Filmtipp #618: The Long Dark Hall

The Long Dark Hall

Originaltitel: The Long Dark Hall; Regie: Reginald Beck, Anthony Bushell; Drehbuch: Nunnally Johnson; Kamera: Wilkie Cooper; Musik: Benjamin Frankel; Darsteller: Rex Harrison, Lilli Palmer, Denis O’Dea, Raymond Huntley, Michael Medwin. GB 1951.

Rex Harrison meinte in späteren Jahren, dass »The Long Dark Hall« sein schlechtester Film sei. Vermutlich, weil er Harrisons eigener Lebensrealität zu nahe kam? Die Handlung dreht sich nämlich um einen Mann, der seine Frau (gespielt von Harrisons real life-Gattin Lilli Palmer) betrügt. Dann wird die Geliebte von einem Irren (Anthony Dawson) gekillt und Rex gerät unter Mordverdacht. Wir erinnern uns: In den späten 1940ern trieb Harrison, der damals schon mit Palmer verheiratet und gerade Vater geworden war, das Hollywood-Starlet Carole Landis in den Selbstmord und ruinierte damit für viele Jahre sowohl seine eigene US-Karriere als auch die seiner Frau, die loyal zu ihm gehalten hatte. Erst Jahre später konnte er sich als Filmstar rehabilitieren. (1980 wurde seine vierte Ehefrau Rachel Roberts ein weiteres Opfer von »Sexy Rexy«. Sie nahm sich mit Barbituraten das Leben.)

Auch in »The Long Dark Hall« hält die Ehefrau brav und tapfer zu ihrem Mann. In guten wie in schlechten Tagen. Harrison alias Arthur Groome landet unschuldig vor Gericht, während der wahre Mörder langsam dessen Frau einkreist. Der Streifen, der auf einem Roman von Edgar Lustgarten fußt, mäandert nach dem ersten Drittel zwischen Krimi und Gerichtsdrama. Sehr zurückhaltend inszeniert, punktet er mit unerwartet guten Schauspielerleistungen von Harrison und Palmer sowie einem gelungenen, leisen Spannungsaufbau. Ein von Wilkie Cooper ausnehmend schön fotografierter Brit noir, in dem die wunderbare Brenda de Banzie als biestige Zeugin vor Gericht ihren ersten Filmauftritt hatte. In weiteren Nebenrollen spielen Charakterköpfe wie Eric Pohlmann, Jill Bennett, Ballard Berkeley, Anthony Bushell, Michael Medwin, Colin Gordon, Jenny Laird und Raymond Huntley als Polizeiinspektor mit. Punktabzug gibt es für das abrupte, hanebüchene Ende und die damit verbundene reaktionäre Botschaft, die ein wirkliches Ärgernis darstellt, aber alles in allem ist »The Long Dark Hall« ein sehenswerter Vertreter seines Genres — und ganz bestimmt nicht Rex Harrisons’ schlechtester Film.
Im deutschsprachigen Raum ist der Krimi leider nie erschienen, aber die DVD ist als Import aus Großbritannien erhältlich.

André Schneider

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Filmtipp #617: Die 39 Stufen

Die 39 Stufen

Originaltitel: The 39 Steps; Regie: Ralph Thomas; Drehbuch: Frank Harvey; Kamera: Ernest Steward; Musik: Clifton Parker; Darsteller: Kenneth More, Taina Elg, Brenda de Banzie, Barry Jones, Faith Brook. GB 1959.

Remakes sind, abgesehen von wenigen Ausnahmen, eine haarige Angelegenheit. Selbst wenn ein Remake über unbestreitbare Qualitäten verfügen mag, so ist doch der Schatten des Originals meist größer. Der Vergleich ist unausweichlich und fällt meist zu Ungunsten der Neuverfilmung aus. Viele Remakes kaprizieren sich darauf, das Original zu kopieren — und sind damit gewissermaßen überflüssig. Einen Hitchcock-Klassiker neu aufzulegen, dazu gehört Chuzpe. Praktisch alle Versuche, den Meister zu kopieren, schlugen fehl: »Mr. Hitchcock Would Have Done It Better — Oder: Warum es keine wirkliche Nachfolge von Alfred Hitchcock gibt« lautete der Titel eines scharfsinnigen Essays von Georg Seeßlen, der 1999 erschien. Man denke nur an Gus Van Sants grässliches »Psycho«-Remake (1998), an »A Perfect Murder« (Regie: Andrew Davis) mit Gwyneth Paltrow als Aushilfs-Grace Kelly oder an peinliche TV-Adaptionen wie »Shadow of a Doubt« (Regie: Karen Arthur) oder »The Birds II: Land’s End« (Regie: Rick Rosenthal), die sich gar nicht erst die Mühe machten, einen ästhetischen oder inhaltlichen Neuzugang zu finden.
1959 nahm sich die fleißige Produzentin Betty Box eines Klassikers aus Hitchcocks englischer Schaffensperiode an: »The 39 Steps« war 1935 einer der ersten großen Erfolge des Meisters gewesen und ausschlaggebend für seine Übersiedlung nach Hollywood wenige Jahre später: ein charmanter Film mit humorigen Zwischentönen und einer gehörigen Portion kühler Erotik, kurz und straff, spannend und gespickt mit kessen technischen Spielereien. Das Drehbuch hielt sich (vergleichsweise) wenig an den Roman von John Buchan: Durch einen dummen Zufall gerät ein unbescholtener Bürger in die Mühlen eines internationalen Spionagerings, der geheime Regierungs-Dokumente ins Ausland verkauft. An die Polizei kann er sich nicht wenden, da diese ihn wegen Mordes sucht. Um seine Unschuld zu beweisen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als den Schurken selbst das Handwerk zu legen. — Dem Remake von Betty Box und ihrem Stamm-Regisseur Ralph Thomas wurde von den Kritikern »eine Vergröberung« des Originals angekreidet. Unleugbar ist, dass der Hitchcock-Film auch nach über 80 Jahren noch erstaunlich frisch daherkommt, während Thomas’ Film ein wenig altbacken und staubig wirkt. Dennoch ist das Remake ungeheuer liebenswert. Es protzt geradezu mit rasanter Action und herrlichen Schauwerten in knallig-buntem Eastmancolor, ist von wohliger Spannung und verlagert den Schwerpunkt auf die humorigen Elemente des Stoffes. Wo Hitchcock einen handfesten Thriller vorlegte, drehte Thomas eine Krimikomödie. Sowohl Hitchcock als auch Thomas verlegten die Handlung aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg — der Roman erschien 1915 — in die damalige Gegenwart. Bei der Umsetzung der Neuverfilmung wurden einige Kameraperspektiven, Dialoge und Schnittfolgen quasi 1:1 von Hitchcock übernommen, dazwischen gibt sich Thomas’ Streifen durchaus eigenständig.

Betty Box, die in den 1950ern vor allem durch die amüsanten »Doctor«-Filme mit Dirk Bogarde zu den erfolgreichsten Filmschaffenden Großbritanniens avanciert war, schickt mit Kenneth More einen nahbaren und sympathischen Helden aufs Spielfeld. Begleitet wird er von der bildschönen Finnin Taina Elg, deren Glamour etwas bodenständiger ist als der von Madeleine Carroll. Man sieht dem Film sein gehobenes Budget an, More und Elg schlagen sich quer durch Schottland, um das tödliche Geheimnis um die 39 Stufen zu lüften. Es gibt -zig pittoreske locations, rasante Verfolgungsjagden und schwindelerregende Kamerapositionen; man kommt gar nicht dazu, über die Logiklöcher und die hanebüchenen Details der Story nachzudenken.
Die Nebenrollen sind durch die Bank weg gut besetzt und tatsächlich besser ausgearbeitet als im Hitchcock-Film. So ist Brenda de Banzie, die kurz zuvor in The Man Who Knew Too Much eine gutherzige Entführerin gespielt hatte, mit dabei und sorgt in gewohnter Manier für angenehme Erheiterung. James Hayter, den ich noch als Bruder Tuck in Robin Hood and His Merrie Men in bester Erinnerung hatte, schenkt uns in der Schlüsselrolle von Mr. Memory eine denkwürdige Vorstellung. Ferner wirken Joan Hickson, Michael Goodliffe, Duncan Lamont, Sidney James, Peter Vaughan, Barbara Steele, Jill Haworth und Carol White in zum Teil winzigen Rollen mit, während Faith Brook die tragische Rolle übernahm, die seinerzeit von Lucie Mannheim interpretiert worden war. Ein überdurchschnittlich gut gespielter und inszenierter Film aus der vielleicht schönsten Zeit des englischen Kinos.

1978 entstand ein weiteres Remake unter der Regie von Don Sharp, das sich sklavisch an die Vorlage hielt und somit im Jahre 1914 spielte. Mit 108 Minuten Lauflänge ist Sharps Version die längste. Schließlich und endlich strahlte die BBC im Dezember 2008 noch eine TV-Version aus, die von James Hawes inszeniert wurde.

André Schneider

Filmtipp #616: An einem Freitag in Las Vegas

An einem Freitag in Las Vegas

Originaltitel: They Came to Rob Las Vegas/Las Vegas, 500 millones; Regie: Antonio Isasi-Isasmendi [Antonio Isasi]; Drehbuch: Antonio Isasi-Isasmendi [A. Isasi], Lluís Josep Comerón [L. Cameron], Jorge Illa [J. Illa], Jo Eisinger [J. Eisinger]; Kamera: Juan Gelpí; Musik: Georges Garvarentz; Darsteller: Gary Lockwood, Elke Sommer, Lee J. Cobb, Jack Palance, Roger Hanin. Spanien/Italien/BRD/Frankreich 1968.

»You’ll get me into trouble, Tony.« — »Our kind of trouble’s nice trouble.«

Es wirkt alles ziemlich amerikanisch in dieser durch und durch europäischen Produktion, die — abgesehen von ein paar Außenaufnahmen in Las Vegas — hauptsächlich in Madrid, Barcelona und Almería entstand und zu den coolsten heist movies zählt. Kaum ein Rezensent, der nicht heute noch die dynamische Brillanz der Montage (Schnitt: Elena Jaumandreu, Emilio Rodríguez) lobend hervorhebt. Darüber hinaus ist »Las Vegas, 500 milliones« ausgesprochen pfiffig konstruiert, elegant und flott inszeniert, souverän gespielt, herrlich ausgestattet und ebenso originell wie augenfreundlich fotografiert. Man könnte sagen, der Look des Streifens übertünche die nicht besonders frische Story, die auf einem eher mittelmäßigen Roman von André Lay fußt: Tony (Lockwood), ein als Croupier in Las Vegas tätiger Ex-Gangster, will den Tod seines Bruders (Jean Servais) rächen und den Unternehmer Skorsky (Cobb) ausnehmen. Er hat ein Techtelmechtel mit dessen Sekretärin Ann (Sommer), mit deren Hilfe er an die per Computer kurzfristig mitgeteilten Fahrtrouten der Skorsky’schen Geldtransporte kommt. Tony plant mit seinen Männern, den Freitagstransport zu überfallen. Dabei kommt ihm allerdings Douglas (Palance) in die Quere, der offiziell für das Schatzamt arbeitet und die Geldtransporte Skorskys für den Transport illegaler Goldbarren benutzt, welche im Laufe der Fahrt an die Mafia übergeben und dann über die Grenze nach Mexiko geschafft werden…

Mit mehr als zwei Stunden Lauflänge scheint »Las Vegas, 500 milliones« auf den ersten Blick etwas lang geraten, aber die eingangs erwähnte Inszenierung von Antonio Isasi ist action- und spannungsreich und einfach eine helle Freude. »Las Vegas, 500 milliones« war für alle Beteiligten ein großes Los. Zurecht wurde er in Spanien mit Preisen nur so überhäuft. In englischer Sprache gedreht, wurde der Gangsterfilm auch in den USA, wo er von Warner Bros. verliehen wurde, zu einem veritablen Publikumserfolg. Lange Zeit sah man ihn kaum — und wenn, dann nur in einer (gekürzten) TV-Fassung. 2012 kam der Film in einer liebevoll gestalteten DVD — auf 1.000 Exemplare limitiert — in Deutschland auf den Markt. (Ich habe die Nummer 360.) Unglücklicherweise fehlt der englische Originalton, und Elke Sommer — hier so erotisch wie nie! — wurde von Ursula Herwig synchronisiert. Für Fans des europäischen Genrekinos sind mit Georges Géret, Gérard Tichy, Luis Barboo, Beni Deus, George Rigaud und Antonio Casas ein paar angenehm bekannte Gesichter mit an Bord. Ein gelungenes Filmvergnügen!

André Schneider