16. Dezember 2017

Blick aus dem Wohnzimmer.

Ich hatte vorige Woche schon ein wenig mehr über die Zeit in Frankreich schreiben wollen, aber der (immer noch nicht beigelegte) Ärger mit YouTube hatte mich völlig aus dem Konzept gebracht. Heute, gut zehn Tage später, habe ich das Gefühl, gar nicht mehr viel zu erzählen zu haben.

Das ist Nuit. (Baby’s got blue eyes!)

Alexandre hatte mich bei Walter Billoni, dem Jérémy aus Bd. Voltaire, untergebracht. Seine Wohnung liegt über einer Grundschule in der Rue de Moussy, also direkt im Marais. Der Wecker holte mich jeden Morgen um kurz nach sechs aus dem Bett, dann schlich ich mich leise ins Bad und anschließend aus der Wohnung, um dann mit den Métro-Linien 1 und 6 zur Station Boissière zu fahren, in deren Nähe Jean-Pierre wohnte, in dessen Wohnung wir filmten. Abends war ich selten vor 20 Uhr zu Hause. Oft lief ich nach Drehschluss den Weg nach Hause: am Triumphbogen rechts, dann die ganzen Champs-Élysées hinunter bis zum Place de la Concorde, vorbei am Jardin des Tuileries, dem Louvre, dem Hôtel de Ville. Dann aß ich rasch eine Kleinigkeit und spielte kurz mit Walters Katze. Sie hieß Nuit, war erst vier Monate alt und dementsprechend neugierig und verspielt. Sie begrüßte mich jeden Morgen, wenn ich aufgestanden war, und jeden Abend, wenn ich die Wohnung betrat. — Da wir auch sonntags drehten, kam ich diesmal nicht zur Mad Hatter’s Tea Party. Überhaupt war ich diesmal reichlich isoliert, sah niemanden und unternahm wenig. In Saint-Lazare kaufte ich mir die neue CD von Léonard, »Avant la première fois«. Die Texte stammen von Elisa Point. Vielleicht sein bestes Album bis jetzt. »Le seul invité« und »Personne n’est à personne« könnte ich stundenlang hören. Fnac hatte drei meiner Filme gleichzeitig im Sortiment: Bd. Voltaire, Sur les traces de ma mère und nach wie vor Nos jours légers, was mich tatsächlich ein wenig erstaunte.
Am vorletzten Abend traf ich mich kurz mit Xavier auf eine heiße Schokolade, aber ich war kaum gesprächsfähig. Während der Dreharbeiten hatte ich kaum geschlafen, nur wenig gegessen, hatte viel weinen, schreien, rennen müssen, war permanent angespannt. Ich hatte mir den Handrücken blutig gebissen, mich an Glasscherben geschnitten und mir mit einem langen Messer übers Augenlid gestrichen. Ich wurde geohrfeigt — diese Einstellung wurde 14 Mal wiederholt —, gejagt und bedroht. Meine Angst war nicht immer gespielt. Als Xavier mich sah, war ich praktisch völlig hinüber. Am letzten Abend, als alles vorbei war, ging ich mit Stéphane Leblanc und seinem wunderbaren Ehemann Leroi asiatisch essen. Ich stürzte mich förmlich auf diese Begegnung, so ausgehungert war ich nach einem guten Gespräch und etwas Menschlichkeit. Es war ein herrlicher Abend und ein krönender Abschluss meiner Paris-Zeit. Als wir noch auf einen Drink das Lokal wechselten, wurde ich vehement von einem jungen Mann angeflirtet, der einen bemerkenswert schönen schwarzen Bart trug und sich nur schwer abwimmeln ließ. (Glaubt mir, wenn man sich vor allem dick, alt und uninteressant fühlt, balsamiert so etwas schon ein wenig die Seele.) Die Wellenlänge, die Stéphane, Leroi und mich verbindet, ist von einer beinahe schicksalhaften Art; wir haben einstimmig beschlossen, diese Freundschaft zu intensivieren und einander bereits nach Paris bzw. Berlin eingeladen. — Bevor am nächsten Tag mein Zug Richtung Deutschland abfuhr, frühstückte ich noch mit Martin Freudenstein im Marais, nachdem mich die kleine Nuit zuvor auf dem Sofa noch in Grund und Boden geschmust hatte. Wie wohltuend es doch ist, dieses Schnurren einer kleinen Katze! Mir war gar nicht bewusst gewesen, wie sehr mit eine Katze im Hause fehlt. Mit Martin blieben mir nur knapp drei Stunden, bevor er mich lieberweise noch zum Bahnhof brachte. Sieben Jahre kennen wir uns mittlerweile, und es ist immer eine Wohltat, ihn zu sehen. Ohne ihn wären viele meiner Paris-Trips gar nicht möglich gewesen.
Oha! Dafür, dass ich nicht viel zu erzählen hatte, wurden es dann doch ein paar Zeilen. Nicht übel hätte ich Lust, über die Personalwechsel sowohl bei unserem französischen Verleih als auch bei Chéries-Chéris zu schreiben. Beides liegt nun fest in den Händen ein- und derselben Person, und das ist eine Katastrophe. Um Optimale mache ich mir keine allzu großen Sorgen. Das Sortiment ist gut und vielfältig und wird weiterhin seine Kunden finden. Aber Chéries-Chéris hat unter der neuen Führung bereits jetzt schon einiges an Zuspruch und Prestige eingebüßt, und es wird in den kommenden Jahren nicht besser werden. Noel Alejandro schrieb unlängst einen sehr guten Aufsatz darüber, wie man als Filmschaffender von den Veranstaltern zum Teil behandelt wird; ich werde den Artikel beizeiten mal hier teilen.

Das Albanese-Konzert im Mai 2017.

Nun bin ich schon beinahe zwei Wochen wieder hier. Weihnachtlich ist noch gar nichts. Dafür viele Termine: Bürgeramt, Agentur für Arbeit, Zahnarzt, Vorstellungsgespräch. Immerhin war »Madame« (Regie: Amanda Sthers) der perfekte Film für die Vorweihnachtszeit. Eine Variation des Aschenputtel-Themas. Toni Collette war als versnobte Kuh so eine Art böse Stiefmutter, Rossy de Palma als geplagtes Dienstmädchen das hässliche Entlein, welches durch die Liebe zum schönen Schwan mutiert. Malerische Paris-Aufnahmen und zuckerwattig-leichte Musik rundeten die Sache ab. Man merkte, dass »Madame« eine Herzensangelegenheit von Rossy de Palma war. Und sie hat wirklich bezaubernde Momente, rührend und komisch zugleich. Es war wunderbar, sie einmal in einer großen, den Film tragenden Rolle zu sehen. — Mir graut vor den Feiertagen. Weihnachten 2016 war ein solcher Reinfall gewesen, dass es mir das Fest vermutlich auf alle Zeiten verleidet hat. Das Wort allein löst schon eine leichte Übelkeit aus. Doch abgesehen davon ist, glaube ich, alles in Ordnung. Soweit es denn in Ordnung sein kann. Mein neuer Sachbearbeiter bei der Agentur für Arbeit ist all das, was seine Vorgängerin nicht war: herzlich, interessiert, kompetent. Der Termin bei ihm war gut und hat mir einigen Ballast von den Schultern genommen. Meine Bewerbungen laufen, und obwohl ich einige Absagen bekam, so sind doch die Aussichten, dass ich 2018 wieder in Lohn und Brot sein werde, ziemlich rosig. Im Februar wird das neue Album von Federico Albanese erscheinen. Es heißt »By the Deep Sea« und setzt musikalisch dort an, wo er bei »The Blue Hour« aufgehört hatte. Das Berlin-Konzert ist leider erst im April. Ende Dezember schaue ich mir in der Volksbühne noch einen Poetryslam an, Anfang Januar geht es noch einmal in die Neuköllner Oper, um noch einmal »Kopfkino« zu erleben. Die Kultur zieht mich also ab und an doch (noch / wieder) vor die Tür. Vielleicht ein Zeichen, dass es auch in Sachen Depression einen leichten Aufwärtstrend zu vermerken gibt? Abwarten. Jedenfalls freue (!) ich mich über die kleinen Schritte. Wie schrieb noch Frau Regenbrecht, meine Klassenlehrerin in der Grundschule, einst in mein Poesiealbum? »Kleine Taten, die man ausführt, sind besser als große, die man plant.«
Ein schönes Wochenende Euch allen,

André

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Filmtipp #566: Das Tal der Puppen

Das Tal der Puppen

Originaltitel: Valley of the Dolls; Regie: Mark Robson; Drehbuch: Helen Deutsch, Dorothy Kingsley; Kamera: William H. Daniels; Musik: John Williams, André Previn; Darsteller: Barbara Parkins, Patty Duke, Paul Burke, Sharon Tate, Tony Scotti. USA 1967.

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»Look: They drummed you right outta Hollywood! So ya come crawlin’ back to Broadway. Well, Broadway doesn’t go for booze and dope. Now you get outta my way, I got a guy waitin’ for me.« (Helen Lawson zu Neely O’Hara, kurz bevor diese ihr die Perücke herunterreißt und ins Klo wirft)

Heute ist es auf den Tag genau 50 Jahre her, dass die Uraufführung dieses Films das Gesicht des Kinos für immer verändern sollte. Eigentlich hatte »Valley of the Dolls« mein allererster Filmtipp werden sollen, aber bis heute fand ich nie wirklich einen Weg, diesem Camp-Klassiker gerecht zu werden. — Am 15. Dezember 1967 fand also die lang erwartete Premiere dieser melodramatischen Schundroman-Adaption an Bord eines Schiffes vor der kalifornischen Küste statt. Der Legende zufolge sollen sich die Hauptdarstellerinnen so sehr geschämt haben, dass sie sich im Anschluss in ihren Kajüten vor den anwesenden Journalisten versteckten. Die Kritiker weideten sich an den überzogenen Darstellungen, dem vor Plattitüden triefenden Drehbuch sowie der schlechten Regie-, Kamera- und Ausstattungsleistungen. Jacqueline Susann, die Autorin der Buchvorlage, distanzierte sich von dem Werk. Regisseur Mark Robson wies alle Schuld von sich und machte seinen Star Patty Duke verantwortlich. Trotzdem (oder gerade deswegen) wurde »Valley of the Dolls« für die 20th Century Fox der größte Kassenhit des Jahres 1968. Der Filmkomponist John Williams erhielt für seine Dienste sogar eine Oscarnominierung, und für das junge Starlet Sharon Tate, die sowohl das Buch als auch den Film hasste, markierte »Valley of the Dolls« den Durchbruch.
Bevor ich zu den aberwitzigen Produktionsbedingungen komme, gestattet mir bitte, dass ich kurz einmal die Handlung umreiße: Es handelt sich höchstens im übertragenen Sinne um einen Bergsteigerfilm. Wie der Titel schon richtig verrät, geht es ums Showgeschäft, und das sieht durch Jacqueline Susanns Augen wirklich alles andere als rosig aus. Was für eine lausige Welt, durchtränkt von Konkurrenzdenken, Intrigen und Eskapaden! Kein Wunder, dass frau da zu »Puppen« (= Drogen) greifen muss, um all das zu ertragen. Glamour, Sex, Aufputschmittel — das scheint hier eine ganz logische Assoziationskette zu sein. Dieser Druck! Dieser Teufelskreis! In der Mitte des Tals stehen drei Freundinnen: Annie (Parkins), Neely (Duke) und Jennifer (Tate) wollen es bis ganz nach oben schaffen. (Die ambitionierten Freundinnen sind übrigens, abgesehen von der Einblendung eines Schwarzweiß-Fotos, nie zusammen zu sehen.) Zu Beginn des Films kommt Anne Welles aus dem verschneiten New England ins Sündenpfuhl New York, um dort eine Sekretärinnen-Stellung bei einem alten Showbiz-Anwalt (Robert H. Harris) anzutreten. Gleich ihr erster Arbeitstag gerät zur Feuerprobe, als ihr neuer Boss sie direkt in die Höhle der Löwin schickt: Helen Lawson (Susan Hayward), die ebenso gefürchtete wie bewunderte Broadway-Diva, soll ein paar Verträge unterzeichnen. Überraschung: Annie erlebt Helen Lawson an einem ihrer, na ja, äh, nicht ganz so guten Tage und überlegt, den Job hinzuschmeißen, verliebt sich dann aber in den schmucken Lyon Burke (Burke), den Business-Partner ihres Chefs. (Lyon wird ihr im weiteren Handlungsverlauf noch ganz schön weh tun, aber das nur am Rande.) Ein unerwarteter Zufall sorgt kurz darauf auch noch dafür, dass Annie als Fotomodell entdeckt und in Windeseile berühmt wird. — Neely O’Hara ist eine hochbegabte Sängerin und Schauspielerin, die es geschafft hat, in Helen Lawsons neuem Musical eine Nebenrolle zu ergattern. (Annie lernt sie kennen, als sie mit den Verträgen zu Lawson ins Theater kommt.) Doch Helen hält den Neuling für zu talentiert — »The only hit that comes out of a Helen Lawson show is Helen Lawson, and that’s me, baby, remember?!« — und lässt Neely feuern. Annie und Burke verschaffen der am Boden zerstörten Neely daraufhin ein Vorsingen im Radio — und schon ist diese ein Star und macht sich auf den Weg nach Hollywood. Sie heiratet Mel (Martin Milner), hat aber schon bald eine Affäre mit dem vermeintlich schwulen Ted Casablanca (Alexander Davion). Der Erfolg verändert sie. Sie verprellt alle, die ihr mal nahestanden. So vögelt sie mit Lyon, obwohl sie weiß, dass Annie ihn liebt. Sie schluckt abwechselnd Aufputsch- und Beruhigungsmittel, um dem Erwartungsdruck standzuhalten. Annie, die selbst gerne mal Pillen nimmt, hilft ihr nach Kräften, indem sie sie in eine Entzugsklinik einweist. Die Szenen, die sich dort abspielen, gehören zu den (ungewollt) witzigsten des Films. — Besonders hart wird Jennifer, die Dritte im Bunde, vom Schicksal gebeutelt. Sie wird aufgrund ihrer Schönheit und ihres großen Vorbaus nicht ernst genommen. Ihre böse Mutter bläut ihr ein, dass sie kein Talent habe und nur aufgrund ihrer Titten gefragt sei. Sie lernt den Nachtclub-Sänger Tony Polar (Scotti) kennen und verliebt sich in ihn. Sehr zum Leidwesen seiner biestigen Schwester Miriam (Lee Grant) heiraten die beiden. Miriam verwaltet argusäugig das Geld und beschafft Tony seine Engagements. Doch eines Tages erleidet Tony einen Anfall — »Jen! I can’t feel my legs!« —, und die inzwischen schwangere Jennifer muss erfahren, dass er unheilbar krank ist. Da die Krankheit vererbbar ist, lässt sie eine Abtreibung vornehmen. Schon bald ist Tony so krank, dass Jennifer und Miriam ihn in ein teures Sanatorium einweisen müssen. (Dort begegnet er bald auch Neely, die dort ihren Entzug macht. Aber das gehört jetzt nicht hierher.) Die Ersparnisse reichen jedoch nicht lange, und so nimmt Jennifer widerwillig das Angebot eines schmierigen französischen Filmemachers (Richard Angarola) an, in seinen »Kunstfilmen« (= Softpornos) mitzuwirken. Tonys Zustand verschlechtert sich immer weiter, und zu allem Überfluss haut der fiese Franzose das arme Mädchen auch noch übers Ohr. Damit nicht genug: Sie hat auch noch Brustkrebs. Die angekündigte Mastektomie nimmt ihr ihre einzige Einnahmequelle, und so setzt sie mit einer Überdosis Schlaftabletten ihrm Leben ein Ende. — Während Annie noch ganz gut die Kurve kriegt — sie kehrt der Scheinwelt den Rücken und zieht zurück ins beschauliche (und ewig verschneite) New England —, schlittert Neely O’Hara drogen- und alkoholberauscht immer tiefer in einen selbstzerstörerischen Abgrund, bis sie ganz am Ende völlig desolat in einer dunklen Gasse zusammenbricht. Dabei ruft sie unentwegt: »Mel? Gott? Neely? Neely O’Hara? Wo bist du, Neely?« Man muss unweigerlich an den tuntig-weinerlichen Song »I Have Been to Paradise But I’ve Never Been to Me« von Charlene denken. Neely ist sich selbst abhanden gekommen. »Niemand wird ihr Talent zerstören«, prophezeite Helen Lawson in einer früheren Szene des Films, »aber sie wird sich selbst zerstören.«

Ja, ich gebe zu, diese Inhaltsangabe ist stark verkürzt. Man kann der verschachtelten, unübersichtlichen Handlung einfach nicht gerecht werden. Und vieles muss man einfach mit eigenen Augen sehen, um es glauben zu können. »Valley of the Dolls« ist Kolportage, ein durch und durch spekulatives Machwerk von der übelsten Sorte. Die Showbiz-Kritik verkümmert bereits in den Ansätzen und bleibt oberflächlich. Schon über Susanns Buch sagte seinerzeit eine Leserin: »Es ist absoluter Schund, ganz furchtbar auch geschrieben, aber ich konnte es einfach nicht aus der Hand legen.« Allein in den USA ging der Roman in den letzten 50 Jahren nicht weniger als 31 Millionen Male über die Ladentische und ist somit eines der erfolgreichsten Bücher aller Zeiten. Ein wenig wiederholte sich das Phänomen mit Fifty Shades of Grey. In beiden Fällen wurden die Verfilmungen ihren Vorlagen mehr als gerecht, obwohl es unvermeidbare Straffungen und Veränderungen gab. So erstreckt sich der Handlungsspielraum von Susanns Roman über zwei Dekaden; die Geschichte beginnt in den Nachkriegsjahren und endet 1966, während der Film eine deutlich kürzere Zeitspanne irgendwann den Sechzigern abreißt. Im Buch ist Annie eine hinreißende Blondine mit blauen Augen, im Film wird sie von der brünetten und braunäugigen Barbara Parkins gespielt. Die Zensur erlaubte der Filmfassung nicht, Jennifers lesbischen Experimente, Ted Casablancas Homosexualität und Tonys Vorliebe für Analsex auszuschlachten. Dafür bekommen wir einige der schönsten schlechten Dialoge der Filmgeschichte geboten: »Honey, it’s a rotten business«, erklärt der väterliche Mel der armen Neely, die gerade gefeuert wurde. Neely: »I know. But I love it.« Why, of course!
Über die wirklich grauenhafte Broadway-Show von Helen Lawson schweige ich mich lieber aus. Was soll dieses verdreckte Mobile mit den Schlieren auf der Bühne? Und dieser Song, zu dem Susan Hayward (nicht ganz synchron) ihre Lippen bewegt! »I’ll plant my own tree and I’ll let it grow.« Ist das so? Ich kann Euch versichern: Da wächst kein Baum. Eigentlich hatte keine Geringere als Judy Garland als Helen Lawson ihr Comeback geben sollen. Die Probeaufnahmen zeigen eine Karikatur dessen, was Garland einmal war, aber sie hatte diesem fürchterlichen Lied eben jene Kraft und Klasse gegeben, die der Film dringend benötigt hätte. (Ihre Aufnahme des Songs ist bis heute erhältlich.) Ironischerweise gab es mit der Diva reichlich Probleme, die auf den Konsum von Tabletten und Rauschgift zurückgingen, und so wurde sie gefeuert. Die Garderobe nahm sie bei der Gelegenheit komplett mit, und auch den vom Studio spendierten Billardtisch in ihrer Garderobe ließ sie abholen. Sie starb wenige Jahre später. Nachdem Garland ausgeschieden war, bot man die Rolle nacheinander Tammy Grimes, Bette Davis (!), Lucille Ball und Ginger Rogers an, die allesamt erbost ablehnten. Susan Hayward selbst war auch nicht sonderlich begeistert von dem Skript, schlug sich aber im Vergleich zu ihren Kolleginnen noch ganz achtbar.
Ganz Hollywood war seinerzeit auf den Beinen, um eine Rolle oder ein Röllchen in »Valley of the Dolls« zu ergattern, und das Studio scheute weder Kosten noch Mühen für lavish screen tests unbekannter Starlets. Die junge Helen Mirren zum Beispiel soll ihrer Autobiographie zufolge für die Rolle der Neely vorgesprochen haben, die zuvor von Jane Fonda, die damals schon ein etablierter Star war, abgelehnt worden war. Raquel Welch, Julie Christie, Ursula Andress, Mary Tyler Moore, Petula Clark, Ann-Margret, Jill Ireland und Candice Bergen waren als Jennifer im Gespräch, bevor Sharon Tate unter Vertrag genommen wurde. Barbara Parkins wollte ursprünglich Neely spielen, während Marlo Thomas sich um die Rolle der Anne bemühte, wurde dann aber von Patty Duke ersetzt, die damals bereits einen Oscar in der Tasche hatte — für »The Miracle Worker« (Regie: Arthur Penn), in welchem sie Helen Keller gespielt hatte. Mit »Valley of the Dolls« wollte sich der Ex-Kinderstar neu als Erwachsene etablieren. Das Publikum akzeptierte sie jedoch als launische Drogenzicke überhaupt nicht. Überhaupt ließ sie Regisseur Mark Robson richtig böse auflaufen. Selten hat man eine so begabte Schauspielerin eine so unfassbar schlechte Performance geben sehen! Jacqueline Susann wollte Elvis Presley (!) als Tony Polar im Film haben, doch nachdem dieser lachend aufgelegt haben soll, ließ man zuerst Robert Forster vorsprechen, bevor man sich für den farblosen Tony Scotti entschied. Weitere Nebenrollen gingen an Robert Viharo, Richard Dreyfuss und Jacqueline Susann selber, die in einer kurzen Szene eine Journalistin gab.

Die Dreharbeiten selber waren ein Alptraum. Robson ließ keine Gelegenheit ungenutzt, Patty Duke zu demütigen. Diese konnte ihm diese Behandlung bis zuletzt nicht verzeihen und nannte ihn in Interviews immer nur »that mean son of a bitch«. Duke fühlte sich von ihren Kolleginnen isoliert und verstand sich auch mit Susan Hayward nicht, während Barbara Parkins ihre Kostüme hasste und ständig nach Wegen suchte, diese doch noch irgendwie ändern zu lassen. Drehbuchautor Harlan Ellison drohte, das Studio zu verklagen, wenn sein Name im Vorspann genannt werden sollte; er war mit den zahllosen Änderungen und dem »glücklichen« Ende alles andere als einverstanden gewesen. Und dann noch der Ärger mit dem Plakat, das Ihr oben seht. Die Verantwortlichen hatten offensichtlich weder das Buch gelesen, noch den Film gesehen, sonst hätten sie gewusst, dass Helen Lawson die einzige Frauenfigur im Film ist, die Pillen jeglicher Art vehement ablehnt.

Stephen M. Moser, seines Zeichens Journalist beim »Austin Chronicle«, schrieb über den Kultfilm wie folgt: »The definitive camp classic. […] ›Valley of the Dolls‹ is a great movie in the very same way that ›Showgirls‹ is a great movie. Rent it and howl!«
In diesem Sinne: Viel, viel Spaß! Wer die Gelegenheit hat, sollte sich unbedingt die Doppel-DVD mit den vielen bunten Extras gönnen. Der Hammer!

André Schneider

Rezept #42: Radicchio mit Trauben und Pilzen

Ein veganes Gericht, das in einer knappen halben Stunde zubereitet werden kann und locker für drei bis vier Personen reicht.

Zutaten:
1 Radicchio
250 Gramm grüne Weintrauben (kernlos)
150 Gramm Champignons
1 TL mittelscharfer Senf
Salz, Pfeffer
1 TL Zucker
2 EL Zitronensaft
2 EL Wasser
2 EL Weißweinessig
4 EL Traubenkernöl
4 EL gehackte Walnüsse
2 Stängel Basilikum

Zubereitung:
Den Radicchio putzen und in die einzelnen Blätter zerlegen, diese dann waschen, mit einer Salatschleuder trocknen und in mundgerechte Stücke zupfen. Die Weintrauben waschen und halbieren. Die Champignons putzen und in dünne Scheiben schneiden.

Für die Vinaigrette den Senf mit Salz, Zucker, Pfeffer, Zitronensaft, Wasser und Essig verrühren. Das Traubenkernöl untermischen und das Dressing abschmecken.

Den Radicchio mit den Trauben und den Champignonscheiben auf Tellern anrichten, mit der Vinaigrette beträufeln und mit den Walnüssen bestreuen. Den Basilikum abbrausen, trocken schütteln, die Blättchen fein hacken und den Salat damit garnieren.

André Schneider