Filmtipp #185: The Fast and the Furious – Leben auf der Überholspur

The Fast and the Furious — Leben auf der Überholspur

Originaltitel: The Fast and the Furious; Regie: Rob Cohen; Drehbuch: Gary Scott Thompson, Erik Bergquist; Kamera: Ericson Core; Musik: BT; Darsteller: Paul Walker, Vin Diesel, Michelle Rodriguez, Jordana Brewster, Rick Yune. USA 2001.

the fast and the furious

Zugegeben, dieser Film ist ein guilty pleasure und man kann gar nicht so wahnsinnig viel über ihn schreiben. Ich mag ihn, weil er nicht mehr verspricht, als er hält. Schon nach fünf Minuten weiß man, wo der Hase läuft. In einem Satz: Es geht um heiße Autos, heiße Stunts und noch heißere Frauen (Jordana Brewster und, wer’s etwas lesbisch-herber mag, Michelle Rodriguez). Verbunden sind diese drei Leitmotive durch eine dünnhäutige Rahmenhandlung, unter deren Oberfläche sich eine ganz interessante Moral-Frage manifestiert: Was ist wichtiger, die Freundschaft oder die Pflicht gegenüber dem Gesetz? Rund 100 Minuten wird der Zuschauer mit illegalen Autorennen, frisierten Maschinen und gockelmäßig possierlichen Macho-Machtkämpfen in Atem gehalten, feinste Adrenalin-Unterhaltung à la Hollywood — rasant und straff, sauber und glatt, schön anzusehen und mit dem einen oder anderen »Huuuiiiiiii!«-Effekt (besonders im Hinblick auf die verblüffenden Leistungen der Stuntmen).
     Eine Bande von motorisierten Gangstern raubt fahrende LKWs auf offener Straße aus. Im Rahmen der Ermittlungen wird ein Undercover-Cop namens Brian O’Conner (Walker) in die dringend tatverdächtige Clique des Ex-Häftlings und Autoliebhabers Dominic Toretto (Diesel) eingeschleust. Brian verliebt sich nicht nur flugs in Dominics hübsche Schwester Mia (Brewster), die beiden Männer freunden sich über gemeinsame Autorennen und Reparaturen auch noch an, was zunehmend Brians Objektivität außer Kraft setzt. Obwohl seine Ermittlungsergebnisse eine ganz andere Sprache sprechen, versucht er, den Verdacht auf Dominics Rivalen Johnny Tran (Yune) zu lenken…

Chad Lindberg, Johnny Strong, mein Traummann Matt Schulze — der sich unglücklicherweise inzwischen zur Ruhe gesetzt hat —, Ja Rule und Ted Levine (Silence of the Lambs) sind überzeugende Nebendarsteller, und der Soundtrack ist ebenso flott wie die Schnitte. »The Fast and the Furious« spielte 2001 über 145 Millionen Dollar ein, machte Paul Walker und Vin Diesel zu den Actionstars des neuen Jahrtausends und zog bis heute fünf Fortsetzungen unterschiedlichster Qualität nach sich; »Fast Five« (Regie: Justin Lin) von 2011 ist aufgrund der brasilianischen Schauplätze und Matt Schulze mein Favorit.
     Am 30. November 2013 starb Paul Walker ausgerechnet bei einem Autounfall in der Nähe von Santa Clarita in Kalifornien. Er wurde nur 40 Jahre alt. Die in Atlanta bereits begonnenen Dreharbeiten zum siebten Teil der Serie wurden daraufhin unterbrochen; inzwischen wurde der Kinostart für das Frühjahr 2015 bestätigt, es wurde also ein Weg gefunden, die Geschichte ohne Brian O’Conner weiterzuspinnen.

André Schneider

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Filmtipp #184: Amateur

Amateur

Originaltitel: Amateur; Regie: Hal Hartley; Drehbuch: Hal Hartley; Kamera: Michael Spiller; Musik: Jeffrey Taylor, Hal Hartley; Darsteller: Isabelle Huppert, Martin Donovan, Elina Löwensohn, Damian Young, Chuck Montgomery. USA/GB/Frankreich 1994.

amateur

»Amateur« war der vierte Spielfilm des damals noch jungen Anarcho-Regisseurs Hal Hartley, einem Held meiner Jugend, dessen Filme »Simple Men« (1992), »Surviving Desire« (1991) und »Trust« (1990) mir ganz andere, neue Eindrücke aus der Welt des Films verschafft hatten. Im Vergleich zu seinen fulminanten Vorgängern fällt »Amateur« qualitativ leider ein wenig ab, was vermutlich dem Umstand geschuldet ist, dass sich die Krimikomödie zu sehr an Quentin Tarantino orientiert. Dennoch ist es ein herrlich verrückter, bizarrer, origineller, wirrer und witziger Streifen geworden, der seinen Humor vor allem seinen schrägen Charakteren verdankt.
     Das Projekt war auf recht unkonventionelle Weise über seine Hauptdarstellerin zustande gekommen. Isabelle Huppert, damals bereits schwer überbewertet, hatte sich in einem Brief an Hal Hartley als Fan zu erkennen gegeben und ihm ein verlockendes Angebot gemacht: Sollte er jemals eine Rolle für sie haben, sei sie bereit, auf eigene Kosten nach Amerika zu fliegen und ohne Gage für ihn zu arbeiten. Wer kann da schon widerstehen? Mit Huppert an Bord konnte der Filmemacher auch bei den Finanziers punkten, und so stand Hartley bei »Amateur« zum ersten Mal ein größeres Budget zur Verfügung.

»Amateur« erzählt eine zugegebenermaßen nicht ganz neue Geschichte über einen Gangster mit Amnesie: Hartleys Lieblingsprotagonist Martin Donovan spielt Thomas, der zu Beginn des Films mitten auf einem Bürgersteig in New York liegt und sich beim besten Willen an nichts außer seinen Vornamen erinnern kann. Etwas benommen torkelt er in einen coffee shop und trifft dort auf Isabelle (kalt wie ein Fisch: Isabelle Huppert), eine bekennende Nymphomanin, die den Gedächtnislosen ohne Umschweife mit in ihre Wohnung nimmt. Zum Sex kommt es allerdings nicht, denn Isabelle ist eine Ex-Nonne, die nun als Autorin von pornographischen Kurzgeschichten ihre Brötchen verdient und Sex bisher nur theoretisch kennen gelernt hat: eine sexsüchtige Jungfrau eben, klar. Nach reiflichen Überlegungen fällt Thomas noch ein zweiter Name aus seinem Leben ein: Sofia. In der festen Überzeugung, die Jungfrau Maria habe sie auserwählt, die Unbekannte zu finden, beginnt Isabelle mit ihren Nachforschungen. Rasch findet sie heraus, dass Sofia (Hartley-Entdeckung Elina Löwensohn, eine der schönsten Frauen der Welt!) eine Pornodarstellerin und Prostituierte ist, die von Thomas’ sadistischen Spielen die Schnauze voll hatte und ihn aus dem Fenster stieß. Was Isabelle (noch) nicht weiß, aber schnell zu spüren bekommt, ist, dass Sofia eine Gangsterbande um einen Riesenbatzen Geld betrügen wollte und der Zorn der Gelackmeierten vor niemandem halt macht. Und so müssen Isabelle, Sofia, Thomas und sein leicht debiler Buchhalter fliehen…
     Neben Tarantino-Anleihen finden sich in »Amateur« auch Spuren von Godard, Rivette und klassischen Vertretern des US-amerikanischen film noir der späten 1940er. Hartley, der trotz zahlreicher Film- und Videoarbeiten bis heute ein Geheimtipp geblieben ist, inszenierte gewohnt detailverliebt und trocken, musste sich aber (gerade von deutschen Filmkritikern) den Vorwurf »Mehr ist nicht immer mehr!« — ein Verweis auf das merkbar höhere Budget — gefallen lassen. 20 Jahre später zählen Experten »Amateur« zu Hartleys besten Filmen, 1994 hielt man sich mit Lob zurück. Dennoch: Guy Flatley von »Cosmopolitan« nannte Hartleys Edelstein damals schon »kühn und köstlich pervers«, während Lisa Henricksson vom »GQ Magazine« ihn als den »spirituellsten Actionfilm, der jemals gedreht wurde« bezeichnete.

André Schneider