16. März 2015

Schon seit geraumer Zeit hält sich mein Mitteilungsbedürfnis im Zaum, ist winterschläfrig oder frühlingsmüde, will nicht so recht in Trab kommen. Nun, es passiert gerade auch nicht viel, von dem ich glaube, dass es wert wäre, niedergeschrieben zu werden. Zuweilen überholt einen die Schnelllebigkeit der Medien beim Schreiben; in den Zeitungen mit den ganzen Edathy-Schlagzeilen wird inzwischen auf den Märkten der Fisch eingewickelt. Arbeite momentan ununterbrochen und spare jeden Cent, damit der neue Film gemacht werden kann. Ich löse teilweise meine CD- und DVD-Sammlungen auf und verscherble jene, die mir nicht ganz so am Herzen kleben, starte Spendenaufrufe und treibe alte Schulden ein. Wenn mir das Geldverdienen ein wenig Raum dafür lässt, arbeite ich am Drehbuch und organisiere den Dreh, der schon Ende April beginnen soll. Ab dem Monatswechsel werde ich mich verstärkt auf meine eigene Rolle vorbereiten müssen — etwas, das mich gleichzeitig freut und ängstigt. Aber darüber möchte ich hier jetzt nicht schreiben.
Das fleischlose Essen tut mir gut, ich fühle mich kräftiger und fideler, doch leider macht das vegetarische Kochen nicht so viel Spaß. Werde mich bald mal nach guten Rezepten umschauen müssen.
Mein Geburtstag war schön, ich wuselte ein wenig in der Wohnung vor mich hin, machte Frühjahrsputz, sortierte Papierkram, kaufte ein, ging mit Chelito spazieren, wuselte weiter. Abends gingen meine Schwester und ich im Edelweiß essen und guckten anschließend Don’t Make Waves. Möchte die Wohnung ein wenig verändern, ein neues Regal im Flur vielleicht, mal sehen. Telefonate mit lieben Freunden — sogar meine 92jährige Omi rief an —, ein langer Chat mit einem Filmemacher in New York, wirklich süße Geschenke und kleine Aufmerksamkeiten die ganze Woche. Ansonsten: Quarkauflauf und Tee mit Angelika Carmen Hassani und Gunnar Solka am Mittwoch, Abendessen mit Sebastian D. am Freitag, gestern ein Leseabend allein.

Kinotipps? »Fifty Shades of Grey« (Regie: Sam Taylor-Johnson) war schlecht, aber leider nicht schlecht genug. Formal gesehen war es sogar ein recht guter Film. Dakota Johnson hat alle Qualitäten ihrer Mutter — und noch mehr. Diese Mischung aus Naivität, Verletzlichkeit und Erotik erinnert an die Monroe. Darüber hinaus ist der Film bravourös geschnitten und mit Liebe zum Detail ausgestattet. Das Problem liegt in der Story selber, und die hat Seifenopern-Niveau. Es war ein bisschen, als hätte man eine überlange »Verbotene Liebe«-Folge mit einem Multimillionen-Dollar-Budget inszeniert und hier und da ein bisschen Brust und Popo hinzuaddiert. Kann man gucken und vergessen.
»Kingsman« (Regie: Matthew Vaughn) war dagegen schon ein kleines Meisterwerk, vermutlich der beste Bond-Film ohne Bond, den ich jemals gesehen habe: elegant, sexy, humorvoll, actiongeladen, spannend und sehr intelligent geschrieben. Das Ensemble — von Colin Firth über Samuel L. Jackson, Mark Strong, Jack Davenport, Mark Hamill, Sofia Boutella, Michael Caine, Sophie Cookson bis hin zum heißen Newcomer Taron Egerton als Eggsy — war einfach umwerfend! Man kann, anders als bei den »Fifty Shades«, die Fortsetzung kaum erwarten.

Jean Seberg

Jean Seberg

Anfang des Monats überkam mich die Lust, nach langer Zeit mal wieder »À bout de souffle« (Regie: Jean-Luc Godard) einzuwerfen. Dabei mag ich den Film gar nicht sonderlich und hatte sogar schon erwogen, ihn auszusortieren. Doch dann fiel mir nach wenigen Minuten des Sehens der Grund auf, weshalb ich den Film überhaupt besitze: Jean Seberg. Die Szene, in der sie — burschikos, elegant, zeitlos schön — über die Champs flaniert und Zeitungen verkauft. Dieses Gesicht, verspielt und tragisch zugleich, reflektierte geradezu das Sonnenlicht. Ein Kameramann sagte einmal über sie: »She had this rare gift: She was photogenic. She could be filmed marvelously even when the lighting was bad. The light always lay beautifully on her face.«
Seberg kam aus einer Kleinstadt in Iowa und war noch nicht ganz 18, als Otto Preminger sie aus über 18.000 Bewerberinnen für eine Shaw-Verfilmung auswählte. Der Presserummel war enorm, der Flop kolossal, die Verrisse waren für das Mädchen ein Schock. Um der Presse zu demonstrieren, dass sein Gespür ihn nicht getrogen hatte, besetzte Preminger seine Entdeckung ein Jahr später noch in »Bonjour Tristesse« (basierend auf dem Sagan-Bestseller). Aufgrund der Skandalaspekte lief dieser Film etwas besser als Sebergs Erstling, die amerikanischen Medien jedoch blieben ihr gegenüber verächtlich und hämisch. Nach einer niedlichen Komödie mit Peter Sellers in England wurde sie mit dem Godard-Film zu einer Ikone der nouvelle vague; Truffaut bezeichnete sie sogar als die beste Schauspielerin Europas. Fortan pendelte sie zwischen Paris und Hollywood, wobei sie nur selten gute Parts ergatterte. 1964 erhielt sie für ihre Leistung in »Lilith« (Regie: Robert Rossen) eine Golden Globe-Nominierung, und 1970 war sie in »Airport« (Regie: George Seaton) mit von der Partie. In Frankreich filmte sie ab 1966 zweimal mit Chabrol, und zweimal wurde sie von ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Romain Gary, in Szene gesetzt.
Obwohl Paris inzwischen ihr Lebensmittelpunkt war, verfolgte Seberg stets mit Besorgnis die politischen Entwicklungen in ihrer Heimat und begann recht früh, Bürgerrechtsorganisationen wie beispielsweise die Black Panthers finanziell zu unterstützen. Daraufhin wurde sie vom FBI als Staatsfeindin eingestuft. Ab 1968 stand Seberg unter ständiger Beobachtung, ihr Telefon wurde angezapft, sie sah sich zunehmend verfolgt. Schließlich lancierte das FBI eine Verleumdungskampagne, um gezielt die Existenz der jungen Schauspielerin zu zerstören: Als sie 1970 ein Baby erwartete, druckten zahllose US-amerikanische Gazetten, das Kind sei das Resultat einer außerehelichen Affäre mit einem Schwarzen. Ihre angeschlagene Ehe hielt dem Druck nicht stand, Romain Gary reichte die Scheidung ein. Der Stress führte zu einer Frühgeburt, und Sebergs kleine Tochter starb zwei Tage nach der Niederkunft. Die Schauspielerin ließ das Mädchen in einem gläsernen Sarg begraben, damit die anwesenden Fotografen sehen konnten, dass es keineswegs schwarz war.
Den Tod ihres Kindes konnte Seberg nicht verkraften; angeblich soll sie in der Folge jedes Jahr an seinem Todestag einen Selbstmordversuch unternommen haben. Es war nicht schwer, ihre Ermordung 1979 als Suizid zu tarnen — wennschon es so viele Ungereimtheiten gab, dass die französische Justiz im Juni 1980 eine Strafanzeige »gegen Unbekannt« erließ. Ihr Fall ist bis heute ungeklärt. Jean Seberg wurde 40 Jahre alt. — Im Dezember 1980, gut 15 Monate nach ihrem Tod, erschoss sich ihr Ex-Mann Romain Gary. In seinem Abschiedsbrief hieß es: »Für die Presse. Kein Zusammenhang mit Jean Seberg. Wer gebrochene Herzen liebt, möge sich woanders hinwenden.«
Das Niederschmetternde an dieser Tragödie: Der Sohn der beiden, Alexandre Diego Gary, war beim Tod seiner Eltern 16 beziehungsweise 17 Jahre alt. Sein Buch, »S. ou l’espérance de vie«, habe ich mir vorgestern bestellt. »Ich glaube, ich hatte die schönste Mama der Welt«, schreibt er. Was mich wieder zurück zum Godard-Film bringt — und zu meinem eigenen Film, den wir dieses Jahr drehen werden, und in dem es um die Beziehung Mutter-Sohn gehen wird.

Heute Abend kommt mein Hauptdarsteller zum Abendessen; es gibt einen kleinen Salat und Gnocchi in Salbeibutter mit Pecorinospänen. Auf bald!

André

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9 thoughts on “16. März 2015

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