31. Mai 2011

Morgen beginnt der Juni, das Jahr ist schon wieder (fast) halb um, und ich mache nun eine kleine kreative Pause. Wir lesen uns wieder im August. Gehabt Euch ganz besonders wohl und erfreut Euch an der Sonne.

André

Filmtipp #10: Nur eine Frage der Liebe

Nur eine Frage der Liebe

Originaltitel: Juste une question d’amour; Regie: Christian Faure; Drehbuch: Christian Faure, Annick Larboulette, Pierre Pauquet; Kamera: Louis-Philippe Capelle; Musik: Charles Court; Darsteller: Cyrilly Thouvenin, Stéphane Guérin-Tillié, Eva Darlan, Caroline Veyt, Danièle Denie. Frankreich 2000. IMDb.

Juste une question d'amour

Ein Coming Out ist ein dramatischer Prozess, der einem jungen Menschen alles an emotionalen und rationalen Ressourcen abverlangt. Kaum ein Coming Out, das nicht schmerzhaft verläuft. Sich darüber bewusst werden, wer man ist — und was man ist —, ist für die meisten Menschen ein kompliziertes Geschäft. Aber erkennen zu müssen, dass man etwas ist, das von (immer noch) zwei Dritteln »der Gesellschaft« vehement abgelehnt wird, tut weh. Nach dem Sich-bewusst-werden kommt das Sich-akzeptieren-lernen(-müssen). Akzeptieren müssen, dass man so ist und nicht anders. Dass sich das nie ändern wird. Und, vor allem, dass das okay ist. (Viele Jungschwuppen stülpen sich in dieser Phase dann trotzig die Regenbogenfahne über und erzählen allen, die’s hören und nicht hören wollen, dass sie schwul sind und dass das das einzig Wahre sei.) Als junger Mensch mit 14, 15, 16 Jahren solche Gedanken und Entwicklungen zu durchlaufen, stärkt zwar ungemein, aber das merkt man erst Jahre später, und es ändert nichts daran, dass die eigentliche Zeit selbst weh tut und einen schlichtweg überfordert. Man konfrontiert sich mit Fragen über sich und die Welt, die in tiefenphilosophische Gefilde gleiten. Kein noch so sensibler, feinfühliger Hetero, egal, wie aufgeschlossen, progressiv und aufgeklärt er sein mag, kann sich wirklich vorstellen, was ein Coming Out bedeutet.
Was bedeutet ein Coming Out für die dem »Betroffenen« am nächsten Stehenden? Bestenfalls waren sie — die Eltern, Großeltern, Geschwister — darauf gefasst. (Der Kleine trug kaum der Mutterbrust entwöhnt schon gerne Omas Unterrock.) Dennoch lindert das den Schock nur wenig. Auch hier werden Denk- und Fühlprozesse durchlaufen, die am Rande des Zumutbaren liegen. Begreifen, dass es das Kind in seinem Leben immer ein wenig schwerer haben wird als die anderen, dass Enkelkinder (im Regelfall) nicht zu erwarten sind und auch eine große Hochzeit nicht stattfinden wird. Und die Ängste! Dass die Nachbarn tuscheln. Dass sich der Junge »etwas einfängt«. Dass er im Alter partnerlos dahinvegetieren wird. Und mehr.
Nein, ein Coming Out ist für alle Beteiligten kein Spaß. Hätte man die Wahl, man würde es sich und seinen Liebsten gerne ersparen. (Wohl auch deshalb gibt es wohl kaum einen Schwulen, der als Teenager nicht wenigstens einmal mehr oder weniger ernsthaft an Selbstmord gedacht hat). Das Fiese aber ist: Man hat keine Wahl! So unangenehm das Coming Out auch ist, so notwendig ist es auch. Die einzige Alternative wäre eine Lüge auf Lebenszeit. Oder, wie es ein Klassenkamerad von mir damals handhabte, die Sache geheim halten, bis die Eltern unter der Erde sind. Traurig nur, dass die Eltern dann diese Welt verlassen haben, ohne ihr Kind wirklich gekannt zu haben. Möchte man das? Nein. Die einzige Möglichkeit, sich ein würdevolles Leben als Nicht-Heterosexueller zu »erarbeiten«, ist: Stück für Stück zu lernen, normal mit sich und seiner Sexualität umzugehen.

Der schwullesbische Film der letzten zwanzig Jahre hat sich in zahllosen Filmen mal mehr, mal weniger gut mit der Thematik befasst. Gern wurde halbherzig der Versuch unternommen, Filme für ein heterosexuelles Publikum zu schaffen, das erspüren sollte, wie es eigentlich ist, sein Coming Out zu erleben. Nur selten war das gelungen, »Sommersturm« (Regie: Marco Kreuzpaintner) ist hier ein gutes Beispiel.
Am 26. Januar 2000 brach in Frankreich der kleine Fernsehfilm »Juste une question d’amour« alle Zuschauerrekorde: Rund sieben Millionen Menschen (Einschaltquote: 28,6%!) sahen die Geschichte des jungen Laurent, der mühsam lernt, zu sich und seiner Liebe zu stehen. Die Kritiker waren außer sich vor Begeisterung, und die beiden Hauptdarsteller erhielten täglich mehr Briefe aus dem ganzen Land.
Dabei ist »Juste une question d’amour« ein wirklich kleines Filmchen, unspektakulär geradezu. Christian Faures Inszenierung ist so gradlinig und unaufdringlich, dass man sie kaum bemerkt. Wie es bei einem Fernsehfilm auch zu sein hat.
Was passiert? Laurent (Cyrille Thouvenin) lebt ein eigentlich ganz zufriedenes Leben. Er macht eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner, wohnt mit seiner besten Freundin Carole (Caroline Veyt) zusammen und hat ab und zu kurze Affärchen mit Männern. An den Wochenenden besucht er seine Eltern (Danièle Denie, Idwig Stephane), wobei Carole gerne als seine Alibi-Freundin einspringt. Dieses Gerüst trägt ganz gut — bis Laurent sich schließlich zum ersten Mal wirklich verliebt: Cédric (Stéphane Guérin-Tillié) ist bereits um die 30, steht mitten im Leben und meint es durchaus ernst. Er möchte Laurents doppeltes Spiel nicht mitspielen. Bald schon leidet die Beziehung unter Laurents Lebenslüge, und für ihn wird es nach und nach immer schwieriger, sie aufrecht zu erhalten, zumal auch Carole, die sich in ihn verliebt hat, ihr eigenes Leben zurück haben möchte und auch Cédrics Mutter (Eva Darlan) nicht tatenlos zuschauen möchte, wie die beiden leiden. Am Ende muss Laurent sich stellen — oder er verliert Cédric…

Bis in die kleinste Rolle hervorragend besetzt, ist »Juste une question d’amour« nicht eine Sekunde langweilig. Das phantastische Drehbuch bietet den Schauspielern derartig ausgefeilte, lebensnahe Dialoge, dass praktisch nichts schief gehen konnte.
Bemerkenswert finde ich, dass hier alle Seiten beleuchtet werden. Wo normalerweise in schwulen Filmen der arme Protagonist nahezu selbstzweckhaft im Mitleid des Publikums gebadet wird, treten hier alle Figuren in den Fokus. Laurent, der verständliche Angst vor seinen Eltern hat — sein schwuler Cousin wurde von der Familie verstoßen und starb kurz darauf einsam und isoliert an einer Hepatitis —, ist dabei nur eine Seite der Medaille. Carole, die unter seinem Doppelleben mindestens ebenso leidet wie er — unverschuldet! —, der verliebte Cédric, der zu seinem Freund und ihrer Liebe stehen möchte, dessen mitfühlende (und sich dabei penetrant einmischende) Mutter und nicht zuletzt Laurents rührend liebende Eltern, die mit ihrem ländlich-unaufgeklärten sozialen Hintergrund gar nicht anders können, als mit dem Leben ihres Sohnes überfordert zu sein, bilden die andere Seite der Medaille. Am Ende nähern sich Laurent und seine Eltern an. Die Konfrontation mit dem aufgelösten Vater gleicht einem klärenden Gewitter. Laurent wird seinen Weg gehen. Mit Cédric. Und seine Eltern werden lernen, Stück für Stück damit zu leben. Immer ein bisschen besser. Weil er immer noch ihr Sohn ist und bleibt. Weil sie ihn lieben. Und er sie. Und weil letztlich das das Einzige ist, was zählt.

In den vielen Coming Out-Filmen, die jährlich die schwullesbischen Filmfestivals fluten, gibt es eigentlich kaum einen, der sich damit befasst, was es eigentlich für eine Beziehung bedeutet, wenn der eine Partner »ungeoutet« ist, man also — vor Freunden, vor der Familie — Versteck spielen muss. Dass »Juste une question d’amour« in diese Kerbe schlägt, und dass er dies so realitätsnah und unprätentiös tut, rechne ich Christian Faure hoch an. Die beiden Hauptdarsteller, in Frankreich seither vergötterte Superstars, tragen diesen Subplot mit erstaunlicher Reife.
2007 kam die DVD in Deutschland auf den Markt. Französisch mit deutschen Untertiteln. Ein wirklich ungewöhnlich guter Film, den ich allen empfehlen möchte, die sich mit der Thematik des Lebens und der Liebe befassen mögen.

André Schneider

Filmtipp #9: We Don’t Live Here Anymore

We Don’t Live Here Anymore

Originaltitel: We Don’t Live Here Anymore; Regie: John Curran; Drehbuch: Larry Gross; Kamera: Maryse Alberti; Musik: Michael Convertino; Darsteller: Mark Ruffalo, Laura Dern, Peter Krause, Naomi Watts, Jennifer Bishop. USA 2004. IMDb.

We Don't Live Here Anymore
Jack (Mark Ruffalo) und Hank (Peter Krause) sind beste Freunde. Sie unterrichten beide an einem College in New England, haben ihre kleinen Familien und leben ohne größere Komplikationen ganz zufrieden vor sich hin. Eigentlich. Denn Jack ist seit einiger Zeit in Hanks unzufriedene, kühl-beherrschte Frau Edith (Naomi Watts) verliebt, und die beiden treffen sich regelmäßig  zum Schläferstündchen, mal mehr, mal weniger offensichtlich für ihre Partner. Hank, zu sehr mit sich und seinem Schicksal als gescheiterter Schriftsteller beschäftigt, bemerkt den Betrug nicht, während Terry (Laura Dern), Jacks Frau, ahnt, dass etwas nicht stimmt. Sie ist sehr emotional, verletzlich und trinkt. Als Jack ihre Fragen und Klärungsversuche zu unbequem werden, treibt er sie in Hanks Arme — um ihr hinterher den Betrug vorzuwerfen, den er schon Monate zuvor begonnen hat.

John Currans kleiner Film beschäftigt sich vorrangig mit der Frage, warum wir Menschen zumeist das haben wollen, was wir nicht haben können und damit, was es eigentlich bedeutet, »erwachsen« zu sein. In den deutschen Verleih kam »We Don’t Live Here Anymore« trotz seiner attraktiven Besetzung nie — was schade ist, weil es sich um einen wirklich tollen Film handelt, der seine Qualität durch ein (vor allem in seinen Dialogen) außergewöhnlich gut gestaltetes Drehbuch und seine erstklassigen Schauspieler erreicht. Preise gab’s für Laura Dern, die man ansonsten höchstens in ihren Lynch-Filmen mochte und die hier zu einer selten erlebten Höchstform aufläuft, und für Larry Gross’ Skript. Heutzutage muss man es schon als Wagnis bezeichnen, einen so dialogreichen Film zu drehen — und die Herausforderung zu bestehen, das Ding trotzdem durchweg spannend zu halten. Mark Ruffalo, den ich seit »You Can Count on Me« (Regie: Kenneth Lonergan) immer wieder gerne sehe und der leider fast immer dazu verdonnert wird, die zweite Geige zu spielen (beispielsweise in Scorseses »Shutter Island«, Finchers »Zodiac« oder Lisa Cholodenkos »The Kids Are All Right«), stattet seine unsympathische Figur mit einer Zerrissenheit und Schwäche aus, die es dem Zuschauer ermöglicht, jede seiner Handlungen nachzuvollziehen.

André Schneider