30. März 2016

Einrichtungsidee...

Einrichtungsidee…

Am 26. war der Geburtstermin. Seither warten wir flitzebogengespannt neben dem Telefon, doch wenn es läutet, ist es bislang immer falscher Alarm. Wir sind alle aufgeregt, nervös, gespannt auf die Ankunft der Kleinen. Gut, in wenigen Tagen wird es soweit sein. — Bestes Osterwetter, lange Spaziergänge, Brunch und gute Gespräche im Macondo, nachmittags in Neukölln den ersten Kinobesuch des Jahres absolviert: Maïwenns »Mon roi« wirkt heute noch nach, vor allem das Spiel Emmanuelle Bercots. Am liebsten hätten wir uns hinterher einen Schnaps genehmigt. Ein exzellenter Aufbau, der Beziehungsschmerz fühl- und miterlebbar inszeniert. Man fühlte sich an eigene Ex-Affären erinnert, an Begegnungen mit charismatisch-charmanten Narzissten und gefährlichen Soziopathen und war froh, dergleichen hinter sich zu haben. Maïwenn ist eine versierte Geschichtenerzählerin, eine Filmemacherin von seltener Größe. Der Film ging gut aus, Bercots Figur war über Vincent Cassel hinweg und konnte nach vorne schauen. Doch ihr Weg bis zu diesem Punkt war voller Pein und streckenweise schwer zu ertragen. Ein guter, wichtiger Film, den ich allerdings nur den hartgesottenen Kinogängern empfehlen möchte.
In meiner Küche steht ein riesiger Strauß Tulpen, und ich freue mich über die Krokusse, Gelben Narzissen, Veilchen und Schneeglöckchen, die man schon überall sieht. Trivial, ich weiß, aber das klare Blau des Himmels, die längeren Tage, die knospenden Bäume und das sich regende Leben allerorts hebt wirklich die Lebensgeister. Ich hoffe, dass ich meine winterliche Schwermut in den kommenden Wochen abstreifen, mich endlich häuten kann. Einstweilen ist alles noch plump und schwer, selbst an meinen freien Tagen fühle ich mich blockiert, irgendwie voll und leer zugleich, in kreativer Hinsicht amputiert. Heute aß ich mit Connie in der Ankerklause zu Mittag, anschließend spazierten wir lange mit Chelito durch Kreuzberg und Neukölln. Erst um kurz nach 16 Uhr war ich wieder zu Hause. In meiner Wohnung müssen 2016 noch ein paar Kleinigkeiten getan werden. Gestern war ein Klempner da, der sich endlich ums Bad gekümmert hat. 15 Monate hatte sich die Hausverwaltung taub gestellt und sich nicht gerührt. Erst, als der Mieter unter mir einen Wasserschaden anzeigte, bekam ich einen Termin. Was soll man sagen? Berlin halt. Im Flur und in der Küche müssen noch Lampen installiert werden, die alten Küchenstühle gehören durch neue ersetzt, im Eingangsbereich fehlt noch eine Garderobe… Dummerweise sind die Wände in dieser Wohnung so porös, dass man kaum etwas anbringen kann. Regale rauschen, kaum angebracht, wieder herunter. Im Januar erschlug eines der Bretter um ein Haar den armen Chelito in seinem Körbchen. Dennoch liebe ich die Wohnung, wir fühlen uns wohl, es ist gemütlich, ruhig und sicher.
Roger Cicero, Patty Duke — beide viel zu früh von uns gegangen. Cicero gab vor seinem Durchbruch mit seinen mainstreamigen Jazz-Pop-CDs einige seelenschöne, jazzige Konzerte in Hannover, an die ich mich gerne erinnere. Lang ist’s her! Das »Männersachen«-Album gefiel mir seinerzeit auch. Deutschland hat eine starke Stimme verloren und — was mich ganz besonders traurig macht — ein siebenjähriger Junge seinen Vater.

Ein wunderschöner 1.500 Jahre alter Angel Oak Tree in South Carolina. Mein Bild der Woche.

Ein wunderschöner 1.500 Jahre alter Angel Oak Tree in South Carolina. Mein Bild der Woche.

Vor Ostern haben wir den Feinschliff von Sur les traces de ma mère getätigt. Der Film ist nun 93 Minuten lang und befindet sich in der Farbkorrektur. Unser Termin im Synchronstudio ist am 5. April. Ich muss noch Pro- und Epilog einsprechen, Marc Bluhm wird einen Schauspieler nachsynchronisieren müssen, und dann geht Sur les traces de ma mère an Nikolaus Tunis, der die Tonabmischung macht. Wir haben uns vorgenommen, am 12. April die Endabnahme zu machen und das Baby dann postalisch nach Paris zu schicken. Bis dahin muss ich noch die letzten Übersetzungen anfertigen. Farbkorrektur, Tonstudio, Sprecher — das alles ist unglücklicherweise noch teurer, als wir erwartet hatten, daher verweise ich an dieser Stelle noch einmal auf unseren Spendenaufruf. Wer uns noch oder noch einmal unterstützen kann und möchte, darf dies sehr gerne tun, wir werden uns erkenntlich zeigen. — Soeben schickte Antony den Trailer zu »Where Horses Go to Die« online; ich bin nach wie vor betrübt, dass ich nicht dabei sein konnte — aber auch sehr stolz, dass ich mit ihm an One Deep Breath arbeiten durfte.
Ein herzlicher Gruß zum Abend, bitte vergesst nicht meinen Filmtipp am Freitag!

André

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24. März 2016

Der blaue Himmel über Brüssel.

Der blaue Himmel über Brüssel.

Am 3. Februar diesen Jahres erhielt ich unerwarteterweise die Zusage für einen Job, für den ich mich am 16. Oktober 2014 beworben hatte. Brüssel, Boulevard Clovis 83. Noch vor einem Jahr hätte ich vor Freude Luftsprünge gemacht. Selbst im Februar diesen Jahres überlegte ich noch kurz hin und her, ob ich nicht vielleicht doch… — Nur führe ich mittlerweile eine Beziehung mit jemandem, der Berlin liebt und hier bleiben möchte, und auch das Anfangsgehalt schien mir etwas zu dürftig, um meine Zelte hier abzubrechen. Immerhin hatte man sich gemeldet. Die kleine Sprachschule in der Rue du Trône hatte überhaupt nicht auf meine Bewerbung reagiert. Einzig die Nederlandse Taalacademie in der Avenue Louise signalisierte Interesse. Ich erinnere mich gut an das Bewerbungsgespräch und den langen Spaziergang durch Brüssel an diesem sonnigen Vormittag im November 2014. Meine Blicke streiften die Aushänge in den Immobilienbüros, schraubten sich fest an den »à louer«-Schildern in den Fenstern. Ich war bereit, mich in Brüssels geöffneten Arme fallen zu lassen. Es ist eine vielsprachige, kulturlebendige und nicht allzu unüberschaubare Stadt mit viel Wind und einem Herz, das durchlässig ist für das Neue. Die Belgier — oder besser: das Gros der Belgier — sind ein an Gastfreundlichkeit kaum zu übertreffendes Volk, und Brüssel — weitaus mehr als die meisten europäischen Großstädte — eine Einwanderungsstadt. Man spricht Französisch, Niederländisch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Deutsch, Polnisch, Portugiesisch, Arabisch, Türkisch, Tschechisch. Viele bleiben nicht lange, sehen die Stadt als Zwischenstation, parken hier kurz und ziehen weiter. — Meist komme ich nach Brüssel, um Freunde zu besuchen. Vor allem natürlich Mirko, der zwar in Antwerpen lebt, beruflich jedoch viel in Brüssel unterwegs ist. Das Stöbern in den Buch- und Comicläden, die formidablen Restaurants und das abwechslungsreiche Kulturprogramm der Stadt haben Brüssel zu einer meiner Lieblingsstädte werden lassen.
Vorgestern erhielt ich viele SMSe, deren Wortlaut sich ähnelte und am adäquatesten mit: »Ich bin froh, dass du nicht nach Brüssel gegangen bist« zusammengefasst werden kann. Ich weiß nicht, ob ich so froh darüber sein soll. Berlin ist ein so abgenagter Knochen, meine Hassliebe zu dieser armen Stadt setzt mir sehr zu. Natürlich verstehe ich den Gedankengang der Familie und der Freunde. Aber sind Berlin, München, Rotterdam, Kopenhagen, Uppsala, Manchester, Dublin, Salzburg tatsächlich sicherer? Ist es nicht nur eine Frage der Zeit? Wenn wir ganz ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass es keine Sicherheit gibt. Für Präventivmaßnahmen ist es lange schon zu spät — und wie hätten diese auch aussehen sollen?

Brüssel 2

Ein Facebook-Kontakt brachte gestern einen hervorragend pointierten Beitrag darüber, was jetzt passieren wird (bzw. bereits passiert):
»Ich nehme mal die kommenden Reaktionen zum ‪Terroranschlag‬ am ‪‎Airport‬ ‪‎Brüssel‬ vorweg:
Angela Merkel: ›Wir sind empört. Sehr empört.‹
Sigmar Gabriel: ›Ich auch. Noch viel mehr als Merkel.‹
Zentralrat der Muslime: ›Hat nix mit Islam zu tun.‹
ISIS: ›Wir bekennen uns dazu. Wir töten Euch alle.‹
Thomas de Maizière: ›Uns liegen keine Erkenntnisse zu geplanten Terroraktionen in Deutschland vor.‹
BND: ›Es kam überraschend. Wir hatten keine Ahnung.‹
BILD: ›Gibt es deutsche Opfer?‹
Spiegel: ›Die Attentäter hatten ein gültiges Flugticket, einen europäischen Haftbefehl und waren bereits vorbestraft. Sie reisten munter durch Europa.‹
Martin Schulz: ›Es ist schrecklich.‹
Das Internet: ›Je suis Bruxelles.‹
Frauke Petry: ›Jetzt schaffen wir es in den Bundestag. Rente ist durch.‹«

Kevin schrieb mir besorgt aus New York, dass Trump nur noch einen Terroranschlag davon entfernt sei, gewählt zu werden. Die kurzsichtige Angst wird auch hier in Europa viele Menschen zu törichten (Wahl-)Entscheidungen bringen, da sollten wir uns keine Illusionen machen. Ab 2017 sitzt die AfD im Bundestag, und wir können eigentlich nur auf eine starke und vor allem diskussionsfähige Opposition hoffen. Gregor Gysi hat in dieser Hinsicht eine wirklich eklatante Lücke hinterlassen. Er hätte der besonnen und kühl argumentierenden Petry Paroli bieten können. Ansonsten sieht es echt verdammt mau aus. Unmerklich hat sich Stück für Stück die Politik aus unserer Politik verabschiedet.

Brüssel 3

Ich würde Euch gerne bitten, meine anderen Brüssel-Beiträge zu lesen:
7. Februar 2011
20. März 2012
21. Februar 2014
12. September 2014
9. November 2014
16. November 2014
2. Januar 2015

Ich wünsche all meinen Leserinnen und Lesern ein gemütlich-zerstreutes Osterfest und bedanke mich für Eure Treue.

André