Filmtipp #60: Leih mir deinen Mann

Leih mir deinen Mann

Originaltitel: Good Neighbor Sam; Regie: David Swift; Drehbuch: David Swift, Everett Greenbaum, James Fritzell; Kamera: Burnett Guffey; Musik: DeVol; Darsteller: Jack Lemmon, Romy Schneider, Dorothy Provine, Edward G. Robinson, Michael Connors. USA 1964.

Good Neighbor Sam

Mein heutiger Filmtipp ist der letzte vor meiner Blog-Sommerpause, und passend dazu habe ich einen leichten Sommerfilm ausgesucht, der einfach gute Laune macht und Spaß bereitet.

Alice Schwarzer beklagte in ihrer 1998 erschienenen Schneider-Biographie: »Wie schade, dass sie nie eine wirkliche Komödie gedreht hat!« — und übersah offenbar, dass Romy sehr wohl in einigen Komödien mitgewirkt hatte. »Un amour de pluie« (Regie: Jean-Claude Brialy) zum Beispiel gehört zu jenen unglücklich vergessenen Filmen ihrer Filmographie; ein leichtes Sommerfilmchen, in dem die Schneider so gelöst und frei wie in keinem anderen Streifen zu sehen war. Zwischen ihren »schweren« Filmen, die sie zu jener Zeit mit Visconti, Zulawski und anderen drehte, fiel diese »Sommerliebelei« (so der deutsche Titel) nicht weiter auf. Ein Erfolg war dieser Film, den die Schneider persönlich sehr mochte, keineswegs. Ganz im Gegensatz zu den beiden Komödien, die sie in den Sechzigern machte: »What’s New, Pussycat?« (Regie: Clive Donner) und »Good Neighbor Sam« waren Kassenschlager. Gerade über diese Filme sollte sie sich später negativ äußern — was man verstehen kann, denn so entzückend sie in beiden Streifen auch war, sie war einfach fehlbesetzt. Der rührige Versuch, aus ihr eine Art Doris Day zu machen, scheiterte auf charmante Weise. Schon das Make-up und die Kostüme à la Hollywood passten nicht zu ihr und ihrem natürlichen, damals schon sehr französischen Wesen. Ihr starker Akzent untermauerte dieses Fremdkörper-Gefühl zusätzlich. In beiden Filmen wirkt sie deplatziert — und trotzdem: Man kann sich nur schwer eine andere Schauspielerin vorstellen.

In »Good Neighbor Sam«, einer der zu jener Zeit so angesagten sexless sex comedies, wie sie wenige Jahre zuvor vom Traumpaar Doris Day/Rock Hudson populär gemacht wurden, spielt Romy die wohlhabende Janet Lagerlof, eine Europäerin, und noch bevor sie auftaucht, lobt man ihren »charmanten Akzent« und betont, sie sei in Wien aufgewachsen und habe in Paris gelebt. Die Stimme am Flughafen sagt: »Attention please!«, als sie dem Gate zustrebt, und die Aufmerksamkeit ist ihr gewiss. Ein Star-Auftritt, wie es ihn nur in Hollywood gab.
     Ihr Partner ist hier Jack Lemmon, der zu dieser Zeit eigentlich auf dramatische Rollen erpicht war und diesen Streifen, der ihm später eine BAFTA-Nominierung einbringen sollte, eigentlich gar nicht machen wollte. Pendelnd zwischen Suburbia und den Großstadtbüros San Franciscos, träumt er als grundanständiger Familienvater Sam Bissell von einer Karriere in der Werbung, ohne sich dabei moralisch verkaufen zu müssen. Sein Freundschaftsdienst, sich einmal kurz als Janets Ehemann auszugeben, damit diese 15 Millionen Dollar erben kann — ihr kalifornischer Großvater hat in sein Testament eine entsprechende Klausel eingeflochten —, bringt schließlich Turbulenzen in sein durchgeplantes Leben, denn er und Janet müssen die Rollen noch einige Zeit spielen, mehr und mehr Menschen werden in die Farce verstrickt. Seiner zunächst sehr verständnisvollen Frau (die entzückende Dorothy Provine), die dazu noch Janets beste Freundin ist, droht der Geduldsfaden zu reißen, und natürlich taucht auch Janets echter, von ihr allerdings getrennt lebender Gatte (Michael Connors) auf.
     Die Boulevardkomödie, die trotz ihrer Überlänge von über 130 Minuten auch heute noch bestens unterhält, war einer der erfolgreichsten Filme des Kinojahres 1964 und spielte allein in den USA damals fünf Millionen Dollar ein. Oft wurde »Good Neighbor Sam« mit den klassischen Lustspielen von Ernst Lubitsch, Howard Hawks oder Preston Sturges verglichen.
     Regisseur David Swift hatte eine äußerst bemerkenswerte Karriere. Schon als Jugendlicher heuerte er in den Disney Studios an, war Laufbursche, Kantinenkoch, später Trickfilmzeichner und noch später Drehbuchautor. 1960 wollte Walt Disney ihn für »Pollyanna« als Regieassistent engagieren, war aber im Verlaufe der Vorbereitungszeit so angetan von Swifts Ideen und Engagement, dass er ihm die ganze Inszenierung überließ. »Pollyanna« wurde ein riesiger Erfolg. Im Anschluss inszenierte Swift eine ganze Reihe von publikumsorientierten Familienfilmen und Komödien: »The Parent Trap« (1961), »Under the Yum Yum Tree« (1963, ebenfalls mit Jack Lemmon), »How to Succeed in Business Without Really Trying« (1967). Er starb 2001 im Alter von 82 Jahren.

André Schneider

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