18. Mai 2019

Das Filmfestival in Mexiko wird aus Kostengründen dieses Jahr nicht stattfinden. Die Veranstalter teilten uns das ziemlich geknickt via E-Mail mit. Dafür hat Les Fantômes jetzt spanische Untertitel. Vielleicht hilft uns das in Zukunft. Das Festival in Brasilien findet wie geplant statt, und vorige Woche erhielten wir Zusagen aus Palermo und Shanghai, aber insgesamt rollt der Karren eher gemächlich. Wir sind dabei, den Gedanken, irgendwann einen Verleih zu finden, der unseren Film vertreiben möchte, zu begraben. Selbst die (erfolgreichen) hinter uns liegenden Festivals in England, USA und Rumänien — in Cluj-Napoca war Les Fantômes immerhin als Bester Film nominiert — ändern daran nichts. Unlängst sah ich einen Beitrag über Independent-Filme. Dank des immer preiswerter werdenden Equipments ist es immer noch ohne große Probleme möglich, Filme kostengünstig zu produzieren. Das Problem liegt darin, die Filme ans Publikum zu bringen. Obwohl es tausende Festivals weltweit gibt — besonders für Animations- und Kurzfilme ist der Markt groß —, ist es schier unmöglich geworden, sich irgendwo zu platzieren, also angenommen zu werden. Ian hat die letzten »Ein Liebhaber für drei«-Drehtage für den August angesetzt. Damit hat sich der Dreh auf ein ganzes Jahr ausgedehnt. Die Kosten sind regelrecht explodiert, obwohl wir alle für lau gearbeitet haben. Dann wird alles geschnitten und bearbeitet, die Musik wird komponiert und eingespielt, einige Szenen müssen nachsynchronisiert werden, anschließend kommen Feinschnitt, Tonabmischung und Farbkorrektur. Mit anderen Worten: Vor dem Jahreswechsel wird der Film nicht fertig sein. Dieses Projekt fraß Ian dann gut und gerne drei Jahre Lebenszeit. (Den finanziellen Aspekt erwähne ich gar nicht erst.) Die Angst, dass »Ein Liebhaber für drei« ins Leere laufen könnte, ist wie ein Dolchstoß für die Motivation. In rührender Naivität hatte ich früher immer geglaubt, dass Qualität sich grundsätzlich immer durchsetzt und ein guter Film (ein gutes Buch, ein gutes Album usw.) irgendwann unweigerlich sein Publikum findet. Dem ist nicht so. Es kostet viel Zeit und Mühe, ein Publikum zu generieren. Viele Festivals erheben ob der Fülle an eingesandten Filmen eine Einreichgebühr (submission fee) zwischen 100 und 300 Euro. Die Zahlung ermöglicht, dass die Mitarbeiter den Film zumindest sichten und in Erwägung ziehen. Dass der Film dann auch tatsächlich ins Programm aufgenommen wird, ist nicht garantiert. Viele Filmemacher, gerade die jüngeren, haben all ihr Geld in die Herstellung des Films investiert und haben anschließend gar nicht mehr die Möglichkeit, tausende von Euros für die Festival-Einreichungen bereitzustellen. Wie’s aussieht, gehört die kulturelle Zukunft jenen, die finanziell unabhängig (independently wealthy) und nicht darauf angewiesen sind, von ihrer Kunst zu leben.

Gestern war der Internationale Tag gegen Homo-, Trans- und Biphobie. Ich finde es peinlich und auch irgendwie bekloppt, dass es den geben muss. Das gilt ebenso für den Internationalen Tag gegen Rassismus (21. März). Rassismus und Homophobie, das schrieb ich bereits vor gut zehn Jahren, sind vom Prinzip her dasselbe. Ein Mensch kann seine Hautfarbe und seine Sexualität nicht ändern. Wie man jemanden aufgrund dessen abwerten kann, werde ich bei aller Empathie wohl nie ganz nachvollziehen können. Dass ich diesen Tag überhaupt erwähne, liegt an der Geschichte von Kevin, die gestern die Runde machte und mir den Hals zuschnürte. Kevin ist heute 32 Jahre alt, schwul und wohnt in Champigny-sur-Marne. In der Nacht vom 4. zum 5. März 2018 wurde er in Drancy in einen Hinterhalt gelockt und von drei Jugendlichen — sie waren 15, 17 und 18 Jahre alt! — beinahe getötet. Sie traten ihm gegen den Kopf und stachen auf ihn ein. Die Alarmanlage seines Wagens rettete ihm das Leben. Ein Stich durchbohrte seine Lunge. Seine Atmung wird für immer eingeschränkt bleiben. Körperliche Aktivitäten sind nicht mehr möglich, nur langsame Spaziergänge. Selbst ein normales Gespräch lässt ihn innerhalb weniger Minuten aus der Puste kommen. Gelockt hatte man ihn über ein Datingportal. Aber man muss nicht nach Frankreich schauen, die Kriminalstatistiken aus dem oh so weltoffenen, toleranten Berlin sind alarmierend. Wer sich offen zeigt, wird in einigen Bezirken zur Zielscheibe. 2017 und 2018 allein kamen 245 homo- oder transphobe Übergriffe zur Anzeige. Die Dunkelziffer dürfte ungefähr dreimal so hoch sein. (Maneo benennt für das Jahr 2017 allein eine Zahl von 324 Übergriffen, Tendenz steigend.) Meine Haltung kennt Ihr ja. Ich habe mich nie klar definiert oder in eine Schublade gesteckt. Einfach, weil es mir darin zu eng wäre und ich mein Leben nicht durch ein albernes Etikett einschränken möchte. Aber die beiden Langzeit-Beziehungen in meinem Leben habe ich mit Männern geführt, und insofern geht mich das auch persönlich etwas an. Menschenrechte sind Menschenrechte. Gelten für jeden. Und das mit dem Artikel 1 des Grundgesetzes ist auch eine prima Sache. WÜRDE sollte mehr als ein schönes Wort sein und im täglichen Umgang gelebt werden. Unterm Strich ist der Gedanke natürlich utopisch. Es wird immer Rassismus (Homophobie, Antisemitismus usw.) geben. Diskriminierung kommt aus dem Lateinischen: discriminare heißt zunächst einmal nichts anderes als trennen oder unterscheiden. Solange es Gesellschaft gibt, wurde und wird immer getrennt und unterschieden (werden). Der Mensch möchte sich ja auch selbst abgrenzen. Das Gefühl von Sicherheit, das man damit anstrebt, ist nachvollziehbar. Auch Xenophobie ist psychologisch gesehen absolut verständlich. Und natürlich muss mir nicht alles gefallen, was ich sehe, höre, erlebe. Aber der kategorische Imperativ — »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.« — ist doch ein herrlich einfacher moralischer Leitfaden. (Danke, Herr Kant!) Wenn sich nur mehr Menschen an ihn hielten, wäre viel gewonnen. — Themenwechsel: Ich schrieb unlängst über die Philosophie-Sendungen im SRF. Inzwischen bin ich bei Philipp Hübl und Yves Bossart angelangt. Mag nicht zu viel dazu schreiben, ich möchte es Euch nur empfehlen.

Im Bundesplatz-Kino konnte man sich am 11. Mai kostenlos One, two, three von Billy Wilder anschauen. Ich nahm drei Freunde mit. Es war köstlich! Man vergisst manchmal, wie gut manche Filme sind. Im Gespräch kamen wir irgendwie auf Doris Day zu sprechen. Tamara sagte: »Es ist beruhigend zu wissen, dass sie noch da ist.« Zwei Tage später starb Doris Day an einer Lungenentzündung in ihrem Haus in Carmel. Wir waren wie betäubt vor Schreck. Vor einem Monat hatte sie noch bei bester Gesundheit ihren 97. Geburtstag gefeiert. Sie war stets mehr Darstellerin als Schauspielerin. Vermutlich hat man sie deshalb in Hollywood nie so richtig wertgeschätzt, obwohl sie 39 Filme in 20 Jahren drehte und zehn Jahre lang zu den erfolgreichsten Stars im Business gehörte. Die Kritiker nahmen ihre Filme mit oft hämischen Kommentaren auf die Schippe: »She appears to have reached that stage where massive wigs and nutty clothes and acrobatics cannot conceal the fact that she is no longer a boy«, schrieb die »New York Times« 1967 über ihren Auftritt in »Caprice« (Regie: Frank Tashlin). Das Publikum liebte sie. Und tut es noch heute. Ich tue es auch. Wenn ich ihr Gesicht sehe oder ihre Stimme höre, muss ich lächeln. Es kann einem noch so schlecht gehen, wenn man sich Pillow Talk, The Thrill of It All, The Glass Bottom Boat, Lover Come Back oder »Move Over, Darling« (Regie: Michael Gordon) anschaut, geht es einem gut. Und dass das nach über 60 Jahren noch funktioniert, ist ein Verdienst, wie er größer nicht sein könnte! Diese Frau war ein Antidepressivum auf Beinen. Sie war wundervoll und hatte weitaus mehr zu bieten, als man ihr zutraute. Ihre Aufnahme von »Fly Me to the Moon« ist die mit Abstand erotischste und beste Version, die es von dem Song gibt. Sie brachte ihn 1965 auf ihrem Album »Latin for Lovers« heraus, meiner Lieblingsplatte von ihr. Sie selbst sagte einem Journalisten am Anfang ihrer Karriere, dass sie die Menschen glücklich machen möchte. Das ist ihr mehr als gelungen. Gute Reise, Frau Kappelhoff!

Am Dienstag waren wir mit der Schule im Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Schulzendorf. Es war spannend und schön zu sehen, wie gut die Kinder untergebracht sind und wie kompetent und liebevoll man sich ihrer annimmt. Klausuren und Klausur-Ersatzleistungen geben sich die Hand, beinahe täglich wird etwas abgegeben und benotet. Im Augenblick sieht es so aus, als würde ich Klassenbester bleiben. Was das Herbst-Praktikum angeht, bin ich ganz gut in der Spur. Gestern wurde ich in der Kiefholz-Grundschule vorstellig, kommenden Mittwoch bin ich in der Rosa-Parks-Grundschule.
Ein schöner Frühlingstag heute. Strahlend blauer Himmel und endlich auch etwas wärmer. Am Donnerstag regnete es so stark, dass wir nicht mit den Kindern in den Garten konnten, was für uns alle nicht besonders schön war. Das Konzert von Fabrizio Cammarata habe ich nicht besuchen können (kein Geld), dafür höre ich ihn im Hintergrund. Vielleicht kann ich zu James Blake gehen. Der tritt am 9. November in der Verti Music Hall auf. Werde gleich einen längeren Spaziergang mit Chelito machen, der heute endlich mal ausschlafen konnte. Danach ein paar Einkäufe, Wäsche waschen, Bett beziehen, für die anstehenden Klausuren lernen. Wochenende. Ich wünsche Euch genussvolle Momente und schicke herzliche Grüße,

André

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Filmtipp #619: Im Rausch der Sinne

Im Rausch der Sinne

Originaltitel: Fieras sin jaula/Due maschi per Alexa; Regie: Juan Logar; Drehbuch: Francesco Campitelli, Jesús L. Folgar, Juan Logar; Kamera: Igino Florentini; Musik: Piero Piccioni; Darsteller: Juan Luis Galiardo, Curd Jürgens, Rosalba Neri, Emma Cohen, Manolo Otero. Spanien/Italien 1971.

»Miserable Unterhaltung auf Illustriertenniveau«, schimpfte einst das deutsche Feuilleton, als diese schmierige Produktion im Herbst 1974 mit einiger Verspätung unter dem Titel »Bitterer Whisky« in den hiesigen Lichtspielhäusern startete. Heute, 45 Jahre später, ist dieses Urteil zwar immer noch gut nachvollziehbar, doch wäre man angesichts der unleugbaren Qualitäten mittlerweile sicher gnädiger. Allein der Besetzung wegen ist »Fieras sin jaula« sehenswert. Da wäre natürlich an vorderster Front Curd Jürgens, der ja auf schlechte Filme abonniert war und sich einen Dreck darum scherte: »Diese Filme ermöglichen mir einen Lebensstil, von dem die meisten Schauspieler noch nicht einmal träumen können, und das Publikum liebt sie.«
Jürgens mimt einen alternden Bankier namens Ronald Marvelling, der vollkommen liebesverblendet und hormonduselig auf die fast 30 Jahre jüngere Alexa (Neri) reinfällt und diese auch noch heiratet — sehr zum Missfallen seiner Tochter Catherine (Cohen), die das durchtriebene Luder sofort durchschaut. Die neue Stiefmutter ist nämlich nicht nur geld-, sondern auch sexsüchtig und bevorzugt zur Befriedigung ihrer fleischlichen Gelüste dann doch eher jüngere und knusprigere Männer. Schon kurz nach der Trauung bricht Alexa mit ihren Eskapaden das in Liebe entflammte Millionärsherz, indem sie sich regelmäßig und nicht gerade diskret von dem schönen Pietro (Galiardo) durchwummern lässt. Anstatt seiner untreuen Gattin einmal gehörig die Leviten zu lesen und um Scheidung zu ersuchen, schmiedet der desillusionierte Ronald einen Racheplan, der heutzutage an die »Saw«-Reihe erinnert: Als Alexa und Pietro in Ronalds abgelegenen Ferienhaus am Meer ein lustsafttriefendes Wochenende verbringen, steht unerwarteterweise der gehörnte Gatte im Schlafzimmer und setzt dem stürmischen Nachmittagsfick ein jähes Ende, indem er sich vor den Augen der beiden Ehebrecher mit einem Kopfschuss das Leben nimmt. Und das ist erst der Anfang, denn noch während das Pärchen geschockt auf die Leiche starrt, ertönt ein tosender Knall, ausgelöst durch das Herabfallen massiver Stahlrolläden vor den Fenstern. Alexa und Pietro sind in einem ausbruchssicheren Zimmer gefangen, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt…

Eine simpel konstruierte und wenig originell umgesetzte Story ohne besondere Höhen und Tiefen. Was uns entschädigt, ist in allererster Linie die Musik Piero Piccionis, die jazzig den Vor- und Abspann untermalt und dazwischen oft zum Mitwippen animiert. Es swingt schmissig, hier und da schiebt sich eine dominante Orgel in die Gehörgänge. Es ist eine sehr gelungene Komposition. Auch nicht zu verachten ist die dreckige Synchronisation aus dem Hause Schier, die den Streifen in der deutschen Version verdammt sleazy klingen lässt. Das spanische Original ist im Vergleich sprachlich recht sophisticated.
Die Schauspieler liefern allesamt überzeugende Darbietungen ab. Die offensichtlich an einer starken Textilallergie leidende Rosalba Neri macht sich — wie in praktisch jedem ihrer Filme — ausgiebig nackig und turnt akrobatisch durch die Lotterbetten. Sie vögelt mit einem Philippe (Manolo Otero), einem George aus Kalifornien, einem Peter aus England, einem Marco, einem Silvio und so weiter. Ihr Treiben macht die überbordende Eifersucht von Curd Jürgens’ Figur mehr als glaubwürdig. Dessen sadistisches Psychospiel ist Dreh- und Angelpunkt dieses Dramoletts. Er spielt die Verbitterung des von der Liebe enttäuschten Multimillionärs mehr als souverän. Was diesen Giallo-Hybriden zu einem echten guilty pleasure macht, ist die Mitwirkung Juan Luis Galiardos, der in den knappen Badehöschen einfach zum Anbeißen aussieht. Galiardo war ein ausnehmend hübscher und beneidenswert wandlungsfähiger Schauspieler, der seinem Pietro eine Vielschichtigkeit verleiht, die im Skript vermutlich gar nicht vorgesehen war. Zunächst einmal ist er der heiße Liebhaber, der es schafft, die eiskalte Nymphomanin Alexa zu erwärmen — es scheint sogar, als hätte sich das notgeile Flittchen ein bisschen in ihn verliebt. Doch dann, wenn der eiserne Vorhang die beiden zu Gefangenen macht, zeigt er sein wahres Gesicht: das zuvor ständig gebrauchte Wörtchen »Wir« wird durch ein schnödes »Ich« ersetzt und Pietro erniedrigt seine Stute nach Strich und Faden. Das gegenseitige Zerfleischen im Angesicht des nahenden Todes ist kurzweilig anzuschauen und macht »Fieras sin jaula« schließlich doch noch zu einem derben Vergnügen.

Die gut aufgemachte DVD-Veröffentlichung von X-Rated beglückt mit einem spannenden Audiokommentar, der uns auch über die vielen unterschiedlichen Schnittfassungen von »Fieras sin jaula« aufklärt. So beginnt die deutsche Fassung mit pittoresken Paris-Aufnahmen, während in der spanischen Fassung Curd Jürgens durch blühende Landschaften gurkt, während die treulose Rosalba Neri in rasanten Gegenschnitten den Freuden des Wasserskis frönt. In Italien und in der BRD war der Film in den 1970ern satte zwölf Minuten kürzer als in seinem Heimatland Spanien. Das Team von X-Rated bemühte sich redlich, die Ursprungs-Vision von Regisseur Logar wiederherzustellen. Ob dieses hehre Ziel erreicht wurde, lässt sich nicht einwandfrei nach- oder überprüfen. So oder so wurden aus den 71 bzw. 83 Minuten Laufzeit 84 (auf der DVD) bzw. 87 (auf der BluRay), so dass man mehr Zeit hat, das abgeschmackte Intrigenspiel zu bestaunen.

André Schneider

2. Mai 2019

Es hebt sich mein Köpfchen aus der Versenkung, um meine Gedanken auf Euch loshoppeln lassen zu können. Ich habe mir zwei Tage Urlaub genommen, um mich ein wenig zu sortieren, für die anstehenden Klausuren zu lernen und morgens mal ohne Weckerklingeln aufzustehen. Obwohl mir Freunde sagen, dass ich zufrieden und ausgeglichen wirke, ist es unübersehbar, dass ich zugenommen habe — bei mir immer ein Zeichen für Stress — und ständig müde bin. Im März war ich mal wieder krank; an meinem Geburtstag ging es los, und noch am 30. und 31. kämpfte ich mit hohem Fieber. An dem Wochenende sah ich »Us« (Regie: Jordan Peele), und die Fieberträume im Anschluss hatten’s in sich. Die Bilder aus dem Film überrollten mich, klatschten zusammen, es folgten kurze Flashs des Begreifens, Formulierungen, Zusammenhänge ohne Faden. Es war der pure Horror. Literweise Kopfschweiß. Meine Kopfkissen konnte ich morgens auswringen. »Us« erinnerte mich an »The Birds« (Regie: Alfred Hitchcock). Dort stehen die Vogelattacken für eine aus den Fugen geratene Weltordnung: Das Auftreten der Frau (Tippi Hedren) bringt eine innige Mutter-Sohn-Beziehung aus dem Gleichgewicht. Die Angriffe aus der Luft — aus dem Nichts — versinnbildlichen diese Störung. In »Us« sind es die Doppelgänger aus der Tiefe, welche die verdrängte Seite eines selbstgefälligen Lebensstils symbolisieren, welcher im Kern auf Unterdrückung beruht — auch der Unterdrückung des eigenen Selbst. Wolgang M. Schmitt schrieb: »Es lässt tief blicken, dass sich derzeit viele Kritiker und Fans dabei überbieten, Peeles neuen Horrorfilm als einen Beitrag über Rassismus zu interpretieren […]. Offenbar lösen schwarze Figuren im Mittelpunkt […] sofort einen bedenklichen Rezeptionsreflex aus. Dabei ist ›Us‹ keineswegs ein Film über Rassismus. Jordan Peele macht postrassistisches Kino. Seine Filme fragen nach dem Tag danach, wenn vieles bereits erreicht ist und eine verstörende Normalität sich einstellt. Eben deshalb ist auch nicht unerheblich, dass der Regisseur in ›Us‹ auf schwarze Hauptdarsteller setzt; sonst könnte der Film leichtfertig als ein Werk über Luxusprobleme von Weißen betrachtet werden.« — In meinen Alpträumen nach dem Filmgenuss kam mir ein altbekanntes Nietzsche-Zitat in den Sinn: »Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.« Das und der alte Gedanke, dass das, was wir am meisten fürchten, nicht das Fremde ist, sondern wir selbst, unsere eigenen Dämonen, die Schattenseiten, das ureigene metaphysische Geheimnis, die intimsten Wünsche, kurzum: das, was wir an uns selbst nicht wahrhaben wollen. »Us« ist ungeheuer verstörend. Auf die Horrorfilm-typische Frage »Wer seid ihr?« antwortet Lupita Nyong’os Doppelgängerin: »Wir sind Amerikaner.« Diese Szene, dieser Satz ist der Schlüssel zur Entzifferung des Films. Handwerklich ist »Us« geglückt, nicht überragend. Nichts in der Inszenierung lenkt ab von der schlichten Brillanz der Konstruktion und den schauspielerischen Leistungen, die das Zeug haben, Filmgeschichte zu schreiben. Das von Lupita Nyong’o entworfene Frauenbild ist in der heutigen Kinolandschaft eine spannende Ausnahmeerscheinung.
Im April war ich genesen und konnte sogar ab und an das Haus verlassen. Eileen feierte ihren Geburtstag und Sirko auch, ich habe eine Lesung von Erika Pluhar besucht und war mit Gérard im Konzert (Hauschka und Alma Quartet im Konzerthaus). Ich habe noch einen Gutschein für die Schaubühne, aber auf dem Spielplan stehen fast ausschließlich Ostermeier-Inszenierungen. Mein Masochismus reicht dafür nicht aus. Und ja, das ist in gewisser Weise auch eine kulturethische Frage. Wer keine klare Aussage für sich formulieren, den Zugang zum Werk nicht finden kann und seinem Unterhaltungsanspruch nicht gerecht wird, sollte diesen Beruf nicht ergreifen, »because the airwaves are already polluted with illusion, deluison, and complete bullshit«, um Sandra Bernhard zu zitieren. Doch leider gehört es zu den traurigen Auswüchsen des Poststrukturalismus, Kunst und Literatur abzuwerten. Diese Chuzpe, sich über das Werk eines Autors zu stellen, es zu sezieren und hinterher zu behaupten, es sei nichts wert, ist widerwärtig. Und leider, leider findet man diese Unart bei vielen Regisseuren. Die wären besser im Feuilleton aufgehoben, dort liebt man diese Überheblichkeit. An den deutschen Bühnen indes inszenieren sie zielsicher am Publikum vorbei, das schlussendlich ja auch in Scharen wegbleibt. Ich bin der altmodischen Überzeugung: Wenn das Publikum geht, ist der Grund dafür in der Regel auf der Bühne zu suchen. Doch genug von Ostermeier, entschuldigt meine Tirade.

24. Oktober 2015: Adieu, liebe Locken!

Da ich abends kaum die Energie habe, einem Spielfilm meine Aufmerksamkeit zu widmen, höre ich mir Interviews und Talkrunden an. Svenja Flaßpöhler könnte ich stundenlang zuhören. Durch sie bin ich auf Salomé Balthus aufmerksam geworden, die Tochter Reinhard Lakomys, welche heute Philosophin und Prostituierte ist und fabelhafte Kolumnen schreibt. Meine neue Lieblingssendung ist »Der Philosophische Stammtisch« im SRF. Auch die von Barbara Bleisch moderierten »Sternstunden« sind hochgradig spannend. Darauf bin ich gestoßen, weil ich mehr über Eva Illouz erfahren wollte. Ihre Bücher »Warum Liebe weh tut« und »Warum Liebe endet« beschäftigen mich noch immer. Ihre These von den »negativen Beziehungen« dürfte schwer zu widerlegen sein. Dass die Kommerzialisierung der Intimität sich auf unsere Bindungen auswirkt, liegt auf der Hand. Ehen werden aus Gründen der Selbstverwirklichung eingegangen und aus denselben Gründen wieder geschieden. Negative Beziehungen sind laut Illouz Beziehungen ohne wirkliche Bindung, Beziehungen, die eigentlich gar nicht enden können, weil sie nie wirklich begonnen haben, da sich keine der Parteien wirklich auf die andere eingelassen hat. Illouz schreibt klar und deutlich und auch für Laien gut verständlich. (Michael Adrian hat die Bücher vorzüglich aus dem Englischen ins Deutsche übertragen.) Nicht nur ihre Bücher — keine Ratgeber übrigens, sondern philosophisch-soziologische Analysen — möchte ich Euch ans Herz legen, sondern auch die Interviews und Vorträge auf YouTube. Die Faszination für die Geisteswissenschaften wird wohl nie enden. Was an und für sich gut ist, aber diese Fülle an Wissen überfordert doch zuweilen, die Fakten schlagen Purzelbäume, und im Gespräch kann ich das, was ich gelernt habe, oft nicht adäquat wiedergeben. Nur wenige schreiben so pointiert und geordnet wie Illouz, Paglia oder Flaßpöhler. Manchmal lohnt sich die lange Suche. — Wo ich gerade beim Lesen bin: Eileen schenkte mir einen Roman zum Geburtstag, »Venus as a Boy« von Luke Sutherland. Schon während der ersten 30 Seiten dachte ich: »Das wäre ein toller Hickling-Film.« Hab ihm sofort davon erzählt, und er klang begeistert.
Zwischen all dem Entsetzen über Christchurch (Neuseeland), Notre-Dame und Sri Lanka, den Empörungen über Brunei und Brexit bin ich am lernen. Die Gitarre quält mich und ich quäle sie. Mein Spanisch wird wieder besser. Meine Klassenlehrerin rief mich in den Osterferien an und klang besorgt: »Ich habe den Eindruck, dass Sie sich oft unterfordert fühlen.« Ja, bleibt nicht aus. Unlängst sprachen wir im Unterricht drei volle Stunden über »die kreative Persönlichkeit« und warum man sie fördern sollte. So sehr wir über unser Schulsystem auch schimpfen: das hatte ich bereits in der achten Klasse. — Am 15. Juli startet mein Praktikum in Frankreich, im November beginnt das nächste, vermutlich in der Rosa-Parks-Grundschule in Kreuzberg. Vor mir liegen noch anderthalb Jahre Ausbildung und meine Facharbeit. Ob ich im Anschluss in Berlin bleiben werde, weiß ich nicht. Das Pendel zwischen »Auswandern« und »Bleiben« schwingt hin und her. Berlin ist, wenn man schon mit geputzten Zähnen das Gefühl hat, overdressed zu sein. Für die Provinz hingegen ist man nach 20 Jahren Großstadt verdorben.

“Chelito, willst du auswandern oder hier bleiben?”

Während ich diese Zeilen schreibe — für mich, für Euch —, wird in Bockhorn meine Oma Hanna zu Grabe getragen. Sie war am 23. April verstorben, vier Monate vor ihrem 97. Geburtstag. Eine meiner Cousinen war bei ihr und hielt ihr die Hand. Meine Mutter rief mich gegen 22 Uhr an, um mich zu informieren, dass Oma am frühen Abend eingeschlafen war. Mit sechs Kindern, 13 Enkeln, neun Urenkeln und vier Ururenkeln hinterlässt sie schöne Spuren auf der Welt. Nach dem Tod meiner Oma Agnes vor zehn Jahren war Oma Hanna jetzt die letzte meiner »näheren Verwandten«, die das Zeitliche segnete. Noch am selben Abend kondolierte ich einer Cousine, mit der ich via Facebook sporadisch in Kontakt war. Ihre Antwort: »Ist nicht dein Ernst, oder? Du hast Oma seit zwölf Jahren nicht besucht!« Das war der Auftakt zu einer Serie von Unappetitlichkeiten seitens der Familie, die meine Schwester und mich dazu veranlassten, der Beerdigung fern zu bleiben. Natürlich hatte Cousinchen völlig recht: Wir hatten unsere Großmutter kaum noch gesehen. Der Kontakt wurde von den Geschwistern meines Vaters weitgehend unterbunden. Die Entfremdung ist nicht zu leugnen. Den ersten Bruch gab es vor 35 Jahren, als meine Eltern von meiner Tante aus dem Haus geworfen wurden. Ich war sechs, meine Schwester zwei Jahre alt. Vor sieben, acht Jahren fing ich an, Oma regelmäßig zu schreiben, einmal monatlich im Schnitt. Ob sie meine Post erhalten hat, weiß ich nicht, doch es war mein Versuch einer Anteilnahme. Mit der heutigen Beisetzung wird das unselige Kapitel mit diesem Teil der Familie geschlossen. Mit Abscheu denke ich an eine der letzten Familienzusammenkünfte. Nichtssagende Gespräche in angespannter Atmosphäre. Eine Cousine, hochschwanger, mit abgefaulten Zähnen und einer Fluppe in der Hand. Opas Bild über dem Sofa wie eh und je, Oma mit Teetasse, um sie herum lautes Grölen, Gelächter und Raucherhusten. Mama nannte diese Verwandten immer »die Flodders«. Abgesehen von dem unangenehmen Fremdeln war da auch etwas von Fremdscham, von einem tiefen Unverständnis. In den vergangenen Tagen dachte ich viel an meinen Vater und daran, was diese Querelen und Zwistigkeiten mit ihm gemacht haben. Ich weiß, dass er sehr an seiner Mutter hing und sie an ihm. Na ja, Mütter und Söhne, Ihr wisst schon. Es hat ihm sehr weh getan und tut es noch immer. Er ist ein Familienmensch, dem der frühe Tod des Vaters bis heute zu schaffen macht. Dies alles ist nur die Spitze des Eisberges, den Rest erspare ich uns, der heutige Beitrag ist ohnehin schon viel zu lang geworden.
Auf bald, kommt gesund ins Wochenende,

André