Filmtipp #199: West Side Story

West Side Story

Originaltitel: West Side Story; Regie: Robert Wise, Jerome Robbins; Drehbuch: Ernest Lehman; Kamera: Daniel L. Frapp; Musik: Leonard Bernstein; Darsteller: Natalie Wood, Richard Beymer, Russ Tamblyn, Rita Moreno, George Chakiris. USA 1961.

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»West Side Story« wurde uns seinerzeit in der Schule aufgezwungen. In der neunten oder zehnten Klasse mussten wir uns den Schinken im Englischunterricht bei Mr. MacEwen anschauen. Da sich der Film über satte 146 Minuten ausbreitet, zog sich das Vergnügen über mehrere Schulstunden hin. Ich erinnere mich lebhaft, wie wir uns über Natalie Woods grausam schlecht imitierten hispanischen Akzent lustig machten (»Oh bblease, ledd idd nodd be ddrrue!«) oder uns über den bittersüß-zäh vor sich hintriefenden Kitsch mokierten. Aber, und ich glaube, da trügt mich mein Gedächtnis nicht, wir waren allesamt hin und weg von Leonard Bernsteins Musik. Inga Wiechmanns Eltern hatten den Soundtrack auf Schallplatte, sie nahm ihn mir auf Kassette auf, und ich hörte sie jeden Morgen auf dem Weg zur Schule im Walkman. Es waren ja gut und gerne 20 Minuten Radfahrt bis nach Himmelsthür.
     Oft schaute ich mir »West Side Story« nicht mehr an, nach jener Zeit im Englischunterricht vielleicht noch zwei- oder dreimal. Die Laufzeit schreckt mich ab. Aber natürlich, und das weiß ich heute besser als damals, ist der Film nicht ohne Grund einer der ganz, ganz großen Klassiker seines Genres. Nicht umsonst wurde er mit zehn Oscars überhäuft. Und Natalie Wood spielt zwar amateurhaft-übel, ist aber so entzückend und hübsch, dass man gerne Nachsicht walten lässt. Überhaupt ist »West Side Story« ein herrlicher Augen- und Ohrenschmaus. Einmal in seinem Leben sollte man dieses opulente Mahl wenigstens genossen haben.

Wer Shakespeares »Romeo und Julia« kennt, kennt im Prinzip auch die Geschichte von »West Side Story«. Arthur Laurents hatte den Schauplatz lediglich von Verona der frühen Renaissance in das New York der Gegenwart verlegt. Auf der West Side Manhattans kämpfen zwei Jugendbanden um die Vorherrschaft im Viertel: die »Jets« formieren sich aus weißen Amerikanern, die »Sharks« bestehen aus puertoricanischen Einwanderern. Auf einer Tanzveranstaltung, die die rivalisierenden Gangs einander näher bringen soll, verliebt sich Tony (Beymer), ein Ex-Mitglied der »Jets«, in Maria (Wood), die liebreizende Schwester des »Sharks«-Anführers Bernardo (Chakiris, The Big Cube). Zunächst versuchen die beiden, um ihrer Liebe willen den Streit zwischen den Parteien zu schlichten, doch der blinde Hass der Jugendlichen scheint unüberbrückbar. Nach einem blutigen Kampf stirbt Tony am Ende in Marias Armen.
     Sechs Millionen Dollar kostete der Spaß, die erfolgreiche Broadway-Show, die 1957 ihre Uraufführung erlebt hatte, auf die Leinwand zu bringen. Die Idee zu dem Stück stammte von dem Choreographen und Regisseur Jerome Robbins, der auch die Kinoversion inszenieren sollte. Künstlerische Dispute mit Robert Wise führten allerdings dazu, dass Robbins schon kurz nach Beginn der Dreharbeiten entlassen wurde. So oblag schließlich nur die aus dem Helikopter aufgenommene, acht Minuten dauernde Anfangssequenz sowie die Nummern »America«, »I Feel Pretty« und »Cool« seiner alleinigen Gestaltung.
     Im Gegensatz zu den meisten anderen Filmmusicals, die auf einem Bühnenerfolg basieren, blieb es »West Side Story« erspart, Originalsongs einbüßen zu müssen; sämtliche Kompositionen Bernsteins blieben erhalten, die Umstellung einiger Lieder hielt Drehbuchautor Ernest Lehman allerdings für unumgänglich. Interessant ist, dass gerade die Hauptdarsteller ihre Stücke nicht selbst interpretierten, sondern beim Gesang gedoubelt wurden: Marni Nixon, die später Audrey Hepburn für »My Fair Lady« (Regie: George Cukor) ihre Stimme lieh, sang für Natalie Wood, Jim Bryant tat dies für Richard Beymer, und Rita Moreno (The Night of the Following Day), die für ihre Nebenrollen-Leistung mit einem Oscar belohnt wurde, wurde von Betty Wand synchronisiert. Von den fünf Hauptdarstellern sangen und tanzten lediglich George Chakiris und Russ Tamblyn selber.
     Kürzlich wurde laut, dass sich ausgerechnet Steven Spielberg um ein Remake des Streifens bemüht. Das ist ein ähnlicher Irrwitz wie die Nachricht, dass Michael Bay »The Birds« (Regie: Alfred Hitchcock) neu verfilmen will. Kann sie bitte jemand stoppen?

André Schneider

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