30. September 2015

stephanie_michelini_odb

Sur les traces de ma mère ist nun im Schnitt, wir gehen die einzelnen Drehtage peu à peu durch, etwa 15 Minuten haben wir schon geschnitten. Am Montag telefonierte ich kurz mit Cosimo; The Open Reel ist an unserem Film interessiert. Hoffentlich sind die Verträge bald unter Dach und Fach, erst dann atme ich durch. Augenblicklich schiele ich vor Arbeit: Nebenjob (vormittags) plus Schnitt (nachmittags) plus Grippe (ganztägig). Mir graut ein wenig vor der Tonabmischung, wohingegen ich mich immens auf die Farbkorrektur freue. Solange uns der Film noch so mit Beschlag belegt, werde ich wieder eine Blogpause einlegen. Bitte seht es mir nach.
Ansonsten hoffe ich, dass ich morgen fit genug bin, um das Abendessen mit David und Klaus zu genießen, die uns großzügigerweise eingeladen haben. Vorher bin ich noch mit Angelika verabredet, die ich seit Mai nicht mehr gesehen habe. Und am Wochenende feiern wir gleich zwei Geburtstage.
Bitte schaut regelmäßig vorbei — gerade die Termin-Seite wird regelmäßig aktualisiert —, im Oktober erscheint ja One Deep Breath auf DVD.
Habt einen angenehmen Herbst, ein verschnupfter Gruß aus Berlin-Treptow.

André

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Filmtipp #280: Les hautes solitudes

Les hautes solitudes

Originaltitel: Les hautes solitudes; Regie: Philippe Garrel; Drehbuch: Philippe Garrel; Kamera: Philippe Garrel; Darsteller: Jean Seberg, Tina Aumont, Nico, Laurent Terzieff. Frankreich 1974.

les hautes solitudes

Die Gesichter dreier Frauen und eines Mannes, 82 Minuten lang, schwarzweiß, komplett ohne Ton — ein waghalsiges Experiment des damals gerade 26jährigen Autorenfilmers Philippe Garrel (Vater von Louis), der mit diesem sich an Andy Warhols frühen Werken orientierenden Streifen dem facettenreichen Gesicht der 35jährigen Jean Seberg ein Denkmal setzte: »Die Idee war, einen Film aus den Outtakes eines Films zu machen, den es nie gegeben hat. Ich entwickelte ›Les hautes solitudes‹ als Outtake aus der rauen Textur ihres Gesichts. Ihre Freunde, ihr Agent, einfach jeder dachte, ich sei nicht ernst zu nehmen in meinen Absichten. Jeden Tag besuchte ich Jean mit meiner Kamera in ihrer Wohnung und filmte sie auf dem Balkon und nahe am Fenster, oft für Stunden, ohne Rolle und ohne Skript. Niemand dachte, dass daraus ein echter Film werden würde, aber sie war so unabhängig und scherte sich nicht um die Meinungen anderer. In meinen Augen ist ›Les hautes solitudes‹ ebenso Jean Sebergs Film wie meiner.«
Nach den Misserfolgen von »Les oiseaux vont mourir au Pérou« (1968) und »Kill!« (1971), die Jean Seberg mit ihrem Ehemann Romain Gary gedreht hatte, sollte es nur noch ein interessantes Filmprojekt für die angeschlagene Aktrice geben: Philippe Garrel gelang es in »Les hautes solitudes«, die Seberg in eine äußerste Grenzerfahrung zu treiben. »Ihr Gesicht erscheint hier wie von Panik ergriffen angesichts einer fortwährenden Befragung, auf die es keine Antwort weiß. Vor dem leeren Auge der Kamera, die ihre Filmrolle abspult, zeigt die Schauspielerin zunehmend ihr Unbehagen, ja das Unerträgliche der Bloßstellung.« (Antoine de Baecque)

Interessanterweise beginnt »Les hautes solitudes« mit Warhols einstiger Muse Nico (1938-1988), die zur damaligen Zeit mit Garrel auch privat liiert war und der Kamera ihr herbes Gesicht wie ein Bilderbuch anbietet: »Lest ruhig in mir, wenn’s euch Freude macht«, scheint es zu raunen. Dann erscheinen nacheinander Tina Aumont (1947-2006) und Laurent Terzieff (1935-2010), bevor schließlich Jean Seberg (1938-1979) — gewissermaßen als »Star« — auftritt. Größtenteils in ihrer eigenen Wohnung gedreht, 15 Jahre nach ihrem Bombenerfolg mit Godard, blickt sie direkt in die Kamera, oft minutenlang, tieftraurig, anklagend, desolat. Wir sehen ein Gesicht, das von Angst und Einsamkeit, von Alkohol und zu vielen Abschieden förmlich zerschnitten scheint — und dabei eine fast Poe’sche Schönheit freilegt, die nur wenige Gesichter transportieren können. Eine Verleumdungskampagne des FBI hatte Seberg ihre Tochter, ihre Ehe, ihre Karriere und ihre Gesundheit gekostet. 1974 hatte sie bereits fünf Suizidversuche überlebt, fünf Jahre später wurde ihre Leiche schließlich gefunden. (Die genauen Umstände ihres Todes blieben ungeklärt, ein Selbstmord kann allerdings ausgeschlossen werden.) Mit diesem Wissen ist »Les hautes solitudes« szenenweise besonders schwer anzuschauen. Am berühmtesten ist mit Sicherheit die Sequenz, die nach etwa 22 Minuten — also recht früh im Film — beginnt: Seberg »spielt« ihren Selbstmord mit Schlaftabletten und wird von Tina Aumont »gerettet«. Als diese Szene gedreht wurde, war Garrel erschrocken und überzeugt, Seberg würde sich tatsächlich vor laufender Kamera das Leben nehmen und brach den Dreh ab.

Garrel war nicht nur Regisseur, Autor, Produzent und Kameramann, er fungierte bei »Les hautes solitudes« auch als Cutter. Ursprünglich hatte er geplant, das Bildmaterial mit Musik unterlegen zu lassen, doch als er den Rohschnitt seiner Hauptdarstellerin zeigte, bat sie ihn, den Film so zu lassen, wie er ist. Garrel respektierte Sebergs Wunsch, und so kam der Experimentalfilm 1974 ohne Vor- oder Abspann, ohne Musik oder sonstigen Schnickschnack in die Kinos: Ein Stück cinéma vérité, wahrhaftiges Kino, wie es vermutlich nur noch in den 1970ern möglich gewesen war. Das Filmmagazin »Les Inrockuptibles« erstellte 2014 eine Liste der 100 schönsten französischen Filme aller Zeiten, und »Les hautes solitudes« landete auf Platz 25.

André Schneider

 

Filmtipp #279: Getrennte Betten

Getrennte Betten

Originaltitel: The Wheeler Dealers; Regie: Arthur Hiller; Drehbuch: George J. W. Goodman, Ira Wallach; Kamera: Charles Lang; Musik: DeVol; Darsteller: James Garner, Lee Remick, Phil Harris, Chill Wills, Jim Backus. USA 1963.

the wheeler dealers

Das Team um Produzent Martin Ransohoff schuf zwischen 1962 und 1967 so vergnügliche Komödien wie Boys’ Night Out, Don’t Make Waves oder Polanskis The Fearless Vampire Killers — Werke, die heute ungeheuerlichen Spaß machen und zum Teil als Klassiker gelten, zur damaligen Zeit aber keine besonders großen Kassenknüller waren. Auch die Kritiker hielten sich größtenteils bedeckt und attestierten den Filmen bestenfalls eine gewisse Kurzweiligkeit. Der 1963 entstandene »The Wheeler Dealers«, mal mehr von Ira Wallach geschrieben, bildete da keine Ausnahme, konnte aber immerhin eine Golden-Globe-Nominierung für James Garner einheimsen, der zu jener Zeit eine Klamotte nach der anderen drehte (unter anderem zwei sehr erfolgreiche mit Doris Day).

»The Wheeler Dealers« vereint einige Elemente der klassischen screwball comedy mit denen der Satire, um auf amüsante Weise mit dem American Way of Life abzurechnen. Die wundervolle, leider von Hollywood lange Zeit ignorierte Lee Remick spielt die erfolgreiche Aktienhändlerin Molly Thatcher (!), deren Chef nichts von Karrierefrauen hält und gerne die traditionelle Rollenverteilung von Mann und Frau vertritt. Da er sie aus juristischen Gründen nicht direkt entlassen kann, schanzt er ihr einen Auftrag zu, den sie unmöglich erfüllen kann — so scheint es zumindest. Doch dann trifft Molly auf den ebenso smarten wie gewieften Geschäftsmann Henry Tyroon (Garner), der sich als einfältig-naiver Millionär aus Texas ausgibt — Pillow Talk lässt grüßen! — und natürlich mehr an der hübschen Molly als an ihren Aktien interessiert ist. Tyroon beschließt, der hübschen Lady zu helfen und sorgt bei seinen Bemühungen für einigen Wirbel in der Geschäftswelt…
Mit rund 105 Minuten Laufzeit ist das Ganze ein wenig zäh geraten, bietet aber dank der messerscharfen Dialoge, einigen pfiffigen Pointen und brillant aufspielenden Darstellern noch genug Futter für einen unterhaltsamen Abend. In Nebenrollen sind mit Jim Backus, Louis Nye, John Astin, Elliott Reid und Patricia Crowley einige der »üblichen Verdächtigen« zu sehen.

André Schneider