April 10, 2010

Hey everybody!
     I am very proud to announce that our new film, Alex und der Löwe (a.k.a. Alex and Leo), has been invited to several film festivals in the United States. It will be shown at the NewFest (June 4 to June 11, 2010, New York), the Philadelphia QFest (July 8 to July 19, 2010, Philadelphia), and at Reel Affirmations 20 (October 2010, Washington, DC).
     Our German distributor also set us up for the Tel Aviv International LGBT Film Festival. I’ll keep you updated on that one as soon as I can.

We’re all very thrilled about the DVD release of Alex und der Löwe in France. Our French distributor is Optimale, and we’re very happy about this partnership.

We are all pretty overwhelmed. We never expected that much attention for our sweet, little film. Thank you all so much for your support!
     Have a great start into this lovely spring. More news to come soon.

André

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Macht der Gefühle

Trotzdem ist die Zeit mir geliehen
mich dem, was sie fordert, nicht zu entziehen
Trotzdem ist die Tat nicht umsonst getan –
trotzdem, trotzdem, trotzdem
Trotzdem sag, wenn Zweifel dich plagen
Trotzdem sag an mutlosen Tagen
um trotzdem das, was wir sind, zu bejahen
trotzdem, trotzdem, trotzdem

Die Macht der Gefühle

Ich fühle mich nicht gut. Ich fühle mich hier sehr wohl. Ich fühle mich einsam.
Ich fühle mich von dir bedrängt. Ich kann es Ihnen nachfühlen. Dafür hab ich leider kein Gefühl.
Ich fühle mich missverstanden. Endlich fühle ich mich einmal verstanden. Bei ihm fühle ich mich aufgehoben.
Ich fühle mich alt. Ich fühle mich schlicht allein gelassen. Ich fühle eben das Wetter.
Keine Zeit für Gefühle. Folge einfach deinem Gefühl. Und so weiter, und so weiter.

Das alles sind Sätze unserer Alltagssprache, Sätze, die auch im Wortschatz derer vorkommen, die Gefühlen abhold sind und nur den Verstand als Lebensregulator bejahen. Also im Wortschatz der meisten. Denn die meisten Menschen sind geneigt, sich von Gefühlen bedroht zu fühlen. »Ich fühle mich von Gefühlen bedroht«, könnte man obigen Sätzen übrigens als Schlüsselsatz hinzufügen. Als einen, der selten ausgesprochen wird, aber ein Gefühl ausspricht, das viele unausgesprochen in sich tragen.

Gefühle haben Macht. Darum geht es ja hier und heute, um die Macht der Gefühle, das ist es, worüber zu sprechen ich aufgefordert bin. Eine Aufforderung, der ich gerne nachkam, obwohl mir bewusst war, dass zu diesem Thema theoretisch schon viel, ja nahezu alles befunden und gesagt wurde. Da mir aber auch bewusst ist, wie wenig in der Praxis nach diesen Theorien gelebt und gehandelt wird, möchte ich einen lebensnahen — ja, sagen wir »praktischen« Beitrag zu diesem Thema liefern.

In allem, was ich selbst tue, habe ich stets im Sinne einer praktischen Umsetzung erdacht, erschaffen und gehandelt. Nicht dass ich ein praktisch veranlagter Mensch wäre, bei den so genannten praktischen Dingen des Lebens versage ich völlig. Aber im anderen Lebensbereich — ich kreise ihn mit den Begriffen Kunst, Philosophie, Spiritualität ein wenig ein — da kann ich mit Praxisferne, mit reinen Gedankenspielereien, mit l’art pour l’art, mit Abgehobenheit nichts anfangen. Ich suche immer und auch darin — Nein, im Besonderen und fast ausschließlich darin! — das Leben.

Das Leben suchen. Nun kann man das nicht einfach so sagen, ohne sich selbst und den anderen klar zu machen, was man unter »das Leben« versteht. Meint man die Zeitspanne eines Menschenlebens zwischen Geburt und Tod? Oder meint man organisches Leben, bislang nur auf unserem Gestirn Erde für uns zugänglich und im Kosmos von Wissenschaftlern begierig gesucht?

Ohne dieses rein verstandesmäßige Verständnis gänzlich außer Acht zu lassen, gilt der Begriff LEBEN auch und vor allem für etwas Umfassenderes: nämlich das Zusammenspiel von Seele und Körper, von Sinn und Schicksal, Tod, Vergehen und Werden, eingewoben in den großen Verbund der Energien, die das All und alles und jedes, bis hin zum letzten Atemzug auf Erden, in Bewegung halten. Ich meine also jenes Leben, welches der Vergänglichkeit trotzt und den Tod überlebt, weil es geistigen und nicht nur körperlichen Ursprungs ist. Weil es göttlich ist.

Schon diese meine Beschreibung und Ausführung wird vom reinen Verstandesmenschen als kopflos emotional abgetan werden, das weiß man. Wer aber in seinem Leben eine Lebendigkeit sucht, die über die Beweglichkeit von geschultem Intellekt und fit-trainierten Körpergliedmaßen hinausgeht, kommt um Emotionen, also Gefühle, nicht herum.

Ich beobachte immer wieder, dass nüchterne, gefühlsarme Verstandesmenschen fast nie vor der Sentimentalität zurückschaudern, im Gegenteil, sie macht sie weich. Sentimentale Gefühlsduselei wird häufig mit Gefühl verwechselt, man bedenke nur, was an süßlicher Nichtigkeit und gehirnloser Banalität Liebesgeschichten zu erzeugen in der Lage sind, und das nicht nur in schlechten Filmen.

Nicht umsonst wurde das von uns Menschen am häufigsten benannte und ausgesprochene Gefühl die VER-LIEBTHEIT. Meist ist es der einzige Bereich, den wir als Raum für unsere Gefühle überhaupt zulassen. Bis uns dort die große Enttäuschung auflauert, wir uns um den Aufwand an Gefühlen, den wir getrieben zu haben meinen, betrogen fühlen. Denn Verliebtheit ohne Enttäuschung gibt es letztlich nicht, machen wir uns nichts vor. Und sei es schlicht die Enttäuschung, dass diese eines schönen Tages endet, enden muss, auch ohne spektakuläre, äußerliche Tragik, dass sie im unerbittlichen Sog der Zeit einfach still in sich zusammenfällt wie ein müder Luftballon, in den gar nicht mehr wild hinein gestochen werden musste, den man nur einfach in einer Ecke vergaß. Also ziehen wir die Pflänzlein von Liebes- und Gefühlsfähigkeit sofort wieder angstvoll in uns zurück, werden staubtrocken vor Nüchternheit und kurzerhand zu gefühlsscheuen Skeptikern, die dem eigenen Leben mit sachlicher Planung und der Verweigerung von Emotionen beikommen wollen.

»Gefühle bringen nichts«, wird festgestellt, da tut einem meist nur irgendetwas weh, ein Schmerz wird wach, den man nicht versteht, und den verstehen zu lernen man von sich weist. Wozu das. Es gibt Wichtigeres im Leben, wird behauptet. Und kaum jemand, der die Gegenbehauptung aufstellt, wir glauben uns sicher im Kreis der Gefühlsverweigerer rund um uns. Das Leben ist hart, also besser hart sein und bleiben und Gefühle nicht zulassen. Ohnehin weiß man nicht, wie mit ihnen umgehen.

Niemand lehrt uns das Fühlen. Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir, heißt es doch großspurig, um Schüler zu motivieren, der Schulzeit standzuhalten. Mit diesem Satz wird der Leistungsdruck bemantelt, der bereits in den Schulen für das Leben vorbereiten soll. Wir lernen für ein Leben, das aus Wettstreit, kaltem Wissen, Überlegenheit, the winner takes it all, Raffinesse, Kalkül, Härte sich selbst und anderen gegenüber, und der immerwährenden Sachlichkeit in allen Fragen des Lebens zu bestehen hat.

Aber ich will jetzt und hier nicht am Schulwesen herumkritisieren, weder am heutigen noch an dem vergangener Zeiten. Meine Schwester besuchte bis vor kurzem ein Hildesheimer Gymnasium, und sie tat es gern, obwohl in stetigem Kampf mit ihrer Faulheit und jugendlichen Bedürfnissen, die außerhalb der Schule lagen. Ich hatte jedoch nie den Eindruck, dass sie, auch wenn sie versagte, ihr Versagen der Schule oder ihren Lehrern vorwarf. Obwohl sie bei meinen Schilderungen wiederum mich belächelte, der ich so gern, nahezu inbrünstig zur Schule gegangen war, weil ich in der Möglichkeit zu friedvollem Erlernen und Erkennen ein Geschenk sah. So gesehen lernte ich für das Leben. Fassungslos vor glücklichem Staunen erfuhr ich, dass es das Lesen und das Schreiben gibt. Und die geheimnisvolle Welt der Mathematik, die sich mir stets verschloss, obwohl ich von ihr fasziniert war. Dass sich mir aber in Büchern Welten auftaten, von denen ich nicht geahnt hatte. Welten der Imagination, aber auch und vor allem Welten des Gefühls. Ich wage zu behaupten, dass mir die Schule nicht nur ein Gefühl für das Leben gab, sondern mich auch darin unterrichtete, Gefühlen Beachtung zu schenken. Gefühle nicht kraft meiner Intelligenz zu verwerfen, sondern sie als Teil meines Verstandes zu sehen. War dies nun Frucht der Schulbildung, die ich genoss, die der untypisch gefühlvoll-behutsamen Lehrpersonen, die meinen Schulweg begleiteten? Oder war es die Bereitschaft meiner männlichen Charakterstruktur, den Gefühlen Klugheit und Entschiedenheit zuzugestehen und sie nicht nur als sumpfig brodelndes Gelände zu betrachten, das einen ängstigt und dem man lieber ausweicht?

Wie auch immer dies in meinem persönlichen Fall gewesen sein mag, ich komme jetzt zu einer verallgemeinernden und vielleicht ein wenig pauschalierenden Feststellung, die außerdem ein ziemlich alter Hut ist: Das Weibliche — bewusst sage ich jetzt nicht: die Frau — kapselt sich weniger gegen Gefühle ab, kann Kopf und Emotion in Einklang bringen. Kann. Aber nur bei bester intellektueller Ausrüstung. Wer kennt nicht das Überschwappen weiblicher Gefühlsseligkeit, die Vehemenz ungesteuerter Emotionen, das Ausgleiten und Stürzen im Schwall nicht mehr vom Verstand zu koordinierender Empfindungen, wenn es um Frauen, um Weibliches oder Weibisches geht. Es müsste sie geben, die Lehre vom Gefühl. Ich würde sie als Unterrichtsfach in den Schulen einführen, um dort für ein Leben vorzubereiten, welches dem Schüler in Wahrheit bevorsteht — oder bevorstehen sollte: für das Leben als fühlender Mensch, und nicht für das eines mit Wissen gespeicherten Funktionsträgers einer funktionstüchtigen Leistungsgesellschaft. Musil behauptet, »dass das Wissen mit der Habsucht verwandt; einen schäbigen Spartrieb darstellt; ein überheblicher innerer Kapitalismus ist«. Er behauptet dies in seinem »Mann ohne Eigenschaften«, und ich kann mich dieser seiner Behauptung nur glühend anschließen. Gemeint ist in diesem Fall nicht das Wissen um geistige Zusammenhänge, dieses Wissen, das zu Weisheit führen kann oder könnte. Das abrufbare, aufzulistende, sportive Wissen der Tabellen, Lexikons und Quizshows ist gemeint, das jeder Trottel sich anlernen kann, und das man »Allgemeinwissen« nennt — nomen est omen. Ihn mit diesem Wissen voll zu stopfen hat noch keinen Menschen wirklich gescheiter gemacht. Hat nicht wirklich etwas mit HERAN-BILDEN, mit Bildung zu tun — also der Fähigkeit, sich ein Bild von dem zu machen, was uns als Spezies Mensch ausmacht, dabei Historie, Gegenwart und den ständigen Fluss zum Zukünftigen hin in allen Bereichen überschauend. Um Bildung zu erlangen, muss Wissen beiseite geschoben werden.

Das Detail muss zu Gunsten des Substantiellen in den Hintergrund treten, Hintergrund werden auf dem Bild, das unsere Bildung aus dem Wust, dem Gerümpel der Spezialisierungen und Normen hervorholt. Das Gefühl für Komplexität gehört wachgerufen, und das Gefühl für Einfälle und Ausblicke. Ja, das Gefühl gehört wachgerufen! Wahre Bildung ist stets Herzensbildung, eine Schulung des Gefühls.

Aber Großteils herrscht grausame UN-BILDUNG, machen wir uns auch dabei nichts vor. Es gibt Fachleute und Spezialisten, und das auf allen Gebieten. Fachleute und Spezialisten dirigieren die Welt. Technik, Wirtschaft, Kriege, alles von Spezialisten geleitet. Sie besitzen die nötige Gefühllosigkeit und einen ausreichend um menschliche Vernunft reduzierten Verstand. Beides sind herrliche Instrumente, den weltweiten Wahnsinn blühen zu lassen, der uns als »Zivilisation« und »Fortschritt« verkauft wird. Und die führenden Spezialisten sind ungebildet genug, es der Heerschar von unterworfenen Ungebildeten auch immer wieder glaubhaft verkaufen zu können. Spezialisten an sich sind ungebildet, eben weil sie Spezialisten sind. Und mehr und mehr wird der Mensch zum Spezialistentum erzogen, zum »dummen Wissen«, wie ich es für mich nenne.

Wenn wir also in den Schulen den Umgang mit Herzensbildung, mit Gefühlen nicht gelehrt bekommen, sondern alles, was wir lernen müssen, uns dazu auffordert, sachlich bei der Sache zu bleiben, lernen wir auch nicht, unsere ungelenken Gefühle zu bändigen. Ja, ungelenk, untrainiert, äußerst wackelig bewegen wir uns auf dem Terrain unserer Gefühlswelt, die doch meist im Dunkeln liegt und kaum betreten wird. Ich sprach vom Überschwappen der Gefühlsseligkeit, von der Vehemenz ungesteuerter Emotionen, vom Schwall nicht mehr vom Verstand zu koordinierender Emotionen, im Hinblick aufs Weibliche. Wobei ich zuvor eingegrenzt habe, was im Hinblick aufs Menschliche in zwar abgewandelten Formen, aber dennoch allen gemeinsam unbegrenzte Gültigkeit hat. Reichlich wissen wir seit Freud, was »Verdrängung« heißt, was also verdrängte Gefühle mit uns anrichten können. Ihnen heute in diese Richtung hin etwas erklären zu wollen, hieße Eulen nach Athen zu tragen, das Auditorium vor mir weiß mit Sicherheit fundiertest Bescheid. Aber in unserer psychiatergierigen, therapiesüchtigen Zeit scheint leider ein jeder, der nur ein wenig »auf der Suche« ist, oberflächlich und trivial im »Seelenleben« Bescheid zu wissen. Es ist die Trivialität der Seifenopern und nachmittäglichen Schicksals-Talkshows, die auch hierbei als verbale Bekundung von Unbildung auf einen zurollen kann, in ungefilterten Wogen, die trüben und schmutzigen Seelenmüll mit sich führen, und vor denen man zu flüchten geneigt ist. Wobei der vermarktete esoterische Klimbim — man bedenke die Perversion des Begriffes und der Einrichtung einer »Esoterikmesse«! — auch hier dummes Wissen und törichte Allerweltstheorie wild aufwuchern lässt, womit dann jede klare Aussage, die aus der Klarheit schmerzlicher Erfahrungen erwuchs, zugedeckt und zum Verschwinden gebracht wird.

Die Klarheit schmerzlicher Erfahrungen, ja. Ich komme also zu den Begriffen »Schmerz« und »Erfahrung«. Das heißt — nicht um die Begriffe, sondern um deren Begreifen geht es. Wir müssen begreifen lernen, dass nur Schmerz, dessen Annahme und die daraus resultierende Erfahrung, uns Maß und Bändigung unserer Emotionen lehrt. Aber unsere Gesellschaft will von Schmerz, Verlust und Tod nichts wissen. Da besteht eine kollektive Verdrängung.

Jeder, den das Schicksal schlug, sei es mit der eigenen Todesbedrohtheit durch eine schwere Krankheit oder durch den Verlust eines geliebten Menschen, der starb, kann ein trauriges Lied davon singen, wie einem dabei Menschen verlustig gehen. Wie man gute Freunde plötzlich nicht mehr zu Gesicht bekommt, und einige, die einem nahe standen, sich für immer entfernen. Das hat schlicht mit deren Angst und der daraus resultierender Verdrängung zu tun.

Nur ja nicht sich auf den Schmerz eines anderen einlassen, nur ja nicht vom Mitleiden, vom MIT-GEFÜHL bedrängt werden. Nur ja das Unheil, den Schicksalsschlag nur beim anderen, fernab dem eigenen Leben belassen. Dort ist das Unglück, weit weg, und ja nicht hier bei mir oder auch nur in meiner Nähe!

Andererseits neigt auch ein Großteil Betroffener dazu, die eigene Angst, die eigene Trauer nicht zuzulassen. Lieber so weiterleben, weiterwurschteln, als wäre nichts geschehen, lieber auf Reisen gehen, sich ablenken, als dem Schmerz Raum zu geben, als die Trauer zu durchwandern.

Aber in beiden Fällen von Abwehr wird sie wirksam, die Macht der Gefühle. Besser: die Macht der verdrängten Gefühle. Wenn Gefühle nicht strömen, hindurchströmen dürfen — fließen, weiterfließen — wenn man sie in sich zurückhält und staut — dann treten sie auf andere Weise gewalttätig zu Tage. Dann überschwemmen und durchsetzen sie den Körper, lassen ihn nicht gesunden, oder machen ihn krank. Dann zeichnen sie grausam, rauben jeden Glanz innerer Schönheit, dann entstehen diese bitteren, mühsam aufrechterhaltenen, trüben und gierigen Gesichter, die man Tag für Tag scharenweise an sich vorbeidefilieren sieht. Welche Freude macht doch in der Wüstenei vertrockneten, versteinerten Lebens der Anblick eines freudigen, offenen, ungeschützt lebendigen Antlitzes? Habe ich nicht Recht? Und dieser Anblick hat mit Jugend nichts zu tun, auch in jungen Gesichtern kann sich bereits Leblosigkeit und Dürre breit machen. Gefühle öffnen ein Gesicht. Der Mangel an Gefühlsbereitschaft verschließt es. Und das geschieht rasch, wenn nichts diese Bereitschaft wachruft und fördert. Jeder gerät vorerst feinfühlig ins Leben, jedes Kind fühlt, ehe es zu denken beginnt. Ein junger Mensch jedoch, dessen Gefühle man unbeantwortet lässt, mehr noch, dem man sie ausredet oder verbietet, wird den natürlichen Zugang zu einem wachen und frei schwingenden Gefühlsleben rasch und meist für immer verlieren. Ich komme zurück auf meine Lehre vom Gefühl, die man uns Menschen im normalen Bildungs- und Lernprozess verweigert. Wir selbst, mit der Empfindung des Ungenügens alleingelassen, müssen Suchende werden und aufbrechen, uns Belehrung dieser Art zu holen. Aufbrechen, uns auf den Weg machen — und uns selbst aufbrechen, öffnen, zugänglich werden lassen. Wegbegleiter und Motor dieser Reise zu einem ER-FÜHLTEN, erfüllten und menschenwürdigen Leben hin, zu einem, das in keinem Werbekatalog für wellness und life-style beschrieben werden kann, weil es außerhalb aller materialistischen Normen angesiedelt ist, kann nur DIE LIEBE sein. Die Liebe. Abgebrauchtes und durchwegs missbrauchtes Wort, und als Begriff deshalb ebenso erklärungsbedürftig wie eingangs »das Leben«.

Ich sprach zuvor von der Verliebtheit als dem endlichsten und trügerischsten aller Gefühle. Und das ist sie wohl auch. Weil sie ausschließlich in der Enge von ICH und FÜR-MICH-HABEN-WOLLEN eine Weile lang blüht, solange, bis das Begehren erlischt. Begehren und Gier sind kurzlebige, hormonell gesteuerte Aufbrüche und Ausflüge, aber schön genug, um uns immer wieder das eine mit dem anderen verwechseln zu lassen. Was, uns allen bekannt, Nietzsche auf den Punkt brachte mit seinem: »Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit«. Dieses Wollen, diese heiße Sehnsucht kennen wir alle, auch der Gefühlsscheuste unter uns, irgendwann und irgendwie wird fast jeder vom Trieb zur erotisch-sexuellen Selbstauflösung überfallen, natürlich mit verschiedenartiger Intensität und Zeitdauer. Wir verlieben uns meist »für immer«, und verlassen einander meist bald.

Aber die Verliebtheit kann auch Eingang werden, eine Türe zur Bewusstwerdung dessen, was Liebe an sich bedeutet. Wenn einem gelingt, über die eigenen Fiktionen und Wunschvorstellungen hinwegzukommen und in den Bereich einer umfassenderen Sehnsucht und Wahrnehmung zu geraten, kann man Liebe vielleicht als das erfahren lernen, was sie ist. Als Freude des Herzens, die im Loslassen Geschenke erfährt. Als lebendigste Gelassenheit. Als Lebensbetrachtung, die jegliches mit Anteilnahme umschließt. Als Bejahung des Seienden, die auch bei Kritik und schmerzlicher Sicht nie gänzlich erlischt. Als unablässige Sehnsucht nach einem von Friede, Freude und Freiheit beatmeten Lebensgefühl, eine Sehnsucht, die nie zur Lebensgier enträt. Lebensgier wird uns ja unablässig angelernt und eingetrichtert. Von Gier und nicht von Freude gesteuerter Ansporn und kriegerisch ehrgeizige Zielvorstellungen werden uns beständig aufoktroyiert, keuchend und atemlos durchs Leben hetzend, zitieren wir dennoch nahezu begeistert den »Stress«, mit dem leben zu müssen wir meinen. Wir zitieren ihn so, unseren »ständigen Stress«, als bedeute dieser einen uns verliehenen Orden, ein Siegel, das uns Lebensberechtigung zusichert. In der Ausübung, also Praxis unseres Alltags leben wir mehrheitlich als Getriebene, wie Kutschpferde, die vorwärts gepeitscht werden, und dabei das Gefährt, vor das sie gespannt sind, allmählich zertrümmern. Wir machen uns kaputt, und wissen letztlich nicht, wofür. Ist die Arbeitssucht, der »Workoholismus«, nicht ein ebenso wirksames Mittel, sich emotionalen Fragen nicht mehr zu stellen, wie es die Suchtmittel Drogen und Alkohol weltweit und in allen sozialen Strukturen seit jeher sind? Und so, wie ein guter Wein, eine Zigarette nach dem Essen Köstlichkeiten des Lebensgenusses sein können, ist auch das maßvolle Arbeiten, das zeitweise innere Verschmelzen mit einer Tätigkeit, die unser kreatives Potential bewegt, oder auch nur ein pflichtbewusstes Der-Arbeit-Nachgehen, weil wir damit unseren Lebensunterhalt bestreiten, dem Lebens-Gefühl nicht abträglich. Dem Gefühl also, AM LEBEN zu sein. Was aber auffällig wird, ist die Leblosigkeit derer, die sich sinnlos und im wahrsten Sinn dieser Floskel »zu Tode schuften«, und das, ohne von Elend und Tyrannei dazu gezwungen zu sein, sondern inmitten unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft. In der natürlich auch Armut blüht. Aber wovon ich spreche, sind die freiwilligen Arbeitstiere; sind jene Menschen, die kein Gefühl mehr für das Leben haben, das ihnen einstens geschenkt wurde. Die sich ramponieren, um jede Konfrontation mit der Gefühlswelt zu vermeiden. Es gibt sie, diese GEFÜHLS-WELT, sie ist auf der Welt, sie steuert uns, sie steuert, was auf Erden, in unserer Welt der TAT-SACHEN, geschieht und Geschichte wird. Sie steht hinter jedem weltpolitischen Geschehen ebenso, wie hinter jedem privaten Krieg, den zum Beispiel eine in die Brüche gehende Zweisamkeit anfachen kann. Was zwischen zwei Menschen an ungebändigter, unreflektierter Emotionalität möglich ist und oft menschliche Katastrophen auslöst, verursacht potenziert, aber mit gleicher emotionaler Struktur auch jede weltweite politische Katastrophe.

Sich vor allem schlicht am Leben zu fühlen und lebendig, und dieses Leben letztlich als ein Geschenk zu betrachten, erscheint mehrheitlich als unannehmbare Lebenspraxis und wird als Absurdität abgetan. Man spricht vom Lebenskampf mehr als von der Lebensfreude, man fürchtet Verluste durch Schicksalsschläge mehr als den Verlust seiner eigenen, weichen Berührbarkeit.

Man möchte unberührbar werden, gefühllos.

Ich selbst pflege nach meinen Auftritten, wenn Menschen auf mich zukommen, um mir ihre Zustimmung mitzuteilen, diese mit meiner Hand zu berühren. Indem ich sie ihnen reiche oder auf die Schulter, den Arm lege mit sanftem Druck. An so mancher Reaktion erkenne ich die Unüblichkeit dessen, staunende Blicke können mich treffen. Aber nie noch erlebte ich Abwehr oder Ungehaltensein. Mit einer körperlichen Berührung kann man unausgesprochen das Leben, das uns allen gemeinsam ist, anrühren. Für mich schlichte Fortsetzung des Vorganges, Menschen mit dem Wort anzurühren, die in der Tiefe uns sehr wohl verbindenden Gemeinsamkeiten im einfachen Aussprechen fühlbar zu machen. Und in den Jahren meiner öffentlichen Auftritte hat sich mir immer wieder bewahrheitet, das Gefühle überspringen und Wirkung haben können, so, wie es das ausgeklügeltste Regiekonzept so mancher aufwendiger Spektakel oft nicht erzielt.

Gefühle, unverstellt — Emotionalität ohne sentimentale Süße — das kluge Empfinden — die gescheite Seele und nicht das Seelchen — Lebensschönheit, die nicht Kitsch ist, weil ja nur das Unwahre kitschig sein kann — das Behaupten einer menschenwürdigen Welt und nicht das Absprechen jeder Würde, wenn es ums allzu Menschliche geht — für all dies waren Menschen stets zu erobern, und das, ohne sie manipulieren zu müssen. Die Eroberung durch Manipulation und Kalkül ist ja nur dort notwendig, wo gelogen wird. Sie erweist sich als unnötig, wenn es zur Berührung, zum Anrühren, zur gemeinsamen Erfahrung und Bejahung kommt. Wenn die Macht der Gefühle sich vereinend ausspricht, als eine Macht, die sich unser nicht bemächtigt, sondern uns aufhebt. Wer Gefühle zulässt, weiß, dass dann der Machtdruck des Verstandes nicht mehr zulässig ist, dass man es »besser weiß«. So gesehen war »Publikum« mir stets Hoffnungsträger in der Öde der Gefühlsverweigerung, des dummen Wissens, und cooler, äußerlicher Verpackungskultur. Der Kulturbetrieb unserer Tage gibt sich ja weitgehend so, wir werden von Event zu Event geschleust, die Besucherzahlen zählen, das Museum, also Museale siegt über schöpferische Gegenwart, äußerliche Wirksamkeit, also Styling, über menschlich und geistig förderliche Inhalte. Ohne Konnex zur Emotionalität kann der Verstand nur Schrott befördern. Eine Kultur, die der reinen Emotion abhold ist und lieber in der schmutzigen Suppe von Triebhaftigkeit und Gefühls-Farce umrührt, wird auch der ERINNERUNG niemals Raum geben. Sie wird Erinnerung liebend gern mit altmodischem Traditionalismus verwechseln. Man erlebt dies weitgehend im heutigen Kunst- und Theaterbetrieb, wenn er sich modernistisch gibt, und vergisst, dass »die Moderne« immer auf dem fußte, was vor ihr war, und sich so ins Zukünftige ausdehnte. Modernismus klebt stets in der Enge des Zeitbezuges, und geht auch mit dem Wechsel der jeweiligen Bezüge wieder rettungslos verloren.

Dzevad Karahasan schreibt: »Das Vergessen ist das Ende der Kultur, und der Aufruf zum Vergessen ist der Auftakt zu Versklavung, zur Unterjochung von Menschen. Es ist logisch, dass sich die Totalitarismen dieses Jahrhunderts — der Nazismus explizit, der Kommunismus implizit — jeweils zum Neubeginn erklärten, also zum Vergessen aufriefen, die Erinnerung verleugneten und sie bekämpften. Solange Erinnerung existiert, sind die Menschen nicht totale Sklaven, und solange die Kultur in Form von Kontinuität existiert, ist eine Gesellschaft nicht vollkommen unterworfen.«

Ich möchte diese Zeilen nicht nur der Gesellschaft, sondern auch dem Individuum zurechnen. Und ich möchte den Begriff »Erinnerung« mit Gefühl, mit Emotion gleichsetzen, und in diesen Text mit nämlichem Wahrheitsgehalt einsetzen. Die Erinnerung gehört in das Reich der Gefühle, sie wird von Gefühlen modelliert, sie verweigert sich dem gefühllosen Verstand, der sie hervorpicken, sezieren und aufspießen möchte, wie Sammler es mit toten Schmetterlingen zu tun pflegen. Erinnerungen und Träume sind Lebensbereiche, die uns Reichtum schenken, sie verbinden sich mit der Kraft unserer Imaginationen, sind durchaus bereichernder Bestandteil eines Menschenlebens, wenn dieses den Gefühlen Raum gibt und nicht im engen Haus der Rationalität verkümmert. Ratio ohne Emotion ist stets kümmerlich und verhindert Lebensqualität. Und dies wirft neuerlich auf, was ich eingangs mit der »praktischen Umsetzung« des heutigen Themas meinte. Wir leben schlicht und einfach schlecht ohne Gefühl. Wir rauben unserem Leben Qualität und Reichtum. Auf andere Weise verarmen wir bitter, wenn wir einzig und allein und ohne Vernunft dem Reichtum an Geld und Gut und der materiellen Absicherung vor Unwägbaren hinterherlaufen. Unsere ängstlich gehorteten Sicherheiten auf Erden bringen nichts, sie schüren nur die Todesfurcht.

Lassen Sie mich also zur gewaltigsten Verweigerung und Verdrängung kommen, in die der Verstand, die Ratio uns stetig flüchten lassen möchte. Ich spreche von unserer Haltung, unserem Verhalten, unserer Panik, wenn es um die Endlichkeit, um das Todesbewusstsein geht. Der TOD, der wie die Geburt emotional alles übersteigt, wovon unser Gefühl beansprucht werden kann, ist und bleibt die unbegreiflichste Gewissheit unseres Lebens. Dass es nur eine einzige Sicherheit gäbe, die, eines Tages sicher zu sterben, kann man ja durchaus mal gutgelaunt in fröhlicher Runde sagen. Dass der Tod zum Leben gehöre, gehört auch zu den Allerweltsweisheiten, die schnell jemand von sich gibt. Aber sich offenen Auges und offenen Herzens GEFÜHL-VOLL auf Gedanken und Empfindungen einzulassen, die mit Sterben, Tod und Verlust einhergehen, ist den meisten Sterblichen kaum möglich. Sie müssen alles aktivieren, was ihnen Dauer suggeriert. Also Besitz, der von Dingen, Ideen und Menschen, unentwegt Pläne schmieden, immer wieder Kinder kriegen, rastloses »sich abstrudeln«. Wobei letzter wienerischer Ausdruck, wie es dem Dialekt häufig prima gelingt, tief blicken lässt. Sowohl die Enge eines gerollten Strudels aus Teig, der alle Fülle in sich schließt, um verzehrt zu werden, als auch die gefährlichen Wasserstrudel in Flüssen und Bächen, die einen verschlingen und ertrinken lassen können, sind bildhaft im »sich abstrudeln« enthalten, was auf gut deutsch sich abrackern, sich krank schuften heißt. In der trügerischen Dauer, die diverse Aktivitäten, Gesundheitsprogramme, feriale Animationen, verbissenes Körpertraining, das so genannte anti-aging (wohl die perverseste aller kommerziellen Bemühungen) uns zu gewähren versprechen — in ihr halten wir uns blind und verkrochen auf, bis eines Tages die Unerbittlichkeit von Ende und Abschied vor uns steht und nach uns greift.

Aber auch wenn man den Gedanken an Endlichkeit und Tod an sich heranließ, also auch den Gedanken ans Altern, an Liebesverlust, an die stetige, schmerzliche Veränderung alles Lebendigen — wenn man all diese Gedanken an sich heranließ, ehe derlei Fakten und Tatsachen den eigenen Lebensweg berührten — wirft es dann zu Boden, wenn sie einen treffen. Man kann nicht »vorbauen«, um Schmerz und Angst, diese elementarsten Gefühle, wenn es um den elementarsten Verlust geht, späterhin leichter zu ertragen. Das einzige, was man erlangen kann, ist die geprüftere Einsicht. Also einzusehen, dass es Schicksal auch für einen selbst gibt, und damit verbunden auch die Aufgabe, es zu ertragen und zu tragen. Dass der Schrei »warum gerade ich« und wildes Anprangern der Ungerechtigkeit, die einem widerfuhr, sinnlos Gefühlskraft vergeudet, die man der Trauer schenken sollte. Dass der Hass gegen Gott und Menschen, die Wut der Auflehnung gegen das Erlittene zwar verständliche Gefühle sind, jedoch die Prüfung im Leid hinauszögern.

Ich persönlich schätze den Begriff der »Prüfung« — vielleicht weil ich, wie heute schon kundgetan, als Kind und Jugendlicher die Schule schätzte, und Lernen, Erkennen, Bildung als Parabeln in mein weiteres Leben aufgenommen habe. Dass einen also das Schicksal »prüft«, habe ich nie von mir gewiesen. Die Art und Weise, in der man diesen Prüfungen standhält, legt Zeugnis davon ab, ob und wie man frei seinem Selbst, seinen Gefühlen gemäß lebt, oder eben unbelehrbar im Gefängnis, in der Isolation reinen Verstandesdenkens verharrt. Legt Zeugnis davon ab, inwieweit eine spirituelle Lebenssicht sich bewahrheitet, wenn man an das Äußerste an Verlust und Schmerz stößt. Die äußersten, einem bislang unvorstellbaren Bereiche von Leid sind wie Wasserscheiden, zwei Möglichkeiten tun sich auf, dem Weiterleben nachzugeben. Flüchtet man ins Trügerische religiöser Theorien, die Gott und Jenseits kindisch benennen? In den Schutz kommerzieller, irdischer Ablenkungen? In die Härte und Zynismen rein intellektueller Auseinandersetzung mit sich selbst? In die wehleidigen Schreie des ICH, das sich gar nicht auseinandersetzen will? Oder lernt man zu hören. Auf das Gefühl, die Gefühle zu hören. Auf die Stimme der Intuition. Auf die Stimme des eigenen SELBST, das stets der Stimme Gottes ENT-SPRICHT — wenn wir aus überkommener Anhänglichkeit nun einmal GOTT, die Götter, das Göttliche sprechen lassen wollen. Ich weiß, dass ich jetzt in theologisch-philosophische Auslegungen vielleicht allzu unerschrocken eingreife, aber ich wage zu behaupten: Gott, wenn schon, ist weises Gefühl. Und das oberste aller Gefühle und aller Weisheit ist die Liebe. Auch wenn wir dies als Schmonzes belächeln, es nicht bejahen und nichts davon wissen wollen, wissen wir alle, dass es so ist. Ein verborgenes, geschundenes, aber durch keine Macht der Welt je gänzlich auszurottendes Gefühl in jedem von uns weiß es.

André Schneider

(Rede zum Thema »Macht der Gefühle«, die vom Autor am 6. Juli 2006 im DHI London gehalten wurde.)