30. Mai 2018

Einen schönen guten Morgen, Ihr geschätzten Leserinnen und Leser,
es ist wieder soweit, die Blog-Sommerpause steht vor der Tür, und ich werde mich aller Wahrscheinlichkeit erst im September wieder zu Wort melden. Zwischen meiner Arbeit, der Schule und den damit verbundenen Hausaufgaben und Klausuren habe ich augenblicklich nur wenig Zeit, und diese widme ich hauptsächlich dem alten Chelito und meiner Gesundheit. Nach vier Monaten Gesprächstherapie fahre ich nun zweimal wöchentlich nach Charlottenburg zum »Seelen-Peeling« (Psychoanalyse). Frau A. und ich bauen eine intensive Beziehung auf, ich spüre, wie sich Blockaden lösen und freue mich bei aller Anstrengung auf jeden Termin. Es war längst überfällig, die Krisen von 2010 und 2017 wären gar nicht nötig gewesen. Zumindest nicht in diesen Ausmaßen. Aber gut — wichtig ist, dass ich mich jetzt darum kümmere und dem Feind ins Auge schaue.

Ian arbeitet rund um die Uhr, um seinen Film — den ersten seit Sur les traces de ma mère — auf die Beine zu stellen. Ich halte mich zurück und mische mich nicht ein. Er soll den Weg vom ersten bis zum letzten Schritt alleine gehen, das Glücksgefühl und den Stolz genießen, der sich einstellt, wenn man einen Film zur Welt bringt. Die Finanzierung steht, das Gros der Rollen ist besetzt, aber der organisatorische Kram ist eben kein Pappenstiel. — Sowohl Alexandre als auch Antony planen neue Filme, Stéphane und Leroi wollen auch mit mir spielen, und ich weiß gerade nicht, ob und wann und wie und überhaupt. (Dank Stéphane habe ich meinen Sommer-Hit 2018 gefunden: »Speed« von Zazie: »Réveille-toi, fais pas le mort / L’univers ne s’arrête pas / Parce qu’on n’a plus voulu de toi / Allez hop ! / Tu es libre alors / Oui, libre encore…«) Ich habe Les Fantômes bislang bei 17 Festivals eingereicht; es wird nicht leicht sein, ihn zu platzieren.
Ab Juni werde ich wieder regelmäßig zum Sportstudio am Südkreuz radeln, im Juli dann auch wieder schwimmen gehen. Und ich würde mich diesen Sommer gerne mit Dita Parlo beschäftigen und endlich mal »L’Atalante« (Regie: Jean Vigo) und »La grande illusion« (Regie: Jean Renoir) schauen, die ich beide noch nicht kenne. Ja, ich beschäftige mich seit bald 30 Jahren mit Kino und werde nicht müde, Neues zu entdecken. Ein beruhigend-schöner Gedanke. — Ich hatte »Ma femme est une actrice« (Regie: Yvan Attal) in sehr guter Erinnerung gehabt. Ihn nach zehn, zwölf Jahren mal wieder zu sehen, war ernüchternd. Charlotte Gainsbourg war wundervoll, natürlich, und Yvan Attal hatte sie mit viel Liebe in Szene gesetzt, aber abgesehen von zwei, drei komischen Momenten war der Film mau. Ich habe die DVD aussortiert. Es zählt auch der kleinste abgeworfene Ballast. — »Deadpool 2« (Regie: David Leitch) hat einen extrem hohen body count, ist aber witzig und flott. Außerdem ist Zazie Beetz eine wahnsinnig sexy Domino! Den neuen Polanski muss ich noch sehen, ansonsten bin ich gerade einfach zu erschlagen von der Hitze, um mich aktiv am Leben zu beteiligen. Ich denke eigentlich nur noch an die köstliche Zitronenlimonade, die es nur in Frankreich oder Spanien zu geben scheint, aber nicht bei uns, und an die schönen Berliner Badeseen.
Tippi Hedren ist das neue Gesicht von Gucci. Was für eine Nachricht! Der Werbespot für die Gucci Timepieces and Jewelry Campaign ist stimmungs- und stilvoll. Damit ist Hedren nach Vanessa Redgrave die zweite Lady über 80, die für das Label wirbt.
Schließen möchte ich heute mit einem zum Denken anstoßenden Sibylle Berg-Artikel vom März diesen Jahres. Ich wünsche Euch einen wonnigen Sommer und grüße ganz herzlich,

André

Leben im Netz: Das große Nichts
Bericht von Sibylle Berg, Spiegel Online, 24. März 2018.

Das Netz ist toll. Es ist bequem. Bücher, Platten, unsere Daten — nichts gehört mehr uns. Und dem Hirn ging es auch schon mal besser.

Was macht es eigentlich mit dem Gehirn der Menschen, wenn ihr Dasein zunehmend virtuell stattfindet? Was macht es jenseits von philosophischen Aufsätzen, die keiner liest und der Auswertung des Ocean-Persönlichkeitstests? Wie verändert sich das Offlinedasein, wenn die Musik in Clouds und Streamingdiensten stattfindet, die Filme, die Bücher, die Freunde, die Shops, das Sozialleben aus einer Benutzeroberfläche bestehen, die vielleicht nicht real ist? Was passiert denn dann in der 1.0-Welt mit der Feuchtausstattung, die man durch den Winter tragen muss, in einer Menschengeschwindigkeit, die so langsam ist?

Im Netz ist das Leben schnell. Irgendein Spacken kommentiert irgendwas — Trumps Haare, was irgendein Star, der auch nur online existiert, sagt oder tut. Irgendein gefälschtes Video von irgendwas geht viral. Und — die Medien greifen es auf. Im Fernsehen, das man online sieht, in den Onlinezeitungen werden Twitter- und Facebookmeldungen und -filme von irgendwelchen Honks oder Bots zitiert. Irgendjemand hat etwas gepostet. Na super.

Vollkommen logisch, dass die Menschen Politik langweilig finden und lieber für abgehalfterte Reality Stars oder schlechte Komiker stimmen. Falls sie abstimmen. Denn in Ländern, wo das online passiert, sind es vielleicht Bots, die voten oder Malware aus China. Egal.

Es ist alles egal geworden, weil es immer weniger gibt, das real stattfindet, das ein anderes Gefühl herstellt, außer Gereiztheit. Die Menschen scheinen einen Hass auf ihr Dasein zu entwickeln, wenn es außerhalb des Netzes stattfindet. Demonstrationen zum Beispiel, oder in eine Partei einzutreten, Mahnwachen, Widerstand, all das Zeug ist unattraktiv, mühsam, außerhalb macht man nur noch Aktionen, wenn sie Gewalt und Hass beinhalten, damit sie im Ansatz ein Onlinegefühl erzeugen, oder man bleibt im Netz. Da kann man doch so großartig politisch arbeiten. In Troll-Fabriken aktiv werden, Videos oder Stimmen faken.

Was macht es mit dem Menschen, wenn das Gehirn fragmentiert ist, die Aufmerksamkeitsspanne nanosekundenlang, die Fähigkeit zum kreativen Denken zerstört? Was machen 2,5 Milliarden Dosen Ritalin mit dem Hirn, mit dem Gefühl — außer dass sie Depressionen fördern und auch hier wieder die Kreativität killen, weiß man noch nicht mehr. Außer dass die sechs Firmen, die das Medikament herstellen, ausgezeichnet verdient haben. Apropos. Seit jeder sich in irgendeiner Form äußert, Teil der Öffentlichkeit ist, Freunde findet, die vielleicht Bots sind, ist das Gefühl des Einzelnen, wichtig zu sein, in seltsame Größenordnungen gestiegen.

Jeder hat das Gefühl, die Welt kreise um ihn, seine Meinung ist wichtig, seine Bewertung kann Restaurants ruinieren, sein Kommentar demütigt Politiker, seine Krankheit — die einmaligste, er hat das nachgesehen, der Mensch, er kann alles, der Mensch, er hat Tutorials gesehen, Klimawechsel — schon begriffen. Cern — alles klar, Magenoperationen. Kann er selber. Komm mal her, Gertrud. Gertrud ist jetzt tot. Aber online lebt sie weiter.

Second Life war der Probelauf. Jetzt sind wir alle im Second Life, hurra. Milliarden halten sich in einer neuen Welt auf, deren Grundfunktionen sie noch weniger durchschauen als die der sogenannten Realwelt aus Lava und Atmosphäre, sie wissen schon, das Ding da draußen. Milliarden haben keine Ahnung, wie ein Rechner funktioniert, Algorithmen, wie man manipulieren kann, was manipuliert wird, sie starren auf Pixel und vertrauen. Was ja eigentlich rührend ist. Der Einzelne hat die Relation seiner Bedeutung komplett verloren, verloren das Gefühl, ein Wurm unter Milliarden zu sein.

Das macht so wütend, so wütend, dass man im Netz das Gefühl hat, alles hinge von der eigenen bescheuerten Meinung ab. Und draußen, wenn man dann rumläuft, in Zeitlupe, mit seinem frierenden Körper, da bekommt man keinen Respekt für sein wichtiges Sein. Was macht es mit dem Menschen, wenn nichts mehr anfassbar ist, alles vielleicht Fake, wird der Mensch dann selber zum Fake, der sich nur in die Realität zurückbefördern kann, in dem er sich Chips in den Cortex schießt?

Es ist doch großartig für die Demokratie, dass jeder sich jetzt Gehör verschaffen kann. Ja nun — konnte der einzelne in demokratischen Systemen auch früher. Es stand jedem frei, Leserbriefe zu schreiben, Parteiarbeit zu machen, eine Zeitung zu gründen oder Wissenschaftlerin zu werden. Es war nur einfach – anstrengender und langsamer. Und das mag keiner mehr, in der Zeit, in der jedes Bedürfnis in Sekunden erfüllt, jeder Scheiß in Sekunden rausgebrüllt werden muss.

Das Denken verkümmert, weil es zu anstrengend ist. Das Mitgefühl verdorrt, weil Erregung im Netz in Sekundenbruchteilen stattfindet. Die Frustration wächst, weil das 1.0-Leben so langsam und langweilig ist, und dann wählt man eben irgendeinen Stuss, der das Erregungslevel am Leben erhält, weil es bekannt ist und klingt wie Gepöbel im Netz, darum wählt man 5 Stelle, wegen Online-Partei, dann wartet man darauf, dass man endlich für sein Dasein gewürdigt wird.

Das fucking Netz, einmal für Armee und Wissenschaft gegründet, ist zur Leni Riefenstahl der Welt geworden. Ein Ort der Verblödung, Verhetzung, der Manipulation und der Frustration. Was dagegen hilft sind nur Aktionen im 1.0-Dasein. Angebote, die zu Bewegungen werden können, als Gegengewicht zu aus dem Netz in die Straßen verlagertem Hass. Sage ich. Ihnen online. Schreibe ich als Technikfan, als Bot, der ich bin. Abschalten, und wieder leben. Die Langsamkeit wieder lernen. Das wäre mal die erste Idee.

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January 31, 2018

»With a dream in your heart you’re never alone.« (Hal David)

Deed Poll

It certainly wasn’t much of a career. But I am not complaining. I have always been much more independent than ambitious. To me, being ambitious implies wanting something so badly that you’ll compromise yourself here and there to get it. I don’t have that in me. I never have and I never will. For all my ambitions, I think my peace of heart was more important to me than being in the spotlight. Thanks to my work, I got to travel a lot, for which I’m deeply grateful. I spent some merry times in London, Dublin, Madrid, Paris, and Scotland, meeting (and often working with) remarkable people. I’ve had the most fun working on Le deuxième commencement and Bd. Voltaire (which, alas, doesn’t mean they are the best films). I think I gave quite a convincing performance as Anam Wagner in Sur les traces de ma mère; unfortunately, the movie itself was a mess and is practically unwatchable due to technical shortcomings. My best movies were Deed Poll and One Deep Breath. (Released in 2004 and 2014, so I suffered through many not-so-good pictures in between.) Ingo J. Biermann and Antony Hickling were both, each in their own personal way, intense and demanding directors, and it’s been an honour working with them. I also cherished working with Alexandre Vallès on Symptômes, my most ambitious project, in late 2017. Post-production won’t finish until mid-2018, so I don’t know how it’s going to turn out yet.

I am a few weeks shy of my 40th birthday now. It honestly doesn’t bother me. Bebe Neuwirth once said, »If you have to ask how to be sexy after 40, you probably can’t do it.« No worries about that. There are some spectacular aspects of becoming 40. But it is also a time to reflect and reminiscent. That’s basically what I’d been doing in 2017. It was a tough year, but it led me to a serene and sensible conclusion: I’ll be going back to school and change gears one more time, so Symptômes will be my last movie — at least for a while.

I don’t want to bitch or complain about how the business has changed in recent years. Let’s just say the wind has gotten rougher over time. The distributors and festival executives don’t treat you as fairly as they used to. There is a lack of basic respect, at least on the LGBTQ movie market. Yet, they (distributors, festivals, etc.) make good money out of you. I am not bitter about this; it’s simply the way it is. — The magnificent Spanish artist / filmmaker Noel Alejandro recently wrote the following article regarding the treatment of filmmakers:

»It took me so long to finally speak about this that I’ll cut the rambling and go straight to the point: From now on, I’ll think twice before participating or giving my films to film festivals that don’t pay directors and filmmakers. And the same goes for screenings and other conferences in general.
Maybe you don’t know this, but the majority of the film festivals and screenings out there don’t pay the people actually making the content they offer on their program. They don’t pay for your talk, or your lecture, or the movie that is the headline of the program — and that will be screened to 500 people at 10pm on a Saturday — and that, in a wonderful combination of luck and opportunity, was made by YOU.
They would pay for the venue, the catering, the promotion and everything else, but hardly offer anything to the film directors. And when they do, it’s often ›visibility‹ or ›exposure‹.
Of course exposure is important — it’s probably one of the most important things for an independent artist or filmmaker. It’s also the one thing that will happen for sure on a screening festival, since it’s all about showing stuff. However, exposure won’t pay my bills, or my actors caches, or the Alexa’s rental fee. It’s also a bit contradictory since normally these film festivals brag about their quality curatorship: if they know me enough to respect me and invite me to be featured, then this means that I already have some relevant exposure. The only reason why my name is there is because I do my work well enough to be selected in the first place. In order words, I am there because I deserved to be there.
At the same time, festivals charge for tickets. If people want to go, they actually need to pay for it. But are they paying to sit in that chair or simply enter that event? Nope. They pay because they want to hear what the speakers are saying, or watch the films that we made. They pay for the content — and content makers are the only ones leaving the room with 0 money.
Them and the people volunteering in the backstage, who also don’t get paid for their work and make sure to tell everyone else as a paradoxical passive justification. ›I’m sorry we can’t pay you. We don’t get paid as well‹. I’m sorry to say, but every time someone is putting working for free, someone else is making doubling their profit.
I hope that by now you’re not seeing me as a skinflint. My intentions aren’t to make money out of festivals — I know how cultural organizations struggle to remain on their feet and how unfair that world can be, too. But that’s not what this is about. The last pay I got from a Festival was as low as 50 euros, and it included the screening of the director’s cut of ›Call Me a Ghost‹. And I was very happy about it. Is that gonna bring me closer to a wealthy retirement? No. But it’s something. It’s a symbolic — and still, monetary — gratification for using my work on their project.
I don’t believe there is such thing as a ›no payment policy‹. There’s just a weird modus operandi in this world, on which organizers would try to get people saying yes for as little as possible, so that they can profit on their talent.
It also doesn’t always have to be money. Festivals are wonderful because you get face to face with your audience and see their reactions to your films in real time. Plus, they are the perfect excuse for taking a trip to a city you never thought of going (I like big trips and I cannot lie). If organizers don’t have the budget but are willing to help me get there, sleep there, or eat there, I am up for it, too!
Again, is not about pettiness, it’s about being fair and valuing my own work. I know, this can backfire at me and I can grow up to find that all other directors are accepting lame offers just for the fate of being there, and I’m suddenly out of the equation.
I can only hope not, and continue raising a flag for all independent artists and filmmakers who struggle to make a living outside the mainstream industry to take a look at their work and put a price for their presence. Because even if they don’t, the organizers will — only that in that case we don’t see not even a penny.«

Noel’s brilliant text speaks entirely for itself and doesn’t need any addition from me. That being said, I am not closing any doors. I will always express myself artistically. Eventually, I will be doing another movie. But for now, I am taking this hiatus to figure out the new path(s) I want to take.

I’ve been listening to a lot of rather sweet and soft music lately, mostly Burt Bacharach’s classics from the 1970s. I also discovered the loveliness of Piero Piccioni’s jazzy movie soundtracks: »La volpe dalla coda di velluto«, »Senza via d’uscita«, Marta. He often collaborated with a magnificent singer named Edda Dell’Orso. I am so in love with this kind of music right now, it calms me down and lifts me up at the same time. Just what I need. Do you know Traincha? She’s a Dutch singer who has released several Bacharach albums. They are incredible! The best interpretations of his songs since the great Dionne Warwick recordings (in my humble opinion). — I am looking forward to watching plenty of good movies in 2018. The first one I saw was »L’amant double« by François Ozon. Jérémie Renier gave an enormously skilled performance.
Apart from listening to music and watching movies, I’ve been reading a lot again lately, mostly Camille Paglia and Brendan O’Neill. But I don’t want to bore you with details about my (currently) pretty ordinary and (almost) lame life. For now, I just want to wish you a lovely and peaceful 2018. Lots of friendly affection,

André

Some more diary entries in English:
June 1, 2017
January 9, 2017
December 31, 2016
November 2, 2016
June 13, 2016
April 26, 2016
March 10, 2015
March 2, 2015
April 7, 2014
April 5, 2014
March 31, 2014
February 14, 2014
June 10, 2013
January 28, 2013
December 6, 2012
May 18, 2012
May 6, 2012
January 18, 2012
October 20, 2011
May 11, 2011
March 18, 2011
March 17, 2011
June 15, 2010
April 10, 2010
May 18, 2008
April 26, 2008
November 25, 2006

16. Dezember 2017

Blick aus dem Wohnzimmer.

Ich hatte vorige Woche schon ein wenig mehr über die Zeit in Frankreich schreiben wollen, aber der (immer noch nicht beigelegte) Ärger mit YouTube hatte mich völlig aus dem Konzept gebracht. Heute, gut zehn Tage später, habe ich das Gefühl, gar nicht mehr viel zu erzählen zu haben.

Das ist Nuit. (Baby’s got blue eyes!)

Alexandre hatte mich bei Walter Billoni, dem Jérémy aus Bd. Voltaire, untergebracht. Seine Wohnung liegt über einer Grundschule in der Rue de Moussy, also direkt im Marais. Der Wecker holte mich jeden Morgen um kurz nach sechs aus dem Bett, dann schlich ich mich leise ins Bad und anschließend aus der Wohnung, um dann mit den Métro-Linien 1 und 6 zur Station Boissière zu fahren, in deren Nähe Jean-Pierre wohnte, in dessen Wohnung wir filmten. Abends war ich selten vor 20 Uhr zu Hause. Oft lief ich nach Drehschluss den Weg nach Hause: am Triumphbogen rechts, dann die ganzen Champs-Élysées hinunter bis zum Place de la Concorde, vorbei am Jardin des Tuileries, dem Louvre, dem Hôtel de Ville. Dann aß ich rasch eine Kleinigkeit und spielte kurz mit Walters Katze. Sie hieß Nuit, war erst vier Monate alt und dementsprechend neugierig und verspielt. Sie begrüßte mich jeden Morgen, wenn ich aufgestanden war, und jeden Abend, wenn ich die Wohnung betrat. — Da wir auch sonntags drehten, kam ich diesmal nicht zur Mad Hatter’s Tea Party. Überhaupt war ich diesmal reichlich isoliert, sah niemanden und unternahm wenig. In Saint-Lazare kaufte ich mir die neue CD von Léonard, »Avant la première fois«. Die Texte stammen von Elisa Point. Vielleicht sein bestes Album bis jetzt. »Le seul invité« und »Personne n’est à personne« könnte ich stundenlang hören. Fnac hatte drei meiner Filme gleichzeitig im Sortiment: Bd. Voltaire, Sur les traces de ma mère und nach wie vor Nos jours légers, was mich tatsächlich ein wenig erstaunte.
Am vorletzten Abend traf ich mich kurz mit Xavier auf eine heiße Schokolade, aber ich war kaum gesprächsfähig. Während der Dreharbeiten hatte ich kaum geschlafen, nur wenig gegessen, hatte viel weinen, schreien, rennen müssen, war permanent angespannt. Ich hatte mir den Handrücken blutig gebissen, mich an Glasscherben geschnitten und mir mit einem langen Messer übers Augenlid gestrichen. Ich wurde geohrfeigt — diese Einstellung wurde 14 Mal wiederholt —, gejagt und bedroht. Meine Angst war nicht immer gespielt. Als Xavier mich sah, war ich praktisch völlig hinüber. Am letzten Abend, als alles vorbei war, ging ich mit Stéphane Leblanc und seinem wunderbaren Ehemann Leroi asiatisch essen. Ich stürzte mich förmlich auf diese Begegnung, so ausgehungert war ich nach einem guten Gespräch und etwas Menschlichkeit. Es war ein herrlicher Abend und ein krönender Abschluss meiner Paris-Zeit. Als wir noch auf einen Drink das Lokal wechselten, wurde ich vehement von einem jungen Mann angeflirtet, der einen bemerkenswert schönen schwarzen Bart trug und sich nur schwer abwimmeln ließ. (Glaubt mir, wenn man sich vor allem dick, alt und uninteressant fühlt, balsamiert so etwas schon ein wenig die Seele.) Die Wellenlänge, die Stéphane, Leroi und mich verbindet, ist von einer beinahe schicksalhaften Art; wir haben einstimmig beschlossen, diese Freundschaft zu intensivieren und einander bereits nach Paris bzw. Berlin eingeladen. — Bevor am nächsten Tag mein Zug Richtung Deutschland abfuhr, frühstückte ich noch mit Martin Freudenstein im Marais, nachdem mich die kleine Nuit zuvor auf dem Sofa noch in Grund und Boden geschmust hatte. Wie wohltuend es doch ist, dieses Schnurren einer kleinen Katze! Mir war gar nicht bewusst gewesen, wie sehr mit eine Katze im Hause fehlt. Mit Martin blieben mir nur knapp drei Stunden, bevor er mich lieberweise noch zum Bahnhof brachte. Sieben Jahre kennen wir uns mittlerweile, und es ist immer eine Wohltat, ihn zu sehen. Ohne ihn wären viele meiner Paris-Trips gar nicht möglich gewesen.
Oha! Dafür, dass ich nicht viel zu erzählen hatte, wurden es dann doch ein paar Zeilen. Nicht übel hätte ich Lust, über die Personalwechsel sowohl bei unserem französischen Verleih als auch bei Chéries-Chéris zu schreiben. Beides liegt nun fest in den Händen ein- und derselben Person, und das ist eine Katastrophe. Um Optimale mache ich mir keine allzu großen Sorgen. Das Sortiment ist gut und vielfältig und wird weiterhin seine Kunden finden. Aber Chéries-Chéris hat unter der neuen Führung bereits jetzt schon einiges an Zuspruch und Prestige eingebüßt, und es wird in den kommenden Jahren nicht besser werden. Noel Alejandro schrieb unlängst einen sehr guten Aufsatz darüber, wie man als Filmschaffender von den Veranstaltern zum Teil behandelt wird; ich werde den Artikel beizeiten mal hier teilen.

Das Albanese-Konzert im Mai 2017.

Nun bin ich schon beinahe zwei Wochen wieder hier. Weihnachtlich ist noch gar nichts. Dafür viele Termine: Bürgeramt, Agentur für Arbeit, Zahnarzt, Vorstellungsgespräch. Immerhin war »Madame« (Regie: Amanda Sthers) der perfekte Film für die Vorweihnachtszeit. Eine Variation des Aschenputtel-Themas. Toni Collette war als versnobte Kuh so eine Art böse Stiefmutter, Rossy de Palma als geplagtes Dienstmädchen das hässliche Entlein, welches durch die Liebe zum schönen Schwan mutiert. Malerische Paris-Aufnahmen und zuckerwattig-leichte Musik rundeten die Sache ab. Man merkte, dass »Madame« eine Herzensangelegenheit von Rossy de Palma war. Und sie hat wirklich bezaubernde Momente, rührend und komisch zugleich. Es war wunderbar, sie einmal in einer großen, den Film tragenden Rolle zu sehen. — Mir graut vor den Feiertagen. Weihnachten 2016 war ein solcher Reinfall gewesen, dass es mir das Fest vermutlich auf alle Zeiten verleidet hat. Das Wort allein löst schon eine leichte Übelkeit aus. Doch abgesehen davon ist, glaube ich, alles in Ordnung. Soweit es denn in Ordnung sein kann. Mein neuer Sachbearbeiter bei der Agentur für Arbeit ist all das, was seine Vorgängerin nicht war: herzlich, interessiert, kompetent. Der Termin bei ihm war gut und hat mir einigen Ballast von den Schultern genommen. Meine Bewerbungen laufen, und obwohl ich einige Absagen bekam, so sind doch die Aussichten, dass ich 2018 wieder in Lohn und Brot sein werde, ziemlich rosig. Im Februar wird das neue Album von Federico Albanese erscheinen. Es heißt »By the Deep Sea« und setzt musikalisch dort an, wo er bei »The Blue Hour« aufgehört hatte. Das Berlin-Konzert ist leider erst im April. Ende Dezember schaue ich mir in der Volksbühne noch einen Poetryslam an, Anfang Januar geht es erneut in die Neuköllner Oper, um noch einmal »Kopfkino« zu erleben. Die Kultur zieht mich also ab und an doch (noch / wieder) vor die Tür. Vielleicht ein Zeichen, dass es auch in Sachen Depression einen leichten Aufwärtstrend zu vermerken gibt? Abwarten. Jedenfalls freue (!) ich mich über die kleinen Schritte. Wie schrieb noch Frau Regenbrecht, meine Klassenlehrerin in der Grundschule, einst in mein Poesiealbum? »Kleine Taten, die man ausführt, sind besser als große, die man plant.«
Ein schönes Wochenende Euch allen,

André