2. Februar 2019

Zwei Monate und ein paar Tage sind seit meiner breit angekündigten Blog-Pause vergangen, und schon muss ich sie unterbrechen — allerdings aus einem guten Grund, denn am 24. Februar wird Les Fantômes im Babylon laufen. (Den genauen Termin findet Ihr hier.) Alexandre Vallès, Jean-Pierre Stora und Walter Billoni werden auch anwesend sein. Zufällig hätte Marisa Mell an diesem Tag ihren 80. Geburtstag gefeiert. Fünf Jahre ist es jetzt her, dass ich in Graz aus der Feuerblume vorgelesen habe. Sie ist komischerweise immer noch seltsam präsent und ist auch immer mal wieder Thema in meinen Sitzungen mit Frau A. — Wie dem auch sei, ich möchte Euch hiermit herzlich zur Vorführung von Les Fantômes einladen. Es wird vermutlich die einzige im deutschsprachigen Raum bleiben.

Wenn ich schon hier bin…
Am 23. Dezember starb wieder ein Onkel. Wieder Krebs. Gehirntumor. Zwei Jahre Kampf, vier OPs, Metastasen, auf-zu. Während der Fahrt nach Bockhorn, ich am Steuer, redete mein Papa. Ungewohnt für mich, weil er dies sonst nicht tut. Aber diesmal sprach er: von seinem Vater, der so früh und tragisch verunglückte, von der Ausbildung damals, von den herablassenden Sprüchen der Gymnasiasten und den ersten Jahren mit meiner Mutter in Hannover. Sie hatten sich noch keine Waschmaschine leisten können, 1970/71, und fuhren einmal im Monat mit der Schmutzwäsche nach Friesland, um bei meinen Großeltern zu waschen. Nur die Unterwäsche kochte meine Mutter daheim im Topf aus. »Hat Opa eigentlich gesächselt?«, fragte ich. Er verneinte. — Ich habe es immer geliebt, wenn meine Eltern von früher erzählt haben. Mama auf dem Bauernhof. Sie teilte sich das winzige Zimmer, die spätere Nähstube meiner Oma Agnes, mit zwei Schwestern und versteckte die neugeborenen Katzenbabys auf dem Heuboden vor ihrem Großvater, damit er sie nicht ertränkte. Früher, wenn sie mich in den Kindergarten fuhr und wir den leuchtend roten Morgenhimmel sahen, zitierte sie das plattdeutsche Weihnachtsgedicht: »Kiek ins, wat is de Himmel so rot. / Dat sünd de Engels, de backt dat Brot. / De backt den Wiehnachtsmann sin Stuten, / för all de lütten Leckersnuten.« (Mittlerweile weiß ich, dass das Gedicht eigentlich drei Strophen hat, aber ich kann nur die erste auswendig.)
Nach dem Weihnachtsessen mit der Familie gingen Tante Helga, Mama und ich zum Friedhof. Onkel Gerd und Onkel Thomas haben beide die 70 nicht erreicht. Oma und ihre Schwestern ruhen nur ein paar Steinwürfe auseinander. Ute, Mamas kleine Schwester, die mit 40 starb, liegt zwei Gräber von ihren Eltern entfernt. Ich erinnere mich an eine lange Autofahrt mit ihr, als ich 16 war. Sie wohnte damals schon in Frankfurt und hatte sich bereiterklärt, mich zur Buchmesse mitzunehmen. Wir fuhren von Bockhorn aus. »Manchmal möchte ich meine Mutter nehmen und so lange schütteln, bis es oben wieder einrastet«, sagte sie, und wir mussten beide lachen. — Erinnerungsblitze an meinen Opi, den ich so abgöttisch geliebt habe und heute noch vermisse, und an Oma Agnes’ mauliges Gesicht. Oma Hanna, die Mutter meines Vaters, lebt noch. Sie wird im August 97 und braucht jetzt doch ein Gebiss. (Es ist nicht lange her, dass ihr nach einer Augen-Operation die Krankenschwester — die nicht wissen konnte, dass sie noch all ihre Zähne hatte — in den Mund griff, um ihr das Gebiss herauszunehmen, und meine Oma erschrocken schrie: »Wat maakt Ji?! Dat sünd mien!«)
Am Mittwoch haben meine Eltern ihren 49. Hochzeitstag, 2020 wird dann groß gefeiert.

Félix Maritaud in “Jonas”.

Die Vorweihnachtszeit war alles andere als besinnlich, und die Festtage selbst waren destillierter Stress, aber dafür ging’s zwischen den Jahren betulich zu. Ich habe Papierkram erledigt und die Bude auf Vordermann gebracht, die Regale entstaubt und alle Ecken geschrubbt, damit ich beruhigt die Jahre wechseln lassen konnte.
Einer der letzten Filme, die ich im alten Jahr sah — mehrfach! —, war »Jonas« (Regie: Christophe Charrier), eine TV-Produktion für Arte. Gut zwei Monate später bin ich immer noch sprachlos. Der Film erzählt folgende Geschichte: Jonas (Félix Maritaud) ist Anfang 30 und treibt eher schlecht als recht durchs Leben. Er wird, nachdem er wiederholt in einem Schwulenclub randaliert hat, von der Polizei aufgegriffen, jobbt in einem Krankenhaus in Toulon und wird aufgrund zahlreicher Fremdvögeleien von seinem Freund vor die Tür gesetzt. In Rückblenden wird erzählt, wie Jonas zu dem wurde, der er heute ist. Ein Schlüsselmoment war die erste große Liebe: mit Nathan (Tommy Lee Baïk) verband den einst 15jährigen (hier gespielt von Nicolas Bauwens) ein besonders starkes Band, sie trotzten den Anfeindungen der Klassenkameraden, spielten GameBoy und knutschten im Kino bei Filmen von Gregg Araki. Doch eines Abends stiegen sie zu einem Fremden ins Auto… Jonas gelang die Flucht, Nathan wurde nie wieder gesehen. Seine Ungewissheit und die Schuldgefühle kulminieren in einer Reihe von Verzweiflungstaten. — Ich werde den Film bei Gelegenheit noch einmal ausführlicher behandeln. Er ist in seinen Vor- und Rückblenden, welche in einer Art Spirale zusammengeführt werden, geschickt konstruiert und psychologisch einwandfrei recherchiert und gespielt. Aure Atika, die hier die Mutter von Nathan spielt, versetzt einem mit ihrem Spiel tiefe Schnitte ins Herz. Ein Fernsehfilm, der durch und durch Kinoformat hat und dessen einzige Schwäche in der Besetzung des jungen Jonas liegt, der Félix Maritaud leider so gar nicht ähnelt.
Darüber hinaus sah ich Woman on the Run am Neujahrsmorgen, »Aus dem Nichts« (Regie: Fatih Akin), »Herrliche Zeiten« (Regie: Oskar Roehler), einen unheimlich bewegenden Téchiné-Film mit Sandrine Kiberlain sowie »Maudie« (Regie: Aisling Walsh) mit Sally Hawkins und Ethan Hawke. Eine leise Geschichte, die von ihren Figuren lebt und nicht von irgendwelchen Effekten. Der Film atmete und lebte kraft der schauspielerischen Leistungen. »Ein Schauspieler muss seine Rollen lieben«, lautet ein Sprichwort. Auf Sally Hawkins trifft dies ganz bestimmt zu. Sie haucht ihrer Maudie eben jene Dreidimensionalität ein, zu der Plastik-Stars wie Scarlett Johansson & Co. nie und nimmer in der Lage wären. Mit einer einzigen Geste, einem Blick schafft Hawkins es, sich in unser Herz zu spielen (und es zu brechen, wenn Maudie mehr und mehr erkrankt). Das ist eine Gabe, die nur wenige haben. Ebenfalls klasse: Ethan Hawke als ungeschliffen-rauher Fischer, der nicht weiß, wie er mit anderen Menschen umgehen soll. Die Liebe der beiden ist eine ohne Worte, ohne Kitsch, ohne Sentimentalität, die so oft mit Romantik verwechselt wird, und ohne sexuelle Leidenschaft — und doch geht sie tiefer als das, was uns sonst in Filmen als »die Liebe« verkauft wird.

Vor ziemlich genau einem Jahr: am 15. Januar 2018.

Die ersten zwei Semester sind überstanden und die Zeugnisse sehr gut. (Dabei ist es so, dass ich, obwohl ich das Lernen liebe, ungern die Schulbank drücke. Aber es ist doch ein Unterschied, ob ich das lerne, wofür ich mich entschieden habe — oder eben nicht. An der Uni und später an der Schauspielschule war ich letztendlich auch ein guter Schüler.) Vielleicht hat mich zum ersten Mal seit zehn Jahren so etwas wie Ehrgeiz gepackt. Ich möchte meine Kolleginnen, denen ich mich sehr verbunden fühle, nicht enttäuschen, ein phantastischer Erzieher werden und jungen Menschen dabei helfen, einen möglichst »einfachen« Start ins (Schul-)Leben zu finden. Das heißt für mich: ihnen Sicherheit, Struktur und — so albern das klingt — gute Manieren mit auf den Weg zu geben. Das Praktikum in der Kreuzberger Kita endete vor ziemlich genau einem Jahr, am Valentinstag 2018 trat ich meine jetzige Stellung an, gehe unverändert gerne zur Arbeit und bin bemüht, mein Bestes zu geben. Wenn ich meiner Mutter am Telefon über meinen Spaß an der Arbeit berichte, antwortet sie mit Sätzen wie »Das hättest du auch früher haben können!« oder »Bereust du nicht die ganzen verschwendeten Jahre?«, auf die ich nicht so reagieren kann, wie ich es gerne würde.
Zum Jahreswechsel schrieb ich Optimale an, um ihnen noch einmal Les Fantômes anzubieten und bat bei der Gelegenheit um eine Abrechnung. Optimale hat insgesamt sechs meiner Filme herausgebracht: Alex und der Löwe, Deed Poll, One Deep Breath, Sur les traces de ma mère, Le deuxième commencement und Bd. Voltaire. Unseren ersten Vertrag haben wir vor neun Jahren geschlossen, und bis zum heutigen Tage habe ich nie auch nur eine Abrechnung erhalten. Ich weiß, dass Nos jours légers, wie Alex und der Löwe in Frankreich betitelt ist, nach wie vor immer wieder nachbestellt wird, dass Bd. Voltaire über zehn Wochen in den Verkaufschats von Optimale unter den Top 10 war und dass Sur les traces de ma mère sich seit nunmehr drei Jahren gut verkauft. Immer, wenn ich in Paris bin, sehe ich mindestens zwei, drei meiner Filme in den Regalen der DVD-Geschäfte. Was soll ich sagen? Auf positiver Seite ist mitzuteilen: immerhin kam eine Antwort! Den Ton und den Inhalt derselben erspare ich Euch — wohl auch, weil ich immer noch fassungs- und sprachlos bin, denn immerhin verdient der Verleih ganz gut an uns. Seit Jahren. Aber seit dem Personalwechsel an Optimales Spitze hat sich dort einiges zum Nachteil verändert. Ich weiß, es sollte vermutlich nicht so sein, aber inzwischen ist mir das Ganze (fast) egal geworden. Also abgesehen davon, dass eine kleine Finanzspritze momentan ganz gut täte — schließlich habe ich hart dafür gearbeitet —, weil mich weiterhin Geldsorgen plagen. Nicht dermaßen, dass ich schlaflose Nächte hätte, aber immerhin. (Randnotiz: meine deutschen und US-amerikanischen Vertragspartner reagieren überhaupt nicht auf E-Mails oder Anrufe.)

Seit einem halben Jahr treffe ich mich immer dienstags zu einem Sprachtandem, um wenigstens ein bisschen das Französische in meinen Alltag zu integrieren. Meist treffen wir uns im Szimpla, dem ungarischen Kaffeehaus am Boxhagener Platz. Abgesehen davon, dass es dort gemütlich und die Küche ausgezeichnet ist, bietet das Szimpla einen hervorragenden Service. (Das benachbarte Macondo hat diesbezüglich stark abgebaut!) Wir fühlen uns da immer wohl, und meist verabrede ich mich jetzt auch mit anderen Freunden oder Freundinnen dort. Am 22. Januar, es war mal wieder Sprachtandem-Tag und ich hatte scheußliche Kopfschmerzen, wurden wir von einem Kellner bedient, den ich vorher noch nie gesehen hatte und bei dessen Anblick es mir schier den Atem verschlug. So einen schönen Mann hatte ich ewig nicht mehr gesehen, jedenfalls nicht aus der Nähe. Er sah ein wenig aus wie Simon Delattre, der Puppenspieler, aber er hatte einen noch viel hübscheren Mund und diese mädchenhaften Wimpern, die jedes Blinzeln zu einem kleinen Flügelschlag machen. Schlanke Finger, warmes Lächeln, klare Stimme. Als ich auf dem Heimweg mit meinem Fahrrad an einer Ampel hielt, schloss ich kurz die Augen und sah seinen Kopf an meiner Schulter, seinen Mund an meinem Hals, seine Hand in meiner Hand. Ausgangspunkt für traurig-schöne Tagträume, über die ich mit Frau A. sprechen konnte. Es sieht mir nicht ähnlich, so zu träumen. In der Vergangenheit habe ich — vielleicht auch aus Angst vor der Demütigung des Abblitzens? — stets einen gesunden Bogen um so ausnehmend schöne Menschen gemacht und hege gewiss nicht die Absicht, dies zu ändern. (Weil ich mich selbst im Grunde für unansehnlich halte?) Und dennoch löste sein Anblick eine Form von Wehmut und Sehnsucht aus, die mir entfernt vertraut schien. Eine verdrängte Vertrautheit, die mich grüßte und auf die ich öffentlich nicht weiter eingehen mag. Es soll reichen zu erwähnen, dass es in mir arbeitet, und das ist ganz sicher auch der Analyse zu verdanken.

Eigentlich hatte ich mich aufs Wochenende gefreut, aber dann erfuhr ich, dass ab morgen der Dreh an Ians Film weitergeht. Diesbezüglich laufe ich auf Autopilot. Ich tue einfach, was die Regie verlangt. Es ist, als würde ich an einem Abschleppseil durch das Projekt gezogen werden. Ich bin eine Marionette.
Euch wünsche ich an diesem Wochenende Entspannung, Spaß und Spiel. Später in diesem Monat folgen noch ein paar Beiträge bezüglich Les Fantômes.

André

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30. Mai 2018

Einen schönen guten Morgen, Ihr geschätzten Leserinnen und Leser,
es ist wieder soweit, die Blog-Sommerpause steht vor der Tür, und ich werde mich aller Wahrscheinlichkeit erst im September wieder zu Wort melden. Zwischen meiner Arbeit, der Schule und den damit verbundenen Hausaufgaben und Klausuren habe ich augenblicklich nur wenig Zeit, und diese widme ich hauptsächlich dem alten Chelito und meiner Gesundheit. Nach vier Monaten Gesprächstherapie fahre ich nun zweimal wöchentlich nach Charlottenburg zum »Seelen-Peeling« (Psychoanalyse). Frau A. und ich bauen eine intensive Beziehung auf, ich spüre, wie sich Blockaden lösen und freue mich bei aller Anstrengung auf jeden Termin. Es war längst überfällig, die Krisen von 2010 und 2017 wären gar nicht nötig gewesen. Zumindest nicht in diesen Ausmaßen. Aber gut — wichtig ist, dass ich mich jetzt darum kümmere und dem Feind ins Auge schaue.

Ian arbeitet rund um die Uhr, um seinen Film — den ersten seit Sur les traces de ma mère — auf die Beine zu stellen. Ich halte mich zurück und mische mich nicht ein. Er soll den Weg vom ersten bis zum letzten Schritt alleine gehen, das Glücksgefühl und den Stolz genießen, der sich einstellt, wenn man einen Film zur Welt bringt. Die Finanzierung steht, das Gros der Rollen ist besetzt, aber der organisatorische Kram ist eben kein Pappenstiel. — Sowohl Alexandre als auch Antony planen neue Filme, Stéphane und Leroi wollen auch mit mir spielen, und ich weiß gerade nicht, ob und wann und wie und überhaupt. (Dank Stéphane habe ich meinen Sommer-Hit 2018 gefunden: »Speed« von Zazie: »Réveille-toi, fais pas le mort / L’univers ne s’arrête pas / Parce qu’on n’a plus voulu de toi / Allez hop ! / Tu es libre alors / Oui, libre encore…«) Ich habe Les Fantômes bislang bei 17 Festivals eingereicht; es wird nicht leicht sein, ihn zu platzieren.
Ab Juni werde ich wieder regelmäßig zum Sportstudio am Südkreuz radeln, im Juli dann auch wieder schwimmen gehen. Und ich würde mich diesen Sommer gerne mit Dita Parlo beschäftigen und endlich mal »L’Atalante« (Regie: Jean Vigo) und »La grande illusion« (Regie: Jean Renoir) schauen, die ich beide noch nicht kenne. Ja, ich beschäftige mich seit bald 30 Jahren mit Kino und werde nicht müde, Neues zu entdecken. Ein beruhigend-schöner Gedanke. — Ich hatte »Ma femme est une actrice« (Regie: Yvan Attal) in sehr guter Erinnerung gehabt. Ihn nach zehn, zwölf Jahren mal wieder zu sehen, war ernüchternd. Charlotte Gainsbourg war wundervoll, natürlich, und Yvan Attal hatte sie mit viel Liebe in Szene gesetzt, aber abgesehen von zwei, drei komischen Momenten war der Film mau. Ich habe die DVD aussortiert. Es zählt auch der kleinste abgeworfene Ballast. — »Deadpool 2« (Regie: David Leitch) hat einen extrem hohen body count, ist aber witzig und flott. Außerdem ist Zazie Beetz eine wahnsinnig sexy Domino! Den neuen Polanski muss ich noch sehen, ansonsten bin ich gerade einfach zu erschlagen von der Hitze, um mich aktiv am Leben zu beteiligen. Ich denke eigentlich nur noch an die köstliche Zitronenlimonade, die es nur in Frankreich oder Spanien zu geben scheint, aber nicht bei uns, und an die schönen Berliner Badeseen.
Tippi Hedren ist das neue Gesicht von Gucci. Was für eine Nachricht! Der Werbespot für die Gucci Timepieces and Jewelry Campaign ist stimmungs- und stilvoll. Damit ist Hedren nach Vanessa Redgrave die zweite Lady über 80, die für das Label wirbt.
Schließen möchte ich heute mit einem zum Denken anstoßenden Sibylle Berg-Artikel vom März diesen Jahres. Ich wünsche Euch einen wonnigen Sommer und grüße ganz herzlich,

André

Leben im Netz: Das große Nichts
Bericht von Sibylle Berg, Spiegel Online, 24. März 2018.

Das Netz ist toll. Es ist bequem. Bücher, Platten, unsere Daten — nichts gehört mehr uns. Und dem Hirn ging es auch schon mal besser.

Was macht es eigentlich mit dem Gehirn der Menschen, wenn ihr Dasein zunehmend virtuell stattfindet? Was macht es jenseits von philosophischen Aufsätzen, die keiner liest und der Auswertung des Ocean-Persönlichkeitstests? Wie verändert sich das Offlinedasein, wenn die Musik in Clouds und Streamingdiensten stattfindet, die Filme, die Bücher, die Freunde, die Shops, das Sozialleben aus einer Benutzeroberfläche bestehen, die vielleicht nicht real ist? Was passiert denn dann in der 1.0-Welt mit der Feuchtausstattung, die man durch den Winter tragen muss, in einer Menschengeschwindigkeit, die so langsam ist?

Im Netz ist das Leben schnell. Irgendein Spacken kommentiert irgendwas — Trumps Haare, was irgendein Star, der auch nur online existiert, sagt oder tut. Irgendein gefälschtes Video von irgendwas geht viral. Und — die Medien greifen es auf. Im Fernsehen, das man online sieht, in den Onlinezeitungen werden Twitter- und Facebookmeldungen und -filme von irgendwelchen Honks oder Bots zitiert. Irgendjemand hat etwas gepostet. Na super.

Vollkommen logisch, dass die Menschen Politik langweilig finden und lieber für abgehalfterte Reality Stars oder schlechte Komiker stimmen. Falls sie abstimmen. Denn in Ländern, wo das online passiert, sind es vielleicht Bots, die voten oder Malware aus China. Egal.

Es ist alles egal geworden, weil es immer weniger gibt, das real stattfindet, das ein anderes Gefühl herstellt, außer Gereiztheit. Die Menschen scheinen einen Hass auf ihr Dasein zu entwickeln, wenn es außerhalb des Netzes stattfindet. Demonstrationen zum Beispiel, oder in eine Partei einzutreten, Mahnwachen, Widerstand, all das Zeug ist unattraktiv, mühsam, außerhalb macht man nur noch Aktionen, wenn sie Gewalt und Hass beinhalten, damit sie im Ansatz ein Onlinegefühl erzeugen, oder man bleibt im Netz. Da kann man doch so großartig politisch arbeiten. In Troll-Fabriken aktiv werden, Videos oder Stimmen faken.

Was macht es mit dem Menschen, wenn das Gehirn fragmentiert ist, die Aufmerksamkeitsspanne nanosekundenlang, die Fähigkeit zum kreativen Denken zerstört? Was machen 2,5 Milliarden Dosen Ritalin mit dem Hirn, mit dem Gefühl — außer dass sie Depressionen fördern und auch hier wieder die Kreativität killen, weiß man noch nicht mehr. Außer dass die sechs Firmen, die das Medikament herstellen, ausgezeichnet verdient haben. Apropos. Seit jeder sich in irgendeiner Form äußert, Teil der Öffentlichkeit ist, Freunde findet, die vielleicht Bots sind, ist das Gefühl des Einzelnen, wichtig zu sein, in seltsame Größenordnungen gestiegen.

Jeder hat das Gefühl, die Welt kreise um ihn, seine Meinung ist wichtig, seine Bewertung kann Restaurants ruinieren, sein Kommentar demütigt Politiker, seine Krankheit — die einmaligste, er hat das nachgesehen, der Mensch, er kann alles, der Mensch, er hat Tutorials gesehen, Klimawechsel — schon begriffen. Cern — alles klar, Magenoperationen. Kann er selber. Komm mal her, Gertrud. Gertrud ist jetzt tot. Aber online lebt sie weiter.

Second Life war der Probelauf. Jetzt sind wir alle im Second Life, hurra. Milliarden halten sich in einer neuen Welt auf, deren Grundfunktionen sie noch weniger durchschauen als die der sogenannten Realwelt aus Lava und Atmosphäre, sie wissen schon, das Ding da draußen. Milliarden haben keine Ahnung, wie ein Rechner funktioniert, Algorithmen, wie man manipulieren kann, was manipuliert wird, sie starren auf Pixel und vertrauen. Was ja eigentlich rührend ist. Der Einzelne hat die Relation seiner Bedeutung komplett verloren, verloren das Gefühl, ein Wurm unter Milliarden zu sein.

Das macht so wütend, so wütend, dass man im Netz das Gefühl hat, alles hinge von der eigenen bescheuerten Meinung ab. Und draußen, wenn man dann rumläuft, in Zeitlupe, mit seinem frierenden Körper, da bekommt man keinen Respekt für sein wichtiges Sein. Was macht es mit dem Menschen, wenn nichts mehr anfassbar ist, alles vielleicht Fake, wird der Mensch dann selber zum Fake, der sich nur in die Realität zurückbefördern kann, in dem er sich Chips in den Cortex schießt?

Es ist doch großartig für die Demokratie, dass jeder sich jetzt Gehör verschaffen kann. Ja nun — konnte der einzelne in demokratischen Systemen auch früher. Es stand jedem frei, Leserbriefe zu schreiben, Parteiarbeit zu machen, eine Zeitung zu gründen oder Wissenschaftlerin zu werden. Es war nur einfach – anstrengender und langsamer. Und das mag keiner mehr, in der Zeit, in der jedes Bedürfnis in Sekunden erfüllt, jeder Scheiß in Sekunden rausgebrüllt werden muss.

Das Denken verkümmert, weil es zu anstrengend ist. Das Mitgefühl verdorrt, weil Erregung im Netz in Sekundenbruchteilen stattfindet. Die Frustration wächst, weil das 1.0-Leben so langsam und langweilig ist, und dann wählt man eben irgendeinen Stuss, der das Erregungslevel am Leben erhält, weil es bekannt ist und klingt wie Gepöbel im Netz, darum wählt man 5 Stelle, wegen Online-Partei, dann wartet man darauf, dass man endlich für sein Dasein gewürdigt wird.

Das fucking Netz, einmal für Armee und Wissenschaft gegründet, ist zur Leni Riefenstahl der Welt geworden. Ein Ort der Verblödung, Verhetzung, der Manipulation und der Frustration. Was dagegen hilft sind nur Aktionen im 1.0-Dasein. Angebote, die zu Bewegungen werden können, als Gegengewicht zu aus dem Netz in die Straßen verlagertem Hass. Sage ich. Ihnen online. Schreibe ich als Technikfan, als Bot, der ich bin. Abschalten, und wieder leben. Die Langsamkeit wieder lernen. Das wäre mal die erste Idee.

January 31, 2018

»With a dream in your heart you’re never alone.« (Hal David)

Deed Poll

It certainly wasn’t much of a career. But I am not complaining. I have always been much more independent than ambitious. To me, being ambitious implies wanting something so badly that you’ll compromise yourself here and there to get it. I don’t have that in me. I never have and I never will. For all my ambitions, I think my peace of heart was more important to me than being in the spotlight. Thanks to my work, I got to travel a lot, for which I’m deeply grateful. I spent some merry times in London, Dublin, Madrid, Paris, and Scotland, meeting (and often working with) remarkable people. I’ve had the most fun working on Le deuxième commencement and Bd. Voltaire (which, alas, doesn’t mean they are the best films). I think I gave quite a convincing performance as Anam Wagner in Sur les traces de ma mère; unfortunately, the movie itself was a mess and is practically unwatchable due to technical shortcomings. My best movies were Deed Poll and One Deep Breath. (Released in 2004 and 2014, so I suffered through many not-so-good pictures in between.) Ingo J. Biermann and Antony Hickling were both, each in their own personal way, intense and demanding directors, and it’s been an honour working with them. I also cherished working with Alexandre Vallès on Symptômes, my most ambitious project, in late 2017. Post-production won’t finish until mid-2018, so I don’t know how it’s going to turn out yet.

I am a few weeks shy of my 40th birthday now. It honestly doesn’t bother me. Bebe Neuwirth once said, »If you have to ask how to be sexy after 40, you probably can’t do it.« No worries about that. There are some spectacular aspects of becoming 40. But it is also a time to reflect and reminiscent. That’s basically what I’d been doing in 2017. It was a tough year, but it led me to a serene and sensible conclusion: I’ll be going back to school and change gears one more time, so Symptômes will be my last movie — at least for a while.

I don’t want to bitch or complain about how the business has changed in recent years. Let’s just say the wind has gotten rougher over time. The distributors and festival executives don’t treat you as fairly as they used to. There is a lack of basic respect, at least on the LGBTQ movie market. Yet, they (distributors, festivals, etc.) make good money out of you. I am not bitter about this; it’s simply the way it is. — The magnificent Spanish artist / filmmaker Noel Alejandro recently wrote the following article regarding the treatment of filmmakers:

»It took me so long to finally speak about this that I’ll cut the rambling and go straight to the point: From now on, I’ll think twice before participating or giving my films to film festivals that don’t pay directors and filmmakers. And the same goes for screenings and other conferences in general.
Maybe you don’t know this, but the majority of the film festivals and screenings out there don’t pay the people actually making the content they offer on their program. They don’t pay for your talk, or your lecture, or the movie that is the headline of the program — and that will be screened to 500 people at 10pm on a Saturday — and that, in a wonderful combination of luck and opportunity, was made by YOU.
They would pay for the venue, the catering, the promotion and everything else, but hardly offer anything to the film directors. And when they do, it’s often ›visibility‹ or ›exposure‹.
Of course exposure is important — it’s probably one of the most important things for an independent artist or filmmaker. It’s also the one thing that will happen for sure on a screening festival, since it’s all about showing stuff. However, exposure won’t pay my bills, or my actors caches, or the Alexa’s rental fee. It’s also a bit contradictory since normally these film festivals brag about their quality curatorship: if they know me enough to respect me and invite me to be featured, then this means that I already have some relevant exposure. The only reason why my name is there is because I do my work well enough to be selected in the first place. In order words, I am there because I deserved to be there.
At the same time, festivals charge for tickets. If people want to go, they actually need to pay for it. But are they paying to sit in that chair or simply enter that event? Nope. They pay because they want to hear what the speakers are saying, or watch the films that we made. They pay for the content — and content makers are the only ones leaving the room with 0 money.
Them and the people volunteering in the backstage, who also don’t get paid for their work and make sure to tell everyone else as a paradoxical passive justification. ›I’m sorry we can’t pay you. We don’t get paid as well‹. I’m sorry to say, but every time someone is putting working for free, someone else is making doubling their profit.
I hope that by now you’re not seeing me as a skinflint. My intentions aren’t to make money out of festivals — I know how cultural organizations struggle to remain on their feet and how unfair that world can be, too. But that’s not what this is about. The last pay I got from a Festival was as low as 50 euros, and it included the screening of the director’s cut of ›Call Me a Ghost‹. And I was very happy about it. Is that gonna bring me closer to a wealthy retirement? No. But it’s something. It’s a symbolic — and still, monetary — gratification for using my work on their project.
I don’t believe there is such thing as a ›no payment policy‹. There’s just a weird modus operandi in this world, on which organizers would try to get people saying yes for as little as possible, so that they can profit on their talent.
It also doesn’t always have to be money. Festivals are wonderful because you get face to face with your audience and see their reactions to your films in real time. Plus, they are the perfect excuse for taking a trip to a city you never thought of going (I like big trips and I cannot lie). If organizers don’t have the budget but are willing to help me get there, sleep there, or eat there, I am up for it, too!
Again, is not about pettiness, it’s about being fair and valuing my own work. I know, this can backfire at me and I can grow up to find that all other directors are accepting lame offers just for the fate of being there, and I’m suddenly out of the equation.
I can only hope not, and continue raising a flag for all independent artists and filmmakers who struggle to make a living outside the mainstream industry to take a look at their work and put a price for their presence. Because even if they don’t, the organizers will — only that in that case we don’t see not even a penny.«

Noel’s brilliant text speaks entirely for itself and doesn’t need any addition from me. That being said, I am not closing any doors. I will always express myself artistically. Eventually, I will be doing another movie. But for now, I am taking this hiatus to figure out the new path(s) I want to take.

I’ve been listening to a lot of rather sweet and soft music lately, mostly Burt Bacharach’s classics from the 1970s. I also discovered the loveliness of Piero Piccioni’s jazzy movie soundtracks: »La volpe dalla coda di velluto«, »Senza via d’uscita«, Marta. He often collaborated with a magnificent singer named Edda Dell’Orso. I am so in love with this kind of music right now, it calms me down and lifts me up at the same time. Just what I need. Do you know Traincha? She’s a Dutch singer who has released several Bacharach albums. They are incredible! The best interpretations of his songs since the great Dionne Warwick recordings (in my humble opinion). — I am looking forward to watching plenty of good movies in 2018. The first one I saw was »L’amant double« by François Ozon. Jérémie Renier gave an enormously skilled performance.
Apart from listening to music and watching movies, I’ve been reading a lot again lately, mostly Camille Paglia and Brendan O’Neill. But I don’t want to bore you with details about my (currently) pretty ordinary and (almost) lame life. For now, I just want to wish you a lovely and peaceful 2018. Lots of friendly affection,

André

Some more diary entries in English:
June 1, 2017
January 9, 2017
December 31, 2016
November 2, 2016
June 13, 2016
April 26, 2016
March 10, 2015
March 2, 2015
April 7, 2014
April 5, 2014
March 31, 2014
February 14, 2014
June 10, 2013
January 28, 2013
December 6, 2012
May 18, 2012
May 6, 2012
January 18, 2012
October 20, 2011
May 11, 2011
March 18, 2011
March 17, 2011
June 15, 2010
April 10, 2010
May 18, 2008
April 26, 2008
November 25, 2006