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Kultur. Macht. Mensch.

Letztlich müssen wir Menschen auf Erden etwas tun, also machen.
Und letztlich benötigen wir alle einen Brocken Macht — die Macht über das eigene Leben vor allem, um, wie John Updike schreibt, nicht »von der Welt gefressen« zu werden.
Jeder von uns lebt in einem Lebensbereich, dessen er mächtig sein sollte. Unter Bedingungen, deren er mächtig sein sollte.
Jedoch das Sich-Bemächtigen, sei es im Privaten, im Beruflichen, im Politischen, lässt Macht entarten.
Machtvoll zu sein, ist per se nicht zu verdammen.
Musik kann es sein.
Architektur kann es sein.
Auch Bereiche der bildenden Kunst schaffen es.
Und eine Bühne zu betreten und auf ein Publikum einwirken zu wollen, geht nicht gut aus, wenn man nicht mit der Macht gesegnet ist, Menschen zu bändigen und an sich zu ziehen. Wenn man nicht Charisma hat. Und Charisma ist eine Form von Macht, die man über andere hat. Eine, die man nicht erzwingen kann. Die man eben hat — oder nicht.
Auch die politische Bühne fordert solches, und da hat das negative Charisma Einzelner immer wieder Unheil über Menschen, über die Menschheit gebracht. Und wenn heilendes Charisma wirksam werden wollte, hat wiederum die Menschenmeute so einem Charismatiker mehrmals übel mitgespielt, hat ihn gekreuzigt oder ermordet. Manchmal will es scheinen, als bedürften wir Menschen der Machthaber, und das nicht nur in der Politik. Auch kulturell lassen wir uns gern vorschreiben, was uns zu gefallen oder nicht zu gefallen hat. Da ist es der »Zeitgeist«, sind es die Medien, die uns gängeln.
Diktaturen haben stets ihr Kulturverständnis durchgepeitscht, da wurde als entartet eingestuft, was der Doktrin widersprach und den Geist hätte beflügeln können, aus der Geistlosigkeit auszubrechen.
Da wird Kultur zum Machtmittel, zur am besten geeigneten manipulativen Kraft, zur Gehirnwäsche erster Ordnung. Oder noch genauer: die Kulturwächter, Kulturbeurteiler, Kulturlandschaft-Bestimmer sind die angepassten Befehlsempfänger und richten aus. Eine Domäne, die in der so genannten »freien Welt« das Feuilleton übernimmt. Da sitzen sie ebenfalls, die sich ihrer Macht bewussten Kritiker und Beurteiler, die eine Kulturlandschaft nach ihren eigenen Vorstellungen, ihrem eigenen Geklüngel, ihrer geforderten Anpassung ausrichten wollen.

Ich bin seit 14 Jahren Kulturschaffender in diesem Land.
Zwar haben mir Universität und money job lange Zeit einen »schützenden Rahmen« gegeben, in dem ich mich aufhielt. Diese Nebentätigkeiten ermöglichten es mir, meiner eigentlichen Berufung nachzugehen, da ich mich niemals vom Staate oder anderer Seite her gefördert sah beziehungsweise mich nicht fördern ließ, um autark bleiben zu dürfen.
Diesen Rahmen habe ich früh aufzubrechen begonnen, wurde bereits als Jugendlicher Liedsänger, Songschreiber (ich habe immer vermieden, den Titel Lieder-Macher zu nennen), Schauspieler (mein erlernter Beruf) und vor allem Schriftsteller. Ich kann behaupten, dass ich dazu nie die entsprechenden Lobbies und Szenen in Anspruch nahm, um mich zu behaupten. Dass ich mich nie mit den kulturellen Machthabern der einzelnen Sparten arrangiert habe. Ich gehörte nie zur Theater- oder Filmszene, obwohl ich viel im Theater und Film gearbeitet habe; ich gehörte nie zur Musikszene, obwohl ich seit Jahren musiziere und mittlerweile an die 40 Lieder geschrieben habe; ich gehöre nicht zur Literaturszene, obwohl ich ständig Bücher herausgebe. Das hat meinen Weg beschwerlicher als den manch anderer gestaltet. Trotzdem war ich als Schauspieler relativ erfolgreich, meine Bücher und CDs verkauften sich ganz passabel, und meine Filme finden stets ihr Publikum.
Ich schreibe das nicht aus Eitelkeit, sondern zur Erklärung dessen, woran ich nach wie vor unverbrüchlich und fest glaube.
Ich möchte erklären, dass es nicht der Machthaberei bedarf, um machtvoll auf Menschen einzuwirken. Es gibt neben der medialen Manipulation eine Art unterirdischer Kundmachung dessen, was Menschen interessiert, davon bin ich überzeugt. Das Vermarkten macht zwar publik, ist aber kein Garant für Identifikation. Und Menschen sehnen sich nach Identifikation.

Wenn Kultur nicht zum Spiegel wird, der das eigene Leben und Erleben widerspiegelt, degeneriert sie zum Spektakel, zum »Event«, zu all dem, was sich unser, die wir auch hierbei als Konsumenten eingestuft werden, in diesen Zeiten leider ständig bemächtigen will. Der kultivierte, gebildete, kunstsinnige Zeitgenosse muss sehen, wo er bleibt, muss sich seine eigene geistvolle Welt in der platten Gottverlassenheit unserer Quotenlandschaften erschaffen. Und die Sinn-Suchenden, Erlebens-Sehnsüchtigen laufen den törichten Versprechungen diverser Sekten und Religionsgemeinschaften in die Arme. Sie glauben, Schutz in der Spiritualität zu erfahren, und geraten an knallharte, erfahrene Ausbeuter menschlicher Ängste und Unsicherheiten. Die Lebenserfahrungs-Abteilung nimmt mittlerweile in den Buchläden meist den größten Raum ein, auch im Verlagswesen hat man sich der Schwäche und Ausgesetztheit des Menschen bemächtigt, Bücher versprengen Rat und Tat in jeder Lebenslage und werden deshalb heftig gekauft. Auch dies gehört letztlich ins Reich der Spektakelkultur, des Kulturkonsums.

Sich selbst mit aller Macht den Bemächtigungstendenzen aus Kultur und Politik zu entziehen versuchen, dazu sind und bleiben wir aufgerufen, wenn wir unserem Menschsein Gehalt, Gestalt und Würde geben wollen. Wir sollten unsere menschliche Existenz dazu ermächtigen, gegen jede Form von Machtwahn und Menschenverachtung anzutreten.
Eine Utopie, ich weiß. Aber Utopien geben eine Richtung vor und haben immer schon neue Wege erschaffen.
Auch wenn auf diesem Weg das gesuchte Ziel, der gewünschte Erfolg nicht erreicht werden kann — richtig auf dem Weg zu sein schenkt einem Menschenleben denn doch den gesuchten Sinn und die gewünschte Würde.

André Schneider
Berlin, im Februar 2010.

Lesen. Schreiben.

Lesen — die schönste einsame Tätigkeit, der man nachgehen kann. Lesen ist Luxus. Seit ich denken kann, waren Bücher und Filme meine besten Freunde. Lesen ist atmen, ist essen, ist trinken, ist Sex.
Ohne Lesefutter würde ich nicht leben wollen. Wie haben mich Kevin Vennemanns grandiose Romane »Nahe Jedenew« und »Mara Kogoj«, Jelineks »Klavierspielerin« und die Werke Sibylle Bergs mein Dasein geprägt und mich engmaschig mit meiner kraftvoll-tiefgründigen Muttersprache verwoben! Max Frisch, Mascha Kaléko, Celan, Rilke, Friedhelm Kändler — wie arm wären wir ohne sie!

Das Schreiben war, ist, bleibt für mich eine Notwendigkeit. Es wendet die Not. Als Dreijähriger diktierte ich meiner Mutter die ersten Geschichtchen und zählte die Stunden, bis ich endlich selbst die Feder führen konnte. Das war 1984 endlich der Fall.
Bis zu meiner ersten Publikation — Life is a Sexually Transmitted Disease, in meiner Seelensprache Englisch verfasst — verwehten noch weitere zwanzig Jahre, in denen ich experimentierte, probierte, verwarf, reifte.
Mein Kurzroman Die Sprache der Scherben kam 2005 zur Welt. Sprache als Gemälde, in kräftig-schweren Ölfarben gemalt und inhaltlich in der Hauptsache vom Schmerz geprägt.
Das Theaterstück Der Mann im Keller und das Filmdrehbuch Ende. wurden jugendlich-sturmvolle Fingerübungen, lesens- und (obwohl mit jahrelanger Verspätung) veröffentlichungswert. Der Mann im Keller ist eine schwarze Komödie über die Machtspielchen zwischen Mann und Frau, Ende. ein Endzeitszenario über eine Welt ohne Liebe, sprachlich wie inhaltlich nur einen Katzensprung von der Sprache der Scherben entfernt.
Aus der Umarmung des Wassers vereinte Seelen- und Muttersprache, Aya Katos Illustrationen mit privaten Fotografien, Tori Amos’ Lyrik mit meinen Tagebuchaufzeichnungen, wurde Autobiographie und Prosa. Hingebungsvolle Jahre der Arbeit formten dieses Geschenk, das ich mir zum 30. Geburtstag machte. Es wurde auch ein Zeugnis meiner Liebe, meiner Liebe zum Wort, zu meinem Beruf, zu meinen Träumen, meiner Familie, meinen Freunden und zu einem ganz besonderen Menschen, der dieser Welt viel zu früh und viel zu jung Adieu gesagt hat.
Mit all meinen Arbeiten lege ich mich offen und frei und versuche dennoch, plattem Exhibitionismus keine Plattform zu bieten.

André Schneider
Hildesheim, im November 2009.