtet auf die obligatorische Liebesgeschichte ebenso wie auf Humor. Wir bleiben von Anfang bis Ende in den schwarzen Gewässern des Thrillers.

Eine stattliche Erbschaft bewog Ercoli 1977 dazu, das Filmgeschäft hinter sich zu lassen. Seine Frau folgte ihm 1989 ins Privatleben. Das Paar lebte zurückgezogen und glücklich in Barcelona. Die Ehe hielt 43 Jahre, bis Luciano Ercoli 2015 im hohen Alter von 85 Jahren verstarb.
Happy Birthday, Susan Scott! Thank you for the movies!

André Schneider

Filmtipp #608: Sodom

Sodom

Originaltitel: Sodom; Regie: Mark Wilshin; Drehbuch: Mark Wilshin; Kamera: Beniamino Barrese; Musik: James Jones; Darsteller: Pip Brignall, Jo Weil. GB 2017.

Ach, es ist eine schöne Erfahrung, wenn ein Film, den man mit großer Spannung erwartet, die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllt. Das kommt selten vor. Im Falle von »Sodom«, den ich Ende September endlich zu sehen bekam, wurden diese sogar noch übertroffen. Es mag drei Jahre her sein, dass ich zum ersten Mal in einer lokalen Zeitschrift einen Spendenaufruf für dieses kleine Projekt las. Englische Produktion, in Berlin gedreht, mit queerem Background und Jo Weil in der Hauptrolle. Dann las ich lange nichts mehr, so dass der Verdacht aufkam, der Film sei aufgrund finanzieller Engpässe doch nicht zustande gekommen. Tja, und dann hatte er im Juni 2017 beim East End Film Festival in London Premiere und startete kurz darauf seinen festival run: Florenz, Los Angeles, Köln, Seattle, Kopenhagen. TLA brachte »Sodom« im September 2018 zeitgleich in den USA und in Großbritannien als DVD auf den Markt. Vielen Rezensenten tat sich sofort der Vergleich mit einem anderen englischen Film auf, und zwar mit »Weekend« (Regie: Andrew Haigh), der 2011 und 2012 weltweit für Furore bei den LGBT-Festivals sorgte. Oberflächlich betrachtet ähneln sich die beiden Filme tatsächlich ein wenig, doch wo Andrew Haigh auf glasklaren Realismus setzt, wählt »Sodom«-Regisseur Wilshin die Stilisierung. Schon in den ersten Minuten, wenn die Kamera die geschwungene rote Wendeltreppe hinaufgleitet, wähnen wir uns in einer hermetisch verschlossenen, ganz eigenen (Traum-)Welt. Später, wenn wir die Stereoanlage hören, aus der »Willow Weep for Me« plärrt, vervollständigt sich das Bild isolierter Zwei- bzw. Dreisamkeit mit den beiden Filmfiguren: Weil, Brignall, Zuschauer. Das größte Plus des Films, so der englische Filmkritiker Mike McClelland, sei die Chemie der beiden Hauptdarsteller. Ja, zugegeben, die ist überzeugend. Das Herz und die Seele von »Sodom« jedoch ist das exzellente Drehbuch von Mark Wilshin, das eine im Grunde schon tausendfach erzählte Story so originell und tiefschürfend erzählt, dass man wie gebannt auf die Leinwand starrt. Die wundervolle Kameraarbeit von Beniamino Barrese unterstützt das Skript in einer geradezu kongenialen Weise und kann gar nicht genug gelobt werden.

Was erzählt »Sodom«? Im Grunde nichts weiter als die Geschichte einer einmaligen nächtlichen Begegnung. Es ist ein one-night stand mit einem ausufernden postkoitalen Kennenlern-Gespräch. Zu Beginn des Films sehen wir Will (Brignall), einen 20jährigen Fußballer aus England, der von seinen Kumpels betrunken und nackt mit Handschellen an einen Laternenpfahl gekettet und zurückgelassen wurde. Gerettet wird er von Michael (Weil), einen etwa 40jährigen Berliner, der quasi um die Ecke wohnt und den jungen Mann mit zu sich nach Hause nimmt. Es kommt sofort zum Sex, bevor Wilshin — der mit »Sodom« übrigens seinen Regie-Einstand gab — uns die beiden in seinem subtil manipulierenden Skript als Symbole ihrer Generationen präsentiert: Will ist mit einer Frau verlobt, genießt aber gelegentliche sexuelle Eskapaden mit Männern. Zuerst scheint es, als sei er mit seiner Homosexualität nicht im Reinen — klar, er ist Fußballer! —, dann aber fragen wir uns, ob er nicht vielleicht doch ganz authentisch der neuen Millennial-Mode folgt und sich einfach in keine Schublade stecken (lassen) möchte. Michael hingegen verkörpert das Klischee der erfolgreichen, sexuell daueraktiven Sportstudio-Tucke, doch hinter der gelackten Fassade spüren wir eine tiefe Melancholie. Ist es die Einsamkeit oder etwas noch Traurigeres? Wir erfahren, dass er seinem langjährigen Partner untreu war, dass er berentet ist und dass eine geradezu peinigende Sehnsucht an ihm zehrt. Weils Spiel ist überzeugend, sein Michael ist verführerisch und verzweifelt zugleich. Beide Schauspieler agieren souverän und ungekünstelt. Pip Brignall setzt auf Körperlichkeit, die von Kameramann Barrese in schwelgerischen Bildern eingefangen wird. Will steht am Anfang seines sexuellen Lebens, während Michael bereits Teile seiner Biographie bereut.

Ein Kritikpunkt an »Sodom« ist der Sex. Der Funke zwischen Will und Michael ist spürbar vorhanden, und die Kamera etabliert einen »schwulen Blick«, wie man ihn selbst im queeren Kino kaum noch sieht, aber die Bettszenen sind kurz und wirken befremdlich lieblos, die Choreographie des Aktes bleibt unangenehm im Gedächtnis. Im Grunde genommen ist dies kein Beinbruch, denn Sexszenen sind meist überflüssig und bringen die Handlung nicht weiter, aber »Sodom« handelt von einer sexuellen Begegnung und ihren Folgen. In diesem Kontext hätte man diese Momente sorgfältiger ausarbeiten müssen.

Alles in allem ist »Sodom« ein vielversprechender Debütfilm, den man sich gerne öfter anschaut. Er zeigt, dass gutes Kino keine großen Mittel braucht, wenn die Voraussetzungen — in diesem Fall: Drehbuch, Besetzung, Ausstattung, Bildgestaltung — stimmen. Vielen Dank, lieber Mark Wilshin!

André Schneider