Filmtipp #559: Die Farben der Nacht

Die Farben der Nacht

Originaltitel: Tutti i colori del buio; Regie: Sergio Martino; Drehbuch: Santiago Moncada, Ernesto Gastaldi, Sauro Scavolini; Kamera: Giancarlo Ferrando, Miguel Fernández Mila [Miguel F. Mila]; Musik: Bruno Nicolai; Darsteller: George Hilton, Edwige Fenech, Ivan Rassimov, Nieves Navarro [Susan Scott], Marina Malfatti. Italien/Spanien 1972.

Thematisch evoziert Sergio Martinos bester Giallo Erinnerungen an Il profumo della signora in nero, jenen sylphidenhaft-etherischen Okkult-Schocker, in welchem Mimsy Farmer fatalerweise ihren Sinnen misstraut und dadurch offenen Blickes in ihr Verderben rennt. Optisch ist der drei Jahre früher entstandene »Tutti i colori del buio« sogar noch ansprechender. Die Reißschwenks der Kameramänner Ferrando und Mila sind geradezu exzessiv und sorgen beim Zuschauer für Atemlosigkeit und Desorientierung. Wie schon zuvor in Lo strano vizio della Signora Wardh muss sich Edwige Fenech mit Konfusion und alptraumhaften Illusionen herumschlagen, die sich im Laufe der Handlung mehr und mehr steigern. Martino schickt sie und das Publikum auf einen psychedelischen Trip in die Metropole der swinging sixties — London war und blieb für zahlreiche Giallo-Macher der Ort der Wahl. In »Tutti i colori del buio« werden die (damals) fotogensten Ecken der Themse-Stadt eingefangen: Holland Park, Embankment und Kenilworth Court (Lower Richmond Road) in Putney sind prominent in Szene gesetzt, betörend und verstörend.

Der Streifen beginnt mit einer etwa zweiminütigen Einstellung, die einem Stillleben gleichkommt: ein Park, ein See, etwas Bodennebel, dahinter ein Wäldchen, Ruhe, Abenddämmerung. Keine Musik, nur die Geräusche der Natur (leises Blätterrauschen, Vögel) — so friedvoll und harmonisch beginnt kein zweiter Giallo. Doch der Schein trügt. Noch bevor der Titelvorspann vorbei ist, schleichen sich dissonante Töne ins Bild, die getragene Stimmung wird jäh gestört, eine von Bruno Nicolais bedrückendsten Kompositionen stimmt uns ein auf eine bizarr-gruselige Traumsequenz, ein visueller Amoklauf inklusive Montage-Stakkato und »Alice im Wunderland«-Ästhetik. Als Edwige Fenech, die gebeutelte Heroine so vieler Gialli, hochschreckt, kommt dies auch für den Zuschauer einer Erlösung gleich. Doch die ist nur von kurzer Dauer.
Das ungeschriebene Gesetz, dass hinter jedem guten Thriller eine tiefe menschliche Tragödie klafft, befolgen Martino und sein Autor Gastaldi in »Tutti i colori del buio« geradezu sklavisch. So erfahren wir, dass Fenech bei einem Verkehrsunfall ihr ungeborenes Kind verlor und unter posttraumatischen Störungen leidet, die sich unter anderem in quälerischen Alpträumen niederschlagen. All dies belastet auch ihre Beziehung zu dem Kindsvater, gespielt von George Hilton. Nieves Navarro alias Susan Scott tritt als Fenechs besorgte Schwester auf, die ihr eine Therapie bei einem von George Rigaud verkörperten Psychiater nahelegt. Doch noch bevor es zu einem ersten Termin kommt, begegnet Fenech der geheimnisvoll-schönen Marina Malfatti im Treppenhaus ihres Wohnhauses. Malfatti ist gerade erst eingezogen und sehr freundlich. Nachdem Fenech ihr bei einer Tasse Tee ihr Leid geklagt hat, bietet die Nachbarin ihr großzügig ihre Hilfe an: Die Teilnahme an einem okkulten Ritus soll die Geplagte von ihren Alpträumen kurieren. Es kommt, wie es kommen muss, und die leichtgläubige Edwige findet sich kurze Zeit später in einer wahren Freak-Show wieder, in deren Rahmen ihre Visionen brutale Realität zu werden scheinen. Paralysiert und schockiert wird sie Zeugin, wie ihre Nachbarin sich im Rahmen der schwarzen Messe umbringt. Ebenfalls zugegen ist der von Ivan Rassimov dargestellte Mann, der sie in ihren Träumen bereits mehrfach mit einem blitzenden Messer attackiert hat. Ob Fenech sich aus den Fängen der Sekte befreien kann, wem sie noch trauen kann und ob das Ganze nicht vielleicht doch Auswüchse einer latenten Geisteskrankheit sind — das sind die Fragen, mit denen sich »Tutti i colori del buio« in seiner zweiten Hälfte beschäftigt.

»Tutti i colori del buio« ist ein rundum geschlossenes Meisterwerk. Das fängt bei dem sorgfältig arrangierten Anfangsbild an und kulminiert im kongenialen Zusammenspiel von Schnitt und Ton. Der Film, der dritte der fünf Martino-Gialli, bildet quasi Mittel- und Höhepunkt dieser Schaffensperiode. Die symbolbefrachteten Elemente der Traumbilder nehmen bereits Motive aus »Profondo rosso« (Regie: Dario Argento) vorweg, es finden sich reichlich Polanski-Referenzen — Repulsion und »Rosemary’s Baby« (1968) —, und (natürlich) wird Hitchcock Tribut gezollt: wir finden Hinweise auf Suspicion, Marnie, »Vertigo« (1958) und »Notorious« (1946), die Fahrstuhszene gemahnt an Midnight Lace. Mario Bava stand mit Sei donne per l’assassino Pate, Dario Argento mit Il gatto a nove code. Wenn man zitiert, dann nur die Besten! Und »Tutti i colori del buio« selbst bietet Bilder, die Argento als Inspiration für »La sindrome di Stendhal« (1995) gedient haben dürften: Auf dem Glas eines Bilderrahmens spiegelt sich der Fremde. Mehrfach wechselt der Fokus, wird die Schärfe mal auf Fenech, dann auf die Spiegelung des Mannes gelegt, nahezu einen Taumel verursachend. Die Wohnung scheint durch den Einsatz einer Speziallinse skurril vergrößert und verzerrt, eindeutig die gestörte Wahrnehmung der Heldin reflektierend und an Catherine Deneuve in Repulsion erinnernd. Das Beziehungsgeflecht zwischen Edwige Fenech und George Hilton weist Strindberg’sche Züge auf, eine skandinavische Schwere und Komplexität, wie sie von Bergman mit Vorliebe seziert wurden.
Darstellerisch liegt »Tutti i colori del buio« deutlich über dem handelsüblichen Giallo-Durchschnitt. Edwige Fenech wirkt ein wenig zu stark und robust für ihre zerbrechliche Rolle, schlägt sich aber ordentlich. Nieves Navarro und Marina Malfatti sind hingegen perfekt besetzt und bringen einprägsame Leistungen. Die Herren Rassimov und Hilton sind in für sie typischen Parts zu sehen: Rassimov diabolisch, Hilton undurchsichtig.

Die auf 666 Exemplare limitierte Box von X-Rated bietet neben einer hervorragenden BluRay auch eine DVD mit tollen Extras sowie ein umfangreiches filmanalytisches Booklet von Martin Beine. Jeder Giallo-Fan sollte dieses psychedelische Filmkunstwerk in seiner Sammlung haben. Ich gehe sogar noch weiter: Solltet Ihr in Eurem Leben nur fünf Gialli sehen wollen, so muss dieser dabei sein.

André Schneider

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Filmtipp #558: Der Schwanz des Skorpions

Der Schwanz des Skorpions

Originaltitel: La coda dello scorpione; Regie: Sergio Martino; Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Sauro Scavolini, Eduardo Manzanos Brochero [Eduardo M. Brochero]; Kamera: Emilio Foriscot; Musik: Bruno Nicolai; Darsteller: George Hilton, Anita Strindberg, Alberto de Mendoza, Ida Galli [Evelyn Stuart], Luigi Pistilli. Italien/Spanien 1971.

In Lo strano vizio della Signora Wardh war es das architektonisch erdrückende, kalte und behäbig dahinsiechende Wien, hier verschlug es Sergio Martino ins hippe London und anschließend nach Griechenland. Die geheimnisvoll-schöne Ida Galli — besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Evelyn Stewart — gibt uns hier eine gewisse Lisa Baumer, deren Ehemann bei einem putzig in Szene gesetzten Flugzeugunglück sein Leben verliert. Durch sein Ableben kommt die untreue Lisa in den Genuss seiner Lebensversicherung. Als sie das Geld in Athen abholen will, warten dort bereits einige Ganoven und ein Versicherungsdetektiv namens Peter Lynch (Hilton) auf sie. Lisas Reise endet ähnlich wie die von Janet Leigh in Psycho: sie wird in einem Hotelzimmer aufgeschlitzt. Nun tritt die eigentliche Hauptdarstellerin des Films auf: Anita Strindberg, die wohl geheimnisvollste Giallo-Darstellerin der Siebziger. Sie spielt eine Journalistin und präsentiert uns mehr als einmal ihre beeindruckend harten Silikonbrüste. Luigi Pistilli ist als Inspektor zu sehen, aber eigentlich erledigen Strindberg und Hilton die detektivische Hauptarbeit. Doch auch sie können nicht verhindern, das weiter gemordet wird. Eine der faszinierendsten und spannendsten Sequenzen gelang Martino mit der herben Janine Reynaud, deren Filmkarriere gerade mal 13 Jahre und 30 Filme umfasste. Sie wird in ihrer Athener Wohnung von einem behandschuhten Killer überfallen, der an jenen aus Bavas Sei donne per l’assassino erinnert.

»La coda dello scorpione« geht in Sachen Brutalität recht drastisch vor. Die Auflösung des Ganzen ist hanebüchen und so weit hergeholt, dass selbst eingefleischte Giallo-Fans erschüttert aus dem Film herausgehen. Der inhaltliche Unfug ist einfach zu monströs, die Logiklöcher sind so groß, dass eine Elefantenherde hindurch laufen könnte. Dennoch gehört der Streifen zu meinen Favoriten — er ist verdammt unterhaltsam und bietet alles, was das Giallo-Herz begehrt: eine Flasche J&B Whiskey, schicke Frauen, schwarze Handschuhe, Wendeltreppen, grelle Primärfarben, nagellackrotes Blut, stylisch inszenierte, exzessive Morde, phantasievolle Experimente mit Kamerapositionen und -fahrten, ein haarsträubendes Finale. Die Kameraarbeit in »La coda dello scorpione« ist besonders entfesselt und verspielt. Die Wahl der Objektive ist phasenweise ziemlich gewagt, die Kamera scheint ständig neue Winkel zu suchen, kippt mehrmals für eine gesamte Szene um 90 Grad. Der grelle rote Hut von Lisa Baumer alias Evelyn Stewart alias Ida Galli wird ebenso prominent ins Bild gerückt wie das von blonden Strähnen verhangene Gesicht Anita Strindbergs vorm griechischen Meer, auf dem die Sonnenstrahlen tanzen. — Nicht unerwähnt bleiben darf Bruno Nicolais exzellenter Soundtrack, der »La coda dello scorpione« zu einem Ohrenschmaus macht. Natürlich is Alberto de Mendoza einmal mehr mit von der Partie; seine Mitwirkung war stets eine Bereicherung für jeden Giallo.

Im deutschsprachigen Raum wurde »La coda dello scorpione« in unterschiedlichster Weise herausgebracht. Nach seiner Kinoauswertung Anfang der siebziger Jahre verschwand der Film zunächst für einige Jahre in der Versenkung, um dann auf dem Videomarkt wieder aufzutauchen. Unterschiedlichste Labels brachten den Streifen auf VHS oder DVD heraus, teilweise auch in gekürzter Form. Eine weitere Fassung — eine TV-Version — war umgeschnitten und praktisch völlig entstellt. All diesen Auswertungen gemein war die 1983 eigens für den Videomarkt angefertigte Zweitsynchronisation. Die Erstsynchronisation von 1971 war über vier Jahrzehnte nicht mehr zu sehen — bis die grandios aufgemachte DVD von filmArt erschien. Eine würdige, liebevoll gestaltete Veröffentlichung eines Giallo-Klassikers.

André Schneider

Filmtipp #557: Der Killer von Wien

Der Killer von Wien

Originaltitel: Lo strano vizio della Signora Wardth; Regie: Sergio Martino; Drehbuch: Vittorio Caronia, Ernesto Gastaldi, Eduardo Manzanos Brochero [Eduardo M. Brochero]; Kamera: Emilio Foriscot, Florian Trenker [Floriano Trenker]; Musik: Nora Orlandi; Darsteller: George Hilton, Edwige Fenech, Ivan Rassimov, Alberto de Mendoza, Manuel Gil [Maurice Gillas Pou]. Italien/Spanien 1971.

Sergio Martino drehte zwischen 1971 und 1973 insgesamt fünf Gialli. Diese sind mir sogar lieber als die Meisterwerke von Mario Bava oder Dario Argento. »Lo strano vizio della Signora Wardh« bildete den Auftakt und ist an Wendungsreichtum schwer zu überbieten. Inszenatorisch gelang Martino ein Glanzstück, dessen großes Plus in der bedrohlich-morbiden Atmosphäre liegt. Natürlich, die Handlung spielt ja auch in Wien, der vielleicht morbidesten Stadt Europas. Hierhin verschlägt es das Ehepaar Wardh: Julie (Fenech) und Neil (de Mendoza) sind wohlhabend, aber nicht mehr sonderlich glücklich miteinander. Neil hat geschäftlich in Österreich zu tun, und Julie verbringt etwas Zeit mit ihrer alten Freundin Carol (Cristina Airoldi). Über sie lernt sie auch den schmucken George (Hilton) kennen und erliegt rasch seinem öligen Charme. Dass sie ihr Techtelmechtel nicht ungetrübt genießen kann, liegt unter anderem daran, dass ihr Ex (Rassimov) ihr ständig Blumen schickt. In der Vergangenheit hatten die beiden eine launige S/M-Beziehung, worauf die geheimnistuerischen Nachrichten auf den beiliegenden Grußkarten anspielen. Zudem treibt auch noch ein Serienkiller sein Unwesen, der es auf attraktive Frauen abgesehen hat; eines seiner Opfer wird Carol. Julie fühlt sich mehr und mehr bedroht und weiß nicht, wem sie trauen kann…

Um Gialli lieben zu lernen, muss man akzeptieren, dass hier eine auf Symbole zugespitzte Bildsprache verwendet wird. Ein Giallo funktioniert nach festen Regeln, die nach Belieben variiert werden, und geht nur selten subtil vor. In »Lo strano vizio…« haben wir einmal mehr die schwarzen Handschuhe und das Rasiermesser, welche als Leitmotive ein wiederkehrendes Element bilden. Die Mordserie fungiert zunächst lediglich als Aufhänger, um Edwige Fenechs Welt aus den Fugen zu heben und ein latentes Gefühl der Unsicherheit und Bedrohung zu etablieren. Dass bei den Morden ein Rasiermesser zum Einsatz kommt, führt zu einem ästhetisierten Zerstörungswerk, welches von Martino beklemmend und exzessiv in Szene gesetzt wird. Die Blumensträuße, die Fenech erhält, ähneln Grabsträußen. Das schwarze Auto, das sie zu verfolgen scheint, erinnert an einen Leichenwagen. In praktisch jedem Bild finden sich Symbole für Tod und Verfall. Martinos Heldin verliert bei dem Versuch, die Geschehnisse richtig einzuordnen, beinahe den Verstand und wird so eine leichte Beute für das Intrigenspiel, das im Hintergrund drämmelt. Paranoia enthebt uns unserer Standfestigkeit. Stefan Dabrock führt in seiner Rezension aus, dass »Lo strano vizio…« ein »visuelles Universum« offenbare, »das die Traumatisierung einer sozial isolierten Frau bebildert. Die omnipräsente, dämonische Mörderfigur ist ein Spiegelbild dieses Zustands.« — In seinem nächsten Film mit Edwige Fenech, dem atemberaubend schönen »Tutti i colori del buio« (1972), beschäftigte sich Sergio Martino nich intensiver mit dieser Thematik.

Sämtliche Gialli von Martino zeichnen sich durch Eleganz und guten Geschmack aus. Vielleicht drehte er deshalb in späteren Jahren keinen Film dieses Genres mehr; die Zeiten waren einfach vorbei. Regie-Berserker wie Lucio Fulci oder Lamberto Bava stürzten sich nicht gerade zimperlich auf den neuen Markt, der nur noch an Effekten und Ekel interessiert zu sein schien. — In »Lo strano vizio…« gibt es eine Schlüsselszene, welche hier als Paradebeispiel für die inszenatorische Sorgfalt und den brillanten Spannungsaufbau Martinos angeführt werden soll: die Mordszene an Cristina Airoldi im Schlosspark von Schönbrunn. Airoldi hat sich zu einer abendlichen Verabredung hier eingefunden. Der Park hat sich geleert, die Wege sind verwaist, nur ein Gärtner geht in der Ferne noch seiner Arbeit nach. Das Rauschen der Bäume und die einsetzende Dämmerung machen die Szenerie unheimlich, geradezu peinigend. Als der Killer schließlich zuschlägt, kommt das beinahe einer Erlösung gleich. Dabrok: »Auf einmal wirkt die österreichische Hauptstadt wie ein gigantischer Sarg, der alles verschlingt, was nicht rechtzeitig herausklettert.«
Alles in allem ist »Lo strano vizio della Signora Wardh« ein betörender Thriller, der die Zeit gut überstanden hat und definitiv in jede Giallo-Sammlung gehört. In den folgenden Tagen widme ich mich den weiteren Werken von Sergio Martino: »La coda dello scorpione« (1971), »Tutti i colori del buio« (1972) und »Il tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave« (1972). I corpi presentano tracce di violenza carnale habe ich bereits 2012 besprochen.

André Schneider