Filmtipp #687: Eine zuviel im Bett

Eine zuviel im Bett

Originaltitel: Move Over, Darling; Regie: Michael Gordon; Drehbuch: Hal Kanter, Jack Sher; Kamera: Daniel L. Fapp; Musik: Lionel Newman; Darsteller: Doris Day, James Garner, Polly Bergen, Thelma Ritter, Chuck Connors. USA 1963.

Just an dem Tag, an dem Nicholas Arden (Garner) seine Frau richterlich für tot erklären lässt, kommt die als vermisst gemeldete Ellen Arden (Day) wieder nach Hause, nachdem sie nach einem Flugzeugabsturz fünf Jahre (!) auf einer einsamen Insel hatte ausharren müssen. Während sie ihre beiden kleinen Töchter (Pami Lee und Leslie Farrell) über ihre Identität vorerst noch im Dunkeln lässt, beschert Ellens Auftritt ihrer Schwiegermutter Grace (Ritter) einen Ohnmachtsanfall. Doch auch Ellen hat einen schweren Brocken zu schlucken, denn Nicholas hat gleich, nachdem er sie für tot erklären ließ, wieder geheiratet und ist mit seiner neuen Braut, der zickig-neurotischen Bianca (Bergen) in die Flitterwochen nach Monterey gefahren. Ellen ist außer sich und reist den beiden nach. Doch damit sind die Eifersüchteleien noch lange nicht vorbei, denn Nicholas muss erfahren, dass seine Frau auf der vermeintlich einsamen Insel alles andere als ein Robinson-Dasein führte, denn sie war dort mit dem gutgebauten Frauenhelden Stephen Burkett (Connors) gestrandet…

George Cukor hatte sich 1962 berufen gefühlt, ein Remake des Klassikers »My Favorite Wife« (Regie: Garson Kanin) zu inszenieren. Der war 1940 aufgrund seiner illustren Besetzung — Cary Grant, Randolph Scott, Irene Dunne — ein Riesenerfolg und für drei Oscars nominiert gewesen. Für seine Version des Stoffes wählte Cukor einen neuen Titel: »Something’s Got to Give«. 20th Century Fox war begeistert von der Idee, wenn auch nicht von Cukors Bedingung, Marilyn Monroe die Hauptrolle zu geben. Deren Unprofessionalität und Untalent ließen die Produktion schließlich auch platzen: Von 30 Drehtagen erschien sie lediglich an 13 — und war an diesen so unvorbereitet, dass die Arbeit nur schleppend vorankam. Sie wurde gefeuert, durch Lee Remick ersetzt und schließlich wieder engagiert, da ihre Kollegen Dean Martin, Tom Tryon und Cyd Charisse damit drohten, das Handtuch zu werfen, sollte sie nicht wiederkommen. Monroes vorzeitiges Ableben am 5. August 1962 beendete »Something’s Got to Give« endgültig. Heute existiert ein Rohschnitt von 37 Minuten Länge, der erahnen lässt, was für eine süße Komödie es hätte werden kommen. Um das für die Fox sündhaft teure Projekt doch noch zu retten, überarbeitete man das Drehbuch, engagierte den als zuverlässigen Routinier geschätzten Michael Gordon als Regisseur und zimmerte aus »Something’s Got to Give« eine Doris Day-Komödie. Die Dreharbeiten begannen am 13. Mai 1963 und waren Ende Juli bereits abgeschlossen. In den USA startete der Film zu Weihnachten in den Kinos und bescherte der Fox volle Kassen: Dem Budget von 3,5 Millionen Dollar stand ein Reingewinn von 13 Millionen Dollar gegenüber. Es wurde einer der erfolgreichsten Filme der Saison 1963/64 und rettete das Studio, das nach den horrenden Kosten, die »Cleopatra« (Regie: Joseph L. Mankiewicz) verursacht hatte, ganz schön ins Straucheln geraten war, vor dem Ruin.
Auch 57 Jahre nach seiner Uraufführung strotzt »Move Over, Darling« vor Witz und Esprit. Die Schauspieler geben geradezu akrobatische Vorstellungen; Doris Day brach sich bei einer Kampfszene mit James Garner sogar zwei Rippen, spielte aber unbeirrt weiter. Erst am nächsten Tag bemerkte das Team anhand eines Verbandes um ihren Torso, dass sie sich verletzt hatte. Day stand hier zum zweiten und letzten Mal mit Garner vor der Kamera. Im Vorjahr hatten die beiden mit The Thrill of It All einen weiteren Erfolg verbuchen können. Mit Regisseur Gordon und der wunderbaren Thelma Ritter hatte sie 1959 ihren größten Hit Pillow Talk gehabt. Heimlicher Star von »Move Over, Darling« ist Polly Bergen, die eine hinreißend komische Performance liefert. Versierte Komiker wie Fred Clark, Don Knotts, Elliott Reid, John Astin und Edgar Buchanan umrahmen die vier Stars in schrullig-liebenswerten Nebenrollen. Zu den witzigsten Momenten gehören die Szenen vor Gericht sowie die inzwischen legendäre Sequenz, in welcher Doris Day mit ihrem Cabrio durch die Waschstraße fährt.

André Schneider

Filmtipp #686: Die Frau des Fliegers (Komödien und Sprichwörter #1)

Die Frau des Fliegers

Originaltitel: La femme de l’aviateur; Regie: Éric Rohmer; Drehbuch: Éric Rohmer; Kamera: Bernard Lutic; Darsteller: Philippe Marlaud, Marie Rivière, Anne-Laure Meury, Mathieu Carrière, Coralie Clément. Frankreich 1981.

»Nachdem Rohmers erster Filmzyklus ›Moralische Erzählungen‹ je eine männliche Perspektive ins Zentrum gestellt hatte, wendet sich ›Komödien und Sprichwörter‹ verstärkt weiblichen Hauptfiguren zu. Thematisch bleibt Rohmer der Erkundung romantischer Beziehungen treu und beleuchtet anhand der Schicksale seiner Protagonistinnen die Verzweigungen und Erkenntnismomente des Gefühlslebens. Jedem Film wird dabei ein Sinnspruch vorangestellt, der die Filmhandlung rahmt, dabei aber auch immer wieder konterkariert und die Werke so für die Interpretation und Diskussion öffnet.« (Pressetext von Arthaus)

Éric Rohmer (bürgerlicher Name: Jean-Marie Maurice Schérer) hätte im März diesen Jahres seinen 100. Geburtstag gefeiert. Eigentlich unfassbar, dass ich ihm noch keinen einzigen Filmtipp gewidmet habe. Er dürfte der größte Literat unter den französischen Filmemachern gewesen sein. Seine Werke muten beinahe dokumentarisch an, so lebensnah sind die Dialoge, das Spiel seiner (vergleichsweise unbekannten) Schauspieler und die Diskretion der Kamera. Vielen (deutschen) Zuschauern schmecken seine Filme nicht, für sie sind sie der Inbegriff des vermeintlich langweiligen französischen Autorenkinos, und man kann ihnen in gewisser Weise nicht verargen: Actionkino à la 2020 sind Rohmers Filme gewiss nicht. Man muss schon etwas guten Willen zeigen und sich auf Erzählungen einlassen, in denen der MENSCH mit seinen Stärken und Schwächen im Mittelpunkt steht. »Die Zeit« attestierte dem Meister: »Wie kaum ein anderer Filmemacher hat es der Franzose […] verstanden, die erotische Passion des Menschen in Bilder zu fassen und in Dialoge zu weben.« Rohmer liebte a) vom Dialog getriebene Geschichten und b) Zyklen: »Contes Moraux« (Moralische Erzählungen) war sein erster (1972 beendet), gefolgt von »Comédies et proverbes« (Komödien und Sprichwörter) in den 1980ern und »Contes des quatre saisons« (Erzählungen der vier Jahreszeiten) ab 1990. Sein filmisches Gesamtwerk umfasst nicht weniger als 24 abendfüllende Spielfilme, sieben Kurzfilme und etliche Arbeiten fürs Fernsehen. Er promovierte 1972 an der Sorbonne, schrieb Romane und Theaterstücke, drehte Unterrichtsfilme für das französische Schulfernsehen, übersetzte Kleist und war publizistisch äußerst aktiv. Ein beeindruckender Mann! Nun habe ich mir für 20 Euro die herrlich gestaltete Arthaus-Box seiner »Komödien und Sprichwörter«-Serie beschafft und mir zum allerersten Mal einen ausgiebigeren Blick auf sein Schaffen gegönnt. (Bislang kannte ich nur seine »Jahreszeiten«-Filme.)

Nun also zum heutigen Film, der 1981 den Auftakt zum »Comédies et proverbes«-Zyklus Rohmers bildete: »La femme de l’aviateur«. Hier steht, wie in seinem vorhergegangenem Zyklus, noch ein Mann im Fokus. Der heißt François (Marlaud), ist Student und schlägt sich mit einem Nebenjob bei der Post durch, wo er nachts Briefe sortiert. Er liebt Anne (Rivière). Der Zufall will es, dass er eines Morgens den Flieger Christian (Carrière) aus Annes Wohnung kommen sieht. Anne hatte früher einmal etwas mit Christian gehabt, und so kommt François nicht umhin, sie des Fremdgehens zu verdächtigen. Zwar streitet Anne alles ab, doch François bleibt misstrauisch und beginnt mit detektivischem Eifer, Christian zu verfolgen. Dabei trifft er auf die junge Lucie (Meury), die ihn naiv bei seiner eifersüchtigen Beobachtungstour unterstützt und bald auf süßeste Weise mit ihm flirtet…

Die Herstellungskosten dieses Films beliefen sich auf die minimale Summe von 140.000 Euro. Rohmer wollte sich mit diesem Etat, der nur bescheidene Produktionen zulässt, wieder den Ursprüngen der nouvelle vague annähern. Der Streifen trug als weitere Ergänzung den Titelzusatz »Man kann nicht an nichts denken«, welcher mit zartem Witz aus den Angeln gehoben wird. Die maskulinen Protagonisten seiner früheren Filme werden hier abgelöst von einem weichen, verblendeten Studenten, der mit einem Augenzwinkern Betrachtung findet und eine elegante Überleitung zu den weiblichen Helden von Rohmers kommenden Filmen bildet. Der junge Hauptdarsteller Philippe Marlaud kam kurz nach der Veröffentlichung des Films im Alter von nur 22 Jahren bei einem Brand ums Leben.
Die Presse war ganz aus dem Häuschen über diesen famosen kleinen Film. So lobte beispielsweise die »Abendzeitung München«: »Der Charme dieser scheinbar von der Straße aufgelesenen Figuren macht aus dem Hirnsausen der Gefühle eine humoristische Zaubernummer: die schönste romantische Komödie der Saison.« Ein anderer Rezensent (von »Time Out«, London) bilanzierte: »Diese sanfte, mit einer Prise Schmerz gewürzte Komödie entzückt von Anfang bis Ende.« Dem ist wirklich nichts hinzuzufügen.

André Schneider

Filmtipp #685: Der Geschichtenerzähler

Der Geschichtenerzähler

Originaltitel: Der Geschichtenerzähler; Regie: Rainer Boldt; Drehbuch: Rainer Boldt, Dorothea Neukirchen, Wolf Christian Schröder, Hans Kwiet; Kamera: Rolf Liccini; Musik: Serge Weber; Darsteller: Udo Schenk, Anke Sevenich, Christine Kaufmann, Peter Sattmann, Jale Arikan. BRD 1989.

»Das Leben auf dem Land hat scharfe Konturen«, sagt die im Rollstuhl sitzende Clara (Kaufmann), als sie mit einem Feldstecher ihre Nachbarn auf dem Lande nördlich von Hamburg beobachtet. Regisseur Boldt siedelt seine Highsmith-Verfilmung im norddeutschen Raum an und verfährt auch sonst ziemlich frei mit dem Stoff der Thriller-Autorin. Den Kern ihrer Story jedoch lässt er unberührt. Im Zentrum der Geschichte steht ein ehrgeiziger Schriftsteller (gespielt von Udo Schenk), der sich etwas zu sehr mit seinen Romanfiguren identifiziert und oftmals keine Trennlinie mehr zwischen Wirklichkeit und Fantasie ziehen kann. Mit seiner Frau Helen (Sevenich) verbindet ihn eine Hassliebe, welche die beiden gar nicht erst verhehlen: Streitereien, Demütigungen. Um der Zerstreuung willen lässt sich Helen mit einem Freund der Nachbarin Clara ein und flüchtet mit ihm nach Sylt. Ihr Gatte indes lässt seinem Schreibfluss freien Lauf — und merkt erst spät, dass er (und das Haus) von Clara voyeuristisch untersucht werden. Die Presse bekommt Wind von Helens Verschwinden, bald gibt es Spekulationen, sie sei tot, und es dauert auch nicht lange, bis der Verdacht auf den feindseligen Ehemann fällt…

Ein merkwürdig entrückter Film, der 1989 in Montréal seine Weltpremiere feierte und ab Februar 1990 praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit in den bundesdeutschen Kinos lief. Die Presse war zwiegespalten: Einerseits goutierte man die guten Schauspielerleistungen und die dichte Atmosphäre, andererseits konnte man die »inhaltlichen Unstimmigkeiten« (»film-dienst«), welche den Krimi belasteten, nicht ignorieren. Dem Kameramann Liccini gelang eine überdurchschnittlich schöne Bildgestaltung; man sieht sich den »Geschichtenerzähler« gern an. Mit Peter Sattmann, Hans-Michael Rehberg, Gunnar Möller und Gustav-Peter Wöhler sind auch die Nebenrollen ausgezeichnet besetzt, und die Dialoge gehören zum Feinsten, was uns das (west-)deutsche Kino vor 30 Jahren schenkte. Nicht uninteressant. Allerdings ist der Streifen zu wirr und überfrachtet, sodass der Spannung keine Chance zur Entfaltung bleibt. Über weite Strecken bleibt »Der Geschichtenerzähler« blutleer; die 92 Minuten Lauflänge kommen einem bedeutend länger vor.
Für Christine Kaufmann bot dieser Film eine besonders gut entwickelte, dreidimensionale Charakterrolle. Sie resümierte später: »Nach 37 Jahren Arbeit als Schauspielerin war ›Der Geschichtenerzähler‹ der erste Film, in dem ich jede Sekunde spannend fand. […] Nicht zuletzt verdanke ich dies der Tatsache, dass der Regisseur Rainer Boldt ein Mann ist, der die weibliche Emanzipation auch für sich verwenden konnte.« Noch ein Jahr vor ihrem Tod bezeichnete sie diesen Film als ihren persönlichen Lieblingsfilm.

André Schneider