Filmtipp #666: Tagediebe

Tagediebe

Originaltitel: Tagediebe; Regie: Marcel Gisler; Drehbuch: Marcel Gisler; Kamera: Rüdiger Weiss; Darsteller: Dina Leipzig, Rudolf Nadler, Lutz Deisinger, Till Krech, Marcel Gisler. BRD/Schweiz 1985.

»Man hätte antworten müssen auf nicht gestellte Fragen.« (Max)

Im Mai 2014, ich wohnte noch bei Thorsten im Prenzlauer Berg, brachte mir die Berliner Premiere von Marcel Gislers »Rosie« (2013) meine jugendliche Schwärmerei für die Filme des Schweizers zurück. Der Kontakt zwischen Marcel und mir war im Anschluss kurzzeitig etwas enger, und nachdem ich ihn gefragt hatte, ob es eine Möglichkeit gäbe, seine frühen Werke irgendwo zu sehen, schickte er mir »Tagediebe« und »Schlaflose Nächte« (1988, mit Andreas Herder), die ersten beiden Teile seiner Berlin-Trilogie, welche später mit Die blaue Stunde ihren Abschluss finden sollte, auf selbst gebrannten DVD-Rohlingen. Ich hatte ihm damals versprochen, einmal ausführlicher über seine Filme zu bloggen, aber wie es oft so ist, dauerte es seine Zeit, ehe ich die adäquaten Worte fand.

»Tagediebe« ist ein frischer, feinsinniger Film, der in seinen schönsten und wildesten Passagen an das Frühwerk von Jim Jarmusch erinnert; auch evoziert der Streifen Assoziationen mit den Anfangsjahren der nouvelle vague. Im schmaddrigen West-Berlin der frühen und mittleren 1980er entstanden einige Filme, die gekonnt den Zeitgeist einfingen. Neben »Tagediebe« kommen einem »Wedding« (Regie: Heiko Schier) und »Berlin Chamissoplatz« (Regie: Rudolf Thome) in den Sinn. Anders als seine erfahreneren Regie-Kollegen brauchte Gisler für sein Erstlingsfilm keinen gängigen Genre-Rahmen, er verzichtet wohltuend auf Krimi- oder Melodram-Elemente, biedert sich nicht an. Vielleicht ist es gerade diese Eigenwilligkeit, die Gislers Film vom Gros der West-Berlin-Filme jener Zeit abhebt. Er entzieht sich den üblichen Kategorisierungen, das Narrativ verweigert selbst die ebenso abgedroschene wie bewährte Einleitung-Höhepunkt-Schluss-Struktur: »Tagediebe« plätschert dahin wie ein langer, ruhiger Fluss, es gibt keine besonders herausstechenden Szenen, an die man sich später erinnert, und trotzdem sprüht der in winterlich-kargen Schwarzweißbildern inszenierte Streifen vor Charme, Witz und Esprit.

Im Zentrum von »Tagediebe« stehen drei »neo-existentialistische« (so die Website »Achtung Berlin«) Müßiggänger, die in einer abgeranzten Altbauwohnung in Kreuzberg eine WG bilden: Max (Nadler) ist unglücklich in Lola (Leipzig) verknallt, die ihren Sohn (Matthieu Hornung) in Paris zurückgelassen hat, um in West-Berlin die ganz große Karriere als Sängerin zu machen. Der Dritte im Bunde ist Laurids (Deisinger), ein junger Schwuler mit Monobraue, der munter und promiskuitiv in den Tag lebt. Der eigentliche Mieter der Wohnung, Karl (gespielt vom damals 25jährigen Regisseur höchstpersönlich: sehr süß), ist verreist, und dem Trio ist klar, dass sie nach seiner Rückkehr ausziehen müssen. Mit Gelegenheitsjobs — Lola beispielsweise gibt Französischstunden — hält man sich gerade so über Wasser, das Morgen ist ungewiss, Zweifel werden überspielt. Lola, Max und Laurids sind nicht nur Tagediebe, sie sind Tagträumer. Lola gesteht in einem ruhigen Moment, dass nur das Unzeitgemäße sie retten könne. Wovor, das bleibt vage. Sie präsentiert sich als Paradiesvogel im Nina-Hagen-Stil mit einer gigantischen Turmfrisur, die sie gut und gerne 30 Zentimeter höher macht. Amy Winehouse würde vor Neid erblassen! Max, der in Lolas Glamoursucht eher chancenlos sein dürfte, muss lernen, sich abgrenzen. Dazu hört man im Hintergrund »I’m Not in Love« von 10cc.

Das alles wird, wie der Kritiker Franz Ullrich schrieb, »ungewöhnlich stimmig und stimmungsvoll […], locker und unprätentiös« dargeboten. Die unverbrauchten, herrlich unverkrampften und sehr, sehr guten Schauspieler tragen den Film auf wunderbare Weise. (Lutz Deisinger wurde als Kopf der Bar jeder Vernunft später eine Art selbsternannter König der Berliner Kleinkunstszene; ich hatte 1999 die Unfreude seiner Bekanntschaft machen dürfen.) Gerade die so banal-alltäglichen Szenen, das Unspektakuläre, sind diffizil zu entwickeln, und bei dieser Art von Filmgenuss liegt die Essenz in den Zwischentönen, im Atemholen. Diese besondere Qualität wurde von Gisler in seinen Folgefilmen noch weiter ausgelotet und zur Perfektion getrieben. »Tagediebe« erlebte, wie die meisten Werke des Regisseurs, eine preisgekrönte Premiere in Locarno. In der »NZZ« fand sich eine besonders schöne Rezension: »Vielleicht ungewöhnlichstes, im heutigen jungen Filmschaffen jedenfalls auffallendstes Merkmal dieses Film sind Inhalt und Qualität seiner Dialoge. Da wird nicht einfach witzig formuliert, sondern da wird versucht, Existentielles, Grundlegendes begrifflich zu fassen und zu klären. Es ist eine Wohltat, für einmal nicht den mehr oder weniger fixen Sprüchen irgendwelcher abgeschlaffter Typen zuhören zu müssen. Die Theorie der Untätigkeit, die Max vorliest, während Lola arbeitet, seine im komisch-würdevollen Ernst vorgetragenen, erkennbar von Eifersucht mutdiktierten Ausführungen über Moral und Prostitution — hier wird Alltag und damit das Leben als moralisches Problem verhandelt, ohne dass der Film je im geringsten moralisierend zu werden brauchte.«

André Schneider

30. Juni 2020

Das Semester, das keines war. Danke, Corona! Es geschah viel in Heimarbeit. Zentrales Thema waren die reformpädagogischen Ansätze. Bevor wir alle zum Daheimbleiben aufgefordert wurden, konnten wir lediglich die Montessori-Einrichtung in Pankow besuchen; Waldorf, Waldkindergarten usw. mussten leider ausfallen. Behelfsweise haben wir in Gruppen Seminare zu den jeweiligen Ansätzen ausgearbeitet. Die hielten wir kurz vor der Zeugnisvergabe am 23. Juni. Mit Mundschutz, aber ohne Mindestabstand in einer Lernwerkstatt bei drückenden Temperaturen und ohne Frischluft. Kurzum: schön, dass es vorbei ist. Bin nun mitten in meiner Facharbeit, habe immerhin schon etwas über Sebastian Kneipp geschrieben und über die Kita, in der ich arbeite. Insgesamt bin ich aber nicht so schnell, wie ich sein möchte, da mich viel »Weltliches« unterbricht bzw. auf Trab hält: ob nun Chelito, der Durchfall hat, oder Ian, der nach einem leichten Schlaganfall in der Klinik liegt — meine Konzentration schweift immer wieder ab. Blöderweise handelt es sich stets um »Wichtiges«, das nicht ignoriert werden kann. Nun, ich werde schon fertig, und es wird auch alles gut laufen, das habe ich mir versprochen.

Immerhin kommt in sozialer Hinsicht das Leben wieder zurück: Lasagne mit Carola, Filmabend mit Tamara, Grillparty bei Steffi und Carsten, Brot und Spiele mit Freunden bei Ian. Zwar alles mit der gebotenen Distanz und Vorsicht, aber ich muss sagen, dass man sich an die Sache mit dem Abstand und sogar an die Masken ganz gut gewöhnt. Manchmal jammert man, klar, aber das ist auf hohem Niveau. In der S-Bahn schmökere ich in einem witzigen Buch, das Michaela mir ausgeliehen hat (»Das bisschen Hüfte, meine Güte« von der Online-Omi), und verkneife mir regelmäßig das Kichern. In Sachen Musik klebe ich immer noch an Troye Sivan. Mit Ian habe ich »The Politician« auf Netflix gesehen. Esse momentan viel Gemüse und mache mir Smoothies.
Die Fahrradwerkstätten sind heillos überlastet! Es geht nur mit Termin. Die eine wollte mich auf Mitte August vertrösten, bei der anderen bekam ich einen Termin am 9. Juli. Wenigstens das wird was. Ian wird dann schon zur Kur in Wilhelmshaven sein, und ich kann mit dem Rad nach Kreuzberg, um seine Vögel und Pflanzen zu versorgen.

An dieser Stelle möchte ich mich ganz, ganz herzlich bedanken: Es wird schon hell: Ein Corona-Nachtbericht hat sich in den ersten anderthalb Monaten knapp 40 Mal verkauft. Zwölf weitere Exemplare habe ich verschenkt. Dafür, dass ich nur hier und bei Facebook etwas Werbung gemacht habe und medial absolut nichts passiert ist (von der Hildesheimer Allgemeinen gab es eine Anfrage, aber das verlief dann im Sande), ist das schon beachtlich. Ende Juni ging das Buch in die zweite Auflage, da ich noch zwei Flüchtigkeitsfehler bereinigen wollte, die mich echt gewurmt hatten. Es wäre klasse, wenn sich durch Mundpropaganda noch zehn, zwölf Exemplare verkauften, dann bin ich schon zufrieden. Nochmals vielen Dank, auch für das durchweg positive Feedback!
Und damit schicke ich Euch fröhlich in den Juli. Ich hoffe, Ihr könnt den Sommer unbeschwert genießen.

André

Filmtipp #665: The Nice Guys

The Nice Guys

Originaltitel: The Nice Guys; Regie: Shane Black; Drehbuch: Anthony Bagarozzi, Shane Black; Kamera: Philippe Rousselot; Musik: David Buckley, John Ottman; Darsteller: Russell Crowe, Ryan Gosling, Angourie Rice, Matt Bomer, Kim Basinger. USA 2016.

Die 1970er sind seit den späten 1990ern im Kino beliebter, als sie es in den Siebzigern waren. Dies verdanken wir nicht zuletzt Quentin Tarantino, TV-Formaten wie »That ’70s Show« sowie Kino-Hits à la »Boogie Nights« (Regie: Paul Thomas Anderson) und »Starsky & Hutch« (Regie: Todd Phillips), die vor allem aufgrund ihres Designs sichere Garanten für volle Kassen waren. Die Kostüme und Frisuren, die Ausstattung und vor allem die Musik scheinen zeitlos en vogue zu sein. Shane Black, seit den »Lethal Weapon«-Filmen mit Mel Gibson eine feste Größe unter Hollywoods Autoren, hatte bereits in seinem Regie-Erstling »Kiss Kiss Bang Bang« (2005) den Siebzigern Tribut gezollt und wollte mit »The Nice Guys« eigentlich eine Fernsehserie aus der Taufe heben. Als die Verhandlungen ins Leere liefen, änderte er flugs die Struktur seiner Story und schrieb sie zu einem kinotauglichen Drehbuch um. Star-Produzent Joel Silver informierte im Sommer 2014 die Weltpresse darüber, dass die Actionkomödie mit Russell Crowe und Ryan Gosling in der Mache sei; im Mai 2016 feierte der Streifen dann seine umjubelte Premiere.

»The Nice Guys« erinnert inhaltlich und formell an die großen neo noir-Klassiker wie »Chinatown« (Regie: Roman Polanski) oder »Last Boy Scout« (Regie: Tony Scott): unselige Verquickungen von Politik und Wirtschaft, Korruption, private Verflechtungen. Shane Black führt uns ins Los Angeles des Jahres 1977. Ein Pornostar namens Misty Mountains (Murielle Telio) verliert bei einem fulminant in Szene gesetzten Autounfall ihr Leben. Ihre letzten Worte: »How do you like my car, big boy?« Ob es wirklich ein Unfall war oder nicht doch vielleicht Mord, das kann nicht geklärt werden. Um Licht ins Dunkel zu bringen, engagiert Mistys Tante (Lois Smith) den Privatdetektiv Holland March, gespielt von Gosling, der seinem komischen Talent hier ausgiebig Freilauf gönnt. March vermutet, dass es sich bei der Toten nicht um Misty handelt, sondern um eine gewisse Amelia (Margaret Qualley), die der Toten zugegebenermaßen sehr ähnelt. Doch Amelia mag nicht verfolgt werden und heuert den Berufsschläger Jackson Healy (Crowe) an, der March ordentlich vermöbelt und ihm den Arm bricht. Als Healy abends nach Hause kommt, wird er wiederum von zwei bewaffneten Kerlen erwartet, die ihn verprügeln, um Amelias Aufenthaltsort zu erfahren. Er schlägt die Kerle in die Flucht — und sucht erneut March auf, diesmal, um ihn um seine Hilfe zu bitten. Widerwillig springt der Privatdetektiv mit an Bord, um Amalia zu beschützen. Seine pfiffige Tochter Holly (Rice) unterstützt ihren Vater. Je tiefer die Drei ins Dickicht ihrer Ermittlungen vordringen, desto gefährlicher wird die Sache. Sie finden sich in einem Morast zwischen Pornografie, Autowirtschaft und politischer Macht wieder. Amelias Mutter (Basinger) betritt die Szenerie, und ein Auftragskiller (Bomer) hat die Fährte aufgenommen…

Flotte Sprüche, hohes Gewaltpotenzial, viel Action und ein cooler Look: »The Nice Guys« ist ebenso komisch wie spannend — ein wunderbarer Zeitvertreib für heiße Sommernächte. Die Stars sind in bester Spiellaune. Die während der Dreharbeiten erst 13jährige Australierin Angourie Rice stiehlt dabei ihren erfahrenen Kollegen mühelos die Schau, während Kim Basingers Auftritt einen Schreck auslöst; ihr einst wunderschönes Gesicht ist durch die zahllosen chirurgischen Eingriffe und hohe Botox-Dosen zu einer starren Maske geworden. (In »Fifty Shades Darker« (Regie: James Foley), ihrem nächsten Film, wurde es dann noch eine Spur schlimmer.) In Nebenrollen sind Yaya DaCosta, Keith David, Jack Kilmer (der Sohn von Val und Joanne Whalley), Gil Gerard sowie Beau Knapp als Blue Face zu sehen. Wer gut aufpasst, kann einen Blick auf Robert Downey Jr. in einer Statistenrolle (als Leiche!) erhaschen. Mit Preisen und Nominierungen überhäuft, spielte der rundum geglückte Streifen etwa 63 Millionen Dollar ein — ein klarer Gewinn gegenüber seinem moderaten 50-Millionen-Dollar Budget. Von den zahllosen Witzelkrimis der letzten Jahre liegt »The Nice Guys« als eine der wenigen deutlich über dem Durchschnitt: Die Lacher zünden auch beim wiederholten Anschauen noch, und die Detailverliebtheit der Inszenierung ist verblüffend.

André Schneider